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Nachrichten - Bischof Ägidius J. Zsifkovics

Nachrichten und Predigten

© Diözese Eisenstadt/Gerald Gossmann

Montag, 12. September 2016

Predigt anlässlich des Ordenshochfestes „30 Jahre Ferdinandus Orden“ - 10. September 2016

Lieber Bischof Paul als Geistl. Generalprotektor des Ferdinandus Ordens!
Liebe Ordensmitglieder mit den Honoratioren an der Spitze!
Geschätzte Vertreter der Politik und des öffentlichen Lebens!
Liebe, zum feierlichen Gottesdienst versammelte Gemeinde!

Das Beispiel vom barmherzigen Samariter, das wir soeben gehört haben, ist einer der wichtigsten Texte der Menschheit. Jesus führt seinem Gesprächspartner vor Augen, worin die Erlangung des ewigen Lebens besteht. Sie besteht nicht in der Rechtgläubigkeit; sie besteht auch nicht darin, zur richtigen Kaste zu gehören oder den richtigen sozialen Status in der Welt zu haben. Das Himmelreich erlangt, so Jesus, jener, der Mitleid mit seinem Nächsten hat. Der, der aus reiner Barmherzigkeit hilft und die Wunden des anderen verbindet. Willst Du das ewige Leben erlangen, "dann geh und handle genauso!"

Das Liebesgebot Jesu hat die Welt verändert. So schrecklich sie auch immer wieder sein mag – zu allen Zeiten hat es Menschen gegeben, die von Christus inspiriert, vom Mitgefühl für andere bestimmt waren und nach dem Liebesgebot handelten. Martin von Tours stand für diese Haltung und lebte sie überzeugend in Zeiten allergrößter gesellschaftlicher Herausforderungen. Es war die Zeit der Völkerwanderung, alte Sicherheiten zerbrachen, die antike Gesellschaft wurde durcheinandergewirbelt und musste sich neu orientieren – eine Zeit, die der heutigen nicht ganz unähnlich ist.

In dieser Zeit des Umbruchs führte ein junger römischer Soldat den Menschen vor Augen, dass das bloße Reden von der Gottesliebe wertlos ist, wenn es nicht von der konkreten Zuwendung zu unserem Nächsten begleitet wird. Die Liebe ist der Sinn und das Grundgesetz unseres Lebens. Weil wir nach Gottes Bild geschaffen sind, sind wir der Liebe fähig und können daher Gott, der die Liebe ist, in der Liebe am reinsten finden. Die Martinserzählung bringt das auf den Punkt: Nachdem der heilige Martin dem Bettler die Hälfte seines Mantels geschenkt hatte, erscheint ihm im Traum Christus mit demselben Stück Mantel bekleidet – er war es, der Martin als Bettler begegnet war.

Wenn man die Biografie des heiligen Martin, die "Vita Martini" des römischen Historikers Sulpicius Severus liest, treten vor allem drei Persönlichkeitsmerkmale zutage:

Erstens: Martin von Tours war ein Mensch, der aus einer echten Gottesliebe heraus lebte. Er wusste um die Kraft des Gebets und der Stille. Nur so konnte er sein anspruchsvolles geistliches und karitatives Programm bewältigen.

Das zweite Merkmal seiner Persönlichkeit: Weil Martinus tief in sich selbst hineinsah, kannte er die inneren Strömungen und Widersprüchlichkeiten des Menschen. Er hatte gelernt, die verschiedenen Geister, die in jedem Menschen am Werken sind, zu unterscheiden und sich auf das Wesentliche zu besinnen: auf das, was den Menschen näher zu Gott hin führt, und auf die neuen Wege, die zu gehen waren – im persönlichen Leben, in der Kirche, in der ganzen Gesellschaft.

Das dritte und wohl bekannteste Merkmal des Heiligen aber ist die Solidarität mit den Mitmenschen. Im Akt des Mantelteilens wird dieser Geist des Martinus am reinsten sichtbar. Dafür wird Martinus auf der ganzen Welt geliebt.

Liebe Schwestern und Brüder! Das Vermächtnis dieses Mannes, dieses großen Heiligen der Nächstenliebe und der Solidarität, ist ein ewig aktueller Beitrag an unseren Glauben und an unsere Welt. Martinus lebte vor 1700 Jahren, doch sein Wesen und sein Erbe deuten weit in die Zukunft. Sein Leben, das ganz auf Christus verweist, ist uns ein Vorbild, wie wir gerade heute den Wunden einer politisch, sozial, ökonomisch und ökologisch blutenden Welt begegnen können, um zu ihrer Heilung beizutragen.

Das Jubiläum, das wir heute feierlich begehen, ist ein Hoffnungsschimmer in einer von so vielen Leiden gezeichneten Gesellschaft: Seit 30 Jahren verfolgen die Mitglieder des Ferdinandus Ordens im Sinne einer christlichen Geisteshaltung das Ziel, freiwillige und gemeinnützige Hilfstätigkeit sowie karitatives Wirken für bedürftige Menschen weltweit zu fördern. Sie tragen damit durch konkrete Taten – sei es durch ehrenamtlichen Dienst an bedürftigen Mitmenschen sei es durch finanzielle Opfer – zu einer besseren Welt im Sinne des Evangeliums bei. Die Liebe zu Gott, ein Leben aus dem Gebet, und die nach außen getragen Barmherzigkeit – diese drei Wesenszüge des heiligen Martin erstrahlen auch in so vielen Aktivitäten des Ferdinandus Ordens!

Ich danke Ihnen allen für Ihren Dienst und bitte Sie, diese 3 Haltungen in Ihren Herzen hochzuhalten und nicht müde zu werden, sie weiterhin einzubringen in den selbstlosen Dienst an unserem Land, an unserer Diözese, ja an der ganzen Welt! Und ich wünsche Ihnen auf die Fürsprache des Heiligen Martin, unseres Landes- und Diözesanpatrons, Gottes reichen Segen sowie ein herzliches "Ad multos annos!". Gehen Sie weiter Ihren Weg der Mitmenschlichkeit und Barmherzigkeit und mögen Sie dabei nie die letzten Worte Jesu im heutigen Evangelium vom Barmherzigen Samariter aus dem Bewusstsein verlieren: "Dann geh und handle genauso!"
Amen.