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Nachrichten - Bischof Ägidius J. Zsifkovics

Nachrichten und Predigten

© Diözese Eisenstadt/Gerald Gossmann

Mittwoch, 18. Januar 2017

Ökumenischer Gottesdienstes in der Gebetswoche für die Einheit der Christen - Bad Tatzmannsdorf, 18. Jänner 2017

Liebe Schwestern und Brüder!

Zwei Blinde sitzen an einer Straße. Jesus kommt vorbei und sie bitten ihn laut rufend um Erbarmen. Die Menge ist erbost und will die beiden Blinden zum Schweigen bringen. Ohne Erfolg: Jesus hat Mitleid und macht beide sehend.

Was uns das Evangelium in wenigen Worten mit einer prägnanten Szene erzählt, ist auch ein Gleichnis für ein jahrhundertelanges Drama, auf dessen Bühne wir alle einen Platz einnehmen. Denn der Weg, an dem sich die Szene abspielt, ist auch der jahrhundertelange Weg unserer christlichen Konfessionen. Die Menge, von der die Rede ist und der die um Erbarmen rufenden Blinden ein Ärgernis sind, das sind auch die vielen Zeitgenossen, die keine Störungen ihrer gewohnten konfessionellen und sonstigen Sichtweisen und Privatwahrheiten dulden. Und die beiden Blinden an der Straße – ja, das sind wir! Denn der Weg zur Erkenntnis ist für den Einzelnen, für die Völker und Nationen, für die Kulturen und Religionen ein Weg des immer mehr Sehend-Werdens. Dieser Weg ist nie abgeschlossen. Offenbart sind uns nur die Richtung und das göttliche Ziel dieses Weges: Versöhnung, Friede, Liebe.

Entscheidend an dieser Szene des Evangeliums ist für uns: Jesus handelt nicht ohne oder gar gegen den Willen der Blinden. Es sind die beiden Blinden, die sich ihrer Blindheit bewusst sind und von sich aus um Erbarmen rufen. Und als Jesus ihnen die Frage stellt „Was soll ich euch tun?“, da antworten beide ganz klar: „Herr, wir möchten, dass unsere Augen geöffnet werden.“ Das ist entscheidend: Beide wollen sehend werden! Und so ist ihr Weg – so ist unser aller Weg! – ein Weg der drei Schritte:

1. Dieser Weg beginnt mit der Erkenntnis, dass wir als Christen im Laufe der Geschichte so vieles um uns herum, so vieles am jeweils anderen nicht gesehen haben, nicht sehen konnten, auch nicht sehen wollten. Jahrhunderte der Blindheit und der Verblendung begleiteten den Weg unserer Konfessionen.

2. Von dieser bitteren, aber notwendigen Erkenntnis gelangen wir zum zweiten Schritt, zum Bekenntnis. Es ist das Bekenntnis, dass wir durch unsere Blindheit aneinander schuldig geworden sind. Durch Religionskriege; durch gegenseitige Be- und Verurteilungen; durch Polemiken; dadurch, dass wir einander – theologisch und mit anderen Mitteln – gegenseitig „zur Hölle“ geschickt haben. Diese Schuld, Stein um Stein in Jahrhunderten zu einer hohen Mauer aufgeschichtet, hat uns lange Zeit voneinander getrennt. Sie hat uns im jeweils anderen einen vermeintlichen Feind und dadurch eine scheinbare Bestätigung der eigenen Standpunkte, der eigenen Lieblingstheorien und lähmender, blindmachender Klischees geliefert. Doch in Wahrheit hat diese Mauer uns alle eingeschränkt und ärmer, um nicht zu sagen: armseliger gemacht. Denn sie hat uns voneinander getrennt! Sie hat uns die Sicht aufeinander und dadurch die Sicht auf Gott in seiner Fülle verbaut! Politik, Ideologie und ein Zuviel an Theologie haben allzu oft die Herzen aus Fleisch und Blut, die Christus wollte, zu vorbiblischen Herzen aus Stein gemacht!

3. Erst durch dieses ehrliche Bekenntnis können wir den dritten Schritt tun und gelangen so zum Verständnis. Nur durch die Liebe, die uns drängt, wie Paulus sagt, können wir einander unvoreingenommen sehen als Geschwister und als Kinder des einen Gottes. Das Hirn bringt uns Menschen zwar sehr weit – aber nur das Herz lässt scheinbar unüberbrückbare Distanzen überwinden! Die Liebe ist die höchste Form des Erkennens und Verstehens – auch das lesen wir bei Paulus.

Erkenntnis – Bekenntnis – Verständnis: Die Szene vor Jericho ist eine realistische Anleitung für die ökumenische Perspektive der Zukunft:
- Sie führt zu einer Erneuerung der Christenheit aus dem Geist des Evangeliums selbst. Sie skizziert unsere eigene Neuevangelisierung.
- Sie führt dazu, dass wir alle uns in Jesu Namen versammeln – und nicht im Namen trennender Kategorien, denen wir in der Vergangenheit mehr Liebe entgegengebracht haben als unseren Mitmenschen anderer Konfessionen.
- Sie führt dazu, dass wir ein gemeinsames und wirklich glaubhaftes Zeugnis der Barmherzigkeit in dieser Welt geben können, denn es besteht eine innere existentielle Verknüpfung von Barmherzigkeit, Nächstenliebe und Gotteserkenntnis!

Viele Christen erwarten zu Recht, dass das Gedenken an die Reformation uns dem Ziel der Einheit als Christen näher bringen werde. Wir dürfen diese Erwartung nicht enttäuschen! Gerade wir als Burgenländer, die wir so lange an einer Grenze und an einer Mauer gelebt haben, können aus der historischen Erfahrung sagen, was es in Pannonien an Gegeneinander der Konfessionen gegeben hat. Gerade wir aber sind auch Zeugen, wie dieses Gegeneinander zu einem unverbindlichen Nebeneinander und schließlich zu einem immer stärkeren Miteinander und heute zu einem echten Füreinander geworden ist. Wir sind auf dem richtigen Weg! Gottes Erbarmen möge uns, die wir so lange blind waren, weiterhin die Augen für seine Pläne öffnen! Superintendent Manfred und ich sind als Vertreter unserer beiden Kirchenleitungen bereit, auf diesem Weg weiter voranzugehen, doch wir können das nur stellvertretend tun. Deshalb bitten und ermutigen wir alle evangelischen und katholischen Christen unseres Landes zum Mitgehen – es ist der Weg Jesu, der will, dass wir eins sind! – bei allen Ängsten und Vorbehalten, die es in beiden Konfessionen gibt! Habt Mut! Ihr seid dabei nicht allein gelassen, wie Martin Luther uns in einem seiner Gebete erinnert:

„Lieber Herr Christ(e), gib uns allen deinen Geist und (deine) Gaben, nicht zu unserem Ruhm, sondern zum Nutz(en) und (zur) Besserung der Christenheit ...“

Vor unserer Prozession von der katholischen Pfarrkirche hierher in die evangelische Pfarrkirche haben wir ein schönes Lied gesungen. Darin hieß es : „Wie ein Fest nach langer Trauer, wie ein Tor in einer Mauer, wie ein Brief nach langem Schweigen“...

Liebe Schwestern und Brüder! Feiern wir gemeinsam unsere Feste als Christusfeste – indem wir so viel wie möglich gemeinsam in dieser Welt wirken: in Gebet und Gottesdienst; im christlichen Unterricht und in der Bildung (wie etwa durch unseren neuen christlichen Lehrerverein); in der Pastoral und in der Caritas über alte Trennlinien hinweg! Schlagen wir neue, längst fällige Tore in alte Mauern! Und schreiben wir einander immer mehr Briefe! Diese Briefe können, wenn sie wirklich mit Interesse gelesen werden wollen, nur Liebesbriefe sein. Und vergessen wir nicht: Nur Menschen mit sehendem Herzen werden solche Briefe schreiben und auch lesen können. Menschen, die über die Erkenntnis zum Bekenntnis und schließlich zum Verständnis gelangen. Menschen wie die beiden Blinden vor Jericho, denen Christus mit seiner Liebe die Augen öffnete.