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Diözese Eisenstadt - Seitentitel
Nachrichten - Bischof Ägidius J. Zsifkovics

Nachrichten und Predigten

© Diözese Eisenstadt/Gerald Gossmann

Sonntag, 25. Dezember 2016

Christtag im Martinsdom - 25. Dezember 2016

Liebe Schwestern und Brüder!

Zu Weihnachten wünscht sich niemand Skandale. Die Familien nicht, die Politik nicht, auch die Kirche nicht. "Weihnachtlich" heißt ja für viele "wohnlich", "still". Wir singen das 200 Jahre alte Lied "Stille Nacht!" und in unseren Häusern und Kirchen werden Krippen aufgestellt. Aber gerade damit holen wir den größten Skandal mitten in unsere Wohnzimmer. Der Skandal, um den es geht, ist die Weihnachtsgeschichte!

· Denn wie kann es sein, dass eine hochschwangere Frau sich auf eine anstrengende Reise machen muss?
· Wie kann es sein, dass Despoten kleine Kinder ermorden lassen, um ihre Macht zu erhalten?
· Wie kann es sein, dass eine Familie mit einem Säugling in die Flucht getrieben wird?

Genau dieser Skandal passiert heute auf unserer Erde tagtäglich tausendfach und das macht die Weihnachtsgeschichte aktueller als die Tagesschau. Denn im Zentrum des Christentums steht das Flüchtlingskind Jesus.

Gott wurde in Bethlehem unter ärmlichsten Bedingungen Mensch und identifiziert sich von Anfang an mit den Notleidenden: mit den Hungrigen und den Durstigen, den Kranken und den Gefangenen – und besonders auch mit den Heimatlosen, den Fremden und den Verfolgten.

Daher haben wir der Weihnachtskrippe hier im Eisenstädter Martinsdom ein aktuelles Gesicht gegeben.

DAS JESUSKIND IM FLÜCHTLINGSBOOT

Die Heilige Familie flüchtete auf einem Esel nach Ägypten, um dem Kindermord zu entgehen. Jesus 2016 ist auf einem Flüchtlingsboot unterwegs. Die Weihnachtsgeschichte ist vor 2000 Jahren dort entstanden, von woher heute so viele Menschen zu uns kommen. Wie Jesus, der ebenfalls aus dem Nahen Osten stammte, sind es Menschen, die vor menschlichem Unrecht fliehen; vor Verfolgung, vor Krieg und Terror, vor mörderischen politischen Interessen; heute aber auch zunehmend vor einem aggressiven internationalen Wirtschaftssystem, das Papst Franziskus als "Dritten Weltkrieg auf Raten" bezeichnet.

Und so steht das Boot, in dem unser Jesuskind liegt, für die tiefe moralische Krise, in der die verstrickte Menschheit heute steckt. Alle Menschen sind miteinander durch unsichtbare Fäden kollektiver Verantwortung verbunden. Jesus nannte das die "Nächstenliebe" und er nannte uns alle "Geschwister" und "Kinder" eines Gottes.

Wer als Christ diesen Zusammenhang zwischen der Menschwerdung Gottes in Gestalt eines Flüchtlings und der eigenen Lebensweise verdrängt, der lebt an Weihnachten vorbei und wird in diesen Tagen selbst zum Flüchtling – zum Flüchtling vor der religiösen und historischen Realität! Feigen Terroranschlägen wie jenen in Berlin, darf es nicht gelingen, unsere Gesellschaft zu destabilisieren, zu entsolidarisieren und kälter zu machen. Gönnen wir den Terroristen nicht diesen Triumpf – werden wir nicht eiskalt – so wie sie!

DAS EINE RUDER

Unser Boot hier besitzt nur ein Ruder – damit würde es sich lediglich im Kreis bewegen. Es erinnert damit an die Flucht vieler Menschen in unserer Gesellschaft vor sich selbst. Es ist eine Flucht, und oft auch ein Zwang, hinein in die große Maschinerie des Wettbewerbs, des Konsums, der Unterhaltung, der Ablenkung. Die Seele geht dabei im Kreis.

Zugleich steigt in unserer Gesellschaft die Zahl der Menschen, die vor Gott fliehen, weil sie ihn nicht aushalten können. Das müssen keine erklärten Atheisten oder Agnostiker sein und auch nicht Menschen, die eine schwere Schuld zu tragen haben. Viele Menschen empfinden alleine den Gedanken an eine höhere Instanz als eine Art Unterwerfung – weshalb es heute auch nicht an Versuchen fehlt, Gott entweder wissenschaftlich oder mit dem Verweis auf die "Political Correctness" aus unserer Gesellschaft zu entsorgen.

Die stille Christenverfolgung, die heute mitten im Vereinten Europa mit weißen Handschuhen geschieht, ist ein tragischer Ausdruck der europäischen Unfähigkeit, in der Flüchtlingskrise solidarisch, barmherzig und damit christlich zu handeln. Diese stille Christenverfolgung wird deshalb ohne größeren Widerspruch hingenommen, weil viele Menschen die wahre Bedeutung ihres christlichen Glaubens vergessen haben. Sie haben Jesus, den Störenfried mit seiner lästigen Barmherzigkeit aus ihrer Mitte entfernt und längst wieder hinausgeschickt aufs offene Meer. Auch davon erzählt dieses Boot.

DER STACHELDRAHT
Und davon erzählt auch der Weihnachtsstern aus Stacheldraht bei unserem Jesuskind. Stacheldraht, Zäune und Mauern sind heute für viele Menschen die scheinbar richtige Antwort auf die Flüchtlingsbewegungen nach Europa. Der Terror einiger weniger, wie zuletzt in Berlin, bestärken viele von uns in dieser irrigen Meinung.

Doch es geht hier nicht um eine technische Frage, die wir an den so genannten "Staat" abschieben könnten. Es geht dabei um uns selbst! Die Flüchtlingsboote im Mittelmeer sind der knallharte Check unseres Barmherzigkeitspegels. Keine Politik könnte jemals so ideale Zustände herstellen, dass die Werke der Barmherzigkeit irgendwann überflüssig würden.

Nicht das Abschneiden beim Pisa-Test oder bei amerikanischen Ratingagenturen wird entscheidend für die Zukunft Europas sein, sondern wie wir menschlich abschneiden und ob wir zu einer Zone humanen Analphabetentums in technologisch und wirtschaftlich hochgerüsteter Umgebung verkommen. Die Härte, mit denen eine Gesellschaft heute den Vertriebenen begegnet, wird morgen zur Härte gegenüber den Bedürftigen in ihren eigenen Reihen umschlagen. Dieses Boot ist daher auch eine Warnung!

Nicht alle, aber viele Menschen in Österreich und Deutschland haben durch ihre Gastfreundschaft gegenüber Menschen auf der Flucht bewiesen, dass Menschlichkeit und Glaube bei uns noch lebendig sind. Diese Menschen haben die Weihnachtsgeschichte der Herbergssuche zur gelebten Barmherzigkeit gemacht. Sie sind aus ihrer Komfortzone herausgetreten und haben es in Kauf genommen, sich schmutzig und angreifbar zu machen. Ich danke diesen Menschen für ihren Mut und für ihre Barmherzigkeit!

DIE WINDELN
Das führt mich zum Tuch, auf das unser Jesuskind gebettet ist. Die Tücher und Windeln eines Säuglings sind ein Zeichen seiner Hilfsbedürftigkeit. Weil Gott als bedürftiges Kind zu uns kommt, ist die Barmherzigkeit gegenüber jedem bedürftigen Menschen der wahre Gottesdienst. Daher sind die priesterlichen Gewänder hier am Martinsdom aus demselben Stoff gefertigt wie die Windeln unseres Christuskindes. Sie sind bedruckt mit Zitaten aus der Heiligen Schrift und aus den Headlines der Zeitungen, die uns daran erinnern, wo Barmherzigkeit geübt und wo sie versäumt wurde.

DAS RETTUNGSBOOT MIT DEM ANKERSEIL
Das Weihnachtsevangelium sagt: "Jesus, der Retter ist da!" Im Schrei der Geburt zerschlug Gott alle menschlichen Gottesbilder und wurde aus Liebe zu uns Menschen selbst Mensch. Der Gottessohn in der Krippe ist der radikale Rettungsversuch Gottes für die Menschheit jenseits von Nation, Rasse, Sprache und Bruttosozialprodukt. Und wer wollte heute noch leugnen, dass diese unerlöste Menschheit tatsächlich gerettet werden muss!

Ich sagte: es ist ein Rettungs-Versuch. Denn die Liebe Gottes zu uns Menschen zwingt nicht. Sie wartet. Christus wartet mit offenen Armen. Er wartet auf unser Ja. Das ist Weihnachten. Weihnachten ist das Rettungsboot der Menschheit. Ergreifen wir das Ankerseil – Jesus, den Retter – und lassen wir dieses Boot nicht an uns vorbeifahren!

Montag, 7. November 2016

Martinsfest des Burgenlandes in Wien - 6. November 2016

Im Wiener Stephansdom gibt es mehrere Bezugspunkte zum Burgenland – einer der wichtigsten ist, dass dieses Wahrzeichen von Wien und ganz Österreich mit St. Margarethener Sandstein gebaut wurde; ein weiterer ist hier vorne diese Kommunionbank, die nach dem Wiederaufbau des Domes nach dem 2. Weltkrieg vom Burgenland gestiftet wurde; oder dann auch das Gnadenbild von Maria Pócs hinten beim Haupteingang, dessen Fest der feierlichen Übertragung in den Stephansdom am heutigen Sonntag gefeiert wird und von dem es auch bei uns im südburgenländischen Wallfahrtsort Maria Bild, eine Kopie gibt; sowie in der Krypta dieses Domes, wo auch die Erzbischöfe von Wien bestattet sind, die von 1921 bis 1954 auch unsere Apostolischen Administratoren waren und bis heute unsere Metropoliten sind. Hier in diesem Dom hat auch der unvergessliche Kardinal Franz König seine letzte Ruhestätte gefunden, der oft und gerne die Frage stellte, die uns auch das heutige Evangelium stellt: nach dem Leben, dem Tod und die Auferstehung – oder wie es Kardinal König so treffend formulierte: Woher komme ich – Wohin gehe ich – Was ist der Sinn meines Lebens?

Der Stephansdom als Bauwerk – seine Konzeption und Architektur – gibt uns eine Antwort auf diese Fragen, oder besser gesagt, will uns helfen als Menschen und als Christen eine Antwort darauf zu finden.

Woher komme ich?
Beim Haupteingang in dieses überwältigende Gotteshaus befindet sich am rechten Seitenaltar das bekannte Gnadenbild von Maria Pócs – die Muttergottes mit dem Jesuskind. Es ist für mich gleichsam der Hinweis dafür, dass wie das Jesuskind alle Menschenkinder dieser Welt das Leben als Geschenk aus Gottes Vaterhand empfangen. Gott ist es, der unsere Namen in seine Hand geschrieben, der jeden und jede von uns mit Talenten und Fähigkeiten ausgestattet und jedem und jeder einzelnen von uns eine hohe Würde geschenkt hat. Das Gnadenbild von Maria Pócs will uns sagen: Du bist ein Kind Gottes – Vergiss das nie in deinem Leben! Du hast einen Vater im Himmel, von dem Du kommst und zu dem Du gehst. In Maria hast Du auch eine Mutter, die Dich zum himmlischen Vater führen will – Vertrau im Leben auf sie und höre auf sie: "Was er/Jesus euch sagt, das tut!"

Wohin gehe ich?
Auch diese so wichtige Frage des Lebens findet eine Antwort in der Architektur dieses Domes. In den gotischen Gotteshäusern streben die Pfeiler und Säulen nach oben, hoch hinauf, weit in den Himmel! Das soll uns Menschen sagen, dass unsere Zukunft der Himmel ist, dass wir alle zum himmlischen Vater hin unterwegs sind und dass einer uns das Tor zum Himmel geöffnet hat – Jesus Christus, durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung. So ist das nicht nur eine fromme Geschichte, sondern eine Tatsache der Geschichte. Das bezeugt uns auch die Botschaft des heutigen Evangeliums, wenn Jesus sagt: "Gott ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden." Und dieses so prächtige Bauwerk der Gotik ist über Jahrhunderte hinweg ein eindrucksvolles Zeugnis dafür, wohin wir Menschen gehen! Wir können voll Vertrauen diesem Weg folgen, weil Jesus ihn vor uns und für uns gegangen ist!

Was ist der Sinn meines Lebens?

Auch darauf gibt uns der altehrwürdige Stephansdom eine Antwort? In den gotischen Kirchen sind vor allem auf der Außenfassade oder im inneren auf den Säulen und Pfeilern oder auch auf den Altären Statuen von Heiligen in Stein oder Holz zu sehen. Die Heiligen zeigen uns, den Sinn unseres Lebens oder sie wollen uns sagen, dass sie in ihrem Leben den Sinn des Lebens nach Höhen und Tiefen, oft langem Suchen, Ringen und Zweifeln gefunden haben. Hier im Stephansdom werden wir im Gnadenbild von Maria Pócs an Maria erinnert und vor allem auch an den hl. Erzmärtyrer Stephanus. Wir Burgenländer denken in diesem Jahr aber auch ganz besonders an unseren Landes- und Diözesanpatron, den hl. Martin von Tours, dessen 1700 Jahrjubiläum wir heuer feiern und dessen Reliquie heute auch hier vorne am Seitenaltar vor uns steht. Was haben die Heiligen gemeinsam? Sie haben etwas vom Evangelium im Leben verwirklicht und ihren Mitmenschen – besonders den Armen und Schwachen – gedient. Die Heiligen waren sich dessen bewusst, was Paulus in der heutigen 2. Lesung den Thessalonichern gesagt hat: "Der Herr richte euer Herz darauf, dass ihr Gott liebt und unbeirrt auf Christus wartet." Das ist auch die Botschaft des hl. Martin, ein Herz zu haben, das Gott und die Menschen liebt und auf Christus wartet. Mit anderen Worten: Spiritualität, Solidarität und Barmherzigkeit. Diese Botschaft braucht unsere Welt, der moderne Mensch mehr denn je. Das Motto für unser Martins-Jubiläumsjahr: Die Welt braucht mehr Martinus ist so gesehen wichtig und richtig! Die Welt braucht mehr Menschen-Christen, die spirituell, solidarisch und barmherzig sind!

Der heutige Sonntag lädt uns alle ein, sich den wichtigen Fragen des Lebens zu stellen, ihnen nicht auszuweichen, sich an ihnen nicht vorbei zu schwindeln oder sie gar nicht aufkommen zu lassen durch Flucht in die Arbeit und Betäubung durch Konsum und Wellness. Dieser unser geliebter Stephansdom und alle unsere Kirchen lassen uns in der Hektik und im Lärm des Alltags inne halten und helfen uns eine Antwort zu finden auch auf die wichtigsten Fragen des Lebens: Woher komme ich – Wohin gehe ich – Was ist der Sinn meines Lebens? Unser Stephansdom sagt uns: Wir kommen von Gott – Wir gehen zu ihm – Er ist der Sinn und das Ziel unseres Lebens! Jesus Christus ist Garant dafür, weil er durch Tod und Auferstehung uns das Tor zum Himmel geöffnet hat. Er gibt uns berechtigte Hoffnung zum Glauben an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben!

Maria ist ihm als erste auf diesem Weg gefolgt und die Heiligen sind uns allen Vorbilder und Wegweiser, damit wir den Weg zum Himmel finden. Der erste Märtyrer der Kirche – der hl. Stephanus, dem dieser Dom geweiht ist und der den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen sah – sowie der erste Heilige der Kirche, der kein Märtyrer war – der hl. Martin, unser Landes- und Diözesan-patron – haben es uns vorgemacht, dass es möglich ist diesen Weg zu gehen. Jetzt sind wir dran es ihnen nachzumachen. Ich wünsche uns dabei viel Freude und Mut, aber zugleich auch viel Ausdauer und Geduld!

Möge der Segen Gottes, die Fürsprache Unserer Lieben Frau von Maria Pócs und die Wegbegleitung der hll. Stephanus und Martinus die Kirche und Gesellschaft in unserer Heimat Österreich, besonders aber auch unser Land Burgenland und unsere Diözese Eisenstadt in eine gute Zukunft begleiten!

Und vergessen sie nicht, sich auf die Frage: Woher komme ich – Wohin gehe ich – Was ist der Sinn meines Lebens, auch wirklich eine persönliche Antwort zu geben! Amen.

Sonntag, 6. November 2016

Kanzelwort zum Martinsfest 2016

Liebe Diözesanfamilie, Schwestern und Brüder im Herrn!

Zum Martinsfest 2015 haben w1r In unserer Diözese das Jubiläumsjahr "1700 Jahre Heiliger Martin von Tours" festlich begonnen. Kurz darauf wurde auch das von Papst Franziskus für die ganze Kirche ausgerufene "Heilige Jahr der Barmherzigkeit" in Rom und in den Diözesen weltweit feierlich eröffnet. Es ist eine Fügung der Vorsehung Gottes, dass wir beides zugleich feiern konnten, denn Martinus ist wohl der Heilige der Barmherzigkeit. Die Gestalt des Heiligen Martin, unseres Landes- und Diözesanpatrons, wurde so während der vergangenen zwölf Monate von vielen Menschen zum Anlass genommen, sich seiner Bedeutung theologisch, wissenschaftlich oder künstlerisch besonders anzunehmen. Martinus wurde zum Thema vieler neuer Publikationen, eines großartigen Films, eines alten neuentdeckten Pilgerweges, von geistlichen Initiativen und Wallfahrten, besonders nach Szombathely und Tours sowie monatlich aus allen Dekanaten in unseren Martinsdom nach Eisenstadt. Zugleich wurden auch konkrete Martinstaten der Solidarität gesetzt, wie die großherzige Hilfe der Diözese Eisenstadt für Menschen auf der Flucht. Und selbst strukturelle Schritte wie der Neue Pastorale Weg unserer Diözese als Weg einer zukunftsfähigen Seelsorge in Neuausrichtung wurden bewusst im Zeichen des Heiligen Martin gesetzt und zur Umsetzung auf den Weg geschickt.

Wenn in diesem vergangenen Jubiläumsjahr vermehrt auf das Vermächtnis des Heiligen Martin, auf seine Spiritualität, Solidarität und Barmherzigkeit hingewiesen wurde, so darf es jetzt nicht heißen: "Das Jubiläumsjahr ist beendet, gehen wir wieder über zur Tagesordnung!" Wir sollten uns vielmehr fragen: Was bleibt vom Jubiläumsjahr und was soll uns durch den pannonischen Alltag dauerhaft begleiten? Martinus hinterließ uns - passend für einen Soldaten, der sich auf den Straßen des Römischen Weltreiches zurechtfinden musste - einen Reiseführer der Tatsächlichkeit, eine Wegbeschreibung, die uns als Christen von der schönen Idee zur Tat wirklicher Weltveränderung führen kann. In eine gottesferne Zeit des Heidentums, des politischen Umbruchs und der moralischen Orientierungslosigkeit hineingeboren, wurde Martinus auf seinem spannenden Lebensweg zu Jesus Christus geführt, um später auch andere zu Jesus zu führen. Martinus stellt uns damit die entscheidende Reiseroute vor Augen, ohne die alle unsere Bemühungen nur Ideen bleiben und nicht zur Tat werden. Denn nur mit Christus im Herzen wird daher auch der Neue Pastorale Weg unserer Diözese nicht zu einem Masterplan, einer Taktik, einer Strategie verkommen, sondern er kann eine neue, vernetzte Pastoral einer Diözesangemeinschaft tatsächlich auf den Weg bringen. Nur mit Christus im Herzen wird unser Umgang mit dem Thema Flucht, Migration und Integration auch weiterhin den Prüfstand der Zeit bestehen. Diese und andere gesellschaftliche Herausforderungen werden unser Land und ganz Europa auch in Zukunft beschäftigen und unsere Gesellschaft auf Dauer verändern. Der vom Heiligen Martin in einer Epoche des Umbruchs praktizierte Glaube an Frieden, Freiheit und Versöhnung kann auch von uns Christen als Gegenentwurf und kraftvolle Stimme gegen Angst, Polarisierung, Panikmache, religiöse und politische Radikalisierung in die heutige Gesellschaft eingebracht werden.

Mit Martinus als Reiseführer lassen sich drei Ziele formulieren, die das christliche Programm für ein tatsächlich vereintes Europa der Zukunft darstellen:
1. Mit Martinus als Reiseführer kann die Kirche und können wir alle den Menschen tatsächlich helfen, Grenzen zu überwinden und Zeichen der Versöhnung zu setzen, damit sich die tragische Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht wiederholt.
2. Mit Martinus als Reiseführer kann die Kirche und können wir alle tatsächlich mithelfen, gemeinsam die Quellen des Christseins in Europa zu entdecken und dieses positive Erbe für unsere Zukunft wieder fruchtbar zu machen.
3. Mit Martinus als Reiseführer kann die Kirche und können wir alle tatsächlich die Menschen ermutigen, die Zukunft nicht anderen zu überlassen, sondern selbst am Bauplatz Europa tätig zu werden und gesellschaftspolitische Verantwortung zu übernehmen.

Mit dem folgenden Gebet für Europa, das der bekannte verstorbene Mailänder Kardinal Carlo Maria Martini verfasst hat und das ich uns allen in dieser ernsten Stunde für Europa ans Herz lege, möchte ich dieses mein Kanzelwort zum Martinsfest 2016 beenden:

"Vater der Menschheit, Herr der Geschichte, sieh auf diesen Kontinent, dem du die Philosophen, die Gesetzgeber und die Weisen gesandt hast, als Vorläufer des Glaubens an deinen Sohn, der gestorben und wieder auferstanden ist. Sieh auf diese Völker, denen das Evangelium verkündet wurde, durch Petrus und durch Paulus, durch die Propheten, durch die Mönche und die Heiligen. Sieh auf diese Landschaften, getränkt mit dem Blut der Märtyrer, berührt durch die Stimme der Reformatoren. Sieh auf diese Völker, durch vielerlei Bande miteinander verbunden, und getrennt durch den Hass und den Krieg. Gib uns, dass wir uns einsetzen für ein Europa des Geistes, das nicht nur auf Wirtschaftsverträgen gegründet ist, sondern auch auf Menschlichkeit und ewigen Werten: Ein Europa, fähig zur Versöhnung, zwischen Völkern und Kirchen, bereit um den Fremden aufzunehmen, respektvoll gegenüber jedweder Würde. Gib uns, dass wir voll Vertrauen unsere Aufgabe annehmen, jenes Bündnis zwischen den Völkern zu unterstützen und zu fördern, durch das allen Kontinenten zuteil werden möge die Gerechtigkeit und das Brot, die Freiheit und der Frieden.

Martin von Tours ist die Lichtgestalt eines solchen Europas des Geistes. Seine menschliche und christliche Haltung beginnt dort, wo andere aufhören, weil es schwer wird und weh zu tun beginnt. Deshalb braucht unser Land, braucht Europa und die Welt mehr Martinus! Seien auch wir im Alltag als Bürger und Christen einer Martinsdiözese echte Martinsmenschen, die konkrete Martinstaten setzen! Abschießend lade ich sie alle sehr herzlich zur Mitfeier des Martinsjubiläums mit der Österreichischen Bischofskonferenz und allen Gästen aus dem In- und Ausland zu Martini in den Martinsdom nach Eisenstadt ein. Der ganzen Diözesanfamilie, besonders den Martinspfarren unserer Diözese, sowie allen, die den Namen unseres Landes- und Diözesanpatrons tragen, entbiete ich von Herzen meine besten Segenswünsche.

Donnerstag, 3. November 2016

Allerheiligen im Martinsdom - 1. November 2016

Auf unserer Diözesanpilgerfahrt im Sommer dieses Jahres zum Grab des hl. Martin nach Tours haben wir auch einige der berühmten gotischen Kathedralen Frankreichs besucht. Auf den imposanten Kirchenfassaden und Portalen sowie auf den mächtigen Säulen in den Kirchenschiffen sind unzählige Heiligenfiguren aus Stein oder Holz zu sehen – meist hoch oben, entrückt und unerreichbar. Im Gegensatz dazu, habe ich auf der Insel Kreta orthodoxe Kirchen und Klöster besucht, wo die Heiligen dargestellt wurden als Wegweiser zwischen Erde (Fußboden) und Himmel (Altarraum) auf Augenhöhe, leicht erhöht vom Boden. Das will sagen: Die Heiligen sind Menschen wie Du und Ich. Sie stehen nicht entrückt und unerreichbar hoch oben, sondern sie sind Menschen mit Höhen und Tiefen, mit ihrem Glauben wie Zweifeln und Fehlern. Sie sind auf Augenhöhe etwas vom Boden erhöht, weil sie in ihrem Leben trotz allem auf Gott vertraut und den Menschen gedient haben. Darin sind sie uns Menschen auf unserer Pilgerschaft von der Erde zum Himmel Vorbilder und Wegweiser zu Gott!

Ein solcher Wegweiser unserer Zeit ist die erst vor kurzem heiliggesprochene Mutter Teresa von Kalkutta, der Engel der Armen, wie sie gerne genannt wird. 3 Eigenschaften, die Mutter Teresa auszeichneten, sollten auch uns Christen von heute auszeichnen:

1. Mutter Teresa war eine Frau der Stille, Kontemplation und des Gebetes. Bevor sie ihre Arbeit begann, hat sie im Gebet, in der Betrachtung des Kreuzes und in der eucharistischen Anbetung die Kraft geschöpft. Das war die Quelle ihres Tuns. Der Aktion ging die Kontemplation voraus. Und je mehr zu tun war, umso mehr brauchte es das Gebet. Immer wieder betonte sie: "Unsere Kraft schöpfen wir aus dem Gebet und der Meditation. Dafür lassen wir uns drei bis vier Stunden – über den Tag verteilt – Zeit. Die Messe ist die geistige Nahrung, ohne die ich mein Leben nicht durchstehen könnte. In der heiligen Kommunion begegnen wir Christus in der Gestalt des Brotes, und in den Armenvierteln berühren wir Jesus in den Kindern, Kranken, Leidenden und Sterbenden." Aus ihrer Biographie wissen wir, dass auch sie, wie viele andere Heilige, die "Nacht der Seele", innere Dunkelheit und Wüstenzeiten kannte. Mutter Teresa eine Einladung an uns zu einem Leben, das auch das Gebet, den Gottesdienst, die Anbetung, die Meditation der Heiligen Schrift nicht vergisst!
2. Mutter Teresa hatte immer den Blick für die Not der Menschen, die Armen. Nach ihrer ersten Berufung als Lehrerin, Direktorin und Oberin in einer Ordensschule spürte sie dann Gottes Ruf alles aufzugeben, um Jesus in den Ärmsten der Armen zu dienen. Dieser Schritt fiel ihr schwerer als der Ordenseintritt und das Verlassen ihrer Familie und Heimat Albanien. 1950 gründete sie die "Missionarinnen der Nächstenliebe", die sich seither weltweit in Heimen um behinderte Kinder, Sterbende, Kranke und Waisen kümmern. Sie gehen an die Ränder der Gesellschaft und dienen mit ihrem einfachen Lebensstil den Armen. Mutter Teresa eine Einladung an uns, die materielle und geistige Armut um uns zu sehen, Armen beizustehen und selbst einfach und bescheiden zu leben!
3. Mutter Teresas Nächstenliebe galt jedem Menschen, egal welcher Nation, Sprache, Kultur und Religion. Mutter Teresas Werk ist von "ökumenischem Geist“, denn es umfasst alle Menschen, den Christen und Nichtchristen. "Nächstenliebe" ist das Kennzeichen von Mutter Teresa und ihren Schwestern – Nächstenliebe, die keine Grenzen kennt, die niemanden ausschließt. Mutter Teresa eine Einladung an uns, jedem Menschen in Not zu helfen, ohne dabei nach seiner Herkunft, Sprache, Kultur und Religion zu fragen!

Allerheiligen erinnert uns Christen an unsere Taufe, wo wir "Heilige" wurden. Allerheiligen erinnert uns, dass Heilige Menschen wie wir sind – nicht hoch oben, entrückt und unerreichbar, sondern Menschen wie wir, die geglaubt, gezweifelt, gerungen, die auch versagt haben und gefallen sind, die aber immer fest auf Gott vertraut und ihren Mitmenschen gedient haben. Allerheiligen erinnert uns an Menschen wie Mutter Teresa, die dem Ruf Jesu gefolgt ist, alles verlassen, die Seligpreisungen des Evangeliums zum Maßstab ihres Lebens gemacht und die Werke der Barmherzigkeit gelebt hat.

Weil Mutter Teresa 1982 auch unsere Diözese in Jennersdorf besucht hat, ist sie uns besonders nahe. Als Heilige ist sie uns Vorbild und eine wichtige Wegweiserin in dieser herausfordernden Zeit sowie eine Fürsprecherin bei Gott! Mutter Teresa hat das Ziel schon erreicht, wohin wir noch unterwegs sind – schauen wir auf sie und eignen auch wir uns ihre Eigenschaften an! Amen.

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Festgottesdienst am Nationalfeiertag in Mariazell - 26. Oktober 2016

Liebe Schwestern und Brüder!
Liebe vor der Mariazeller Muttergottes versammelte Pilgerfamilie!

Seit Jahrhunderten ist es Brauch, dass die Pilger, die nach Mariazell kommen, von den Glocken dieser Basilika begrüßt werden. Dieser Gruß hat im Lauf der Geschichte unzähligen Menschen gegolten und er erklang auch heute für uns. „Vivos voco“ – „die Lebenden rufe ich“, ist einer der Sprüche, die in eine neue Kirchenglocke eingegossen werden, wenn sie das Licht der Welt erblickt. Und so stehen wir heute hier – als „lebendige“ Menschen. Keiner würde von sich das Gegenteil behaupten wollen, vor allem jene nicht, die vielleicht zu Fuß hergekommen sind und jetzt ihre Beine spüren.

Leben und lebendig sein, das heißt für uns Christen aber auch inspiriert und bewusst leben in einer Welt, von der wir fest glauben, dass Gott in ihr am Wirken ist – trotz allem leider oft nicht so berühmten Werken und Herumwerken des Menschen.

Leben und lebendig sein, das heißt daher mit offenen Augen und offenen Herzens durch diese Welt pilgern und Botschaften wahrzunehmen – ich meine damit nicht die täglichen Nachrichten auf Zeitungspapier oder am LED-Bildschirm, die kommen und gehen wie Sandkörner im Wind, sondern echte Botschaften! Bleibende Wahrheiten, die tief hineinreichen in jeden einzelnen Menschen und die unser Leben zu einem „bewässerten Garten“ machen können, zu „einer Quelle, deren Wasser niemals versiegt“, wie es bei Jesaja in der heutigen Lesung heißt.

Die Glocken von Mariazell sprechen solch eine Botschaft des Lebens. Sie künden seit Jahrhunderten das Evangelium von der Feindesliebe ebenso wie sie Trost und Hoffnung in schweren Zeiten spenden. Die Glocken von Mariazell haben aber auch dann geläutet, wenn hier an diesem Ort große völkerverbindende Ereignisse stattfanden. Zwei davon will ich nennen: Den Besuch des heiligen Papstes Johannes Paul II. in Mariazell 1983 und den Mitteleuropäischen Katholikentag 2004. Beide Ereignisse haben nicht nur mit Europa zu tun, beide Ereignisse sind Europa!

Denn Johannes Paul II. war der Papst, der wie kein anderer für die Überwindung von Schützengräben und Grenzzäunen in unserer Welt steht. Er war der Mann aus dem Osten, der Christus sein Herz geöffnet hatte, der angstfrei lebte und auch allen anderen Menschen zurufen konnte, ohne Furcht zu sein, Brücken der Verständigung zu bauen und auf Christus als den wahren Herrn der Geschichte zu vertrauen. Er war der Papst, der maßgeblich zum Fall des Eisernen Vorhangs und damit zur friedlichen Vereinigung Europas beitrug.

Und der Mitteleuropäische Katholikentag, der 2004 hier stattfand, war die Fortsetzung dieses Vermächtnisses. Es war ein geistlicher Schrittmacher, der in einer entscheidenden Phase des europäischen Integrationsprozesses stattfand und der sich dem Zusammenwachsen Europas nach Jahrzehnten des Krieges, des politischen Terrors und der Spaltung verschrieb, indem er die Völker zu einer Wallfahrt einlud, die lange auf der Schattenseite Europas gewesen waren.

Denn: „Mortuos plango“ – „die Toten beklage ich“, so lautet der zweite lateinische Spruch, der bis heute in viele neue Glocken eingegossen wird. Ja, Mariazell und seine Glocken sind nicht nur Rufer der Lebendigen, sie sind auch Zeitzeugen. Und als solche sind sie Zeugen der vielen Toten, die Europa im 20. Jahrhundert zu beklagen hatte: Zunächst in zwei bestialischen Kriegen, in den Zeiten des Totalitarismus, des Nationalsozialismus und des Faschismus, aber auch in der Nachkriegsära des stalinistischen Kommunismus, der in sogenannten Friedenszeiten nicht nur Millionen weiterer Toter auf sein Gewissen lud, sondern der sein ideologisches Gift tief in das Leben des Kontinents injiziert hat.

Doch während keine der mörderischen Ideologien den Weg in die Nachhaltigkeit menschlichen und humanen Zusammenlebens geschafft hat, hat der Mitteleuropäische Katholikentag 2004 hier in Mariazell drei Ziele formuliert, die das Programm der Kirche auch für ein vereintes Europa der Zukunft darstellen. Dieses Programm heute ebenso etwas zu verkünden wie der erste Guss jener Glocken, die anlässlich des Katholikentages 2004 hergestellt wurden und die heute nach dieser Feier geweiht werden:

1. Die Kirche muss den Menschen helfen, Grenzen zu überwinden und Zeichen der Versöhnung zu setzen, damit sich die tragische Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht wiederholt.
2. Die Kirche muss dabei helfen, gemeinsam die Quellen des Christseins auf unserem Kontinent entlang der Pilgerstraßen Europas und an seinen großen Heiligtümern wieder zu entdecken und dieses positive Erbe für die gemeinsame Zukunft wieder fruchtbar zu machen.
3. Die Kirche muss die Christen ermuntern, die Zukunft nicht Hasardeuren und interessengetriebenen politischen und wirtschaftlichen Eliten zu überlassen, sondern selbst am Bauplatz Europa tätig zu werden und gesellschaftspolitische Verantwortung zu übernehmen.

Die Kernbotschaft dieses Zusammenkommens der osteuropäischen Völker damals in Mariazell war kein ideologisches Konstrukt und kein dekretiertes Parteiprogramm, sondern die Kernbotschaft war Christus als die wahre Hoffnung Europas. Und das einende Bild dieses Zusammenkommens der Völker waren keine eisernen Führer-, Bonzen-und Apparatschik-Figuren, sondern eine junge Frau, mit einem Kind im Arm, auf das sie hinzeigt und den Völkern Europas damit sagt: „Lebt und handelt einander, wie Er es euch gesagt hat – dann wird es gut!“

Ein Mensch ist heute unter uns, der für diese Ziele der Kirche und für ihre Botschaft hier an diesem Ort gelebt und geatmet hat. Lieber Pater Karl! Du bist bekannt geworden als der begnadete Superior und Wallfahrtsdirektor von Mariazell, als der Netzwerker, der das ganze Land und die Gesellschaft zusammengebracht hat vor der Mariazaller Muttergottes – die Großen und die Kleinen, die Wichtigen und die Wichtigtuer, die Lauten und die Leisen! Aber es wäre eine geistliche Kurzsichtigkeit, Dein Werk auf diese Tatbestände der Seelsorge zu reduzieren.

Der Eifer für dieses Haus hat Dich verzehrt! – um ein Psalmwort zu verwenden -, denn nur die Sprache der Psalmen kann ausdrücken, was Du an diesem Ort für Gott und die Menschen geleistet hast, wie sehr Du an diesem Ort „gebrannt“ hast. Du warst – selbst wenn Dein weithin bekanntes Temperament wieder einmal mit Dir durchgegangen ist! – diesem Ort und den Menschen, die hierher kamen, wie eine Mutter. Eine Mutter, die auch im Zorn stets liebte. Und Mütter sind, wie Papst Paul VI. einmal sagte, wie Moses: Sie bereiten für ihre Kinder ein Land vor, das sie selbst nie betreten werden.

Pater Karl, die Kirche in Österreich und in Europa, die Menschen in Österreich und in Europa, ja selbst die, die Dich gar nicht kennen und je kennen lernen werden, haben Dir viel zu verdanken! Denn Du hast Dich und Deine ganze Kraft, Dein Hoffen und Dein Bangen, Deine Freuden und Deine Schmerzen mithineingewoben in den zarten unsichtbaren Faden der christlichen Versöhnung und der christlichen Hoffnung der Völker, der hier mitten durch Mariazell läuft. Dieser Faden ist stärker ist als alle Gitterstäbe der totalitären Systeme und als alle Grenzzäune des politischen Irrsinns, die die verblendete Menschheit auf unserem Kontinent einst errichtete. Du hast mit Deinem Leben Anteil an einem Friedenswerk, dessen reife Früchte erst künftige Generationen genießen werden. Diese Generationen sind auch Deine Kinder!

Und doch bist Du mit den Jahren selbst Teil dieses unsichtbaren Fadens geworden, der Dich über Christus mit den Völkern Europas, und besonders mit seiner Mutter, die hier so verehrt wird, untrennbar verbindet. Daher weiß ich, dass die Mariazeller Muttergottes Dich begleiten und immer mit Dir sein wird, auch, wenn die Zeit des Abschieds gekommen ist und Du jetzt von hier fortgehst. Sie wird bei Dir sein auch an Deiner neuen Wirkungsstätte Eisenstadt.

„Fúlgura frango“ – „Blitze zerbreche ich“, das ist der dritte und letzte der lateinischen Sprüche, die in eine neue Glocke eingegossen werden. Mit ihm will ich schließen. Wenn wir heute als Österreicher unseren Nationalfeiertag begehen, dann sollen uns die Glocken von Mariazell auch daran erinnern, dass unser Glaube an Versöhnung, Friede und Freiheit auch bannend wirkt. Er ist der Gegenentwurf und die Gegenstimme zu Angst, Panikmache und Schwarzmalerei.

Ich bitte Sie, die anwesende Pilgerfamilie und alle Menschen guten Willens: Tragen Sie die Botschaft Mariazells von der Versöhnung, der Heiligkeit und der Verantwortung hinaus in die Welt und mitten hinein ins eigene Leben! Wer euch bittet, dem gebt! Grüßt auch die, die nicht eure Brüder und Schwestern sind! Liebt auch die, die euch nicht unbedingt lieben! Das wird unser Land zu dem machen, was es auch morgen für uns und für andere sein soll: Ein Ort der Humanität und der Würde, ohne den es keinen Ort der Sicherheit, der Freiheit und des Rechts gibt.

Vertrauen wir unser Land und unser Europa der Fürsprache unserer Mutter von Mariazell an, der Magna Mater Austriae, der Magna Domina Hungarorum und Mater Gentium Slavorum.

Amen.

Montag, 19. September 2016

Diakonenweihe von Kurt Aufner und Gustav Lagler im Martinsdom 18. September 2016

Ich möchte uns allen – besonders unseren beiden Kandidaten zum Diakonat – den ungerechten Verwalter im Evangelium als Vorbild für unser Christsein und für Euren diakonalen Dienst geben. Warum gerade diesen Mann, Gauner? Wenn Jesus gerade diesen Mann im heutigen Evangelium lobt und uns damit empfiehlt auch so zu handeln, dann geht es ihm sicher nicht darum, Urkundenfälschung und Geschäftsschädigung gutzuheißen. Was Jesus uns sagen will, ist: Der Mann ist schlau, klug, originell, raffiniert. Um seinen Kopf zu retten, lässt er sich etwas einfallen und nützt die Chance des Augenblicks. Er entgeht einer Kündigung und sichert sich zugleich seine Zukunft. Umgesetzt für uns – besonders für unsere beiden Weihekandidaten – bedeutet das: Seid ihr Kinder des Lichts doch auch so erfinderisch für Jesu gute Sache wie die Kinder dieser Welt für ihre egoistischen Interessen. Eure Zukunft steht auf dem Spiel – nützt eure Zeit, handelt entschlossen, seid klug, riskiert alles für das Reich Gottes, seid originell, was euren Glauben, was das Umsetzen von Gottes- und Nächstenliebe in die Tat anlangt.

Ihr, liebe Weihekandidaten, habt diese Einladung Jesu zur Risikobereitschaft, Originalität und Klugheit im Dienst der Sache Jesu aufgegriffen und wollt Jesus im geistlichen Dienst ganz nachfolgen, mehr als nur Durchschnittschristen sein. Ihr seid Menschen, die radikale Konsequenzen aus ihrer Beziehung zu Gott und Jesus Christus gezogen haben. Ihr seid Menschen, die wachsam waren für Jesu Ruf sowie für die Not und die Notwendigkeiten ihrer Mitmenschen und Zeit. Ihr seid Menschen, die Freude am Evangelium haben und ein Herz für ihre Mitmenschen, besonders jenen, die in Not sind. Ihr werdet als Diakone auch Menschen sein, die für ihre Mitmenschen ein Wegweiser zu Gott sind, aber auch unbequeme Zeitgenossen, die das offene Wort riskieren, gegen den Strom schwimmen sowie Vorbeter und Fürbitter sind. Tut dies aber wie der Verwalter im Evangelium mit Klugheit und Originalität, vor allem aber mit Liebe und Barmherzigkeit und in der Sprache, die auch die heutigen Menschen verstehen – dann seid Ihr anziehend und glaubwürdig!

Ihr könnt dabei auf das Beispiel so vieler Christen und Heiligen schauen, die es uns im Laufe der Geschichte vorgemacht haben – in diesem Heiligen Jahr für die Weltkirche und Jubiläumsjahr für unsere Diözese und Eurem Weihejahr sind es vor allem der hl. Martin, unser Landes- und Diözesanpatron und die jüngste Heilige der Kirche, der Engel der Armen, Mutter Teresa von Kalkutta – beide sind wohl die großen Heiligen der Barmherzigkeit! Beide haben Jesu Wort im heutigen Evangelium: "Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon" in ihrem Leben verwirklicht.

Das aramäische Wort "Mammon" bedeutet ursprünglich "trauenvertrauen". Der "Mammon" ist also das, worauf man vertraut. Schon in biblischer Zeit bekam der "Mammon" die Bedeutung von "Besitz oder Vermögen" – und damit ist die zentrale Versuchung des "Mammon" klar: Menschen trauen nicht der Beziehung zu Gott, sondern glauben, in erster Linie durch das eigene Vermögen bewirken zu können, dass ihr Leben gelingt. Dem Besitz gilt dann auch ihre gesamte Arbeit und Aufmerksamkeit. Tun das nicht viele Menschen auch heute? Besitz und Reichtum allein garantiert aber kein glückliches und erfülltes Leben. Wenn die Sorge um den Besitz das Denken ausfüllt, geht Entscheidendes verloren, nämlich die Beziehung zu den Menschen und auch zu Gott. Vielmehr sind wir gefordert, Besitz so einzusetzen, dass er dem Leben dient. Das ist der kluge Umgang mit Reichtum, von dem Jesus im heutigen Evangelium spricht.

Ihr, liebe Weihekandidaten, zeigt durch Eure Bereitschaft zur Weihe, dass Ihr der Beziehung zu Gott nicht nur traut, sondern auf ihr Euer ganzes Leben baut. Ihr vertraut Gott, dass Euer Leben gelingt und dass Ihr vielen Menschen den Weg zu einem gelingenden und erfüllten Leben – zu Jesus – zeigen und ihnen auch auf diesem Weg helfend beistehen könnt. In der Weihe wird jetzt durch Zeichen und Riten Euer Dienst als Diakon sichtbar gemacht, indem Ihr nach der Anrufung des Heiligen Geistes, Eurem Weiheversprechen, der Handauflegung und Gebet die Dalmatik anzieht und ich Euch das Evangeliar zur Verkündigung der Frohbotschaft Jesu überreiche sowie Euch den Friedensgruß gebe als Zeichen dafür, dass Ihr Friedensboten in der Welt seid. Wie Ihr aber den Dienst des Diakons ausüben und welche Eigenschaften Euch dabei auszeichnen sollen, das erbitte ich für Euch von Gott im Weihegebet: "Das Evangelium Christi durchdringe euer Leben. Sichtbare Liebe sei euch eigen, unermüdliche Sorge für die Kranken und Armen. Mit Würde und Bescheidenheit sollt ihr allen begegnen, lauter im Wesen und treu im geistlichen Dienste. Das Beispiel eures Lebens soll die Gemeinde auf den Weg der Nachfolge führen."

In Eurem Dienst als Diakone seien Euch die Klugheit, Risikobereitschaft und Originalität des Verwalters im heutigen Evangelium sowie Martinus und Mutter Teresa – die Heiligen der Barmherzigkeit – Vorbild und Wegweiser! Wie der Prophet Amos in der 1. Lesung damals, so kämpft auch Ihr als Diakone heute gegen Menschen an, die sich fromm geben und religiöse Feste feiern, aber die Armen betrügen und ausbeuten – seid und bleibt als Diakone immer auf der Seite der Armen, Kleinen, Schwachen, Flüchtlinge, Verfolgten, auch wenn es nicht "in" und angenehm ist, auch wenn der "Stammtisch" anderes sagt! Fürchtet Euch nicht, habt Mut und tut es, dann seid ihr auf der richtigen Seite! Betet stellvertretend für alle Menschen wie es Paulus in der 2. Lesung seinem Schüler Timotheus ans Herz legt und seid als Diakone wie Jesus immer Mittler zwischen Gott und den Menschen!

Unser aller Gebet begleitet Euch in dieser so wichtigen Stunde Eures Lebens, wenn wir jetzt vor der Weihe gemeinsam Gottes Heiligen Geist für Euch und für Euren Dienst als Diakone erbitten! Amen.

Montag, 12. September 2016

Predigt anlässlich des Ordenshochfestes „30 Jahre Ferdinandus Orden“ - 10. September 2016

Lieber Bischof Paul als Geistl. Generalprotektor des Ferdinandus Ordens!
Liebe Ordensmitglieder mit den Honoratioren an der Spitze!
Geschätzte Vertreter der Politik und des öffentlichen Lebens!
Liebe, zum feierlichen Gottesdienst versammelte Gemeinde!

Das Beispiel vom barmherzigen Samariter, das wir soeben gehört haben, ist einer der wichtigsten Texte der Menschheit. Jesus führt seinem Gesprächspartner vor Augen, worin die Erlangung des ewigen Lebens besteht. Sie besteht nicht in der Rechtgläubigkeit; sie besteht auch nicht darin, zur richtigen Kaste zu gehören oder den richtigen sozialen Status in der Welt zu haben. Das Himmelreich erlangt, so Jesus, jener, der Mitleid mit seinem Nächsten hat. Der, der aus reiner Barmherzigkeit hilft und die Wunden des anderen verbindet. Willst Du das ewige Leben erlangen, "dann geh und handle genauso!"

Das Liebesgebot Jesu hat die Welt verändert. So schrecklich sie auch immer wieder sein mag – zu allen Zeiten hat es Menschen gegeben, die von Christus inspiriert, vom Mitgefühl für andere bestimmt waren und nach dem Liebesgebot handelten. Martin von Tours stand für diese Haltung und lebte sie überzeugend in Zeiten allergrößter gesellschaftlicher Herausforderungen. Es war die Zeit der Völkerwanderung, alte Sicherheiten zerbrachen, die antike Gesellschaft wurde durcheinandergewirbelt und musste sich neu orientieren – eine Zeit, die der heutigen nicht ganz unähnlich ist.

In dieser Zeit des Umbruchs führte ein junger römischer Soldat den Menschen vor Augen, dass das bloße Reden von der Gottesliebe wertlos ist, wenn es nicht von der konkreten Zuwendung zu unserem Nächsten begleitet wird. Die Liebe ist der Sinn und das Grundgesetz unseres Lebens. Weil wir nach Gottes Bild geschaffen sind, sind wir der Liebe fähig und können daher Gott, der die Liebe ist, in der Liebe am reinsten finden. Die Martinserzählung bringt das auf den Punkt: Nachdem der heilige Martin dem Bettler die Hälfte seines Mantels geschenkt hatte, erscheint ihm im Traum Christus mit demselben Stück Mantel bekleidet – er war es, der Martin als Bettler begegnet war.

Wenn man die Biografie des heiligen Martin, die "Vita Martini" des römischen Historikers Sulpicius Severus liest, treten vor allem drei Persönlichkeitsmerkmale zutage:

Erstens: Martin von Tours war ein Mensch, der aus einer echten Gottesliebe heraus lebte. Er wusste um die Kraft des Gebets und der Stille. Nur so konnte er sein anspruchsvolles geistliches und karitatives Programm bewältigen.

Das zweite Merkmal seiner Persönlichkeit: Weil Martinus tief in sich selbst hineinsah, kannte er die inneren Strömungen und Widersprüchlichkeiten des Menschen. Er hatte gelernt, die verschiedenen Geister, die in jedem Menschen am Werken sind, zu unterscheiden und sich auf das Wesentliche zu besinnen: auf das, was den Menschen näher zu Gott hin führt, und auf die neuen Wege, die zu gehen waren – im persönlichen Leben, in der Kirche, in der ganzen Gesellschaft.

Das dritte und wohl bekannteste Merkmal des Heiligen aber ist die Solidarität mit den Mitmenschen. Im Akt des Mantelteilens wird dieser Geist des Martinus am reinsten sichtbar. Dafür wird Martinus auf der ganzen Welt geliebt.

Liebe Schwestern und Brüder! Das Vermächtnis dieses Mannes, dieses großen Heiligen der Nächstenliebe und der Solidarität, ist ein ewig aktueller Beitrag an unseren Glauben und an unsere Welt. Martinus lebte vor 1700 Jahren, doch sein Wesen und sein Erbe deuten weit in die Zukunft. Sein Leben, das ganz auf Christus verweist, ist uns ein Vorbild, wie wir gerade heute den Wunden einer politisch, sozial, ökonomisch und ökologisch blutenden Welt begegnen können, um zu ihrer Heilung beizutragen.

Das Jubiläum, das wir heute feierlich begehen, ist ein Hoffnungsschimmer in einer von so vielen Leiden gezeichneten Gesellschaft: Seit 30 Jahren verfolgen die Mitglieder des Ferdinandus Ordens im Sinne einer christlichen Geisteshaltung das Ziel, freiwillige und gemeinnützige Hilfstätigkeit sowie karitatives Wirken für bedürftige Menschen weltweit zu fördern. Sie tragen damit durch konkrete Taten – sei es durch ehrenamtlichen Dienst an bedürftigen Mitmenschen sei es durch finanzielle Opfer – zu einer besseren Welt im Sinne des Evangeliums bei. Die Liebe zu Gott, ein Leben aus dem Gebet, und die nach außen getragen Barmherzigkeit – diese drei Wesenszüge des heiligen Martin erstrahlen auch in so vielen Aktivitäten des Ferdinandus Ordens!

Ich danke Ihnen allen für Ihren Dienst und bitte Sie, diese 3 Haltungen in Ihren Herzen hochzuhalten und nicht müde zu werden, sie weiterhin einzubringen in den selbstlosen Dienst an unserem Land, an unserer Diözese, ja an der ganzen Welt! Und ich wünsche Ihnen auf die Fürsprache des Heiligen Martin, unseres Landes- und Diözesanpatrons, Gottes reichen Segen sowie ein herzliches "Ad multos annos!". Gehen Sie weiter Ihren Weg der Mitmenschlichkeit und Barmherzigkeit und mögen Sie dabei nie die letzten Worte Jesu im heutigen Evangelium vom Barmherzigen Samariter aus dem Bewusstsein verlieren: "Dann geh und handle genauso!"
Amen.

Dienstag, 16. August 2016

Großfrauentag in der Basilika Frauenkirchen - 15. August 2016

Ein GPS/Navi ist aus unserem modernen Leben wohl kaum mehr wegzudenken. Die meisten von uns haben ein Navi im Auto, das uns vor allem in uns weniger bekannten Gegenden eine große Hilfe ist und uns ans gewünschte Ziel bringt – und sei es in den letzten Winkel dieser Erde! Wahrscheinlich sind auch manche von uns mit Hilfe des Navi heute hierher nach Frauenkirchen gekommen, um den Großfrauentag gemeinsam zu feiern, um auf Wallfahrt zu gehen/fahren, um hier an diesem alten Gnadenort Gott im Gebet zu danken, sich mit Gott und den Menschen in der Beichte zu versöhnen, um seine weitere Hilfe und die Fürsprache der Gottesmutter Maria zu erbitten.

Wie das Navi uns auf unseren Fahrten durch das Leben immer wieder hilft den Weg zum Ziel zu finden, so schickt uns auch Gott immer wieder Wegweiser, die uns zum Ziel unserer Lebensreise führen sollen, dass sein Sohn Jesus für uns durch Tod und Auferstehung erreicht hat. Weil Gott weiß, dass wir Menschen rasch vom Weg abkommen, uns leicht verirren, gerne auf angenehmere Wege abbiegen, hat er uns in den Propheten/Heiligen Menschen geschickt, die uns durch die Jahrhunderte an das Ziel unserer Reise erinnern, uns zum Ziel hinführen sollen. Maria ist unser Wegweiser/Navi auf dem Weg zum Ziel. Heute schauen wir auf sie und fragen: Wie funktioniert überhaupt ein solches Navi?

Das erste beim Navi ist die Eingabe des Zielortes. Ist das erfolgt, berechnet das Navi den kürzesten Weg zum gewünschten Ziel. Mit dem Druck auf "starten" beginnt unsere Fahrt zum eingegebenen Ziel. Mit unserer Geburt hat Gott unsere Lebensreise hier auf Erden begonnen. Mit der Taufe haben wir das Ziel unserer Lebensfahrt bestimmt – den Himmel. Der Apostel Paulus erinnert uns in der 2. Lesung aus dem Korintherbrief daran: Gott hat seinen Sohn Jesus von den Toten auferweckt. An Christus – und dann auch an Maria – ist sichtbar geworden, zu welchem Ziel die Menschheit unter-wegs ist: nämlich zu Gott! Was an Christus und Maria geschehen ist, ist auch das Ziel unserer Lebensreise – das Leben in der Gemeinschaft mit Gott! Maria ist es, die uns wie das Navi im hektischen Alltag des Lebens immer wieder an unser Ziel erinnert, an unsere große Bestimmung von Gott her. Maria selber hat ihre Bestimmung von Gott her erfahren beim Besuch des Engels in Nazareth und mit ihrem JA zugestimmt zum Willen/Plan Gottes. Auf ihrer Lebensreise ist sie ihrer Berufung treu geblieben, ans Ziel gekommen. Maria will, dass auch wir den Sinn und das Ziel unseres Lebens erkennen, unsere Berufung annehmen und ihr auch treu bleiben. Damit wir Christen das Ziel nicht vergessen, braucht es das Gebet – persönlich, in Familie, Pfarrgemeinde – die Feier des Sonntags und der Sakramente, vor allem die Eucharistie und die Beichte, das Lesen der Hl. Schrift und die guten Taten. Das sind die Hilfsmittel Gottes, die er uns durch seine Kirche schenkt, damit wir Menschen in Arbeit und Freizeit nicht das Ziel unserer Lebensreise aus den Augen verlieren, vergessen. Weil wir Menschen gerne und so rasch vergessen, braucht es Maria, die uns an das Ziel unseres Lebens erinnert und wie das Navi zum Zielort führt!

Das zweite beim Navi bei falscher Fahrt ist der Hinweis: Bitte wenden! Wenn wir uns verfahren und nicht auf der vom Navi vorgegebenen Route blei-ben, heißt es vom Navi: Bitte wenden! Ähnlich ist es auf unserem Glaubensweg Wie rasch kommen wir Menschen vom Weg ab, verlaufen uns auf nebensächlichen Bahnen, verharmlosen und verdrehen die Botschaft Jesu so wie es uns genehm ist und sind oft selbstgerecht, ungerecht, unbarmherzig. Brauchen wir modere Christen heute nicht mehr denn je die Erinnerung und Ermahnung: Bitte wenden? Jesus selber sagt uns: "Kehrt um und glaubt an das Evangelium!" Maria sagt bei der Hochzeit in Kana zu den Dienern: "Was er euch sagt, das tut!" Und in den vielen Wallfahrtsorten auf der ganzen Welt ruft sie uns immer wieder zu: "Betet, kehrt um, tut Buße!" oder anders gesagt: Bitte wenden! Bitte wenden kann heute heißen: auf Gott und sein Wort hören, indem wir die Bibel lesen – im Gebet das Gespräch mit Jesus suchen und die Freundschaft mit ihm pflegen – den Sonntag in der Familie und Pfarrgemeinde feiern – die Werke der Barmherzigkeit leben – einen einfacheren Lebensstil pflegen, weil wir auch Verantwortung für die kommenden Generationen haben – Menschen in Not beistehen, auch Verfolgten/Flüchtlingen – sich für das Leben einsetzen un gegen die Kultur des Todes ankämpfen – für das Gute un gegen das Böse zu kämpfen. Maria ist diesen Weg gegangen, sie hat den Kampf aufgenommen/geführt, wie es uns die 1. Lesung aus der Offenbarung des Johannes eindrucksvoll schildert. Die Frau, die am Himmel als das große Zeichen erscheint, ist die Mutter Jesu. Sie ist die Verkörperung des Gottesvolkes: die 12 Sterne über ihrem Haupt erinnern an die 12 Stämme Israels und die Geburtswehen an die vielen Leiden. Dieser Kampf zwischen Gut und Böse setzt sich auch heute in der Welt fort. Wir Christen sollen nicht lau, gleichgültig, ängstlich, feige sein, sondern wie Maria uns heute dem Kampf stellen, für das Gute einsetzen, das Böse meiden. Wir Christen sollen mit Freude, mutig und treu gegen den Strom schwimmen und mit unserem Leben das Evangelium bezeugen – das ist glaubwürdiges, einladendes und anziehendes Christentum! Es braucht heute solche Christen und keine Fanatiker! Unser Leben soll – wie das Leben Mariens – Hinweis und Einladung sein: Bitte wenden! Haben wir alle im Alltag den Mut zum Wenden!

Schließlich heißt es am Ende einer Fahrt vom Navi: Ziel erreicht! Nach einer langen Fahrt in eine unbekannte Gegend ist wohl der schönste Augenblick dann, wenn es heißt: Ziel erreicht! Mit dem heutigen Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel wird uns gesagt: Maria hat das Ziel erreicht! Ihre Lebensreise zeigt uns, was auch uns erwartet: das Leben bei Gott, unserem Ziel. Maria zeigt uns mit ihrem Leben: Wer von Jesus ergriffen ist, trägt ihn auch mit Freude zu den Menschen und der gelangt auch ans Ziel. Maria bestätigt es im heutigen Evangelium: Sie hat Jesus empfangen, angenommen und zu Elisabeth getragen. Sie hat im Magnifikat, dem großen Danklied Gottes Größe und Güte gepriesen, dass er auf ihre Niedrigkeit geschaut und Großes an ihr getan hat. Sie bezeugt: Gott erbarmt sich aller, die ihn fürchten. Gott zerstreut die Hochmütigen, stürzt die Mächtigen, erhöht die Niedrigen, beschenkt die Hungrigen, lässt die Reichen leer ausgehen. Gott stellt alles auf den Kopf, nimmt sich jedes Menschen an, hält sein Versprechen! Wer das Magnifikat lebt, baut schon auf Erden am Reich Gottes mit und wird das Ziel erreichen. Braucht unsere Welt nicht mehr denn je Jesu Evangelium, eine Neuevangelisierung? Braucht sie nicht Christen, die wie Maria heute das Magnifikat mit ihrem Leben bezeugen? Es braucht heute ein schlichtes Herz!

Am heutigen Festtag schauen wir auf Maria, unser Navi, die uns 3 Dinge sagt: Dein Zielort ist der Himmel, auf den Du seit der Taufe programmiert bist! Wenn Du Dich auf Deiner Lebensreise verfährt, nicht mehr weiter weißt, dann sei nicht stolz und schäm Dich nicht, sondern hör auf den Ruf: Bitte wenden! Ich habe schon das Ziel erreicht, zu dem Du noch unterwegs bist! Ich bin immer an Deiner Seite, in Freud und Leid, besonders dann, wenn es schwer wird! So ist uns Maria ein Zeichen der Hoffnung und des Trostes. Schauen wir auf dieses Zeichen, hören wir auf sie, unser Navi, damit wir auf dem Weg bleiben, der uns hinführt zu ihrem Sohn Jesus, unserem Ziel im Himmel! Maria, du Königin, aufgenommen in den Himmel – du Mutter auf der Heide – bitte für uns und bleib mit uns auf unserem Lebens- und Glaubensweg! Amen.

Montag, 11. Juli 2016

60 Jahre burgenländische Gemeinschaft in Güssing (10. Juli 2016)

Ein Satz aus der gehörten 1. Lesung aus dem Buch Deuteronomium verbindet diese Festmesse und das Jubiläum „60 Jahre Burgenländische Gemeinschaft“, das wir heute mit der Stadtpfarre Güssing, den Mitgliedern der Gemeinschaft und unseren Landsleuten aus Amerika hier gemeinsam so festlich begehen. „Das Gebot Gottes ist nicht im Himmel … Es ist auch nicht jenseits des Meeres, so dass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können? Nein, das Wort Gottes ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.“

Um die Jahrhundertwende (1900) sind tausende Menschen aus dem Burgen-land, vor allem auch aus dem Südburgenland, aus Armut und Not über das große Meer gefahren und haben in Amerika/Kanada eine neue Heimat sowie Hoffnung und Zukunft für ihr Leben gefunden. Die Burgenländische Gemein-schaft ist bereits 60 Jahre die Brücke zwischen der alten und der neuen Heimat, zwischen dem Burgenland und Amerika. Sie bemüht sich die Kontakte durch regelmäßige Besuche, Veranstaltungen, ein Vereinsblatt aufrecht zu erhalten, besonders zu den Nachfahren der ersten Auswanderergeneration. Das Land Burgenland, die Diözese Eisenstadt und ihre Bischöfe unterstützen bis heute zusammen mit der Burgenländischen Gemeinschaft diese so wichtige Sache! Zeichen dafür sind die gegenseitigen Besuche in Amerika und im Burgenland.
Was haben sich unsere ersten Auswanderer von der alten in die neue Heimat neben den wichtigsten Dingen mitgenommen? Es sind vor allem 3 Dinge:

Einen tiefen Glauben.
Mit einem tiefen Glauben im Herzen und im festen Vertrauen auf Gottes Wort, seine Wegbegleitung und auf bessere Lebensbedingungen machten sie sich aus der kleinen, vertrauten, sicheren Heimat auf den Weg über das große Wasser in die große, unbekannte und neue Welt. Mit Gottes Wort im Herzen konnten sie die neuen Herausforderungen bewältigen und ein neues Leben aufbauen in der fernen und fremden Welt. Nicht alle haben es geschafft, manche sind wie-der zurückgekommen! Äußere Zeichen ihres tiefen Glaubens sind die Kirchen, die sie in der neuen Heimat errichteten – oft nach dem Vorbild der Kirche in der alten Heimat – und das religiöse Leben, das sie in ihren Familien und Pfarr-gemeinden pflegten. Der verstorbene Kardinal Bernardin von Chikago hat im Audienzzimmer von Papst Johannes Paul II. unserem Bischof László gesagt:  Was wäre meine Erzdiözese Chikago ohne die Gläubigen aus dem Burgenland? Ich war damals als junger Sekretär des Bischofs stolzer Augen- u. Ohrenzeuge!

Ist das nicht ein schönes Zeugnis, das er über unsere Landsleute ablegte?
Wie Mose das Volk Israel in der 1. Lesung erinnert, Gottes Wort zu hören, seine Gebote zu achten und zu ihm zurückzukehren, so ist es auch heute Aufgabe der Kirche den Menschen das Evangelium zu verkünden, sie zur Gottes/Nächsten-liebe zu ermutigen, die Tat des barmherzigen Samariters wachzuhalten und  nachzuahmen – das ist gelebtes, glaubwürdiges und anziehendes Christentum!
Auch unsere Auswanderer waren auf die Hilfe von guten Menschen in Amerika angewiesen, haben die Hilfe vieler barmherziger Samariter gebraucht und sind wohl auch vielen Menschen zum barmherzigen Samariter geworden – ist das nicht auch eine wichtige Botschaft für unseren Umgang mit Flüchtlingen und Verfolgten? Wie sagt Jesus im Evangelium: „Dann geh und handle genauso!“

Die Muttersprache und Kultur.
Neben dem Glauben haben sich unsere Auswanderer auch die Muttersprache – deutsche, kroatische, ungarische – u. Kultur in die neue Heimat mitgenommen. Die Pflege der Muttersprache u. Kultur hält sie in den verschiedenen Vereinen und Heimatverbänden zusammen, dass sie ihre Identität bewahren können, die Verbindung zur alten Heimat nicht verlieren und die amerikanische Gesellschaft wesentlich bereichern. Gerade auf diesem Gebiet leistet die Burgenländische Gemeinschaft durch 60 Jahre hindurch ihren so wertvollen Beitrag, wofür ich allen Verantwortlichen und Mitgliedern als Bischof für ihren persönlichen Ein-satz von Herzen danke und gleichzeitig alle inständig bitte, weiterzumachen! Das friedliche Zusammenleben von verschiedenen Sprachen, Religionen u. Kul-turen ist möglich nach dem Grundsatz: Das Eigene lieben, das andere schätzen! Ist das nicht eine wichtige Botschaft auch für unsere zerrissene Welt und für unser gespaltenes Europa, das sich wieder in Nationalismen abgrenzen will und im Mitmenschen oft nur den Konkurrenten und Feind sieht? Was hätten unsere Landsleute damals in Amerika getan, wenn man ihnen so begegnet wäre?

Zwei fleißige Hände.
Neben dem Glauben, der Muttersprache und Kultur haben sich unsere Auswan-derer vor allem zwei fleißige Hände in die neue Heimat mitgenommen. Diese ihre fleißigen Hände haben sie immer wieder zum Gebet gefaltet, aber auch zum Aufbau ihrer neuen Existenz eingesetzt. Unsere ausgewanderten Lands-leute waren gesuchte Handwerker und Facharbeiter, fleißige und anständige Arbeiter, die auch zum Aufbau und Wohlstand Amerikas beigetragen haben. Viele haben es weit gebracht, sind aber durch die harte Arbeit früh gestorben. Ob in kirchlichen oder staatlichen Kreisen, überall sind unsere Landsleute in Amerika und Kanada durch ihr Können und ihren Fleiß bekannt und hochge-schätzt – davon konnte ich mich bei meinem Besuch in Amerika überzeugen!Vergessen wir als Christen nicht unsere Hände zum „Beten und Arbeiten“ einzusetzen, auch wenn wir uns dabei schmutzig und verletzbar machen!

Als Bischof möchte ich abschließend zu 60 Jahre Burgenländische Gemeinschaft nochmals von Herzen gratulieren, allen Dank sagen für ihren Einsatz und sie bitten auch weiterhin nicht müde zu werden, diese Brücke von der alten in die neue Heimat zu pflegen und mit den modernen Mitteln auch noch auszubauen!Mein Wunsch an uns alle – ob in der alten oder in der neuen Heimat – ist:
Gehen wir mit Gottes Wort im Herzen in die Zukunft!
Pflegen wir unsere Muttersprache und Kultur, geben wir sie an die junge Generation weiter und bleiben wir immer für andere offen!
Erheben wir unsere beiden Hände im Alltag zum Gebet und helfen wir wie der barmherzige Samariter im heutigen Evangelium unseren Mitmenschen in Not! Das Heilige Jahr der Barmherzigkeit und unser Martinsjahr laden uns dazu ein!
Gottes Segen und die Fürsprache des seligen Ladislaus Batthyány Strattman, der hier in der Basilika in Güssing bestattet ist, begleite uns Burgenländer hier in der alten Heimat und unsere Landsleute in der neuen Heimat Amerika sowie unsere Burgenländische Gemeinschaft in eine gute und gesegnete Zukunft! Amen.

Montag, 4. Juli 2016

Priesterweihe von Piotr Rychel OT in Gumpoldskirchen - 2. Juli 2016

Du, lieber Weihekandidat Piotr, hast vor dem Theologiestudium Kunstgeschichte studiert und danach erst Theologie. Du kennst Dich also nicht nur in der Philosophie und Theologie aus, sondern auch in der Kunstgeschichte – das ist eine gute Voraussetzung für den priesterlichen Dienst. In der Kunstgeschichte sind Bilder von großer Bedeutung, denn sie transportieren wichtige Botschaften. Bei dieser Predigt nehme ich mir daher gerade die Kunstgeschichte zur Hilfe, um am heutigen Marienfest 3 Bilder von Maria aus den Evangelien zu betrachten und sie für Deinen Dienst als Priester zu uns sprechen zu lassen.

Das erste Bild ist die Begegnung von Maria und Elisabeth. Im Zentrum des heutigen Festes steht der im eben gehörten Lukasevangelium Besuch Marias bei ihrer Verwandten Elisabeth. Deshalb wird dieses Fest auch Visitatio, Heimsuchung, Besuch und Begegnung genannt. Besuch und Begegnung ist für mich auch ein anderes Wort für Seelsorge. Wie Maria von zu Hause weggeht, ihre Verwandte Elisabeth besucht, mit Freude vom Hl. Geist erfüllt sie begrüßt und Gottes Heilshandeln in ihrem Leben besingt, so ist auch der Priester aufgerufen nicht nur sein Elternhaus und seine Heimat, sondern immer wieder auch sein Pfarrhaus und sein Ordenshaus zu verlassen, um das, was ihm von Gott in der Berufung geschenkt wurde sowie ausgestattet mit dem Wort und Sakrament nach seinen Talenten und Fähigkeiten zu den Menschen zu tragen, ihnen das Evangelium mit Freude zu bringen, Gottes Heilswirken im eigenen Leben, in Kirche und Welt zu besingen und für ihn heute glaubwürdig Zeugnis abzulegen. Dazu aber braucht es die Haltungen Marias – Freude, Dankbarkeit, Demut und Treue. Deshalb erinnert Papst Franziskus unermüdlich die Priester und Hirten von heute, sich nicht einzusperren und abzukapseln in ihrer eigenen Welt, nicht ständig um sich selbst zu kreisen und nur das zu tun, was einem gefällt, sich pastoral nicht nur auf die kleine Herde der Kirchenbesucher zu beschränken, sondern vielmehr den Mut zu haben jeden Tag neu aufzubrechen und hinauszugehen an die Ränder, zu den Suchenden, Fernstehenden, Enttäuschten und Verwundeten – sie zu besuchen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, ihnen zu begegnen, sie verständnisvoll zu begleiten und ihre Wunden zu heilen. Das ist eine schöne und erfüllende, aber zugleich auch eine herausfordernde Aufgabe. Lieber Piotr, sperr Dich nicht daheim ein, sondern geh als Priester und Ordensmann wie Maria zu den Menschen, begegne ihnen mit Freude, Demut und Dankbarkeit, auf Augenhöhe, bring ihnen das Evangelium und führe sie zum Heiland!

Das zweite Bild von Maria in den Evangelien ist die Hochzeit von Kana. Das Bild von der Hochzeit zu Kana ist in der christlichen Kunstgeschichte unzählige Male dargestellt. Es ist nicht auszudenken, wenn Maria in Kana nicht anwesend gewesen wäre. Es wäre wohl der Wein ausgegangen, der Hochzeitssaal wäre zu einem Saftladen verkommen. Der Wein ist es, der das Herz des Menschen erfreut – so ist Maria die Dienerin der Freude. Sie vermag mit ihren wachsamen Augen hinter der glänzenden Fassade einer Hochzeitsgesellschaft den Mangel zu entdecken. Sie ist zur Stelle, wo Mangel und Not sind und wird zum Anwalt Gottes vor den Menschen. Den Tischdienern sagt sie: "Was er euch sagt, das tut!" Sie wird aber auch zum Anwalt der Menschen vor Gott. Sie sagt ihrem Sohn: Sie haben keinen Wein mehr, bittet um Hilfe, legt Fürsprache ein. Ist das nicht auch die Aufgabe des Priesters, Ordensmannes und Seelsorgers? Diener der Freude zu sein, mit wachsamen Augen hinter die Lebensfassaden der Menschen zu schauen und ihre Nöte zu sehen, ihnen beizustehen, sie zu begleiten und zu heilen – einfach gesagt, dort nicht fehlen, wo man nötig ist! Lieber Piotr, geh deshalb als Priester und Ordensmann mit wachsamen Augen durch die Welt, schau hinter die Fassaden der Menschen, sieh nicht nur ihre Nöte, sondern geh zu ihren Tischen und hilf ihnen, auch auf die Gefahr hin, dass Du Dich dabei selber verletzt oder gar schmutzig machst! Mit Papst Franziskus sag ich Dir: Vergiss die Armen nicht! Maria im Hochzeitssaal von Kana und ein gutes Glas Wein aus Gumpoldski-rchen, aber auch aus dem Burgenland erinnern Dich immer daran!

Das dritte Bild von Maria in den Evangelien ist Maria im Abendmahlsaal. Nach der Himmelfahrt des Herrn zogen sich die Apostel zurück in ihre privaten Räume, in ihre Angst. Maria wurde zur Sammlerin der Zerstreuten, zur Symbola, die gegen den Diabolos antritt, um die Verängstigten und Zerstreuten um den einen Tisch im Abendmahlsaal unter dem einen Dach zu sammeln. Maria leitet in Jerusalem die erste Pfingstnovene, an deren Ende die Herabkunft des Heiligen Geistes steht, die zur Geburtsstunde der Kirche wird. Jeder Christ, so auch jeder Priester hat seinen einmaligen Platz in der konkreten Kirche. Jede und jeder ist aufgerufen eine Symbola und ein Symbolus zu werden, um die Menschen von der Peripherie in die Mitte zu führen. Als die Apostel mit Maria einmütig im Gebet versammelt waren, wurde ihnen der Geist geschenkt. Lieber Piotr, das Gebet, die Feier der Eucharistie und der Empfang der Sakramente, besonders des Sakramentes der Versöhnung, sollen Dir als Priester und Ordensmann Nahrung sein, damit Du zum Symbolus, zum Stifter von Einheit und Frieden sowie zum Brückenbauer wirst, der sich gegen den Diabolus stellt!

Der Priester von heute soll wie Maria in der Seelsorge zu den Menschen gehen, sie besuchen und ihnen in Freude begegnen, er soll ihre Nöte sehen, ihnen helfen, sie mit der Medizin der Kirche verarzten und sie zum Heil führen!

Lieber Piotr, ich kann Dir für Deinen priesterlichen Dienst nur die Worte aus den beiden Lesungen des heutigen Festtages als Wunsch und Auftrag mitgeben: Mit dem Propheten Zefanja sage ich Dir: Fürchte dich nicht! Der Herr, dein Gott, freut sich und jubelt über dich, er erneuert in der Priesterweihe seine Liebe zu dir! Und mit Paulus im Römerbrief rufe ich Dir zu: Sei fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Bedrängnis, beharrlich im Gebet! Unsere Liebe Frau vom Deutschen Hause in Jerusalem begleite Deinen Dienst!

Drogi Piotrze, nich cie Bóg bwogoswowi, a Maryja zawsze ochrania!

Erbitten wir nun gemeinsam für unseren Weihekandidaten die Kraft von oben, den Heiligen Geist, von dem auch Maria erfüllt war als sie Elisabeth besuchte und das große Danklied-Magnificat gesungen hat! Amen.

Mittwoch, 29. Juni 2016

Priesterweihe von Stefan Ludwig Jahns im Martinsdom - 29. Juni 2016

Ich erinnere mich noch genau an den Tag als Du, lieber Stefan, vor 7 Jahren in das Generalsekretariat der Österreichischen Bischofskonferenz in Wien zur mir gekommen bist und mir Deinen Entschluss offenbartest, Priester werden zu wollen – Du hast mich um Rat gebeten, welche Schritte dabei zu setzen sind. Das Gespräch mit Dir hat mich innerlich berührt und bleibt mir unvergesslich! Du hast ein sicheres Leben als Anwalt und Chef einer Anwaltskanzlei zurückgelassen und Du hast ein neues, riskantes/unsicheres, geistliches Leben ersehnt. Du bist dabei in guter Gesellschaft mit anderen großen Gestalten der Kirche – Alphons von Liguri, Robert Bellarmin, Thomas Morus – sie alle haben die Kanzlei gegen eine noch stärkere Berufung eingetauscht. Deine berufliche Vergangenheit inspirierte mich, mir das Bild der Anwaltschaft in dieser Predigt zur Hilfe zu nehmen. In Deiner Berufung zum Priester kannst Du auf Advokaten, Anwälte zählen, die Dich durch das Leben und den priesterlichen Dienst begleiten und Du selbst kannst für andere zum Anwalt werden. Was ist ein Advokat? Es ist die Person, die man herbeiruft und um Hilfe bittet, wenn man sie braucht.

3 Advokaten stehen Dir verlässlich, rund um die Uhr zur Seite, und anders als es bei Anwälten ist, sie verrechnen Dir ihre Dienste nicht nach der Tarifordnung der Anwaltskammer. Sie sollen Dir Vorbilder sein, wie Du im priesterlichen Dienst mit den verschiedenen Arten von Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche umgehen sollst, die auch Dich um Rat, Hilfe, Beistand bitten werden.

Dein erster Advokat ist wohl der heilige Petrus. Petrus ist der Advokat der Kirche, sozusagen unser Familienanwalt, der das verkörpert, was für unsere Kirchengemeinschaft Fundament, Lehre und Tradition ist. Petrus ist als Fels der erste Anwalt der Kirche von Jesus selbst eingesetzt. Petrus steht für die kirchliche Gemeinschaft nach innen, die er zusammenhält! Du, lieber Stefan, sollst als Priester den Menschen mit Freude, verständlich, unverkürzt und überzeugend das Evangelium verkünden durch Wort und Tat. Du sollst dabei wissen, dass auch Petrus im Leben Höhen und Tiefen hatte – sein Versagen und Verrat sowie sein Bekenntnis: „"Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!" von dem uns das eben gehörte Evangelium berichtet. Das ist für Dich und für uns alle eine große Herausforderung und zugleich Trost! Du sollst auch wissen – was uns die 1. Lesung aus der Apostelgeschichte sagt – dass Petrus nicht durch Waffen, sondern durch das Gebet der Gemeinde, also durch Gottes Wirken aus dem Gefängnis befreit wurde. Pflege daher das Gebet, feiere die Liturgie, die Sakramente und empfange sie auch selber – dann wirst Du Menschen nicht an Dich binden, sondern zu Gott und in die Freiheit führen! Je mehr Du als Priester in die Tiefe gehst, umso weiter wird Dein Denken + Tun!

Der zweite Advokat ist zuständig für jene, denen noch niemand von Jesus erzählt hat, jene, die noch nicht mit dem Evangelium in Berührung gekommen sind, die scheinbar nicht zur kirchlichen Familie gehören – es ist der hl. Paulus. Paulus hat immer versucht die Grenzen der Gemeinschaft nach außen zu überschreiten. Er verschließt sich nicht in der eigenen Gemeinschaft, sondern er ist offen für das Neue! Wenn Paulus heute Anwalt geworden wäre, dann wäre er ein Anwalt der weltweiten Fusionierungen. Doch die Fusion, von der Jesus sprach und die Du als Priester vertreten sollst, lautet: Liebe zu allen und Hingabe. Die 2. Lesung aus dem 2. Timotheusbrief sagt uns, dass Paulus am Ende seines Lebens zwar gefangen und einsam ist, zugleich auch dankbar + voller Hoffnung. Du, lieber Stefan, sollst wie Paulus in Deinem priesterlichen Dienst auf alle zugehen, niemanden ausschließen und Dich vor dem Neuen nicht fürchten. Du bist Advokat für alle! Als Priester wirst Du nicht nur auf eine Pfarre geweiht, sondern zum Dienst in der Kirche, der Du Dich ganz zur Verfügung stellst! Du sollst wie Paulus Missionar sein, auch und vor allem für jene, die außerhalb der Kirche, die wie es Papst Franziskus immer wieder sagt, an den Rändern sind! Verschieße Dich als Priester nicht, sondern sei Brückenbauer und Grenzgänger, Anwalt für Suchende, Fernstehende, jene am Rande, die es auch bei uns gibt! Tappe nicht in die Falle, Dich zu verschließen, Dir selbst zu genügen und um Dich selbst zu kreisen, ob im Presbyterium, in der Pfarre, im SSR oder Dekanat!

Der dritte Advokat ist – wie kann es bei uns im Burgenland anders sein – unser Landes- und Diözesanpatron der hl. Martin, dessen Jubiläum wir heuer feiern. Martinus ist der Anwalt der Armen, Kleinen, Schwachen, Benachteiligten. Martinus ist der Pflichtverteidiger unter den Heiligen der katholischen Kirche. Die, die wenig oder nichts haben, denen stellt er sich zur Seite – und das sollst auch Du in Deinem priesterlichen Dienst tun. Sei dort anwesend und barmherzig, wo Menschen etwas fehlt: an materiellen und geistigen Dingen, an Einsicht! Verwirkliche die Werke der Barmherzigkeit in Deinem priesterlichen Leben! Das heißt nach Bischof Wanke konkret, einem Menschen zu sagen: Du gehörst dazu. Ich höre dir zu. Ich rede gut über dich. Ich gehe ein Stück mit dir. Ich teile mit dir. Ich besuche dich. Ich bete für dich. Das sind Martinstaten im Alltag, mit denen Du wie Martinus, Anwalt für die Armen bist, die es auch bei uns gibt! Vergiss als Kind einer kleinen Volksgruppe nie Deine eigenen Wurzeln, trag als Priester dazu bei, dass der Glaube, die Muttersprache und die Kultur in Deiner kroatischen Volksgruppe hier im Burgenland weiterlebt und sei offen auch für die anderen Volksruppen und Minderheiten in unserem Land! Suche und unterstütze immer das Gemeinsame und meide alles, was spaltet und trennt! Martinus ist Dir und uns allen darin als Brückenbauer ein guter Anwalt!

Schließlich möchte ich Dein Leben und Deinen priesterlichen Dienst der größten aller Anwältinnen beim Herrn anvertrauen der „Advocata nostra“, der Muttergottes von Mariazell, unserer Advokatin, die auf Deinem Berufungsweg besonders bedeutsam war, damit Du wie Petrus Familienanwalt, wie Paulus Anwalt für Suchende und Fernstehende, wie Martinus Pflichtverteidiger und Anwalt der Armen, Notleidenden und Hilfsbedürftigen sein kannst!

Erbitten wir nun Gottes Beistand, den Hl. Geist, für unseren Weihekandidaten! Amen.

Dienstag, 29. März 2016

Osterpredigt im Martinsdom - 27. März 2016

Vor wenigen Tagen wurde Europa in seinem Zentrum von barbarischen Attacken getroffen. Zwei Bomben rissen in Brüssel mehrere Dutzend Menschen in den Tod. Viele der Überlebenden wurden schwer verwundet, bleiben ein Leben lang von den schrecklichen Ereignissen an Leib und Seele gezeichnet. Die Täter: Drei irregeleitete junge Männer, die im Namen Gottes/Religion anderen das Leben nahmen und dabei getan haben, was in allen zivilisierten Gesellschaften als das Abscheulichste überhaupt angesehen wird. Unsere Gebete und unser Mitgefühl gelten den Opfern der Anschläge und ihren Angehörigen. Doch am allermeisten sind es die Seelen der Attentäter, die unser aller Gebet brauchen.

Charles Declerq, ein Priester und Journalist eines katholischen Radiosenders, der das Unglück in der Brüsseler Metro-Station Maelbeek miterlebte, berichtete, wie sich bei der Einfahrt seines Zugs in die Station die Detonation ereignete. Er beschreibt es mit folgenden Worten: "Glasscheiben fallen auf meine Beine, kein Licht, Rauch, Schreie." In Dunkelheit und Qualm hätten die Menschen verzweifelt einen Weg ins Freie gesucht. Und Declerq berichtet weiter: "Nach zwei Minuten kam der Zugführer mit einer Leuchte und ließ die Passagiere an einer Stelle nach draußen, wo es ein Fenster gab."

Liebe Schwestern und Brüder! Der Zugführer kam mit einer Leuchte und ließ die Menschen nach draußen, wo es ein Fenster gab … Dieser Satz hat mich tief ergriffen. Versuchen wir uns die Szene vorzustellen, auch wenn sie unvorstellbar ist: In allergrößter Bedrängnis, völlig im Dunkeln, inmitten der Schreie der Sterbenden und Verwundeten, mit Rauch in den Augen und dem Geruch des Blutes und des Todes in der Nase, muss das Herannahen des Zugführers mit seinem Licht den Menschen im U-Bahn-Schacht von Maelbeek wie eine Erlösung vorgekommen sein. Wir können uns kaum vorstellen, was die Menschen in dieser existentiellen Randerfahrung erlebt haben, als Minuten zur Ewigkeit wurden. Ihr Erlebnis bringt uns sehr nahe an das österliche Geheimnis heran. Denn der Glaube an die Auferstehung Christi leuchtet vor allem in den Opfern, den Bedrängten, Flüchtlingen und Verfolgten, Gefallenen und Ausgestoßenen, Kranken und Verwundeten, Armen und Unterdrückten, Missbrauchten und Vergessenen. Sie sind es, denen sich Jesus in besonderer Weise zugewandt hat. So beginnt das Osterereignis stets in einem dunklen Tunnel! Der Leidensweg Jesu war solch ein dunkler Tunnel. Sein Schrei am Kreuz: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" steht für den dunkelsten Moment. Die U-Bahn-Tunnel unserer modernen Zeit sind ein starkes Symbol für die Hoffnungslosigkeit und die Lebensdramen vieler Menschen. Über eine Rolltreppe gelangt man in eine Art "Unterwelt", wo es kein Tageslicht gibt. Dort bewegt man sich auf den Schienen eines Übergangsstadiums/Schwellenraums, so lange, bis man an eine neue Station gelangt, von wo aus der Mensch wieder aufsteigt ans Licht. Unser aller Leben ist voll von solchen dunklen Momenten des Übergangs, des Abstiegs ins Dunkel und Aufstiegs ans Licht, von Momenten des Schmerzes, Zweifels und der Sünde, aber auch der Liebe und Freude. Jesus hat in seiner Auferstehung das allergrößte Dunkel, die Macht des Bösen und des Todes überwunden. Der Tod hat nicht mehr das letzte Wort, sondern ist nur der Durchgangstunnel vor dem Aufstieg ans Licht, die Rolltreppe des Lichts. So ist der Auferstandene für uns alle der rettende Zugführer mit der Leuchte!

Liebe Schwestern und Brüder! Menschen, die aus dieser Hoffnung leben, be-halten dieses Licht nicht für sich, sondern geben es weiter. Als Christen sind wir in Taufe und Firmung zu Lichtträgern und Friedensboten gesalbt worden – wir sollen Glaube, Hoffnung und Liebe leben und andere damit anstecken. Sind wir Christen nicht oft in Gefahr die große Weltpolitik zu kritisieren, aber im eigenen Leben, in der eigenen Familie, im eigenen Haus, in der eigenen Pfarre und am Arbeitsplatz sind wir nicht imstande aus Überzeugung und mit Freude das Licht des Glaubens zu verbreiten und Friedensboten zu sein! Hört man nicht gerade in diesen Tagen auch bei uns oft von Christen, dass sie Angst vor Menschen mit anderer Sprache, Kultur und Religion haben und so das Christentum in Gefahr sehen, aber sie selber kennen, schätzen und prakti-zieren ihre eigene Religion nicht? Ist das nicht Verlogen? Solche Christen haben den Tunnelblick, aber keine österlichen Augen! Es fehlt ihnen die Begegnung mit dem Auferstandenen, das Osterlicht ist in ihnen weithin erloschen! Ostern ist das Fest des Fensters ins Licht – es braucht aber Lichtträger, die dieses Licht in unserer finsteren und kalten Welt mit Freude weitergeben! Seien wir wie helle Fenster, durch die andere Licht und Hoffnung erfahren!

Die Explosionen von Brüssel mit ihren tragischen Folgen müssen uns endlich aus unserem Schlaf wecken und geben uns die Versäumnisse im religiösen Leben, aber auch bei der Integration von Fremden, auch muslimischen Jugendlichen zu bedenken, was ein hochrangiger belgischer Politiker dieser Tage in seinem Land offen eingeräumt hat, wenn er sagt: "Wir waren nicht in der Lage, ihnen eine flämische Version des amerikanischen Traums anzubieten." Das heißt soviel wie: Wir, die Länder Europas – und ich nehme hier Österreich nicht aus – waren nicht in der Lage, auf die Jugend zu achten. Man hat über Jahrzehnte Menschen als billige Arbeitskräfte nach Europa geholt und dachte, jenseits der Wirtschaft würde sich alles andere von selbst regeln. Doch so war es nicht! Jeder Mensch hat eine Würde, ein Recht auf ein gutes Leben, seelische Bedürfnisse, verdient Chancengleichheit und Respekt. So sind mitten in Europa Parallelgesellschaften entstanden. Diese neuen Mitbürger sind in vielen Fällen Identitätssuchende geworden, orientierungslose/labile Jugendliche, die sich ideologischen Rattenfängern anschließen, ferngesteuert werden und so den Terror nach Europa bringen. Ob wir es wollen oder nicht: Europa trägt Mitverantwortung und Mitschuld an dieser Entwicklung!

Was ist die Antwort auf Gewalt und Terrorismus? Hass, Rache und Angst sind keine Antwort! Eine Gesellschaft, die beginnt sich abzuschotten, zu fürchten, alles und jeden zu verdächtigen, kontrollieren und zu überwachen, sperrt sich selbst in einen dunklen Tunnel. Sie wird zum Massengrab. Der dunklen Botschaft des Hasses und der Gewalt kann nur die leuchtende Botschaft der Liebe, Vergebung und Friedens wirksam entgegengesetzt werden – die Botschaft von Ostern! Wenn wir Christen auf Christus, den Zugführer mit der Leuchte schauen und vertrauen, und seine Lichtträger und Friedensboten sind, dann werden wir selber, unsere Gesellschaft, unser Land, Europa und die ganze Welt zum Raum der hellen Fenster, die Zerstörung in Heil, Angst in Hoffnung, Hass in Liebe übergehen lassen! An Ostern hat uns Christus, unser Zugführer mit der Leuchte den Weg ans Fenster des ewigen Lebens nicht nur gezeigt, er hat es uns geöffnet und ist als erster durchgegangen! Deshalb brauchen wir uns trotz Not und Bedrängnis nicht zu fürchten – das ist wirklich eine gute Nachricht, und daher wünschen wir Christen heute uns zu Recht: Frohe Ostern! Amen.

Donnerstag, 24. März 2016

Chrisam-Messe im Martinsdom, 23. März 2016

Der neue pastorale Weg der Diözese Eisenstadt verlangt von den kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verschiedene Charismen/Talente – nicht jeder/jede von den pastoralen Mitarbeitern hat alles und muss alles haben. Aber jeder/jede hat etwas, mit dem er/sie die Gemeinschaft bereichert – es braucht jeden/jede mit seinen Talenten für den Dienst im Weinberg des Herrn. Wenn wir heute hier im Martinsdom gemeinsam die Chrisam-Messe feiern, dabei die Öle weihen und unsere Bereitschaft zum priesterlichen Dienst erneuern, möchte ich in dieser Predigt mit Euch, liebe Mitbrüder, die verschiedenen Priestertypen bedenken, die es in jedem Presbyterium gibt und auch braucht.

Ich nehme mir dabei den bekannten Redemptoristen P. Bernhard Häring zu Hilfe, der auf prägnante/humorvolle Art und Weise verschiedene Priestertypen beschrieben hat. So wie in der Arche Nohas nicht alle Tiere gleich waren, so gibt es auch innerhalb der Priesterschaft eine große Vielfalt von Priestertypen. Ich meine, es braucht heute vor allem 3 Typen für den priesterlichen Dienst:

Es braucht heute den Zeugen des Evangeliums Jesu Christi. 
Die Botschaft von Jesu Leben, Tod und Auferstehung kann kein Mensch erdichten und sich selbst sagen, er kann sie sich nur sagen lassen und dankbar empfangen. Ein Priester steht daher zunächst im Dienst der Verkündigung des Evangeliums. Um diesen Dienst überzeugend zu tun, muss er selbst ein überzeugter Mensch sein; er muss von der Wahrheit des Evangeliums überzeugt sein. Er muss selber Jesu liebenden Blick im Leben erfahren haben, um den Mitmenschen mit dem liebenden Blick Jesu begegnen zu können. Er selbst darf Jesus nicht aus dem Blick verlieren – das Gebet/Stundengebet, die Liturgie, Bibelbetrachtung, Beichte, Anbetung helfen dabei! Unsere Zeit braucht Priester, die das Evangelium mit Freude und Begeisterung verkünden sowie mit ihrem Leben bezeugen!

Es braucht heute auch den Propheten. 
Es ist Lehre der Kirche, dass alle Christen am prophetischen Amt Christi teilhaben. Wenn dem so ist, dann sollte dies vor allem für die Priester in spürbarer Weise zutreffen. Was ist mit prophetischer Sendung und Begabung gemeint? Propheten sind Menschen, die eine tiefe Einsicht in das Geheimnis des Glaubens und einen überzeugenden Blick für die Zeichen der Zeit haben. Propheten sind Menschen, die immer zwei oder drei Schritte voraus sind im Durchschauen der Heilsgeschichte und dem entsprechenden Lebenszeugnis. Propheten sind Menschen, die uns nicht nur mit Worten, sondern durch ihr Leben den aufrechten Gang lehren, leere Hülsen entlarven, das Wesentliche und Mögliche vom Unwesentlichen und Nebensächlichen zu unterscheiden. Propheten helfen den Menschen die Gnade der Stunde zu entdecken, sie leben vom Vorschuss der Gnade Gottes und verstehen es, anderen den nötigen Vor-schuss an Vertrauen zu schenken. Unsere Zeit braucht Priester als Propheten!

Es braucht heute aber auch den Heiler. 
In vielen Kulturen und Religionen fielen die Rolle des Priesters und des Heilers zusammen. Selbst Jesus ging im Lande umher, die Frohbotschaft verkündend und heilend. Er verkündete die Heilsbotschaft vom Reich Gottes und heilte alle Krankheiten und Gebrechen im Volk. Die Menschen wollten ihn berühren, denn es ging eine heilende Kraft von ihm aus, alle, die er berührte, wurden geheilt! Die liebende Gegenwart und wärmende Nähe Jesu heilt die menschlichen Beziehungen und befreit von den Krankheiten, die Folge gestörter menschlicher Beziehungen und einer gestörten Beziehung zu Gott sind. In den hl. Ölen gibt sich uns der Herr selber als Heilsmittel in die Hand, um heute Menschen zu heilen.

Die Kirche und Welt von heute braucht mehr denn je den Priester als Zeugen des Evangeliums, Propheten und Heiler – wir wurden dazu in Taufe, Firmung und Weihe gesalbt und gesendet. Wenn wir heute die Öle weihen, dann ist diese liturgische Handlung nicht einfach ein äußerlicher Ritus. Sie enthält vielmehr für uns alle die Selbstvergewisserung, dass wir auf ihn und seinen Namen gesalbt sind in der Taufe, dass wir von ihm bestätigt sind in der Firmung und dass wir gesandt sind in der Priesterweihe, treue Diener des Freudenöls zu sein – Zeugen des Evangeliums, Propheten und Heiler. Und aus dieser Selbstvergewisserung fließt von selbst die Selbstverpflichtung, uns selbst heute wieder neu einsalben zu lassen in das Geheimnis Jesu Christi.

Als Bischof danke ich Euch, liebe Mitbrüder, für Euren Einsatz und Dienst! Mit P. Häring bitte ich Euch aber gleichzeitig: Seid kein Gockel auf dem Misthaufen, keine Moralisten, Gendarmen, Ritualisten, Intriganten und Pessimisten! Seid vielmehr Priesteroriginale, die ihre Charismen/Talente in unsere Diözese einbringen und gemeinsam mit den anderen pastoralen Mitarbeitern, den uns anvertrauten Menschen dienen – dann wird unser pastoraler Weg gelingen!

Es ist für uns gut, dass der Herr auch uns seine Diener der Schwachheit unterworfen hat, damit wir Mitleid verspüren mit denen, die in Unwissenheit und Irrtum leben. Sie sollen durch uns erfahren, von Gott erwartet und geliebt zu sein und bei ihm Vergebung zu finden – eine große priesterliche Aufgabe!

Mit Papst Franziskus bete ich: "Herr Jesus Christus, sende aus deinen Geist und schenke uns allen seine Salbung, damit das Jubiläum der Barmherzigkeit ein Gnadenjahr des Herrn werde und deine Kirche mit neuer Begeisterung den Armen die Frohe Botschaft bringe, den Gefangenen und Unterdrückten die Freiheit verkünde und den Blinden die Augen öffne." So sei es – Amen!

Donnerstag, 25. Februar 2016

Pendlermesse der Burgenländer in Wien - 24. Feber 2016

Im soeben gehörten Evangelium aus den sog. "Abschiedsreden Jesu" fasst der Evangelist Johannes in einigen Worten zusammen, was Jesus den Aposteln als Vermächtnis ans Herz legt; was er sich von denen wünscht, die ihm nachfolgen wollen, die in seinem Sinn leben wollen. Es sind 3 Dinge, die er uns mitgibt:

Lasst die Leute das Geheimnis Gottes erleben – durch eure Liebe! "Bleibt in meiner Liebe!" oder: "Dies trage ich euch auf: Liebt einander!", sagt Jesus im heutigen Evangelium. Was heißt das für uns Christen – die Jünger Jesu von heute – in den Alltag übersetzt? Zeigt durch die Art und Weise, wie ihr miteinander umgeht, an welchen Gott ihr glaubt. Macht durch den Respekt, den ihr auch den weniger sympathischen Mitmenschen entgegenbringt – heute besonders auch den Flüchtlingen – ganz deutlich, dass vor Gott jeder Mensch wertvoll ist und eine hohe Würde hat. Dass das nicht immer leicht fällt, hat der englische Schauspieler Peter Ustinov auf den Punkt gebracht: "Die Bibel sagt, du sollst deinen Nächsten lieben. Ich bin überzeugt, dass sie meinen Nachbarn nicht kennt." Christen versuchen gerade deswegen, anderen mit Achtung zu begegnen; nicht nur auf das eigene Recht und den eigenen Vorteil zu schielen, hilfsbereit und entgegenkommend zu sein, in Liebe einander zu dienen. Wer lieblose Christen oder eine lieblose Kirche erlebt, der kann nichts ahnen vom Geheimnis eines liebenden Gottes.

Lasst die Leute das Geheimnis Gottes erleben – durch eure Freude! "Meine Freude soll in euch sein und eure Freude soll vollkommen werden", sagt Jesus als zweites im heutigen Evangelium. Was heißt das für uns Christen – die Jünger Jesu von heute – in den Alltag übersetzt? Ergreift die Möglichkeiten, die das Leben euch anbietet. Zeigt immer wieder durch eure Gelassenheit und eure Freude, durch ein frohes Gesicht oder ein herzliches Lachen, dass ihr den Wunsch Jesu ernst nehmt. Feiert frohe und lebendige Gottesdienste, seid mit Begeisterung dabei und widerlegt damit die Spötter, die unsere Sonntagsmesse die "Pflichtveranstaltung der Mumien" nennen. Seht manches nicht so verbissen und verkrampft, sondern bewahrt euch ein freudiges, weites und positiv gestimmtes Herz. Wie hat Friedrich Nietzsche gesagt: "Wenn die Christen nur fröhlicher wären, könnte ich an ihren Gott glauben!" Wer freudlose Christen oder eine freudlose Kirche erlebt, der kann nichts ahnen vom Geheimnis eines Lebens- und menschenfreundlichen Gottes.

Lasst die Leute das Geheimnis Gottes erleben – durch eure Freiheit! "Ich nenne euch nicht mehr Knechte – ihr seid meine Freunde", sagt Jesus als drittes im heutigen Evangelium. Was heißt das für uns Christen – die Jünger Jesu von heute – in den Alltag übersetzt? Unterdrückt niemanden und wehrt euch gegen jede Art von Unterdrückung – steht auf und lernt den aufrechten Gang. Lasst nicht zu, dass Duckmäuser, Kleinkarierte, Ängstliche, Skrupulanten den Geist der Freiheit und Offenheit aus Kirche und Gesellschaft vertreiben. Habt Mut zu neuen Wegen und zu einem originellen Christsein. Bleibt trotz allem Gegenwind standhaft und treu, wachsam und kritisch. Schwimmt gegen den Strom, unterscheidet die Geister, schämt euch nicht für eure Überzeugung. Freut euch an neuen Ideen und fördert die Kreativität in euren Gemeinden und Gemeinschaften. Gebt jeder und jedem die Chance, ein eigenes Profil im Glauben zu entwickeln. Wer ängstliche und unfreie Christen, eine ängstliche und duckmäuserische Kirche erlebt, der kann nichts ahnen vom Geheimnis eines befreienden Gottes.

Lasst die Leute das Geheimnis Gottes erleben – durch eure Liebe, durch eure Freude, durch eure Freiheit – und in diesem Heiligen Jahr füge ich noch hinzu – durch eure Barmherzigkeit. Das ist das Vermächtnis Jesu an seine Apostel, an seine Jünger, an uns Christen, an seine Kirche. Die Fastenzeit ist eine gute Gelegenheit sich den Auftrag Jesu zu Herzen zu nehmen und Liebe, Freude, Freiheit und Barmherzigkeit im Alltag zu üben. Der Apostel Matthias – dessen Fest wir heute feiern – hat es uns vorgemacht, jetzt sind wir dran es ihm nachzumachen. Wir dürfen gewiss sein, dass er uns dabei nicht nur Vorbild und Wegweiser, sondern auch Helfer und Fürsprecher ist! Amen.

Hier geht´s zu den Fotos vom Gottesdienst ... 

Dienstag, 2. Februar 2016

Darstellung des Herrn - 2. Feber 2016

Mit dem heutigen Fest der Darstellung des Herrn wird das von Papst Franziskus ausgerufene "Jahr der Orden" feierlich beendet. Der Papst gab den Frauen und Männern des geweihten Lebens drei Ziele zur Reflexion mit auf ihren Weg: Erstens sollen sie dankbar auf die Vergangenheit ihrer Gemeinschaften schauen; zweitens hat er sie eingeladen, die Gegenwart mit Leidenschaft zu leben, und drittens hat sie der Papst ermutigt, die Zukunft voll Hoffnung zu ergreifen. Dieses Programm berührt doch die Frage, die sich im Grunde jeder Mensch stellt: Wie kann mein Leben gelingen? Der Dreischritt, den Papst Franziskus vorschlägt, kann uns helfen, auch unser Leben als getaufte Christen tiefer zu reflektieren, wozu ich sie alle in dieser Predigt einlade!

Dankbar auf das Leben schauen: In der Dankbarkeit gewinne ich das rechte Verhältnis zu meiner Vergangenheit. Bewusst zum Ausdruck gebrachte Dankbarkeit kann mir helfen, ein rechtes und vor allem versöhntes Verhältnis zu meiner Vergangenheit zu bekommen. Schauen wir dankbar auf das Leben und wir werden trotz aller Verwundungen versöhnt mit der Vergangenheit sein!

Die Gegenwart mit Leidenschaft leben: Als Mose Gott nach seinem Namen fragte, sagte dieser: "Ich bin der Ich bin da." Gott sagt nicht: "Ich war einmal da." Er sagt auch nicht: "Ich werde da sein." Nein, Gott sagt es in der Gegenwartsform: "Ich bin da." Im Hier und Jetzt meines Lebens ist Gott da. Das heißt: "Ich lebe jetzt und heute, ich lebe voll und ganz, und das Leben ist es wert, gelebt zu werden. Leben wir die Gegenwart mit Leidenschaft – Gott ist mit uns!

Die Zukunft voll Hoffnung ergreifen: Was das für mein Leben als Christ bedeuten kann, finde ich sehr schön wiedergegeben in der Aussage von Oscar Wilde: "Der einzige Unterschied zwischen dem Heiligen und dem Sünder ist, dass der Heilige eine Vergangenheit hat und jeder Sünder eine Zukunft." Ergreifen wir daher trotz aller Herausforderungen, Probleme und Niederlagen mit Hoffnung jeden Tag von neuem die Chancen, die uns geschenkt sind, gestalten wir mit unseren Fähigkeiten mit – dann haben wir nicht Angst vor der Zukunft!

Was Papst Franziskus den Ordensleuten ans Herz gelegt hat, ist für jeden Christen ein guter Rat für ein gelingendes Leben: Dankbar auf das Leben schauen – Die Gegenwart mit Leidenschaft leben – Die Zukunft voll Hoffnung ergreifen! Tun wir das und bringen wir wie Maria und Josef unser Opfer im Tempel, indem wir Gott unser Leben weihen und um seinen Segen bitten! Ich wünsche uns allen, dass wir wie Simeon und Hanna Warten-Können und immer mit Gott in unserem Leben rechnen – wir sollen wissen: Gott ist mit uns!

Als Bischof danke ich allen Ordensleuten in unserer Diözese, dass sie mit ihrem Ordenscharisma und persönlichem Einsatz unser Land bereichern, sage Vergelt´s Gott für ihr Beten und Arbeiten und ich erbitte unserer Kirche gute Priester- und Ordensberufungen sowie auch viele Christen, die aus Taufe/Firmung leben und unsere Kirche und Gesellschaft mitgestalten! Danke auch den Ordensgemeinschaften und dem Bischofsvikar für die Orden für jedes Gebet und alle Initiativen in diesem "Jahr der Orden" – möge es reiche Früchte tragen!

Vergessen wir nicht: der Auftrag von Papst Franziskus an die Ordensleute ist mit dem "Jahr der Orden" nicht beendet, sondern gilt weiter und sogar jedem Christen: Dankbar auf das Leben schauen – Die Gegenwart mit Leidenschaft leben – Die Zukunft voll Hoffnung ergreifen. Gottes Segen begleite uns dabei! Amen.

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