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Nachrichten - Bischof Ägidius J. Zsifkovics

Nachrichten und Predigten

© Diözese Eisenstadt/Gerald Gossmann

Sonntag, 6. November 2016

Kanzelwort zum Martinsfest 2016

Liebe Diözesanfamilie, Schwestern und Brüder im Herrn!

Zum Martinsfest 2015 haben w1r In unserer Diözese das Jubiläumsjahr "1700 Jahre Heiliger Martin von Tours" festlich begonnen. Kurz darauf wurde auch das von Papst Franziskus für die ganze Kirche ausgerufene "Heilige Jahr der Barmherzigkeit" in Rom und in den Diözesen weltweit feierlich eröffnet. Es ist eine Fügung der Vorsehung Gottes, dass wir beides zugleich feiern konnten, denn Martinus ist wohl der Heilige der Barmherzigkeit. Die Gestalt des Heiligen Martin, unseres Landes- und Diözesanpatrons, wurde so während der vergangenen zwölf Monate von vielen Menschen zum Anlass genommen, sich seiner Bedeutung theologisch, wissenschaftlich oder künstlerisch besonders anzunehmen. Martinus wurde zum Thema vieler neuer Publikationen, eines großartigen Films, eines alten neuentdeckten Pilgerweges, von geistlichen Initiativen und Wallfahrten, besonders nach Szombathely und Tours sowie monatlich aus allen Dekanaten in unseren Martinsdom nach Eisenstadt. Zugleich wurden auch konkrete Martinstaten der Solidarität gesetzt, wie die großherzige Hilfe der Diözese Eisenstadt für Menschen auf der Flucht. Und selbst strukturelle Schritte wie der Neue Pastorale Weg unserer Diözese als Weg einer zukunftsfähigen Seelsorge in Neuausrichtung wurden bewusst im Zeichen des Heiligen Martin gesetzt und zur Umsetzung auf den Weg geschickt.

Wenn in diesem vergangenen Jubiläumsjahr vermehrt auf das Vermächtnis des Heiligen Martin, auf seine Spiritualität, Solidarität und Barmherzigkeit hingewiesen wurde, so darf es jetzt nicht heißen: "Das Jubiläumsjahr ist beendet, gehen wir wieder über zur Tagesordnung!" Wir sollten uns vielmehr fragen: Was bleibt vom Jubiläumsjahr und was soll uns durch den pannonischen Alltag dauerhaft begleiten? Martinus hinterließ uns - passend für einen Soldaten, der sich auf den Straßen des Römischen Weltreiches zurechtfinden musste - einen Reiseführer der Tatsächlichkeit, eine Wegbeschreibung, die uns als Christen von der schönen Idee zur Tat wirklicher Weltveränderung führen kann. In eine gottesferne Zeit des Heidentums, des politischen Umbruchs und der moralischen Orientierungslosigkeit hineingeboren, wurde Martinus auf seinem spannenden Lebensweg zu Jesus Christus geführt, um später auch andere zu Jesus zu führen. Martinus stellt uns damit die entscheidende Reiseroute vor Augen, ohne die alle unsere Bemühungen nur Ideen bleiben und nicht zur Tat werden. Denn nur mit Christus im Herzen wird daher auch der Neue Pastorale Weg unserer Diözese nicht zu einem Masterplan, einer Taktik, einer Strategie verkommen, sondern er kann eine neue, vernetzte Pastoral einer Diözesangemeinschaft tatsächlich auf den Weg bringen. Nur mit Christus im Herzen wird unser Umgang mit dem Thema Flucht, Migration und Integration auch weiterhin den Prüfstand der Zeit bestehen. Diese und andere gesellschaftliche Herausforderungen werden unser Land und ganz Europa auch in Zukunft beschäftigen und unsere Gesellschaft auf Dauer verändern. Der vom Heiligen Martin in einer Epoche des Umbruchs praktizierte Glaube an Frieden, Freiheit und Versöhnung kann auch von uns Christen als Gegenentwurf und kraftvolle Stimme gegen Angst, Polarisierung, Panikmache, religiöse und politische Radikalisierung in die heutige Gesellschaft eingebracht werden.

Mit Martinus als Reiseführer lassen sich drei Ziele formulieren, die das christliche Programm für ein tatsächlich vereintes Europa der Zukunft darstellen:
1. Mit Martinus als Reiseführer kann die Kirche und können wir alle den Menschen tatsächlich helfen, Grenzen zu überwinden und Zeichen der Versöhnung zu setzen, damit sich die tragische Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht wiederholt.
2. Mit Martinus als Reiseführer kann die Kirche und können wir alle tatsächlich mithelfen, gemeinsam die Quellen des Christseins in Europa zu entdecken und dieses positive Erbe für unsere Zukunft wieder fruchtbar zu machen.
3. Mit Martinus als Reiseführer kann die Kirche und können wir alle tatsächlich die Menschen ermutigen, die Zukunft nicht anderen zu überlassen, sondern selbst am Bauplatz Europa tätig zu werden und gesellschaftspolitische Verantwortung zu übernehmen.

Mit dem folgenden Gebet für Europa, das der bekannte verstorbene Mailänder Kardinal Carlo Maria Martini verfasst hat und das ich uns allen in dieser ernsten Stunde für Europa ans Herz lege, möchte ich dieses mein Kanzelwort zum Martinsfest 2016 beenden:

"Vater der Menschheit, Herr der Geschichte, sieh auf diesen Kontinent, dem du die Philosophen, die Gesetzgeber und die Weisen gesandt hast, als Vorläufer des Glaubens an deinen Sohn, der gestorben und wieder auferstanden ist. Sieh auf diese Völker, denen das Evangelium verkündet wurde, durch Petrus und durch Paulus, durch die Propheten, durch die Mönche und die Heiligen. Sieh auf diese Landschaften, getränkt mit dem Blut der Märtyrer, berührt durch die Stimme der Reformatoren. Sieh auf diese Völker, durch vielerlei Bande miteinander verbunden, und getrennt durch den Hass und den Krieg. Gib uns, dass wir uns einsetzen für ein Europa des Geistes, das nicht nur auf Wirtschaftsverträgen gegründet ist, sondern auch auf Menschlichkeit und ewigen Werten: Ein Europa, fähig zur Versöhnung, zwischen Völkern und Kirchen, bereit um den Fremden aufzunehmen, respektvoll gegenüber jedweder Würde. Gib uns, dass wir voll Vertrauen unsere Aufgabe annehmen, jenes Bündnis zwischen den Völkern zu unterstützen und zu fördern, durch das allen Kontinenten zuteil werden möge die Gerechtigkeit und das Brot, die Freiheit und der Frieden.

Martin von Tours ist die Lichtgestalt eines solchen Europas des Geistes. Seine menschliche und christliche Haltung beginnt dort, wo andere aufhören, weil es schwer wird und weh zu tun beginnt. Deshalb braucht unser Land, braucht Europa und die Welt mehr Martinus! Seien auch wir im Alltag als Bürger und Christen einer Martinsdiözese echte Martinsmenschen, die konkrete Martinstaten setzen! Abschießend lade ich sie alle sehr herzlich zur Mitfeier des Martinsjubiläums mit der Österreichischen Bischofskonferenz und allen Gästen aus dem In- und Ausland zu Martini in den Martinsdom nach Eisenstadt ein. Der ganzen Diözesanfamilie, besonders den Martinspfarren unserer Diözese, sowie allen, die den Namen unseres Landes- und Diözesanpatrons tragen, entbiete ich von Herzen meine besten Segenswünsche.