Diözese Eisenstadt - Menü
Aktuell - Menü
Bischof - Menü
Über uns - Menü
Pfarren - Menü
Kirchenbeitrag - Menü
Frauen, Männer, Familie - Menü
Junge Kirche - Menü
Bildung - Menü
Für die Seele - Menü
Info, Hilfe - Menü
Diözese Eisenstadt - Seitentitel
Nachrichten - Bischof Ägidius J. Zsifkovics

Nachrichten und Predigten

© Diözese Eisenstadt/Gerald Gossmann

Sonntag, 25. Dezember 2016

Christtag im Martinsdom - 25. Dezember 2016

Liebe Schwestern und Brüder!

Zu Weihnachten wünscht sich niemand Skandale. Die Familien nicht, die Politik nicht, auch die Kirche nicht. "Weihnachtlich" heißt ja für viele "wohnlich", "still". Wir singen das 200 Jahre alte Lied "Stille Nacht!" und in unseren Häusern und Kirchen werden Krippen aufgestellt. Aber gerade damit holen wir den größten Skandal mitten in unsere Wohnzimmer. Der Skandal, um den es geht, ist die Weihnachtsgeschichte!

· Denn wie kann es sein, dass eine hochschwangere Frau sich auf eine anstrengende Reise machen muss?
· Wie kann es sein, dass Despoten kleine Kinder ermorden lassen, um ihre Macht zu erhalten?
· Wie kann es sein, dass eine Familie mit einem Säugling in die Flucht getrieben wird?

Genau dieser Skandal passiert heute auf unserer Erde tagtäglich tausendfach und das macht die Weihnachtsgeschichte aktueller als die Tagesschau. Denn im Zentrum des Christentums steht das Flüchtlingskind Jesus.

Gott wurde in Bethlehem unter ärmlichsten Bedingungen Mensch und identifiziert sich von Anfang an mit den Notleidenden: mit den Hungrigen und den Durstigen, den Kranken und den Gefangenen – und besonders auch mit den Heimatlosen, den Fremden und den Verfolgten.

Daher haben wir der Weihnachtskrippe hier im Eisenstädter Martinsdom ein aktuelles Gesicht gegeben.

DAS JESUSKIND IM FLÜCHTLINGSBOOT

Die Heilige Familie flüchtete auf einem Esel nach Ägypten, um dem Kindermord zu entgehen. Jesus 2016 ist auf einem Flüchtlingsboot unterwegs. Die Weihnachtsgeschichte ist vor 2000 Jahren dort entstanden, von woher heute so viele Menschen zu uns kommen. Wie Jesus, der ebenfalls aus dem Nahen Osten stammte, sind es Menschen, die vor menschlichem Unrecht fliehen; vor Verfolgung, vor Krieg und Terror, vor mörderischen politischen Interessen; heute aber auch zunehmend vor einem aggressiven internationalen Wirtschaftssystem, das Papst Franziskus als "Dritten Weltkrieg auf Raten" bezeichnet.

Und so steht das Boot, in dem unser Jesuskind liegt, für die tiefe moralische Krise, in der die verstrickte Menschheit heute steckt. Alle Menschen sind miteinander durch unsichtbare Fäden kollektiver Verantwortung verbunden. Jesus nannte das die "Nächstenliebe" und er nannte uns alle "Geschwister" und "Kinder" eines Gottes.

Wer als Christ diesen Zusammenhang zwischen der Menschwerdung Gottes in Gestalt eines Flüchtlings und der eigenen Lebensweise verdrängt, der lebt an Weihnachten vorbei und wird in diesen Tagen selbst zum Flüchtling – zum Flüchtling vor der religiösen und historischen Realität! Feigen Terroranschlägen wie jenen in Berlin, darf es nicht gelingen, unsere Gesellschaft zu destabilisieren, zu entsolidarisieren und kälter zu machen. Gönnen wir den Terroristen nicht diesen Triumpf – werden wir nicht eiskalt – so wie sie!

DAS EINE RUDER

Unser Boot hier besitzt nur ein Ruder – damit würde es sich lediglich im Kreis bewegen. Es erinnert damit an die Flucht vieler Menschen in unserer Gesellschaft vor sich selbst. Es ist eine Flucht, und oft auch ein Zwang, hinein in die große Maschinerie des Wettbewerbs, des Konsums, der Unterhaltung, der Ablenkung. Die Seele geht dabei im Kreis.

Zugleich steigt in unserer Gesellschaft die Zahl der Menschen, die vor Gott fliehen, weil sie ihn nicht aushalten können. Das müssen keine erklärten Atheisten oder Agnostiker sein und auch nicht Menschen, die eine schwere Schuld zu tragen haben. Viele Menschen empfinden alleine den Gedanken an eine höhere Instanz als eine Art Unterwerfung – weshalb es heute auch nicht an Versuchen fehlt, Gott entweder wissenschaftlich oder mit dem Verweis auf die "Political Correctness" aus unserer Gesellschaft zu entsorgen.

Die stille Christenverfolgung, die heute mitten im Vereinten Europa mit weißen Handschuhen geschieht, ist ein tragischer Ausdruck der europäischen Unfähigkeit, in der Flüchtlingskrise solidarisch, barmherzig und damit christlich zu handeln. Diese stille Christenverfolgung wird deshalb ohne größeren Widerspruch hingenommen, weil viele Menschen die wahre Bedeutung ihres christlichen Glaubens vergessen haben. Sie haben Jesus, den Störenfried mit seiner lästigen Barmherzigkeit aus ihrer Mitte entfernt und längst wieder hinausgeschickt aufs offene Meer. Auch davon erzählt dieses Boot.

DER STACHELDRAHT
Und davon erzählt auch der Weihnachtsstern aus Stacheldraht bei unserem Jesuskind. Stacheldraht, Zäune und Mauern sind heute für viele Menschen die scheinbar richtige Antwort auf die Flüchtlingsbewegungen nach Europa. Der Terror einiger weniger, wie zuletzt in Berlin, bestärken viele von uns in dieser irrigen Meinung.

Doch es geht hier nicht um eine technische Frage, die wir an den so genannten "Staat" abschieben könnten. Es geht dabei um uns selbst! Die Flüchtlingsboote im Mittelmeer sind der knallharte Check unseres Barmherzigkeitspegels. Keine Politik könnte jemals so ideale Zustände herstellen, dass die Werke der Barmherzigkeit irgendwann überflüssig würden.

Nicht das Abschneiden beim Pisa-Test oder bei amerikanischen Ratingagenturen wird entscheidend für die Zukunft Europas sein, sondern wie wir menschlich abschneiden und ob wir zu einer Zone humanen Analphabetentums in technologisch und wirtschaftlich hochgerüsteter Umgebung verkommen. Die Härte, mit denen eine Gesellschaft heute den Vertriebenen begegnet, wird morgen zur Härte gegenüber den Bedürftigen in ihren eigenen Reihen umschlagen. Dieses Boot ist daher auch eine Warnung!

Nicht alle, aber viele Menschen in Österreich und Deutschland haben durch ihre Gastfreundschaft gegenüber Menschen auf der Flucht bewiesen, dass Menschlichkeit und Glaube bei uns noch lebendig sind. Diese Menschen haben die Weihnachtsgeschichte der Herbergssuche zur gelebten Barmherzigkeit gemacht. Sie sind aus ihrer Komfortzone herausgetreten und haben es in Kauf genommen, sich schmutzig und angreifbar zu machen. Ich danke diesen Menschen für ihren Mut und für ihre Barmherzigkeit!

DIE WINDELN
Das führt mich zum Tuch, auf das unser Jesuskind gebettet ist. Die Tücher und Windeln eines Säuglings sind ein Zeichen seiner Hilfsbedürftigkeit. Weil Gott als bedürftiges Kind zu uns kommt, ist die Barmherzigkeit gegenüber jedem bedürftigen Menschen der wahre Gottesdienst. Daher sind die priesterlichen Gewänder hier am Martinsdom aus demselben Stoff gefertigt wie die Windeln unseres Christuskindes. Sie sind bedruckt mit Zitaten aus der Heiligen Schrift und aus den Headlines der Zeitungen, die uns daran erinnern, wo Barmherzigkeit geübt und wo sie versäumt wurde.

DAS RETTUNGSBOOT MIT DEM ANKERSEIL
Das Weihnachtsevangelium sagt: "Jesus, der Retter ist da!" Im Schrei der Geburt zerschlug Gott alle menschlichen Gottesbilder und wurde aus Liebe zu uns Menschen selbst Mensch. Der Gottessohn in der Krippe ist der radikale Rettungsversuch Gottes für die Menschheit jenseits von Nation, Rasse, Sprache und Bruttosozialprodukt. Und wer wollte heute noch leugnen, dass diese unerlöste Menschheit tatsächlich gerettet werden muss!

Ich sagte: es ist ein Rettungs-Versuch. Denn die Liebe Gottes zu uns Menschen zwingt nicht. Sie wartet. Christus wartet mit offenen Armen. Er wartet auf unser Ja. Das ist Weihnachten. Weihnachten ist das Rettungsboot der Menschheit. Ergreifen wir das Ankerseil – Jesus, den Retter – und lassen wir dieses Boot nicht an uns vorbeifahren!