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Nachrichten - Bischof Ägidius J. Zsifkovics

Nachrichten und Predigten

© Diözese Eisenstadt/Gerald Gossmann

Montag, 4. Mai 2015

Pontifikalamt zum Jubiläum 90 Jahre Landeshauptstadt Eisenstadt - Dom St. Martin, 3. Mai 2015

Liebe Schwestern und Brüder!

Das Wort "Stadt" kommt in der Bibel unzählige Male vor. Städte sind es, in denen sich seit Anbeginn das Verhältnis des einzelnen Menschen zur Gemeinschaft und der Gemeinschaft zum einzelnen Menschen am prägnantesten zeigt; es sind die Orte, an denen sich die einzelnen Menschen und Menschengruppen der frühen Welt zu ersten Formen der Menschheit zusammenschließen. So sind es auch vorzugsweise die Städte und ihre Mächtigen, denen die Propheten ihr oft vernichtendes moralisches Attest ausstellen. Und schließlich kennt die Bibel das himmlische Jerusalem: die Stadt am Ende aller Zeiten, in der es weder Leid noch Tränen gibt; die Stadt als Bild für den finalen Zustand einer mit Gott vereinigten Menschheit.

Wir feiern in diesen Tagen das 90jährige Bestehen unserer eigenen Stadt, Eisenstadt, als Hauptstadt des Burgenlandes und als Ort von Frieden, Freiheit und Wohlstand. Nicht vernichtendes moralisches Urteil, sondern großer Dank und große Freude für den bisherigen Weg unseres Gemeinwesens dürfen in diesen Tagen unsere Herzen erfüllen!

Gleichzeitig muss der dankbare Blick zurück, wenn er mehr sein will als nur Nostalgie, bereits das Bewusstsein unserer kollektiven Verantwortung für das Morgen in sich tragen. Das "himmlische Jerusalem" ist nicht jetzt. Im Zeitalter der sich globalisierenden Menschheit und der sich globalisierenden Probleme erkennen immer mehr von uns, dass es eine politisch, ökonomisch und kulturell autarke Insel der Seligen nicht mehr geben kann. Für niemanden von uns! Selbst unser kleines, aber feines Barockjuwel Eisenstadt und das energieautarke Burgenland sind eingebettet in einen großen globalen Gesamtzusammenhang aus Ökologie und sozialen Menschheitsfragen, den zu erkennen und dem Rechnung zu tragen die wahrlich nicht leichte Aufgabe unserer gesellschaftlichen Verantwortungsträger ist. Das Ertrinken von 700 Bootsflüchtlingen vor der Grenze Europas ist kein exotisches Fernereignis mehr.

Was kann, was muss die Kirche zu den Herausforderungen eines Gemeinwesens im 21. Jahrhundert sagen?

Die Schriftstellen, die wir heute gehört haben – der Psalm, die beiden Lesungen und zuletzt des Evangelium des Johannes –, fassen den christlichen Beitrag auf eine bestechend prägnante Weise zusammen: Der Psalm geht aus von der konkreten menschlichen Sorge um die Mitbürger, von der Sorge um die Armen und die Suchenden, und er verwurzelt diese Sorge im Anerkenntnis der Wirkmacht einer höheren Instanz: der Wirkmacht Gottes und seiner Gebote. Es ist die höchste Instanz aller nachfolgenden Generationen und Gesellschaften, die Heil und Segen für sich beanspruchen wollen.

So lebt bereits – wie die 1. Lesung aus der Apostelgeschichte uns wissen lässt – die frühe Kirche in Judäa, Galiläa und Samarien in dieser "Furcht vor dem Herrn", wie es heißt. Gemeint ist hier aber nicht eine furchtsame, von Angst bestimmte Gesellschaft, sondern eine Gesellschaft, die sich nicht ständig selbst in Machbarkeitswahn zum Maß aller Dinge erhebt. Gemeint ist eine Gesellschaft, die aus einem Urvertrauen an Gott lebt und die erst dadurch wirklich frei wird. Eine Gesellschaft, die trotz aller eigenen Fähigkeiten und Talente die Gebote Gottes achtet und wächst "durch die Hilfe des Heiligen Geistes", wie die Apostelgeschichte es ausdrückt.

Diese Woche wurde im Diözesanmuseum eine große Ausstellung zur Geschichte unserer Stadt Eisenstadt eröffnet. Anlässlich der Eröffnungsfeier habe ich diese Geschichte anhand von drei großen Bildern gedeutet. Eines davon war das Bild des Dorfes, das zur Stadt wird. Ich erinnerte daran, dass dieses Bild, wie bei einem Flügelaltar, von Anfang an an einem Scharnier hängt, das sich durch die Jahrhunderte unserer Stadt ziehen wird: Dieses "Scharnier", dieser geistliche und geistige Angelpunkt heißt "Martinus", der Patron bereits jener ersten Siedlung vor neun Jahrhunderten; der Patron, der im ungarischen Ortsnamen für Eisenstadt – Kismarton (Klein Martins-Dorf) – bis heute festgeschrieben ist.

Denn so wenig wir über die fremden Siedler auch wissen, die um 1100 in den westungarischen Grenzraum kamen und die heutige Stadt Eisenstadt gründeten – zwei entscheidende Dinge wissen wir über sie: Es waren Bauern, die an den Hängen des Leithagebirges die beste Lebensgrundlage für den Weinbau fanden. Und: es waren Menschen, in denen das Vermächtnis des großen Heiligen der christlichen Nächstenliebe so lebendig gewesen sein musste, dass sie ihren Lebensraum dem heiligen Martin weihten und ihm seinen Namen gaben. Das Bild vom Weinstock und den Reben aus dem Johannesevangelium, die zusammenbleiben müssen, damit reiche Frucht hervorgeht, hat hier, an diesem Ort, eine einzigartige Symbiose aus Natur und christlichem Lebensstil erlebt, prägend bis zum heutigen Tag.

Liebe Schwestern und Brüder! Ich bitte Euch, nie zu übersehen, was der christliche Glaube so vieler ungezählter Menschen an und in dieser Stadt gewirkt hat. Diese unsere Stadt würde heute nicht so dastehen – und ich rede nicht nur von ihren Bauwerken! – ohne ihr Dranhängen am "wahren Weinstock" Christus und an Gott, dem "wahren Winzer". Selbst das, was in unserer heutigen Gesellschaft, in ganz Europa, in Österreich, unserem Land Burgenland und auch hier inmitten unserer Landeshauptstadt Eisenstadt auf den ersten Blick als weltlich, als säkular, als religiös neutral erscheint, trägt unter der Oberfläche die christliche DNA. Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Bürger- und Menschenrechte gehen zurück auf die Überzeugung vom unendlichen Wert des Menschen und der menschlichen Seele vor Gott. Sie sind Ausdruck einer Entwicklung, die vor 2000 Jahren begann. Zu einer Zeit, aus der die Texte stammen, die uns heute vorgelesen wurden. So gesehen, sind es die wahren politischen Texte der Menschheit, die wir heute hörten. Dass der Mensch – und zwar jeder Mensch! – etwas wert ist, hat seinen Ursprung in dieser jüdisch-christlichen Wurzel des Abendlandes! Hier in dieser Weltgegend, in der unsere Landeshauptstadt liegt, wurde diese Überzeugung und wurden diese Texte immer wieder hochgehalten – gegen alle Anstürme und Zeitenbrüche! Bewahren und schützen wir diesen Wurzelstock, an dem wir alle hängen!

Die Kirche – immer weniger als Taufschein-Christentum, sondern immer mehr durch innerlich überzeugte und danach lebende Christen – ist im 21. Jahrhundert kein staatlicher Funktionserfüller mehr und übernimmt auch nicht mehr frühere Feigenblattfunktionen. Die sich ständig erneuernde Kirche – mit dem Evangelium als Reiseführer in der Hand – will zunehmend globaler Wegweiser sein und sie will unaufhörlich erinnern:
  • an die Sorge für den Nächsten in Stadt, Land und Kontinent;
  • an den Einen, der uns diese Sorge aufgetragen hat und der kein bloßer Sozialreformer oder charismatischer Redner war, sondern Derjenige, der den Tod wahrhaft überwunden hat, Jesus Christus ;
  • und sie will erinnern an eine Welt, in der Gott mitten unter uns ist – eine Gegenwart, die uns selbst dort noch christliche Gelassenheit ermöglicht, wo das Leben uns an der Wurzel unserer persönlichen und gemeinschaftlichen Existenz angeht. 
Ich wünsche unserer Stadt – nein, besser ich: Ich wünsche den Menschen, die an dieser Stadt als lebendige Bausteine weiterbauen, dass sie mit allen ihren persönlichen Brüchen, Verwundungen, Abhängigkeiten und Verirrungen, diesen Letztbezug zur Transzendenz, zu Gott diese letztlich entscheidende "Funkverbindung" nach oben, nicht verlieren, sondern wie die Reben am Weinstock bleiben und gute Früchte hervorbringen. Eine Stadt, gebaut aus möglichst vielen Menschen mit dieser persönlichen "Funkverbindung nach oben", wird nur ein gnädiges Urteil der Propheten zu erwarten haben.

Gottes Segen und die Fürsprache des heiligen Martin begleite unsere jubilierende Landeshauptstadt und Freistadt Eisenstadt sowie alle seine Verantwortungsträger und Bewohner in eine gute Zukunft, im himmlischen Jerusalem der Stadt aller Städte! Möge Gott weiterhin in unserer Stadt einen festen Platz haben und mit uns auf dem Weg bleiben!
Amen.