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Nachrichten - Bischof Ägidius J. Zsifkovics

Nachrichten und Predigten

© Diözese Eisenstadt/Gerald Gossmann

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Festgottesdienst am Nationalfeiertag in Mariazell - 26. Oktober 2016

Liebe Schwestern und Brüder!
Liebe vor der Mariazeller Muttergottes versammelte Pilgerfamilie!

Seit Jahrhunderten ist es Brauch, dass die Pilger, die nach Mariazell kommen, von den Glocken dieser Basilika begrüßt werden. Dieser Gruß hat im Lauf der Geschichte unzähligen Menschen gegolten und er erklang auch heute für uns. „Vivos voco“ – „die Lebenden rufe ich“, ist einer der Sprüche, die in eine neue Kirchenglocke eingegossen werden, wenn sie das Licht der Welt erblickt. Und so stehen wir heute hier – als „lebendige“ Menschen. Keiner würde von sich das Gegenteil behaupten wollen, vor allem jene nicht, die vielleicht zu Fuß hergekommen sind und jetzt ihre Beine spüren.

Leben und lebendig sein, das heißt für uns Christen aber auch inspiriert und bewusst leben in einer Welt, von der wir fest glauben, dass Gott in ihr am Wirken ist – trotz allem leider oft nicht so berühmten Werken und Herumwerken des Menschen.

Leben und lebendig sein, das heißt daher mit offenen Augen und offenen Herzens durch diese Welt pilgern und Botschaften wahrzunehmen – ich meine damit nicht die täglichen Nachrichten auf Zeitungspapier oder am LED-Bildschirm, die kommen und gehen wie Sandkörner im Wind, sondern echte Botschaften! Bleibende Wahrheiten, die tief hineinreichen in jeden einzelnen Menschen und die unser Leben zu einem „bewässerten Garten“ machen können, zu „einer Quelle, deren Wasser niemals versiegt“, wie es bei Jesaja in der heutigen Lesung heißt.

Die Glocken von Mariazell sprechen solch eine Botschaft des Lebens. Sie künden seit Jahrhunderten das Evangelium von der Feindesliebe ebenso wie sie Trost und Hoffnung in schweren Zeiten spenden. Die Glocken von Mariazell haben aber auch dann geläutet, wenn hier an diesem Ort große völkerverbindende Ereignisse stattfanden. Zwei davon will ich nennen: Den Besuch des heiligen Papstes Johannes Paul II. in Mariazell 1983 und den Mitteleuropäischen Katholikentag 2004. Beide Ereignisse haben nicht nur mit Europa zu tun, beide Ereignisse sind Europa!

Denn Johannes Paul II. war der Papst, der wie kein anderer für die Überwindung von Schützengräben und Grenzzäunen in unserer Welt steht. Er war der Mann aus dem Osten, der Christus sein Herz geöffnet hatte, der angstfrei lebte und auch allen anderen Menschen zurufen konnte, ohne Furcht zu sein, Brücken der Verständigung zu bauen und auf Christus als den wahren Herrn der Geschichte zu vertrauen. Er war der Papst, der maßgeblich zum Fall des Eisernen Vorhangs und damit zur friedlichen Vereinigung Europas beitrug.

Und der Mitteleuropäische Katholikentag, der 2004 hier stattfand, war die Fortsetzung dieses Vermächtnisses. Es war ein geistlicher Schrittmacher, der in einer entscheidenden Phase des europäischen Integrationsprozesses stattfand und der sich dem Zusammenwachsen Europas nach Jahrzehnten des Krieges, des politischen Terrors und der Spaltung verschrieb, indem er die Völker zu einer Wallfahrt einlud, die lange auf der Schattenseite Europas gewesen waren.

Denn: „Mortuos plango“ – „die Toten beklage ich“, so lautet der zweite lateinische Spruch, der bis heute in viele neue Glocken eingegossen wird. Ja, Mariazell und seine Glocken sind nicht nur Rufer der Lebendigen, sie sind auch Zeitzeugen. Und als solche sind sie Zeugen der vielen Toten, die Europa im 20. Jahrhundert zu beklagen hatte: Zunächst in zwei bestialischen Kriegen, in den Zeiten des Totalitarismus, des Nationalsozialismus und des Faschismus, aber auch in der Nachkriegsära des stalinistischen Kommunismus, der in sogenannten Friedenszeiten nicht nur Millionen weiterer Toter auf sein Gewissen lud, sondern der sein ideologisches Gift tief in das Leben des Kontinents injiziert hat.

Doch während keine der mörderischen Ideologien den Weg in die Nachhaltigkeit menschlichen und humanen Zusammenlebens geschafft hat, hat der Mitteleuropäische Katholikentag 2004 hier in Mariazell drei Ziele formuliert, die das Programm der Kirche auch für ein vereintes Europa der Zukunft darstellen. Dieses Programm heute ebenso etwas zu verkünden wie der erste Guss jener Glocken, die anlässlich des Katholikentages 2004 hergestellt wurden und die heute nach dieser Feier geweiht werden:

1. Die Kirche muss den Menschen helfen, Grenzen zu überwinden und Zeichen der Versöhnung zu setzen, damit sich die tragische Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht wiederholt.
2. Die Kirche muss dabei helfen, gemeinsam die Quellen des Christseins auf unserem Kontinent entlang der Pilgerstraßen Europas und an seinen großen Heiligtümern wieder zu entdecken und dieses positive Erbe für die gemeinsame Zukunft wieder fruchtbar zu machen.
3. Die Kirche muss die Christen ermuntern, die Zukunft nicht Hasardeuren und interessengetriebenen politischen und wirtschaftlichen Eliten zu überlassen, sondern selbst am Bauplatz Europa tätig zu werden und gesellschaftspolitische Verantwortung zu übernehmen.

Die Kernbotschaft dieses Zusammenkommens der osteuropäischen Völker damals in Mariazell war kein ideologisches Konstrukt und kein dekretiertes Parteiprogramm, sondern die Kernbotschaft war Christus als die wahre Hoffnung Europas. Und das einende Bild dieses Zusammenkommens der Völker waren keine eisernen Führer-, Bonzen-und Apparatschik-Figuren, sondern eine junge Frau, mit einem Kind im Arm, auf das sie hinzeigt und den Völkern Europas damit sagt: „Lebt und handelt einander, wie Er es euch gesagt hat – dann wird es gut!“

Ein Mensch ist heute unter uns, der für diese Ziele der Kirche und für ihre Botschaft hier an diesem Ort gelebt und geatmet hat. Lieber Pater Karl! Du bist bekannt geworden als der begnadete Superior und Wallfahrtsdirektor von Mariazell, als der Netzwerker, der das ganze Land und die Gesellschaft zusammengebracht hat vor der Mariazaller Muttergottes – die Großen und die Kleinen, die Wichtigen und die Wichtigtuer, die Lauten und die Leisen! Aber es wäre eine geistliche Kurzsichtigkeit, Dein Werk auf diese Tatbestände der Seelsorge zu reduzieren.

Der Eifer für dieses Haus hat Dich verzehrt! – um ein Psalmwort zu verwenden -, denn nur die Sprache der Psalmen kann ausdrücken, was Du an diesem Ort für Gott und die Menschen geleistet hast, wie sehr Du an diesem Ort „gebrannt“ hast. Du warst – selbst wenn Dein weithin bekanntes Temperament wieder einmal mit Dir durchgegangen ist! – diesem Ort und den Menschen, die hierher kamen, wie eine Mutter. Eine Mutter, die auch im Zorn stets liebte. Und Mütter sind, wie Papst Paul VI. einmal sagte, wie Moses: Sie bereiten für ihre Kinder ein Land vor, das sie selbst nie betreten werden.

Pater Karl, die Kirche in Österreich und in Europa, die Menschen in Österreich und in Europa, ja selbst die, die Dich gar nicht kennen und je kennen lernen werden, haben Dir viel zu verdanken! Denn Du hast Dich und Deine ganze Kraft, Dein Hoffen und Dein Bangen, Deine Freuden und Deine Schmerzen mithineingewoben in den zarten unsichtbaren Faden der christlichen Versöhnung und der christlichen Hoffnung der Völker, der hier mitten durch Mariazell läuft. Dieser Faden ist stärker ist als alle Gitterstäbe der totalitären Systeme und als alle Grenzzäune des politischen Irrsinns, die die verblendete Menschheit auf unserem Kontinent einst errichtete. Du hast mit Deinem Leben Anteil an einem Friedenswerk, dessen reife Früchte erst künftige Generationen genießen werden. Diese Generationen sind auch Deine Kinder!

Und doch bist Du mit den Jahren selbst Teil dieses unsichtbaren Fadens geworden, der Dich über Christus mit den Völkern Europas, und besonders mit seiner Mutter, die hier so verehrt wird, untrennbar verbindet. Daher weiß ich, dass die Mariazeller Muttergottes Dich begleiten und immer mit Dir sein wird, auch, wenn die Zeit des Abschieds gekommen ist und Du jetzt von hier fortgehst. Sie wird bei Dir sein auch an Deiner neuen Wirkungsstätte Eisenstadt.

„Fúlgura frango“ – „Blitze zerbreche ich“, das ist der dritte und letzte der lateinischen Sprüche, die in eine neue Glocke eingegossen werden. Mit ihm will ich schließen. Wenn wir heute als Österreicher unseren Nationalfeiertag begehen, dann sollen uns die Glocken von Mariazell auch daran erinnern, dass unser Glaube an Versöhnung, Friede und Freiheit auch bannend wirkt. Er ist der Gegenentwurf und die Gegenstimme zu Angst, Panikmache und Schwarzmalerei.

Ich bitte Sie, die anwesende Pilgerfamilie und alle Menschen guten Willens: Tragen Sie die Botschaft Mariazells von der Versöhnung, der Heiligkeit und der Verantwortung hinaus in die Welt und mitten hinein ins eigene Leben! Wer euch bittet, dem gebt! Grüßt auch die, die nicht eure Brüder und Schwestern sind! Liebt auch die, die euch nicht unbedingt lieben! Das wird unser Land zu dem machen, was es auch morgen für uns und für andere sein soll: Ein Ort der Humanität und der Würde, ohne den es keinen Ort der Sicherheit, der Freiheit und des Rechts gibt.

Vertrauen wir unser Land und unser Europa der Fürsprache unserer Mutter von Mariazell an, der Magna Mater Austriae, der Magna Domina Hungarorum und Mater Gentium Slavorum.

Amen.