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Nachrichten - Bischof Ägidius J. Zsifkovics

Nachrichten und Predigten

© Diözese Eisenstadt/Gerald Gossmann

Montag, 7. September 2015

Ökumenischer Gedenkgottesdienst für die 71 Flüchtlinge an der Ostautobahn A4 bei Parndorf - Neusiedl am See, 4. September 2015

Von Blaise Pascal stammt der Satz: "Des Menschen Größe und sein Elend gehören zusammen."
Wir alle sind Zeugen und Nutznießer der Größe des Menschen, dessen, was menschlicher Geist und menschliches Können bis heute imstande sind – denken wir nur an den Fortschritt in der Technik, Medizin, Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst und Kultur. Wir alle sind aber auch Zeugen des menschlichen Elends, was der Mensch imstande ist zu tun, anderen anzutun und was er imstande ist zu erleiden und zu ertragen – das Ereignis von 71 erstickten Flüchtlingen in einem auf der Ostauto-bahn bei Parndorf abgestellten Lastwagen zeigt das ganze Elend des Menschen! Wir alle sind darüber betroffen, beschämt, verärgert und traurig. Wir stehen schockiert und hilflos da und können nicht glauben, dass so etwas im 21. Jahrhundert in unserem modernen Europa, vor unserer Haustür, möglich ist!

Wir sind deshalb heute Abend hierher nach Neusiedl am See gekommen, um ganz nah am Ort des Horrorfundes innezuhalten, für die 71 Opfer Kerzen anzuzünden und zu beten. Wir tun es gemeinsam als katholische, evangelische und orthodoxe Christen in guter ökumenischer Verbundenheit, auf unsere bewährte pannonische Art. Wir tun es in der festen Überzeugung, dass unser Gebet für die Opfer von Gott gehört wird und wir uns dabei in unserem Menschsein und Christsein bestärken. Denn wenn der Mensch betet, zeigt er seine wahre Größe und kann er auch das Elend besser tragen und ertragen, bekommt er von Gott Kraft zum Helfen!

Der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry sagte einmal: "Menschsein heißt verantwortlich sein, Scham empfinden beim Anblick der Not, auch wenn man augenblicklich nicht schuld an ihr ist." In diesen Tagen ist wahrhaft unser Menschsein und noch mehr unser Christsein gefordert, hart auf die Probe gestellt. Sind wir noch Menschen – fühlen wir uns für unsere Mitmenschen verantwort-lich, oder geht uns das alles nichts an und lässt es uns kalt? Empfinden wir noch Scham beim Anblick der Not, oder bleiben wir hartherzig? Jetzt genügen nicht mehr leere Absichtserklärungen, schöne Sonntagsreden, politisches Taktieren und Hick-Hack, ideologische Kämpfe, Schuldzuweisungen und Abschieben der Verantwortung auf andere, die Nationalstaaten auf die EU und die EU auf die Nationalstaaten. Jetzt braucht es einfach, rasch, unkompliziert Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft, Nächstenliebe. Die gelebte Menschlichkeit ist der eigentliche Maßstab christlichen Lebens. Was heißt das? Das heißt, letzter Maßstab ist nicht allein unsere Rechtgläubigkeit, die lückenlose Befolgung von Glaubenslehren und Geboten, nicht das Vorweisen eines tadellosen Lebens, sondern die gelebte Menschlichkeit gegenüber den Ärmsten und Geringsten. In ihnen begegnen wir Christus, sagt das eben gehörte Evangelium! "Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." Jesus ist zu finden in den Armen und Hilfsbedürftigen. Das, was wir Christen für sie tun, tun wir für Jesus und wir tun zugleich das, was Jesus selber getan hat als er sich den Ausgestoßenen und Notleidenden zuwandte.

Die zu uns kommenden Flüchtlinge sind heute die Geringsten, Hilfsbedürftigen. Wenn wir sie aufnehmen, nehmen wir Christus selber auf, der auch Flüchtling war. Vergessen wir nie: Morgen können wir diese Geringsten, Hilfsbedürftigen sein – auch wir erwarten uns dann von anderen Hilfe und Barmherzigkeit! Als Bischof danke ich allen in unserem Land, die sich für die Flüchtlinge einsetzen und ihnen helfen, die ihnen zu essen und zu trinken geben, die sie aufnehmen und ihnen ein Dach/Heimat/Geborgenheit geben, die ihnen Kleidung und alles notwendige zum Leben geben, sie besuchen, sich um sie kümmern – alle, die das tun dürfen wissen, dass sie Jesu Forderung im Evangelium erfüllen! Im Namen der Flüchtlinge sage ich allen Vergelt´s Gott dafür! Gleichzeitig bitte ich alle in unserem Land trotz der Herausforderungen in dieser schwierigen Situation zusammenzustehen, um die Not zu bewältigen! Ich bitte alle Pfarren um die Aufnahme von Flüchtlingen – es soll keine Pfarre bei uns geben, die sich dem entzieht, denn daran hängt unsere Glaubwürdigkeit! Als Europabischof appelliere ich an die Verantwortlichen in der EU und in den Mitgliedsstaaten alles zu tun, um dieser Not mit den europäischen Werten zu begegnen, den Flüchtlingen rasch und unkompliziert zu helfen und die Ursachen für diese Not ernsthaft und nachhaltig zu bekämpfen. An der Flüchtlingsfrage wird sich entscheiden, ob Europa als eine von christlichen Wurzeln, vom Prinzip der Menschenwürde und der Unveräußerlichkeit von Grundwerten getragene Wertegemeinschaft, als Friedensprojekt im offenen, demokratischen und solidarischen Miteinander wirklich gelebt wird, oder ob der europäische Gedanke zur Makulatur geworden ist. Das Ereignis von Parndorf ist eine Schande für die Menschheit! Es darf sich nie mehr wiederholen!

Viele Flüchtlinge warten auf den rettenden Zug, der sie aus Krieg, Verfolgung, Elend und Not in Freiheit, Sicherheit, Frieden und Wohlstand bringt. Vergessen wir nicht, dass nicht nur diese Menschen, sondern wir alle auf unserer Lebensreise Geleise der Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft, Nächstenliebe brauchen. Wir dürfen als Christen wissen, dass der Herr der Welt am Ende unserer Lebensreise im Zielbahnhof des Jüngsten Tages sich nach seinen eigenen Worten besonders für die einfahrenden Züge der Nächstenliebe interessieren wird – nach dem Motto: "Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." Mögen die Seelen der 71 erstickten Flüchtlinge auf der Ostautobahn bei Gott angekommen sein, der sie für immer liebevoll aufnimmt! Amen.