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Diözese Eisenstadt - Seitentitel
Nachrichten - Bischof Ägidius J. Zsifkovics

Nachrichten und Predigten

© Diözese Eisenstadt/Gerald Gossmann

Freitag, 25. Dezember 2015

Predigt zur Christmette - 24. Dezember 2015

Bethlehem und der moralische Klimawandel: Herzenserwärmung statt Erderwärmung

Liebe Schwestern und Brüder!

Unter den großen Worten dieses bald zu Ende gehenden Jahres befand sich auch das Wort „Klimawandel“. Nachdem in den vergangenen 25 Jahren jeder internationale Versuch, etwas für das Klima unseres Planeten zu tun, mehr oder weniger gescheitert ist, wurde der diesjährige Klimagipfel von Paris von vielen als ein bemerkenswerter Fortschritt bezeichnet.

Bei aller Freude darüber geben jedoch viele Experten zu bedenken, dass die Stimmung in den beteiligten politischen Kreisen weit besser sei als die tatsächliche Lage unseres Planeten. Tatsächlich ist der Zustand des Weltklimas nach wie vor besorgniserregend. Die in Paris beschlossene Obergrenze von maximal 1,5 Grad Celsius Erderwärmung bis zum Ende dieses Jahrhunderts wird von Forschern als unrealistisch beurteilt. Denn damit sich die Erde bis zum Jahr 2100 nur um diesen Wert erwärmt, müssten wir in fünf Jahren komplett aufhören, Kohle, Öl und Gas zu verbrennen.

Statt dessen produziert die jetzige Menschheit pro Jahr mehr Ruß als im gesamten Mittelalter, legt jährlich sechs Billionen Kilometer mit dem Flugzeug zurück; unser landwirtschaftliches System hat keine Antwort auf die bevorstehenden globalen Ernährungsprobleme, und die Generation unserer Enkelkinder wird sich die vom Klimawandel bedrohte Erde mit bereits 10 Milliarden Menschen teilen müssen. Es stellt sich die Frage: Haben wir als Menschheit überhaupt eine Zukunft, wenn wir so weitermachen?

Das Ereignis von Bethlehem ist seit jeher die Einladung an die Menschen, nicht so weiterzumachen und ihr Leben zu ändern. Heute, im 21. Jahrhundert, würde ich so weit gehen, diese Einladung von Bethlehem als den letzten Aufruf und die letzte Chance zum „moralischen und geistigen Klimawandel“ zu bezeichnen. Denn die barmherzige, freie, von unmenschlichen Bindungen an Haben und Besitz unabhängige Lebensweise, die Jesus den Menschen vorgelebt hat, ist auch nach 2000 Jahren Christentum noch nicht in das praktische Handeln der Völker eingegangen. Das Evangelium ist damit keinesfalls ein Auslaufmodell, sondern es ist heute zur Überlebensfrage der Menschheit geworden.

„Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ – so schildert der heute gehörte Johannesprolog die Menschwerdung Gottes und die Blindheit der Menschen für den Messias. Der heutige Mensch darf sich nicht rühmen, besser oder moralischer zu sein als die Menschen vor 2000 Jahren. Doch er hat heute eine viel bessere Perspektive auf die Konsequenzen seiner Handlungen. Erstmals in unserer Geschichte erschließen sich die Sünde und die Götzen der Macht, des Besitzes, des Genusses, vor denen Jesus warnte, einer objektiven Messbarkeit. Denn in den steigenden CO2-Ausstößen und den durch die Polschmelze ansteigenden Meeresspiegeln steigt uns auch unser eigener Lebensstil entgegen.

Drei Haltungen sind es, die diese fatale Entwicklung der Welt mitbestimmen:

1. Die Gier des Menschen: Papst Franziskus hat es in seiner Enzyklika Laudato si’ beinhart auf den Punkt gebracht, indem er seine umfassende Analyse der globalen Umweltverschmutzung und des Klimawandels in direkte Beziehung setzt zur Verschlechterung menschlicher Lebensqualität, zu sozialem Niedergang und weltweiter sozialer Ungerechtigkeit. Franziskus kritisiert schonungslos die Schwäche der internationalen Politik, während die Wirtschaftsmächte damit fortfahren, das derzeitige System zu rechtfertigen, in dem Spekulation und Streben nach Gewinn die Menschenwürde und die Umwelt ignorieren.

2. Die Unbarmherzigkeit des Menschen: Das von Papst Franziskus ausgerufene „Jahr der Barmherzigkeit“ kommt nicht von ungefähr. Damit sollen wir Menschen daran erinnert werden, dass wir alle selbst der Barmherzigkeit Gottes bedürfen und nicht müde werden dürfen, Barmherzigkeit auch an unseren Mitmenschen zu üben. Das Martinsjahr unserer Diözese führt uns dabei besonders das Beispiel unseres Diözesan- und Landespatrons Martinus vor Augen. Die Welt braucht mehr Martinus – das heißt mehr Solidarität, mehr Teilen, mehr Mitgefühl, statt noch mehr CO2.

3. Die Gottesferne des Menschen: Näher als in Bethlehem konnte Gott den Menschen nicht kommen. Seine Menschwerdung ist die Totalannäherung an uns. Dass gerade am Ort seiner Geburt heute eine acht Meter hohe Mauer in Bethlehem das palästinensische Autonomiegebiet von Israel trennt, ist ein schmerzhaftes Symbol für die Mauern, die wir Menschen in unseren Herzen aufstellen. Gott kann sich uns durch seine Menschwerdung noch so sehr annähern – wenn wir uns nicht von ihm anrühren lassen, ist alles vergebens.

Ich möchte es am Heiligen Abend klar sagen, gerade weil es zur Flüchtlingskrise und zu den Ängsten vieler Menschen passt: Als Bischof und als Christ habe ich keine Angst vor Minaretten! Ich habe vielmehr Angst vor jenen Menschen mitten unter uns, die die Bedeutung des Kirchturms nicht mehr kennen und die die Bedeutung des Kindes in der Krippe nicht mehr kennen. Menschen, für die Weihnachten zum inhaltsleeren Fest des Kitsches und einer verengten Punschseligkeit verkommen ist, zum kalendarisierten Überbleibsel eines reinen Gewohnheitschristentums, hinter dem sich alte Asche, aber kein Feuer mehr befindet. Heute ist uns der Retter geboren! Wer wirklich auf das Kind in der Krippe blickt und Christus, dem Retter der Welt, sein Herz öffnet, der hat keine Angst! – weder vor einer anderen Religion noch vor dem Atheismus.

Liebe Schwestern und Brüder! Ich weiß nicht, ob wir die Welt retten werden, wenn wir weniger Wasser beim Duschen verbrauchen oder in Zukunft nur mehr Elektroautos kaufen – manche Forscher raten mittlerweile sogar dringend davon ab. Doch instinktiv wissen wir alle eines: Die Verschlechterungen der Umweltbedingungen und die Verschlechterung im menschlichen und moralischen Bereich sind untrennbar miteinander verbunden. Wir können keine gesunde Beziehung zur Natur und zu unserer Erde geltend machen ohne eine gesunde und verantwortungsvolle Beziehung zum Mitmenschen und zu Gott.

Das Kind in der Krippe von Bethlehem ist die Verbindung von Gott und Mensch, Himmel und Erde. Durch sein Menschwerden hat Gott vor 2000 Jahren einen ganz anderen Klimawandel eingeleitet. Gott will

- ein Klima der Menschlichkeit und der Selbstlosigkeit statt der Gier und der menschlichen Ausbeutung;
- ein Klima der Barmherzigkeit und der gegenseitigen Hilfe statt der Unbarmherzigkeit und der menschlichen Kälte;
- ein Klima der Gottesnähe und der Spiritualität statt der Gottesferne und des modernen Götzendienstes am Geld, am Besitz und am Konsum.

Der Blick auf den Erlöser in der Krippe führt dazu, das Klima der Welt nachhaltig zu ändern. Bethlehem verheißt uns den wahren, den entscheidenden, den moralischen Klimawandel der Menschheitsgeschichte. Sein Zeichen ist nicht die Erderwärmung, sondern die Herzenserwärmung.

Montag, 14. Dezember 2015

Öffnung der Heiligen Pforte im Martinsdom - 13. Dezember 2015

Papst Franziskus hat für die ganze Kirche ein außerordentliches Heiliges Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen, dass er am 8. Dezember – 50 Jahre nach Beendigung des 2. Vatikanischen Konzils – im Petersdom mit der Öffnung der Heiligen Pforte eröffnet hat und das bis zum Christkönigsfest 2016 dauern soll. Am heutigen 3. Adventssonntag – dem Sonntag der Freude – wird in allen Domkirchen und Jubiläumskirchen – bei uns sind es neben dem Martinsdom auch die päpstlichen Basiliken Frauenkirchen, Loretto und Güssing – mit der Öffnung der Heiligen Pforte in allen Diözesen das "Jahr der Barmherzigkeit" begonnen.

Wozu ein "Jahr der Barmherzigkeit"?
Papst Franziskus sagt in der Verkündigungsbulle folgendes dazu: "Ganz einfach, weil die Kirche in dieser Zeit großer epochaler Veränderungen gerufen ist, die Zeichen der Gegenwart und Nähe Gottes vermehrt anzubieten. Es ist die Zeit wieder auf das Wesentliche zu schauen. Es ist die Zeit für die Kirche, den Sinn des Auftrages wieder neu zu entdecken, den der Herr ihr am Ostertag anvertraut hat: Zeichen und Werkzeug der Barmherzigkeit des Vaters zu sein. Deswegen soll das Hl. Jahr den Wunsch lebendig halten, die vielen Zeichen der Barmherzigkeit begreifen zu können, die Gott der ganzen Welt anbietet, vor allem denen, die in Leid sind, die allein und verlassen und ohne Hoffnung sind, vom Vater Vergebung zu erlangen und sich von ihm geliebt zu wissen. Ein Jahr, in dem wir vom Herrn Jesus berührt und von seiner Barmherzigkeit verwandelt werden, damit auch wir zu Zeugen der Barmherzigkeit werden. Das ist der Grund für das Jubiläum, denn dies ist die Zeit der Barmherzigkeit." Heute am Sonntag Gaudete wollen wir mit Freude das Jahr der Barmherzigkeit beginnen, Gott für dieses Geschenk danken und diese Zeit der Gnade nützen!

Warum wird heute die "Heiligen Pforte" feierlich geöffnet?
Jedes Heilige Jahr wird in der Kirche mit der Öffnung der Hl. Pforte begonnen. Mit der Öffnung der Hl. Pforte in jeder Domkirche am heutigen Tag will Papst Franziskus jede Diözese direkt in dieses Hl. Jahr einbeziehen, es als eine Zeit der Gnade sehen und das ganze Volk Gottes zur geistlichen Erneuerung einladen. Bei meinem Besuch des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. dieser Tage in Konstantinopel habe ich die berühmte Hagia Sophia besucht und dabei an der Türschwelle zwei tiefe Stellen gesehen, an denen die Türwächter standen und die Pilger begrüßten. Die beiden Stellen sind so abgenützt, dass man beim Durchschreiten besonders achtsam sein muss, um nicht zu fallen. Türschwellen wollen dazu beitragen, das Hineingehen bewusster zu gestalten. Sie verstärken die Achtsamkeit auf den Unterschied zwischen draußen und drinnen. Sie laden ein, sich noch einen Augenblick lang auf Begegnungen vorzubereiten, die geschehen, wenn die Tür geöffnet wird.

Wir haben heute nach der feierlichen Prozession von der Franziskanerkirche vor dem Martinsdom bewusst angehalten, um die Heilige Pforte für unsere Diözese zu öffnen. Die Hl. Pforte erinnert uns an die Pforte des barmherzigen Herzen Gottes, die durch die geöffnete Seite Christi am Kreuz geöffnet wurde. Jesus ist die Tür, die zum Heil führt. Wenn ich nach der Öffnung der Hl. Pforte an der Türschwelle das Evangeliar erhoben und es nach innen und nach außen gezeigt habe, wird damit gesagt: Jesus ist das Antlitz der Barmherzigkeit des Vaters. Wenn wir die Heilige Pforte durchschreiten, lassen wir uns von der Barmherzigkeit Gottes umarmen und verpflichten uns, die Haltung des barmherzigen Samariters uns zu Eigen zu machen. Durchschreiten wir die Hl. Pforte bewusst, indem wir uns darauf innerlich gut vorbereiten!

Wie die Menschen im heutigen Evangelium Johannes den Täufer fragen auch wir: Was sollen wir also tun? Was sollen wir konkret tun in diesem Hl. Jahr?

Machen wir uns auf Wallfahrt zu den Jubiläumskirchen in unserer Diözese und durchschreiten wir bewusst die Heilige Pforte! Ich freue mich und bin dankbar, dass es im kommenden Jahr aus allen Dekanaten unserer Diözese monatliche Wallfahrten in unseren Dom geben wird mit einem vielfältigen geistlichen Programm, besonders mit der Vorbereitung auf das Sakrament der Versöhnung. Ich lade alle ein während des Hl. Jahres unseren Martinsdom oder die Basiliken in Frauenkirchen, Loretto und Güssing zu besuchen, um die Barmherzigkeit Gottes in einer guten Beichte zu erfahren und dabei den Ablass zu gewinnen. Die Priester bitte ich den Beichtdienst verantwortungsvoll zu tun, Abende der Barmherzigkeit anzubieten, um die Menschen gut auf die Beichte vorzubereiten! Die Gläubigen bitte ich dieses Angebot Gottes barmherziger Liebe anzunehmen!

Entdecken wir gerade im Jahr der Barmherzigkeit wieder die leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit, die Bischof Joachim Wanke aus Erfurt so treffend ins Heute übersetzt hat: Barmherzigkeit ist – einem Menschen sagen: Du gehörst dazu – Ich höre dir zu – Ich rede gut über dich – Ich gehe ein Stück mit dir – Ich teile mit dir – Ich besuche dich – Ich bete für dich. Tun wir das in diesem Jahr mit Freude und mit innerer Hingabe – so tun wir konkrete Werke der Barmherzigkeit!

Vergessen wir nicht gerade in diesem Heiligen Jahr, das auch unser Martinsjahr ist, eine Martinstat zu setzen – Martinus ist der Heilige der Barmherzigkeit! In diesem Jahr soll es daher bei uns nicht heißen: Wie du mir, so ich dir, sondern vielmehr: Wie Gott mir, so ich dir! Da ist die Haltung des hl. Martin!

Vertrauen wir uns selber, unsere Familien, Pfarrgemeinden und Diözese, unsere Kirche und Welt in diesem Heiligen Jahr der "Mutter der Barmherzigkeit" an, damit es für uns alle ein "Jahr der Freude, Gnade und Barmherzigkeit" werde! Amen.

Mittwoch, 9. Dezember 2015

Homilie zum Patrozinium im Linzer Mariendom - 8. Dezember 2015

Das heutige Marienfest mitten im Advent ist für viele Menschen unverständlich. Schon der deutsche Name "Ohne Erbsünde empfangene Jungfrau und Gottesmutter Maria" klingt kompliziert und missverständlich. Der lateinische Name heißt kurz: "Immaculata conceptio", was man mit "Unbefleckte Empfängnis" übersetzt – genauso können wir aber auch sagen: "makelloses Konzept" oder "tadelloser Entwurf". Mit anderen Worten: in Maria begegnet uns "Gottes makelloses Konzept" vom Menschen. An Maria wird sichtbar, wie sich Gott den Menschen denkt und wünscht, welche Grundvorstellung er von einem gelingenden Leben hat, wie sein Plan für ein erfülltes menschliches Leben aussieht. Wer auf Maria schaut, kann ahnen, wie Gott unser Leben konzipiert hat. Daher sind wir heute an ihrem Feiertag eingeladen auf die "Immaculata conceptio", auf Gottes "makelloses Konzept" und "tadellosen Entwurf" zu schauen, also auf Maria, der auch dieser prächtige Linzer Dom, die größte Kirche Österreichs, geweiht ist. Es sind vor allem 3 Dinge, die zu einem erfüllten Menschsein gehören und die wir von Maria, dem "makellosen Konzept" und "tadellosen Entwurf Gottes" vom Menschen für unser Leben und Christsein lernen können.

Zu einem erfüllten Menschsein gehört zuerst einmal, darauf zu hören, was Gott mit uns vorhat, welche Lebensaufgabe er uns zugedacht hat, was er uns an Chancen und Möglichkeiten zuspielt, was er uns zutraut, was er von uns erwartet. Maria wird uns im heutigen Evangelium beim Besuch des Engels im Haus von Nazareth als eine große Hörende vor Augen gestellt. Nur weil Maria bei Gottes Ruf zu Hause, still und aufmerksam war, zuhören konnte, war es ihr möglich Gottes Wort/Ruf/Einladung zu hören, zu überdenken und anzunehmen! Maria bestätigt mit ihrem Leben das Wort der Bibel, dass der Glaube vom Hören kommt. Weil Marias Ohr, die Tür ihres Hauses und Herzens für Gott offen war, konnte sie trotz aller Fragen und Zweifel ihr "JA" zu Gottes Plan sagen. Das "NEIN" des Menschen auf den ersten Seiten der Bibel, von dem die heutige 1. Lesung aus dem Buch Genesis erzählt, hat Gott angeregt, seither immer wieder das Gespräch mit den Menschen zu suchen – und in Maria hat er das "JA" des Menschen gefunden. Unser heutiges Fest sagt, dass Maria schon im Leib ihrer Mutter frei von der Schuldlawine war, in die jeder Mensch Zeit seines Lebens verstrickt ist. Gott schenkte Maria die Gnade, ohne Vorbelastung durch das Böse sich für oder gegen seine Pläne zu entscheiden. Maria sagt "JA" zum Plan Gottes! Hat der moderne Mensch trotz bester Kommunikationsmittel im Lärm der Zeit nicht weithin das Hören auf Gottes Wort – Glauben – Beten verlernt? Wenn Papst Franziskus in dieser Stunde im Petersdom in Rom die Hl. Pforte öffnet, an der Schwelle das Evangeliar zeigt und das "Jahr der Barmherzigkeit" damit beginnt, dann sind wir alle eingeladen Gottes Wort der Barmherzigkeit an uns in diesem Jahr zu hören und wie Maria mit unserem "JA" Antwort zu geben.

Zu einem erfüllten Menschsein gehört auch, entsprechend dem Gehörten zu handeln, dem Ruf oder der Berufung zu folgen, das in die Tat umzusetzen, was wir als unseren Auftrag erkannt haben. Mit dem Satz im heutigen Evangelium "Ich bin die Magd des Herrn" signalisiert Maria, dass sie ihre Lebensaufgabe annimmt, dass sie Jesus, im wahrsten Sinne des Wortes, "zur Welt bringen" will. Die 2. Lesung aus dem Epheserbrief sagt uns, dass Gott uns alle schon vor der Erschaffung der Welt erwählt und bestimmt hat seine Söhne und Töchter zu werden durch Jesus Christus. In Taufe und Firmung, manche von uns auch in Profess und Weihe sind wir alle berufen in der Gemeinschaft der Kirche Jesus nachzufolgen und wie er zu handeln – heute seine Hände, Füße, Lippen, Augen, Ohren und sein Herz zu sein!
Maria lebt und handelt aus dem Schatz ihres Glaubens. Sie hat dabei einen Blick für Arme, Niedrige, Erniedrigte, für alle an den Rändern der Gesellschaft. Maria bestätigt mit ihrem Leben, dass der Weg der Nachfolge Jesu nicht leicht aber möglich und erfüllend ist. Der Christ soll wie Maria mit den Augen Jesu sehen, Jesu Gesinnung haben und wie Jesus handeln, das heißt: Mit Jesu Augen Gottes Schöpfung und den Mitmenschen sehen, den Armen und Notleidenden.
Hat der moderne Mensch nicht weithin aufgehört auf Jesu Botschaft zu hören und nach ihr im Leben zu handeln, weil das von ihm Opfer, Umkehr und den Mut zum Zeugnis, zum Schwimmen gegen den Strom abverlangt? Sind wir nicht oft nur mit uns selbst beschäftigt und lässt uns die Not Anderer nicht kalt?

Schließlich gehört zu einem erfüllten Menschsein auch das Hinweisen: Wer auf Jesus hören, in seinem Sinn handeln will, wer darin den Sinn seines Lebens sieht – der möchte auch andere auf die Botschaft Jesu aufmerksam machen und sie zum Glauben an ihn einladen. Maria – so die Bibel – lädt andere ein, auf Jesus zu schauen und sein Wort zu hören. Im Hochzeitssaal von Kana lenkt sie den Blick auf Jesus, wenn sie zu den Dienern sagt: "Was er euch sagt, das tut!" Wie Maria sollen auch wir helfen an den Tischen der Welt – besonders den Armen und Notleidenden. Wir brauchen dabei nicht viel über Jesus reden – wir sollen vielmehr so handeln, dass man durch unser Tun nach Jesus fragt. Unser Leben soll ein Hinweis auf Jesus sein – das ist glaubwürdiges, überzeugendes und anziehendes Christentum! Gerade in der gegenwärtigen Flüchtlingskrise helfen viele Menschen bei uns aus ihrem christlichen Glauben heraus anderen Menschen, die auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung sind – als beauftragter Flüchtlingskoordinator der ÖBK danke ich allen in unserem Land, die in Kirche und Gesellschaft helfen die Not zu lindern und bitte darin nicht nachzulassen! Wer Österreich/Europa liebt, spaltet es nicht, indem er neue Zäune aufstellt – als Kind, das am Eisernen Vorhang aufgewachsen ist, kenne ich die Tragik "Zaun!"
Vergessen wir Christen nie: Auch Jesus, Maria und Josef waren Flüchtlinge!
Hat der moderne Christ nicht weithin aufgehört seinen Mitmenschen, Kindern in der Familie glaubwürdiger Wegweiser und Hinweisschild zu Gott zu sein? Maria bezeugt mit ihrem Leben, dass sie im Alltag den Glauben lebte, dass ihr Gebet, Gottesdienst, Wallfahrt, Caritas bedeutsam waren – wie ist das bei uns?

Hören – Handeln – Hinweisen: Drei Bausteine für ein gutes und sinnvolles Lebenskonzept, für einen klaren, eindeutigen und makellosen Lebensentwurf, für ein erfülltes Menschsein und Christsein – oder lateinisch gesagt: für eine "Immaculata conceptio", wie wir sie an Maria ablesen können. Wenn wir uns an diesem Konzept orientieren, versuchen Hören, Handeln, Hinweisen zum Grundmuster unseres Christseins zu machen, dann sind wir mit unserem Latein noch lange nicht am Ende, dann hat unser Leben nicht nur einen großen Anfang, sondern auch ein großes Ziel, eine große Zukunft – wie das Leben Marias!

Maria, die "Immaculata conceptio" hat es uns vorgemacht, jetzt sind wir dran es ihr heute nachzumachen, damit auch unser Leben gelingt. Wir dürfen wissen, sie ist uns dabei eine verständnisvolle Wegweiserin, Helferin und Fürsprecherin!

Mittwoch, 14. Oktober 2015

Erntedankfest und Diakonentreffen, Illmitz - 11. Oktober 2015

Das Wort "Danke" ist ein Schlüsselwort in unserem Leben. Es schließt die Tür zu einem neuen Leben auf, das nicht als selbstverständlich betrachtet wird, sondern ein Leben ist, das ich dankbar als Geschenk von Gott annehme. Weil die Hektik des Alltags uns oft vergessen lässt, wofür wir danken können und sollen, haben uns die Kinder beim Bußakt daran erinnert. Am heutigen Erntedankfest möchte ich daher mit Euch kurz über das Wort "Danke" nachdenken.

Der erste Buchstabe ist das D – wie Demut.
Wenn wir einem Menschen "Danke" sagen, haben wir meistens etwas von ihm bekommen: ein Geschenk, etwas Neues zum Anziehen, ein Spielzeug, vielleicht hat uns jemand bei der Arbeit oder in der Schule geholfen. Manchen Menschen fällt es schwer, für eine solche Hilfe danke zu sagen, weil sie sich schämen, dass sie es nicht alleine können. Danke sagen hat daher etwas mit Demut zu tun. Das bedeutet: Ja, ich kann nicht alles alleine. Ich bin froh, wenn mir geholfen wird.

Der zweite Buchstabe ist das A – wie Anerkennung.Kaum jemand kommt auf die Idee, außer am Muttertag oder am Geburtstag der Mutter dafür zu danken, dass sie sich Tag für Tag um das Essen, die Einkäufe, die Wäsche und vieles andere mehr kümmert. Meistens ist das für uns selbstverständlich. Genauso denkt man über Väter und Mütter, die für den Lebensunterhalt der Familie arbeiten gehen. Dabei sehnen sich Erwachsene genauso wie Kinder nach Lob und Anerkennung für das, was sie leisten. Danken hat also auch mit Anerkennung zu tun. Und wer von uns freut sich darüber nicht?!

Der dritte Buchstabe ist das N – wie Nähe.
Danken ist mehr als nur eine Höflichkeit. Danken ist eine Antwort auf das, was einer für mich getan hat. Ich lasse es nicht einfach geschehen, sondern ich rede mit dem Schenkenden. Wenn Menschen miteinander sprechen, kommen sie sich nahe. Das erfahren wir alle jeden Tag, in der Familie und Schule, am Arbeitsplatz, mit unseren Freunden, im kirchlichen und gesellschaftlichen Leben. Es ist für alle schön, ab und zu ein Dankeschön zu hören, weil dadurch Wärme, Nähe entsteht.

Der vierte Buchstabe ist das K – wie Kraft.
Wenn einer sich bei uns bedankt für eine kleine Hilfe in der Schule, am Arbeitsplatz oder zuhause, freuen wir uns und sind auch ein wenig stolz, dass unser Tun gelungen ist und unser Einsatz nicht umsonst war. Wir fühlen uns bestätigt. Das gibt uns Freude und Kraft, Aufgaben anzupacken, zu denen wir oft nur wenig oder keine Lust haben und die manchmal sogar undankbar sind.

Der fünfte Buchstabe ist das E – wie Einsicht.
Danken hat auch mit Einsicht zu tun. Ich sehe ein, dass ich nicht alles durch mich selber schaffe und nur mir selber verdanke. Ich bin angewiesen auf andere: auf meine Eltern und Geschwister, Freunde, Mitschüler, Arbeitskollegen, Lehrer, Ärzte, Politiker, Gewerke, Hilfsorganisationen, Vereine, Seelsorger, Gott. Wir leben miteinander in Gemeinschaft und haben viele Gründe dankbar zu sein!

Dankbarkeit macht nicht klein, sondern Dankbarkeit macht bewusst, dass das ganze Leben ein Geschenk ist: die Erde, auf der wir leben, und die Menschen, mit denen wir leben. Wir Christen glauben, dass Gott uns alles geschenkt hat. Darum versammeln wir uns am Sonntag zur Eucharistiefeier – zur Danksagung vor Gott für das Geschenk der Schöpfung, des Lebens, der Berufung, Erlösung! Das Erntedankfest erinnert uns alle DANKE zu sagen, um nicht die Bedeutung dieses Wortes zu vergessen – Demut, Anerkennung, Nähe, Kraft, Einsicht!

Erlaubt mir noch ein kurzes Wort an unsere Diakone aus ganz Österreich.
Die Lesungen des heutigen Sonntags geben 3 Tipps für euren Dienst in der Kirche und Welt, damit ihr eure Aufgaben besser erkennen und erfüllen könnt. 

Diakone sind von Gottes Weisheit erfüllt, bereiten ihr den Weg in der Welt. 
Der Verfasser der 1. Lesung weiß Macht und Reichtum, Gesundheit, Schönheit und Erfolg haben keinen Wert ohne die Weisheit. Sie hilft unterscheiden zwischen richtig und falsch, Nebensächlichem und Wesentlichem, Gut und Böse. Sie bleibt dem Menschen über den Tod hinaus, als ewiges Licht der Gotteserkenntnis und Gottesgemeinschaft. Diakone, von Gottes Weisheit erfüllt, bereitet ihr heute den Weg!

Diakone sind vom Wort Gottes bestimmt und getragen.
Die 2. Lesung aus dem Hebräerbrief sagt: Gottes Wort ist lebendig und mächtig. Sein Wort ist Schöpfung und Offenbarung, es ist Verheißung und Gericht. Das Wort mit dem er uns das Heil anbietet, bedeutet auch Entscheidung. Diakone sind zuerst bestimmt und getragen von Gottes Wort, damit sie dieses Wort dann auch den Menschen glaubwürdig verkünden und bezeugen können. Darum ist eure erste und wichtigste Nahrung Gottes Wort in der Hl. Schrift – lest, studiert, betrachtet es betend, lebt selber nach diesem Wort und ihr werdet es so den Menschen am glaubwürdigsten verkündigen und bezeugen!

Diakone sind dem Ruf Jesu gefolgt und dienen besonders den Armen.
Der Ruf zur Nachfolge ergeht an alle, die an Jesus glauben: aber nicht alle werden zur gleichen Form der Nachfolge gerufen. Das Evangelium dieses Sonntags zeigt uns das deutlich, wenn Jesus den reichen Jüngling ruft! Diakone sind dem Ruf Jesu gefolgt und haben den Sinn ihres Lebens gefunden im Dienst an den Armen. Der Diakon ist kein kirchlicher Statist, Karrierist oder gar Aufputz in der Liturgie, sondern wie es die Kirchenväter so schön und klar sagen, das Auge Gottes der Kirche. Der Diakon soll nicht zuerst auf sich selber schauen, sondern ein Auge haben für die Not der Menschen, besonders der Armen von heute. Vergesst das nie – das ist euer erster und wichtigster Dienst!

Als Bischof danke ich allen Diakonen in Österreich, besonders auch in unserer Diözese, für ihre vielfältigen, engagierten und treuen Dienste als wachsames Auge Gottes unserer Kirche! Ich bete für euch und wünsche euch, dass ihr mit Gottes Weisheit und Gottes Wort im Herzen den Armen von heute dient! Amen.

Sendungsfeier Katechismen, Stift Heiligenkreuz - 10. Oktober 2015

Die heutige Sendungsfeier der Katechisten hier im Stift Heiligenkreuz lädt ein nachzudenken, welche Eigenschaften heute Christen - Getaufte und Gefirmte - mehr noch Katechetinnen und Katecheten als Zeugen Jesu auszeichnen sollen. Es sind vor allem 3 Eigenschaften, über die ich mit Euch nachdenken möchte.

Der Christ-Katechist von heute muss ein durch und durch geistlicher Mensch sein.
Dies ist ein Mensch, in dem der Geist Gottes wohnt und der in seinem Leben auf die Lebenskraft des Heiligen Geistes vertraut, sich ganz und gar auf sein Wirken verlässt. Ein geistlicher Mensch ist also einer, der nicht allein auf das Sichtbare und Machbare, auf das Planbare und Leistbare schaut, sondern der vielmehr auf das unverfügbare Wirken des Geistes Gottes baut, daraus lebt, ihm Raum gibt. Geistliches Leben wird nirgendwo so konkret wie im Gebet und Gottesdienst. Hier wird erfahrbar, dass im christlichen Leben das Entscheidende von Gott her geschieht, der aber voll auf unser Mittun setzt. Geistliches Leben ist von der Spannung zwischen gläubiger Gelassenheit im Vertrauen auf Gottes Geist und persönlichem Engagement in der Nachfolge Jesu geprägt. Geistliches Leben ist unbedingte Voraussetzung und Grundlage für geistliches Tun, besonders für die Verkündigung! Papst Franziskus betont deshalb im Apostolischen Schreiben "Evangelii Gaudium" so sehr, dass jeder Christ eine persönliche Beziehung, Begegnung und Freundschaft mit Jesus haben muss, und wenn er sie noch nicht oder nicht mehr hat, dann soll er diese suchen. Pflegen wir daher das Gebet und den Gottesdienst, das Lesen und Betrachten der Hl. Schrift, die eucharistische Anbetung und empfangen wir selber die Sakramente, besonders das Sakrament der Versöhnung in der hl. Beichte, um geistliche Menschen zu werden/sein!

Der Christ-Katechist von heute muss auch ein ganz und gar weltlicher Mensch sein.
Echtes, gesundes geistliches Leben flieht nicht aus der Welt, sondern vielmehr mit der Welt in das Reich Gottes. Aufgabe des Seelsorgers und Katecheten ist es die Zeichen der Zeit wahrzunehmen und zu erkennen, in der Überzeugung, dass sich in ihnen das Wirken des Heiligen Geistes selbst zeigt. So gesehen ist es Aufgabe von Katecheten, gute Meteorologen des Glaubens in der heutigen Welt zu sein, die auf die Zeichen der Zeit achten, in ihnen das Wirken des Heiligen Geistes in der Welt wahrnehmen. Gläubiger Meteorologendienst ist keine billige Anpassung an die Plausibilitäten der Welt, sondern eine Vertiefung des Evangeliums. Die Konzentration auf Gott ist es, was Seelsorge heute entscheidend ausmacht; und diese Konzentration auf Gott ist genau das, was die Welt heute am meisten nötig hat. Als durch und durch weltliche Menschen erweisen sich Christen darin, dass sie Gott in der heutigen Welt verkünden und dass sie diese Welt auch kennen: sowohl die Nöte und Probleme, Ängste und Sorgen der Menschen als auch ihre Freuden und Sehnsüchte. Der Christ soll daher in der einen Hand die Bibel und in der anderen die Zeitung halten, beide gut kennen und miteinander verbinden!

Der Christ-Katechist von heute muss ein entschieden kirchlicher Mensch sein.
Kirchlichkeit bedeutet nicht kritikloser Konformismus. Da die Kirche nicht nur Kirche der Heiligen, sondern auch Kirche der Sünder ist, hat in ihr auch Kritik ihren legitimen Ort – vorausgesetzt, dass diese Kritik dem Aufbau der Kirche dient und nicht ihrer Zerstörung. Auf Ungehorsam ist kein Segen! Zur Kritik gehört immer auch ein gesundes Maß an Selbstkritik. Im Blick auf diese gilt die alte Lebensweisheit: "Man muss die Kirche nehmen, wie sie ist; eine andere gibt es nicht." Dieser konkreten Kirche mit ihren Schönheiten und Runzeln gilt unser Dienst, und nicht einer von uns erträumten und selbst zurechtgebastelten Kirche. Wahre Kirchlichkeit besteht darin, dass sich Katechisten der konkreten Kirche am Ort ihres Lebens in einer unbeirrbaren Gläubigkeit zur Verfügung stellen – deshalb werden sie auch feierlich gesendet, gibt es die missio canonica!
Ich bitte Euch: Schämt Euch nicht klug, unverkürzt und treu den Schatz des Glaubens den Euch anvertrauten Menschen weiterzugeben und mit Eurem Leben zu bezeugen! Es liegt kein Segen darauf, die Lehre der Kirche nach eigenen An-sichten zu verkürzen – habt den Mut die "Lehre der Apostel" zu verkünden, zusammen mit Petrus und den Nachfolgern der Apostel und nicht gegen sie!
Ich danke Euch für die Bereitschaft in den Dienst in ihren Diözesen für die Kirche zu treten, für Ihr Mittragen, Mitleiden mit der Kirche, für Ihre Kirchlichkeit!
Der Christ und noch mehr der Katechist von heute muss ein geistlicher, weltlicher und kirchlicher Mensch sein, um glaubwürdiger Zeuge Jesu zu sein! Wie sagt der Herr im Evangelium: "Selig sind die, die das Wort Gottes hören und es befolgen." Wer wie Maria Gottes Wort hört und befolgt, der ist auf dem Weg ein geistlicher, weltlicher und kirchlicher Mensch zu werden und zu sein. Schauen wir daher im Leben auf Maria und bitten wir die Rosenkranzkönigin um Christen, Hirten und Seelsorger, vor allem aber um Katechisten für unsere Kirche, die wirklich geistliche, weltliche und kirchliche Menschen sind! Die Kirche sendet Euch auf die Strassen der Welt, steigt ein in den Wagen der Menschen, hört zu, begleitet, unterweist und führt sie zum Glauben an Jesus! Ich wünsche Euch viel Freude, Mut und Geduld, vor allem aber Gottes Segen in Eurem neuen pastoralen Dienst als Katechisten! Amen.

Donnerstag, 1. Oktober 2015

Europabischof mahnt mehr Solidarität auf EU-Ebene ein

© kathbild.at / Franz Josef Rupprecht
01. Oktober 2015
Europa / Flüchtlinge / Europabischof / Zsifkovics / Kreta / Orthodoxe Kirche

Bischof Zsifkovics bei Lokalaugenschein sozialer Hotspots auf Kreta: „Die Not schutzsuchender Menschen auf der Flucht muss alle angehen“ – Es brauche eine gemeinsame, solidarische europäische Flüchtlingspolitik, um einerseits Überforderungen, andererseits Anfeindungen gegenüber Flüchtlingen entgegenzuwirken


„Es braucht mehr Solidarität innerhalb der Europäischen Union, eine Rückbesinnung auf den Geist des europäischen Miteinander und mehr Verantwortungsbewusstsein für ein Friedens- und Solidarprojekt, das in der Flüchtlingskrise seinen Lackmustest hat“: Das betonte Europabischof Ägidius J. Zsifkovics, der gemeinsam mit dem griechisch-orthodoxen Metropoliten von Austria, Arsenios Kardamakis, einen Lokalaugenschein zu sozialen und karitativen Einrichtungen auf Kreta und dessen Flüchtlings-Hotspots unternahm. Die Flüchtlingskrise sei eine europäische Herausforderung, die nur durch eine gemeinsame europäische Lösung bewältigt werden könne.

 „Europa darf Seele nicht verlieren“
„Die Not schutzsuchender Menschen auf der Flucht vor Krieg, Terror, Verfolgung und Gewalt muss alle in Europa angehen“, so der Europabischof, der ausdrücklich vor einem Abstreifen und Abschieben von Verantwortung mit Blick auf die Flüchtlingsfrage warnte. Solidarität und Hilfsbereitschaft mit Flüchtlingen sei ein unerlässlicher und unhintergehbarer Teil eines sich als Wertegemeinschaft verstehenden Europa. „Wenn wir in dieser Frage scheitern, scheitert der europäische Geist, und Europa verliert seine Seele“, mahnte Bischof Zsifkovics, auf dessen Initiative in der kleinen Diözese Eisenstadt 200 Betreuungsplätze für Flüchtlinge sowie zusätzlich 700 Notquartiere geschaffen wurden.

Ein Frauenkloster zeigt, wie es geht
Die Flüchtlingsfrage als das aktuell wohl dringendste europäische Thema ist in der Diözese Eisenstadt ebenso präsent und brisant wie auf Kreta. Auf der größten griechischen Insel unternahm der Europabischof zudem Lokalaugenscheine zu sozialen und karitativen Hotspots, etwa zum Frauenkloster Kalyviani, das mit ebenso viel Engagement und Professionalität sowohl ein Waisenheim für Mädchen als auch ein Altersheim führt. Hier werde auf großartige Weise gezeigt, „wie es gehen kann, wenn eine aus christlichem Selbst- und Solidarverständnis geleitete Vernunft des Herzens federführend ist“, zeigte sich Bischof Zsifkovics beeindruckt. Das Kloster mache eindrucksvoll deutlich, dass sich Spiritualität und konkretes gesellschaftspolitisches, mitmenschliches Engagement  wechselseitig befruchten können: Denn Sonntag für Sonntag kommen weit mehr als 1.000 Menschen, um an der hl. Messe an diesem geistlichen Zentrum teilzunehmen – ein Zentrum, das zugleich 30 hauptamtliche Sozialarbeiter, Psychologen und weitere Fachkräfte für die karitative und Sozialarbeit beschäftigt und die dafür monatlich notwendigen Personalkosten von rund 70.000 Euro aus eigener Kraftanstrengung aufzubringen weiß.

Christliche Grundhaltung statt Klima der Angst
Der Bischof der Diözese Eisenstadt forderte zudem mehr Fairness hinsichtlich der Verteilung von Flüchtlingen und zugleich die Etablierung einheitlicher humaner Asystandards, die der Würde schutzbedürftiger Menschen tatsächlich entsprechen. Die Frage der Aufnahme von Flüchtlingen dürfe weder in den Sog einer wirklichkeitsfremden Emotionalität, die faktische Herausforderungen und Kraftanstrengungen zu übertünchen und schönzufärben geneigt sei, noch in Fahrwässer von inhumaner, einer christlichen Grundhaltung gänzlich entgegengesetzten Anfeindungen und Fremdenfeindlichkeit hineingezogen werden. „Wir dürfen nicht zulassen, dass ein Klima der Angst, das zum Nährboden für Hass und Hetze werden kann, uns die Mitmenschlichkeit nimmt“, stellte Bischof Zsifkovics klar.

Die Chance in der Krise
Der derzeitige Ist-Zustand Europas im Umgang mit der Flüchtlingsfrage bedürfe jedenfalls einer dringlichen Korrektur: „So wie bislang kann es nicht einfach weitergehen. Wir brauchen eine systematische europäische Lösung, die nur dann nachhaltig auf den Weg gebracht werden kann, wenn das Wertefundament Europas ernst genommen und gelebt wird.“ Wenn dies gelinge, könne die Krise selbst zur Chance werden, an einem humanen Europa zu bauen, in dem Solidarität und der urchristliche Dienst am Nächsten nicht zur Worthülse, zur Makulatur einer Marketingblase verkomme, sondern den eigentlichen Kern für die Organisation des europäischen Gemeinwohls bilde.

Egoismen und Schrebergartenenge durchbrechen
Die Forderung nach mehr europäischer Solidarität wurden auch vom Oberhaupt der halb-autonomen orthodoxen Kirche auf Kreta, Erzbischof Irinaios von Heraklion, sowie dem griechisch-orthodoxen Metropoliten von Austria, Arsenios Kardamakis, aufgegriffen: Eogismen, Tendenzen des Trittbrettfahrens und des Einigelns in eine empathielose Schrebergartenenge müsse durch ein Netzwerk der Nächstenliebe durchbrochen werden. „Gerade in Griechenland zeigt sich in der Krise ein starkes soziales Netz, in das sich die Kirche mit all ihren Mitteln und Möglichkeiten für die von der Wirtschaftslage teils arg gebeutelten Menschen einsetzt“, so Metropolit Arsenios.

„Europa muss zusammenrücken“
Eine hartnäckig sich haltende, nichtsdestotrotz falsche Mär sei die Rede vom vermeintlichen „Reichtum“ der orthodoxen Kirche in Griechenland. „In Wahrheit haben die Diözesen vor geraumer Zeit ihren Grundbesitz an den Staat abgegeben, der wiederum die Besoldung der Priester und Diakone übernahm. Unter dem Spardiktat bewilligt die Regierung nur noch einen Neupriester pro Diözese und Jahr, der Bedarf ist jedoch angesichts zahlreicher anstehender Pensionierungen viel größer“ informierte Erzbischof Irinaios, der Metropolit von Heraklion. Gerade einmal 600 Euro betrage das Monatsgehalt eines Neupriesters, der zudem eine Familie mit Frau und Kindern zu erhalten habe. „Ob in der Flüchtlingsfrage oder in anderen sozialen Notsituationen: Europa muss zusammenrücken und sich gemeinsam, mit- und füreinander seiner Probleme stellen“, betonten Metropolit Arsenios und Diözesanbischof Zsifkovics im Einklang.

Bischof Zsifkovics auf Kreta: Offene Arme und Dank für orthodoxes Kloster

Ökumene / Kreta / griechisch-orthodoxe Kirche / Bischof / Zsifkovics
Erzbischof Irinaios von Heraklion: Dank für das „große und symbolbehaftete Geschenk des Grundstücks für ein orthodoxes Kloster in St. Andrä am Zicksee“ – Eisenstädter Diözesanbischof Zsifkovics betonte auf Kreta die Bedeutung des ökumenischen Dialogs und Brückenbaus

Mit offenen Armen, einer überwältigenden Gastfreundschaft und Herzlichkeit wurde eine Gruppe burgenländischer Pilger, angeführt vom Eisenstädter Diözesanbischof Ägidius J. Zsifkovics und begleitet vom griechisch-orthodoxen Metropoliten von Austria, Arsenios Kardamakis, von der griechisch-orthodoxen Kirche auf Kreta empfangen. Der offenherzigen Begegnung auf der größten griechischen Insel ging die Initiative von Bischof Zsifkovics, ein Stück Land in der Diözese für das erste orthodoxe Kloster in Österreich zur Verfügung zu stellen, voraus: ein Akt von weltkirchlicher Bedeutung im Zeichen des ökumenischen Brückenbaus, wie Vertreter der griechisch-orthodoxen Kirche die „Martinstat“ des Bischofs würdigten.

Wie der „martinus“, die Kirchenzeitung der Diözese Eisenstadt in seiner kommenden Ausgabe berichtet, dankte der Erzbischof der Insel und Metropolit von Heraklion, Irinaios Athanasiadis, dem Eisenstädter Diözesanbischof „im Namen der Kirche Kretas für das große und symbolbehaftete Geschenk des Grundstückes für ein orthodoxes Kloster in St. Andrä am Zicksee“. Besonders anerkennende Worte fand das Oberhaupt der halb-autonomen orthodoxen Kirche auf Kreta für die in Österreich bestehende „gut funktionierende Gemeinschaft zwischen orthodoxen und katholischen Christen“.

Besondere Freundschaft
Diözesanbischof Zsifkovics wiederum betonte die besondere Freundschaft, die ihn mit dem griechisch-orthodoxen Metropoliten von Austria, Arsenios Kardamakis, verbinde: In ihm habe er einen „kostbaren Bruder und wertvollen Freund“ gefunden, ähnlich wie Papst Franziskus im Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaius I., auf weltkirchlicher Ebene. Bischof Zsifkovics machte in der herzlichen Begegnung mit Erzbischof Irinaios auch auf eine kalendarische Verbundenheit zwischen dem Erzbistum der Mittelmeerinsel und der Martinsdiözese aufmerksam: Sowohl der Patron von Heraklion, der hl. Minas, als auch der Patron der Diözese Eisenstadt, der hl. Martin, werden am 11. November gefeiert.

Die große Wertschätzung für die Wegbereitung des geplanten ersten orthodoxen Klosters in Österreich kam Bischof Zsifkovics auch in der Begegnung mit der Mönchsgemeinschaft von Epanosifi, der Metropolit Arsenios selbst ebenfalls angehört, entgegen. Der hiesige Abt Bartholomaios sicherten im Gespräch mit dem Eisenstädter Diözesanbischof die geistliche und finanzielle Unterstützung des Klosters in St. Andrä am Zicksee zu. Die Türöffnerfunktion von Bischof Zsifkovics und seine Zurverfügungstellung eines Grundstücks für das zu errichtende Kloster im Burgenland werde „in der ganzen orthodoxen Welt“ anerkennend wahrgenommen, so der Abt.

Quinquennium: Bischof mit „Spürnase“
Der vorletzte Tag der Kreta-Reise fiel mit dem Quinquennium, dem 5. Jahrestag der Bischofsweihe von Ägidius J. Zsifkovics, zusammen, das der Bischof gemeinsam mit den Mitreisenden aus dem Burgenland und den griechischen Freunden mit einer Dankmesse in der katholischen Kirche von Rethymnon feierte. Auch der örtliche griechisch-orthodoxe Metropolit Eugenios nahm an der Dankesfeier teil. Eine „Spürnase“ für das zu haben, was die Kirche im Hier und Heute am dringendsten brauche, sei die zentrale Herausforderung seines Amtes, zitierte die Kirchenzeitung „martinus“ den Diözesanbischof. Er sei dankbar dafür, dass so viele helfende Hände und hingebende Herzen das Unterwegssein seines Hirtendienstes begleiten und mittragen. Zudem wolle er jenen „einladend, ermutigend und einfühlsam nachgehen“, denen „auf dem Weg die Luft ausgegangen ist“, so der Bischof anlässlich seines Quinquenniums.

Dienstag, 29. September 2015

„Wegweiser, nicht Sitzordner“: 5 Jahre Diözesanbischof Ägidius J. Zsifkovics

5. Jahrestag der Bischofsweihe des Eisenstädter Diözesanbischofs – Vom persönlichen Engagement für die christliche Solidarität mit Flüchtlingen über die Ermöglichung des ersten orthodoxen Klosters in Österreich bis zum "Neuen Pastoralen Weg": Der Europabischof wird der „Martinstaten“ nicht müde

Eisenstadt – „Keine Sitzordnung, sondern Wegweisung“ lautet einer der markantesten und charakteristischsten Appelle von Diözesanbischof Ägidius J. Zsifkovics, der sein bischöfliches Unterwegssein für die Diözese Eisenstadt so treffend auf den Punkt bringt: Grundlegende Überzeugungen in unkomplizierter, leutseliger, pragmatischer Weise stets neu auf der Höhe der Zeit ausbuchstabieren zu können, dabei ein weltoffenes, unbefangenes Sensorium für alle gesellschaftlichen Bereiche, gerade für die Randzonen, zu schärfen, aber ohne Rückgradverkrümmung und das Anbiedern an billigen Beifall.

Sein Quinquennium, den Fünf-Jahrestag seiner Bischofsweihe, „feierte“ der Europabischof auf eine Weise, die spiegelbildlich für sein bischöfliches Tun ist: Arbeitend und im ökumenischen Aufeinander-Zugehen mit der orthodoxen Kirche im Zuge einer Reise und eines Lokalaugenscheins auf Kreta, ohne Scheu, auch aktuelle gesellschaftspolitisch „heiße Eisen“ wie die europäische Solidarität mit Schutzsuchenden auf der Flucht anzupacken.

Plädoyer für mehr Martinus
Vor fünf Jahren, genauer am 25. September 2010, wurde Ägidius J. Zsifkovics im Martinsdom zum dritten Diözesanbischof von Eisenstadt und damit zum Nachfolger des ersten Eisenstädter Bischofs Stephan László und dessen Nachfolger Paul Iby geweiht. Bereits in seiner Ansprache hob der damals neugeweihte Diözesanbischof die Solidarität mit den Mitmenschen, insbesondere die Zuwendung zu den „Mühseligen und Beladenen“, die „Sorge für Arme, Heimatlose, Notleidende“ als „Dauerauftrag für die Kirche“, als konkrete Martinstaten gerade für die Martinsdiözese Eisenstadt hervor. „Wir brauchen mehr Martinus“, so die unermüdliche Ermutigung von Ägidius J. Zsifkovics.

Auch ein zweiter zentraler Grundbaustein kam bereits im Zuge der damaligen Bischofsweihe, vorgenommen von Hauptkonsekrator Kardinal Christoph Schönborn und den Konkonsekratoren Kardinal Josip Bozanic aus Zagreb und Bischof Paul Iby, lebendig zur Sprache: die hohe Wertschätzung der kulturellen, sprachlichen, spirituellen und ökumenischen Vielfalt des Burgenlandes im Herzen Europas, das „uns zum Modell für andere und so kostbar im großen Europa macht“, sagte Bischof Zsifkovics damals vor den 57 anwesenden Erzbischöfen und Bischöfen, einschließlich dem apostolischen Nuntius Erzbischof Peter Stephan Zurbriggen und dem Primas von Ungarn, Kardinal Peter Erdö.

Was sind nun die wesentlichen Akzente, die der Brückenbauer Ägidius J. Zsifkovics, der das Übersetzen, das wechselseitig sich befruchtende Händereichen von Welt und Kirche, von Kirche und Welt inmitten der Aktualität der Zeit zum Programm macht, in seinen ersten fünf Jahren als Diözesanbischof setzen konnte? Mit welchen Spuren und Färbungen hat sich sein bischöfliches Unterwegssein bis zum nun vollzogenen Quinquennium in die Diözese Eisenstadt und darüber hinaus eingeschrieben?

Solidarität mit Flüchtlingen: Sinusknoten christlichen Herzschlags 
Da wäre angesichts der brennenden Aktualität zunächst das persönliche Engagement von Diözesanbischof Zsifkovics für die Solidarität mit Flüchtlingen zu nennen. Die kleine Diözese Eisenstadt hat auf Initiative des Bischofs, der bereits zu Anfang des Jahres zu einem Asylgipfel eingeladen hatte, bis dato Wohnraum sowie umfassende, qualifizierte Betreuung für 200 Flüchtlinge und darüber hinaus zusätzlich 700 Notquartiere für Schutzsuchende auf der Flucht geschaffen. „Die solidarische Zuwendung zu hilfesuchenden Menschen liegt nicht an der Peripherie eines christlichen Selbst- und Weltverständnisses, sondern am Sinusknoten von dessen Herzschlag“, ist Bischof Zsifkovics nicht müde zu betonen. Nicht Heroismus und oberflächlicher Aktionismus seien gefragt, wohl aber der solidarische, helfende, liebevolle Dienst am Nächsten als die „eigentlichen Kennzeichen des Christseins“.

Orthodoxes Kloster: Eisenstadt auf der Bühne der Weltkirche
Ein weiteres Grundanliegen des nun seit fünf Jahren in Amt und Würde waltenden Diözesanbischofs ist der Dialog, die gelebte Ökumene, das immer gesprächsbereite Raumgeben für vielfältige, verschiedene und bunte Lebensstile, Lebenswirklichkeiten und Glaubenszugänge. So ermöglichte Bischof Zsifkovics etwa mit der Zurverfügungstellung eines Stücks Land in der Diözese Eisenstadt die Gründung des ersten orthodoxen Klosters in Österreich, das in St. Andrä am Zicksee im Seewinkel entstehen wird. Es soll Begegnungsstätte, spirituelles Zentrum und Zeichen einer dialogischen Einheit sein an einem Ort, an dem noch bis vor Kurzem der Eiserne Vorhang die Welt in zwei Teile schnitt. Papst Franziskus ließ es sich nicht nehmen, das Projekt ausdrücklich zu würdigen, und Bartholomaios I., Ökumenischer Patriarch von Konstantinopel und Ehrenoberhaupt von weltweit 375 Millionen orthodoxen Christen, kam eigens nach Eisenstadt.

Für Bischof Zsifkovics, dem gebürtigen, in der Pfarre Stinatz aufgewachsenen Burgenlandkroaten, dem Europabischof und zuständigen Bischof für Roma und Sinti, geht es dabei immer auch um ein Zugehen auf den Stern des Martinus, des pannonischen Heiligen und Bischofs von Tours: „Sein Akt des Mantelteilens als tiefes Symbol einer christlichen Vernunft des Herzens ist hier und heute, 1.700 Jahre nach seiner Geburt aktueller denn je. Europa muss den Grenzen überwindenden, in konkret gelebter Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft wirklich gewordenen Geist Martins wiederentdecken, wenn es einer nachhaltigen, humanen Zukunft entgegengehen will“, betont Bischof Zsifkovics.

„Neuer Pastoraler Weg“: Sauerstoffmaske des Christseins reaktivieren
Vom Martinsgeist durchweht ist auch ein ambitioniertes Großprojekt der Diözese Eisenstadt, mit dem Bischof Zsifkovics die Weiche „weg von überholten Strukturen und starren Konventionen“, hin zu einem „aktiven, mündigen, partizpatorischen Christentum aus Überzeugung“ zu stellen versucht: Der „Neue Pastorale Weg“ ist Eisenstadts konkrete Antwort auf den Anspruch der Neuevangelisierung, den die Weltbischofssynode im Jahr 2012 in den Mittelpunkte stellte. Als Vertreter der österreichischen Bischöfe nahm damals Ägidius J. Zsifkovics teil. In diesem Jahr gestartet, zielt der „Neue Pastorale Weg“ auf die Beförderung und Befeuerung einer aktiven Mitwirkung und Einbindung der Gläubigen, auf einen verantwortungsbewussten Umgang mit gegebenen Ressourcen, auf die Gründung neuer, lebendiger Gemeinschaften, kurz: auf eine „kooperative Pastoral, die aufgeklärte und geformte Laien als großen Schatz der Kirche wahr und ernst nimmt und die die Menschen in ihren konkreten Lebenswirklichkeiten tatsächlich erreicht“, so der Bischof. 40 Seelsorgeräume sollen bis 2025 geschaffen werden, Priester und Laien sollen enger zusammenrücken und einen Verkauf von Kirchen wird es nicht geben. „Dafür ist weder eine Taktik noch ein Masterplan notwendig, sondern vielmehr die Rückbesinnung auf die Sauerstoffmaske des Christseins: das Evangelium und dessen lebendige Umsetzung in der Welt von heute“.

Schöpfungsverantwortung: „Zeigen, wohin Reise gehen muss“
Vieles wäre noch zu nennen aus den ersten fünf Jahren des bischöflichen Dienstes von Ägidius J. Zsifkovics, der bis zur Matura 1981 eigentlich Polizist werden wollte, bis heute gerne mit den Leuten Karten spielt, Witze – ob auf deutsch oder kroatisch, ungarisch, italienisch oder englisch – erzählt und in seinen Predigten keine Scheu hat, über „James Bond“-Filme und Popsongs zu sinnieren und die Sprache der Jugend aufzugreifen. Dabei sind es zwei Herzensanliegen, die gerade seine enge Verbundenheit mit Papst Franziskus bezeugen: das couragierte Abschneiden alter und verfilzter Zöpfe und die gelebte Schöpfungsverantwortung. „Wer, wenn nicht die Kirche muss Vorbild sein für eine ökologische Vernunft, die immer auch die mitmenschliche und die spirituelle Dimension einschließt. Wenn wir die Gier und Fixiertheit auf das Haben nicht durch die Offenheit für das Geschenk des Seins ersetzen können, werden wir selbst zur Gefahr für unseren wunderschönen Planeten und damit zur Gefahr für uns selbst“, so der Bischof, der in einem landwirtschaftlichen Betrieb, mit dem Halten von Kühen und dem Sorgetragen um Bienen groß geworden ist. Ob ökologisches Bauen und das Setzen auf Alternativenergien in der Diözese, ein Projekt zur Rettung der Langohr-Fledermaus in kirchlichen Dachstühlen oder Aktionen zur Schöpfungsverantwortung: „Die Kirche muss zeigen, wohin die Reise gehen soll.“ Eben Wegweiser sein, nicht Sesselkleber und Sitzordner!

Mittwoch, 16. September 2015

Österreichische Mesnerwallfahrt - Rankweil, 15. September 2015

Wer in die Wallfahrtskirche von Rankweil kommt, sieht das altehrwürdige silberne Kreuz über dem Altar und im Mittelpunkt der Basilika die Statue der "Sieben Schmerzen Marias", sieben Schwerter durchbohren ihr Herz. Beides – das Kreuz und die Statue der schmerzhaften Muttergottes – vereinen sich im uns allen vertrauten Bild der Pietà. Dieses Bild prägt auch den heutigen Festtag. Die Pietà ist wohl deshalb das Gnadenbild unter den vielen Gnadenbildern in der Kirche, weil sie die Übersetzung des Kreuzes Christi hinein in die Dimension des Menschen ist. Schon in der äußeren Gestalt ähnelt die Pietà dem Kreuz. Maria ist gleichsam die Vertikale: Auf ihrem Schoß ruht im Getöteten Christus die Horizontale. Beim Blick auf die Pietà fallen 3 Dinge auf, die ich anlässlich der österreichischen Mesnerwallfahrt hierher nach Rankweil für unser Christsein – besonders auch für Euren Dienst als Mesner – mit Euch bedenken möchte. 

1. Das geneigte Haupt.
Als Christus am Kreuz starb, warf er nicht menschenverachtend sein Haupt zurück, sondern nach dem Zeugnis der Evangelisten neigte er sein Haupt zur Welt und starb. Wenn wir auf die Pietà schauen, dann setzt sich die Haltung des Sohnes in der Mutter fort. Das sich zur Welt herabneigende Haupt des Herrn findet seine Fortsetzung in dem in das Elend der Welt hineingebeugte Haupt Mariens, das sich über ihren toten Sohn herabneigt. Die absteigende Linie ihres Hauptes zeigt uns einen Gott im Abstieg. Nicht der Reiter auf dem hohen Ross offenbart uns den erbarmenden Vater unseres Herrn Jesus Christus, sondern die sich herabneigende Pietà. Sie weist uns hin zum Abendmahlssaal, indem der Herr vor den Füßen seiner Jünger sich herabbeugt und damit vor aller Welt den Standort Gottes unter den Menschen festlegt. Dieser Standort Gottes in der Welt ist geprägt durch das Wort "unter" und nicht "über". Gott steht nie aufseiten der Übermenschen. Gott ist immer "unter" den Menschen zu finden. Das herabgeneigte Haupt der Pietà ist wie ein Wegweiser, der uns hinweist auf den Standort Gottes in der Welt. Darum drängt alles Leid der Welt zur schmerzhaften Mutter, weil es hier nicht übersehen, sondern wirklich angesehen wird.

2. Die ausgebreiteten Arme.
Am Kreuz breitet der Herr seine Arme aus, um alle Last dieser Welt zu tragen. Die Pietà hat ihre Arme nicht eingewinkelt, um sich mit ihren Ellbogen in der Welt durchzusetzen. Christus wird vom Kreuz abgenommen und von den offenen Armen der Pietà übernommen. Der Herr ist vom Kreuz verschwunden. So etwas gibt es, dass Nacht über unsere Erde hereinbricht, in der Gott von der Erdoberfläche verschwindet wie am Karsamstag in den Mutterschoß der Erde. Das Grab wurde sein Refugium, aus dem der Vater den Sohn auferweckte und von dort aus die Welt eroberte. Auch nach Ostern sind Nächte möglich, Nächte, in denen Gott von der Welt zu verschwinden scheint, wo das Licht ausgeht. In solchen Situationen werden Pietà-Existenzen gebraucht, die – wenn der Herr vom Kreuz abgenommen wird – bereit sind, ihn in ihre Arme zu übernehmen, die mit dieser kostbaren Last durch die Nächte gehen. Von ihren weiten Armen kann die Rettung ausgehen, brechen neue Tage für unsere Welt an. Viele Zeichen scheinen darauf hinzudeuten, dass heute wieder eine neue Gottesdämmerung am Hereinbrechen ist. Darum werden Männer und Frauen gesucht, die bereit sind, den Herrn in ihre Arme zu nehmen, wenn er vom Kreuz abgenommen wird, die ihn durch die Nächte hindurchtragen in den neuen Morgen hinein, den er zu seiner Zeit aufgehen lässt. Der Christ ist berufen, ein solches Refugium für den Herrn zu sein, wenn ihn die Seinigen nicht mehr aufnehmen und er vom Angesicht der Welt verschwinden muss. Es gibt mehr solche Pietà-Menschen als wir vielleicht ahnen. Sie machen nicht viel von sich reden, aber sie sind die Garantie für den neuen Morgen nach einer langen, dunklen Nacht.

3. Das offene Herz.
Die Pietà ist das Kreuz Christi in der Dimension der Menschen. Der Evangelist Johannes berichtet, dass einer der Soldaten mit seiner Lanze die Seite des Herrn am Kreuz durchstoßen hat, und sogleich floss Blut und Wasser heraus. Simeon sagt zu Maria: Ein Schwert des Schmerzes wird deine Seele durchbohren. Seit Golgota gehören Herz-Jesu-Verehrung und Herz-Mariä-Verehrung zusammen. Die Pietà ist Herz-Jesu-Bild und Herz-Mariä-Bild in einem. Der Leib des Herrn auf ihrem Schoß trägt die Wundmale. Das Evangelium wird nicht im Kopf verwirklicht, sondern im Herzen. Maria hält den toten Christus auf ihrem Schoß nicht in Distanz, sondern sie drückt ihn ans Herz. Das Herz muss dabei sein. Wohlmeinende Freunde trösten uns im Unglück, indem sie sagen: Du darfst dir nicht alles so zu Herzen nehmen. Was wir uns aber nicht zu Herzen nehmen, das haben wir nicht angenommen, selbst wenn uns dabei fast das Herz abgedrückt wird. Wir müssen uns diese Welt und die Menschen ans Herz wachsen lassen, wir müssen sie annehmen, denn nur dann können sie auch verwandelt werden.

Die Pietà erinnert uns an das geneigte Haupt Christi, die ausgebreiteten Arme und das offene Herz Mariens. Zeigt sich darin nicht auch der Mesnerdienst? Wie oft neigt Ihr in Eurem täglichen Dienst das Haupt vor Christus und habt daher auch ein Auge für den Dienst vor Gott und die Anliegen der Menschen? Wie oft breitet auch Ihr die Hände aus, um Euren Dienst im Geist Jesu zu tun? Wie oft sucht auch Ihr beim Herzen Jesu und Mariens Kraft, Hilfe und Trost, damit Ihr mit Freude, Herz und Hirn Dienst tun könnt für Gott, Kirche, Pfarre? Als Euer Referatsbischof sage ich Euch allen in meinem Namen sowie namens der ÖBK für Euren täglichen Dienst und Euer Glaubenszeugnis Vergelt´s Gott! Ihr seid ein Schatz für die Kirche – bereichert sie weiterhin mit Euren Talenten!  Die Pietà lädt uns Christen, besonders jeden MesnerIn ein: Hab ein geneigtes Haupt, ausgebreitete Arme und ein offenes Herz für Gott und die Mitmenschen! Die Schmerzhafte Muttergottes von Rankweil erbitte uns diese Gnade von ihrem gekreuzigten und auferstanden Sohn Jesus Christus für unseren Dienst! Amen.

Montag, 7. September 2015

Predigt anlässlich der 63. Arbeiterwallfahrt - 6. September 2015

Das Motto der 63. Burgenländischen Arbeiterwallfahrt nach Baumgartenberg und Enns in Oberösterreich lautet: Unterwegs im Glauben. 600 Menschen aus 83 Pfarren unserer Diözese haben sich gestern und heute in 12 Bussen auf den Weg gemacht, um als Pilger ein Glaubenszeugnis zu geben, um zu zeigen, dass wir als Christen gemeinsam "unterwegs im Glauben" sind.
Ein Bild, das in diesen Tagen über alle Fernsehkanäle ging, will mir nicht aus dem Kopf gehen – es sind die vielen Flüchtlinge am Ostbahnhof in Budapest, die um einen Platz im Zug kämpfen, um vor Krieg, Elend und Not endlich nach Österreich und Deutschland zu gelangen, wo man sich Frieden, Sicherheit und Wohlstand verspricht. Der Zug wird so für viele Flüchtlinge zum Symbol für die Fahrt in die Freiheit/Glück, für die sie bereit sind alles zu geben, auch ihr Leben!

Ich möchte mir in dieser Predigt das Bild vom Zug, der auf den richtigen Geleisen steht und fährt, die zum erwünschten Ziel führen zu Hilfe nehmen, um unser "Unterwegssein im Glauben" tiefer zu überdenken. Arbeiter fahren mit dem Zug. Auf unserer Reise durch das Leben sitzen wir Christen mit anderen Menschen im Zug. Es gibt viele Geleise, die zum Ziel führen. Es sind aber 3 Geleise, die Menschen, die gemeinsam "unterwegs im Glauben" sind auszeichnen müssen.

Die Geleise in die Tiefe.
Wenn man in unserer Alpenrepublik mit dem Zug fährt, taucht der Zug oft in einem Tunnel ein. Für zukünftige Verkehrsplanungen werden Tunnels, Unter-flurtrassen und Untergrundbahnen immer wichtiger. Auch im Glauben, in der Kirche braucht es unbedingt die Fahrt in die Tiefe. Der große Theologe Karl Rahner hat einmal gesagt, dass die Kirche der Zukunft eine mystische sein muss, wenn sie bestehen will. Mit "mystisch" ist nicht das Untertauchen in eine weltfremde Frömmigkeit gemeint, Ekstasen, Magie, Konzentra-tionstechniken und religiöse Sensationslust – das sind eher Sonderzüge und Geisterbahnen mit Drohbotschaften und Privatoffenbarungen, die man stilllegen sollte. Die Geleise in die Tiefe meinen die Mystik im ursprünglichen Sinn des Wortes: Das Verbundensein mit dem Mysterium/Geheimnis/Gott. Das heißt, dass wir mit Jesus eine lebendige Einheit suchen müssen – in der Hl. Schrift, im Gebet, im Sakrament, in der Liturgie und in der Spiritualität. Wenn ich diese Geleise in die Tiefe an erster Stelle nenne, dann sage ich damit, dass das Entscheidende im Glauben nicht in der Organisation der Kirche liegen darf. Das wichtigste ist Gott und der Mensch, der mit ihm verbunden, von ihm erfüllt ist, der in stiller Dienstbereitschaft Gottes Willen tut. Christen, die gemeinsam "unterwegs im Glauben" sind, brauchen daher die Verbindung mit Gott durch das Gebet, das Lesen der Hl. Schrift, den Gottesdienst, die Sakramente, die Wallfahrt, eine gesunde Spiritualität – vernachlässigen wir es nicht auf diesen Geleisen in die Tiefe zu fahren, um nicht leer, banal, brutal, oberflächlich zu sein!

Die Geleise ins Miteinander.
Wenn ein Zug einen Großbahnhof verlässt, beginnen sich die vielen Parallelgeleise mit Querverbindungen und Weichen zu vernetzen und in neue Stränge einbinden. Die Räder des Zuges registrieren diesen Vorgang jedes Mal mit einem leichten Schlag, den auch die Reisenden im Abteil spüren – ein Zeichen dafür, als sei das Miteinander der Schienen nicht ganz ohne Probleme.
Auch die Geleise ins Miteinander, die Jesus im Abendmahlssaal gelegt hat waren bei seinen Jüngern nicht ohne Probleme – Ehrgeiz, Rivalitäten, Machtansprüche, Geltungsdrang, bis hin zum Verrat. Jesus hat gewusst, was die Geleise ins Miteinander gefährden wird: der Egoismus, der Eigensinn des Einzelnen und der falsche Umgang mit Autorität und Macht. Die Erfahrung des Miteinander ist aber entscheidend für die Reisenden. Das Erlebnis konkreter Gemeinschaft in der Kirche schafft Fahrtkomfort. Man fühlt sich wohl, wenn man ein Klima des Miteinanders zu spüren bekommt. Es braucht in der Familie und Kirche das "Wir-Erlebnis". Der Ausbau der Geleise ins Miteinander ist heute mehr als nötig, um trotz neuester Kommunikationsmittel der zunehmenden Isolation und Individualisierung der Menschen entgegenzuwirken. Was nützen uns die besten Handys, iPhones, iPads und Computer, wenn wir nicht mehr miteinander reden können! Der Mensch braucht wieder mehr Herz! Für Menschen, die gemeinsam "unterwegs im Glauben" sind, führt das Geleise ins Miteinander rund um den Altar. Wir Christen haben eine Mitte, zu der wir alle gehören. Pflegen wir diese Mitte in der Familie, wenn wir uns um den Tisch versammeln, aber auch in der Pfarre, wenn wir uns um den Altar versammeln, damit wir das Miteinander stärken! Diese 63. Arbeiterwallfahrt ist ein konkretes und lebendiges Zeichen des Miteinanders in unserer Diözese!

Die Geleise der Hilfsbereitschaft.
An den Geleisen der Hilfsbereitschaft, der helfenden Liebe pulst im Bahnhof Kirche das Leben. Da werden laufend Züge abgefertigt, die zu den verborgenen Nöten der Menschen in der Heimat und außerhalb unterwegs sind: zu denen, die sich schwer tun im Leben oder durch den Rost fallen, zu den Pflegebedürftigen und Suizidgefährdeten, Alkohol- und Drogenabhängigen, Alleinerziehenden und Familien in Bedrängnis, zu Vereinsamten und Sandlern, heute besonders zu den Asylsuchenden, Flüchtlingen und Verfolgten. Natürlich kann die kirchliche Hilfsbereitschaft nicht überall und allen helfen, aber wir müssen darauf achten, dass wir aus dem rechten Geist heraus helfen und das uns Mögliche auch tun! Als Martinsdiözese sind wir da mehr als andere gefordert, bereit sein zum Teilen und zur Aufnahme von Flüchtlingen in unsere Pfarren – als Bischof bitte ich jede Pfarre unserer Diözese diesen Menschen unsere christliche Hilfsbereitschaft zu erweisen! Denn im Zielbahnhof unseres Lebens wird sich der Herr der Welt besonders für die einfahrenden Züge der Nächstenliebe interessieren. Vergessen wir dabei nicht Jesu Wort: "Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." Die Caritas, die Geleise der Hilfsbereitschaft sind das Kennzeichen jeder echten christlichen Gemeinde und ihrer Glaubwürdigkeit!

Unser gemeinsames "Unterwegssein im Glauben" braucht heute mehr denn je die Geleise in die Tiefe, die Geleise des Miteinander und die Geleise der Hilfsbereitschaft, damit wir als Christen vor der Welt glaubwürdig und anziehend sind, erst genommen werden und unser Lebenszug ans Ziel gelangt. Die Lesungen des heutigen Sonntags sind eine Einladung an uns, die wir gemeinsam "unterwegs im Glauben" sind: 
"Habt Mut, fürchtet euch nicht! Seht hier ist euer Gott!" Das ruft der Prophet Jesaja in der 1. Lesung dem mutlosen/enttäuschten Volk Israel zu, das aus der Gefangenschaft in Babylon heimgekehrt ist, sich mit d. Neubeginn schwer tut!
"Haltet den Glauben an unseren Herrn Jesus Christus frei von jedem Ansehen der Person." Mit anderen Worten mahnt der Jakobusbrief: Schaut nicht nur auf die Großen und Reichen, sondern vergesst nicht die Armen und Kleinen!
"Öffne Dich!" Wenn Jesus im Evangelium einen Taubstummen heilt, dann will er damit sagen: Sei im Leben nicht taub für Gottes Wort und die Not der Armen!

Wenn wir so im Leben gemeinsam unterwegs sind, dann sind wir wirklich auch "unterwegs im Glauben", dann werden wir auch das Ziel nicht verfehlen. Amen.

Ökumenischer Gedenkgottesdienst für die 71 Flüchtlinge an der Ostautobahn A4 bei Parndorf - Neusiedl am See, 4. September 2015

Von Blaise Pascal stammt der Satz: "Des Menschen Größe und sein Elend gehören zusammen."
Wir alle sind Zeugen und Nutznießer der Größe des Menschen, dessen, was menschlicher Geist und menschliches Können bis heute imstande sind – denken wir nur an den Fortschritt in der Technik, Medizin, Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst und Kultur. Wir alle sind aber auch Zeugen des menschlichen Elends, was der Mensch imstande ist zu tun, anderen anzutun und was er imstande ist zu erleiden und zu ertragen – das Ereignis von 71 erstickten Flüchtlingen in einem auf der Ostauto-bahn bei Parndorf abgestellten Lastwagen zeigt das ganze Elend des Menschen! Wir alle sind darüber betroffen, beschämt, verärgert und traurig. Wir stehen schockiert und hilflos da und können nicht glauben, dass so etwas im 21. Jahrhundert in unserem modernen Europa, vor unserer Haustür, möglich ist!

Wir sind deshalb heute Abend hierher nach Neusiedl am See gekommen, um ganz nah am Ort des Horrorfundes innezuhalten, für die 71 Opfer Kerzen anzuzünden und zu beten. Wir tun es gemeinsam als katholische, evangelische und orthodoxe Christen in guter ökumenischer Verbundenheit, auf unsere bewährte pannonische Art. Wir tun es in der festen Überzeugung, dass unser Gebet für die Opfer von Gott gehört wird und wir uns dabei in unserem Menschsein und Christsein bestärken. Denn wenn der Mensch betet, zeigt er seine wahre Größe und kann er auch das Elend besser tragen und ertragen, bekommt er von Gott Kraft zum Helfen!

Der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry sagte einmal: "Menschsein heißt verantwortlich sein, Scham empfinden beim Anblick der Not, auch wenn man augenblicklich nicht schuld an ihr ist." In diesen Tagen ist wahrhaft unser Menschsein und noch mehr unser Christsein gefordert, hart auf die Probe gestellt. Sind wir noch Menschen – fühlen wir uns für unsere Mitmenschen verantwort-lich, oder geht uns das alles nichts an und lässt es uns kalt? Empfinden wir noch Scham beim Anblick der Not, oder bleiben wir hartherzig? Jetzt genügen nicht mehr leere Absichtserklärungen, schöne Sonntagsreden, politisches Taktieren und Hick-Hack, ideologische Kämpfe, Schuldzuweisungen und Abschieben der Verantwortung auf andere, die Nationalstaaten auf die EU und die EU auf die Nationalstaaten. Jetzt braucht es einfach, rasch, unkompliziert Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft, Nächstenliebe. Die gelebte Menschlichkeit ist der eigentliche Maßstab christlichen Lebens. Was heißt das? Das heißt, letzter Maßstab ist nicht allein unsere Rechtgläubigkeit, die lückenlose Befolgung von Glaubenslehren und Geboten, nicht das Vorweisen eines tadellosen Lebens, sondern die gelebte Menschlichkeit gegenüber den Ärmsten und Geringsten. In ihnen begegnen wir Christus, sagt das eben gehörte Evangelium! "Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." Jesus ist zu finden in den Armen und Hilfsbedürftigen. Das, was wir Christen für sie tun, tun wir für Jesus und wir tun zugleich das, was Jesus selber getan hat als er sich den Ausgestoßenen und Notleidenden zuwandte.

Die zu uns kommenden Flüchtlinge sind heute die Geringsten, Hilfsbedürftigen. Wenn wir sie aufnehmen, nehmen wir Christus selber auf, der auch Flüchtling war. Vergessen wir nie: Morgen können wir diese Geringsten, Hilfsbedürftigen sein – auch wir erwarten uns dann von anderen Hilfe und Barmherzigkeit! Als Bischof danke ich allen in unserem Land, die sich für die Flüchtlinge einsetzen und ihnen helfen, die ihnen zu essen und zu trinken geben, die sie aufnehmen und ihnen ein Dach/Heimat/Geborgenheit geben, die ihnen Kleidung und alles notwendige zum Leben geben, sie besuchen, sich um sie kümmern – alle, die das tun dürfen wissen, dass sie Jesu Forderung im Evangelium erfüllen! Im Namen der Flüchtlinge sage ich allen Vergelt´s Gott dafür! Gleichzeitig bitte ich alle in unserem Land trotz der Herausforderungen in dieser schwierigen Situation zusammenzustehen, um die Not zu bewältigen! Ich bitte alle Pfarren um die Aufnahme von Flüchtlingen – es soll keine Pfarre bei uns geben, die sich dem entzieht, denn daran hängt unsere Glaubwürdigkeit! Als Europabischof appelliere ich an die Verantwortlichen in der EU und in den Mitgliedsstaaten alles zu tun, um dieser Not mit den europäischen Werten zu begegnen, den Flüchtlingen rasch und unkompliziert zu helfen und die Ursachen für diese Not ernsthaft und nachhaltig zu bekämpfen. An der Flüchtlingsfrage wird sich entscheiden, ob Europa als eine von christlichen Wurzeln, vom Prinzip der Menschenwürde und der Unveräußerlichkeit von Grundwerten getragene Wertegemeinschaft, als Friedensprojekt im offenen, demokratischen und solidarischen Miteinander wirklich gelebt wird, oder ob der europäische Gedanke zur Makulatur geworden ist. Das Ereignis von Parndorf ist eine Schande für die Menschheit! Es darf sich nie mehr wiederholen!

Viele Flüchtlinge warten auf den rettenden Zug, der sie aus Krieg, Verfolgung, Elend und Not in Freiheit, Sicherheit, Frieden und Wohlstand bringt. Vergessen wir nicht, dass nicht nur diese Menschen, sondern wir alle auf unserer Lebensreise Geleise der Menschlichkeit, Hilfsbereitschaft, Nächstenliebe brauchen. Wir dürfen als Christen wissen, dass der Herr der Welt am Ende unserer Lebensreise im Zielbahnhof des Jüngsten Tages sich nach seinen eigenen Worten besonders für die einfahrenden Züge der Nächstenliebe interessieren wird – nach dem Motto: "Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." Mögen die Seelen der 71 erstickten Flüchtlinge auf der Ostautobahn bei Gott angekommen sein, der sie für immer liebevoll aufnimmt! Amen.

Donnerstag, 27. August 2015

Predigt anlässlich der Diakonenweihe von Frater David Gold COp - Schwarzau, 26. August 2015

Der Evangelist Matthäus macht am Beginn des eben gehörten Evangeliums eine knappe Feststellung: "Jesus zog durch alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte alle Krankheiten und Leiden."

In diesem Satz ist einfach, kurz und bündig der geistliche Dienst, auch der Dienst des Diakons beschrieben. Der Diakon empfängt bei der Weihe eine besondere Gabe des Heiligen Geistes; in dessen Kraft steht er als Helfer dem Bischof und seinem Presbyterium zur Seite: Im Dienst des Wortes, im Dienst am Altar und im Dienst der Liebe. Der Diakon ist so Diener für alle. Der Diakonat ist gerade nicht die niedrigste Stufe der dreigliedrigen Hierarchie von Diakonen, Priestern und Bischöfen. Der Diakonat ist vielmehr das Basisamt aller kirchlichen Dienste. Der Diakonat ist das entscheidende Vorzeichen eines jeden kirchlichen Dienstes. Deshalb ist und bleibt jeder Priester und Bischof lebenslang auch Diakon.

Lieber Weihekandidat David!
In dieser besonderen Stunde für Dein Leben und für das Leben Deiner Ordensgemeinschaft der Kalasantiner im "Jahr des geweihten Lebens" möchte ich Dich in dieser Predigt anhand von 3 Gegenständen an das Wesentliche des Dienstes als Diakon erinnern und sie Dir als Geschenk und zur Erinnerung mitgeben.

Der erste Gegenstand ist das Evangeliar, die Heilige Schrift.
Papst Franziskus sagt im Apostolischen Schreiben "Evangelii Gaudium": "Die Freude des Evangeliums erfüllt das Herz und das gesamte Leben derer, die Jesus begegnen. Das Evangelium, in dem das Kreuz Christi glorreich erstrahlt, lädt mit Nachdruck zur Freude ein. Die Welt von heute, die sowohl in Angst wie in Hoffnung auf der Suche ist, möge die Frohbotschaft nicht aus dem Munde trauriger und mutlos gemachter Verkünder hören, die keine Geduld haben und ängstlich sind, sondern von Dienern des Evangeliums, deren Leben voller Glut erstrahlt, die als erste die Freude Christi in sich aufgenommen haben." (EG 1,5,10)
Papst Franziskus verlangt vom Diener des Evangeliums, dass er zu Jesus eine persönliche Beziehung hat, von seinem Wort ergriffen ist, die Freude in sich trägt, denn nur so kann er mit Freude das Evangelium Anderen verkünden und mit seinem Leben auch glaubwürdig bezeugen.
Als Ordensmann bist Du, lieber David, ganz in die Nachfolge Jesu getreten, hast Du wohl eine persönliche Beziehung zu ihm aufgebaut, die es im Gebet und im Lesen und Betrachten der Heiligen Schrift zu pflegen gilt. Nur aus dieser Freund-schaft mit Jesus wirst Du vom Evangelium ergriffen sein, es als Frohbotschaft den Menschen verkünden. Deshalb werde ich Dir bei der Weihe das Evangeliar mit den Worten überreichen: "Empfange das Evangelium Christi: Zu seiner Verkündigung bist du bestellt. Was du liest, ergreife im Glauben; was du glaubst, das verkünde, und was du verkündest, erfülle im Leben." Sei ein froher und geduldiger Diener des Evangeliums – diese Bibel erinnert Dich daran!

Der zweite Gegenstand ist die Schüssel der Fußwaschung.
Im Johannesevangelium wird anstelle des Berichtes von der Einsetzung der hl. Eucharistie die Fußwaschung berichtet. "Jesus stand vom Mahl auf, legte das Oberkleid ab und umgürtete sich mit einem Leinentuch. Dann goss er Wasser in eine Schüssel und begann den Jüngern die Füße zu waschen und mit dem Leinentuch abzutrocknen, mit dem er umgürtet war." (Joh 13,4-5)
Der Evangelist Johannes wollte damit zeigen: Wenn wir die Eucharistie feiern oder wenn wir auch nicht die Möglichkeit dazu haben, dann werden wir immer ein paar schmutzige Füße finden, zu denen wir uns herabbeugen sollen, um sie zu waschen, um unseren Mitmenschen, besonders den Armen, zu helfen.
Ganz unten beginnt Deine Weihe, lieber David. Du legst Dich auf den Boden. Du streckst Dich aus und bist damit so vor Jesus, wie er sich uns mitteilt: "Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele." (Mt 10,45) Jesu Hingabe für uns zeigt: Ganz unten ist man näher am österlichen Scheitelpunkt des Lebens. Hier ergibt sich eine andere Sicht, die verändert nach oben schauen lässt. Die Fußwaschung Jesu ist ein Blick, der den Anderen wahrnimmt mit dem, was er hat und was ihm fehlt. Es ist ein Blick, der mitfühlt und der im Anderen das Antlitz Gottes sieht. Es ist ein Blick, der den Anderen aufrichtet und zur Entfaltung bringt. In der Position der Fußwaschung ist gerade der Diakon – wie die Kirchenväter sagen – das "Auge der Kirche".
Die Schüssel der Fußwaschung soll Dich im Alltag an Jesu Beispiel erinnern, dass Du als Diakon sein Diener bist. Als "Auge der Kirche" sollst Du dem Herrn und den Menschen in Liebe und Freude dienen, die Armen wahrnehmen!
Die Schüssel der Fußwaschung erinnert Dich auch an das Wasser der Taufe und an die Reinigung durch das Bußsakrament sowie an Deine Dienstbereitschaft!

Der dritte Gegenstand ist die Dalmatik.
Nachdem Du, David, nahe dem Burgenland geboren bist, Deinen Assistenzeinsatz beim Bundesheer an der burgenländischen Grenze absolviert hast, und es nicht ausgeschlossen ist, dass Du einmal an die von Deiner Ordensgemeinschaft geleitete Dompfarre nach Eisenstadt als Seelsorger kommst, sehe ich in der Dalmatik, die Du heute als Diakon erstmals anlegst den Mantel des hl. Martin, den er mit einem frierenden Bettler teilte. Wir wissen, Martinus wurden die Augen dafür geöffnet, dass er nicht nur mit einem hilflosen Menschen, sondern mit Christus selbst seinen wärmenden Mantel geteilt hat. Dieser Mantel ist so zum Symbol der Gegenwart Christi in seiner Kirche durch den Dienst an den Armen, Mühseligen und Beladenen geworden.
Die Dalmatik soll Dich im Alltag an den geteilten Mantel des hl. Martin und an sein Beispiel erinnern, dass Du als Diakon den Armen, Heimatlosen und Notleidenden helfen sollst, heute besonders den vielen Verfolgten und Flüchtlingen!
Die Kirche sendet Dich gerade zu diesen Menschen – hab offene Augen für ihre Not, teile alles mit ihnen und steh ihnen bei – vergiss nie: es ist Christus selber, der Dir in ihnen begegnet! Die Dalmatik, die Vita Martini erinnern Dich daran!

Lieber Weihekandidat David!
Das Evangeliar, die Heilige Schrift, die Schüssel der Fußwaschung und die Dalmatik, der geteilte Mantel des hl. Martin sollen Dich an das Wesentliche Deines Dienstes als Diakon erinnern. Damit Du diesen Dienst in rechter Weise erfüllen kannst, bitten wir Gott mit den Worten des Tagesgebetes dieser Weihemesse: "Mache deinen Diener, den du zum Diakon erwählt hast, umsichtig im Handeln, freundlich im Umgang und beharrlich im Gebet." Denn auch der "Vater der Kalsantiner-Kongregation, der hl. Josef Kalasanz, war zutiefst davon überzeugt: "Ohne Gebet ist es unmöglich, im Dienst Gottes auszuharren."

Der Segen Gottes, das Vorbild und die Fürsprache der "Mutter vom Guten Rat", des hl. Martin, hl. Josef Kalasanz und des seligen P. Anton Maria Schwartz sowie unser aller Gebet – Deiner Familie, Heimatpfarre, Ordensgemeinschaft, Weihebischofs, Freunde und Wohltäter – begleitet Dich in dieser Stunde und in Deinem Dienst! Gott selbst vollende das gute Werk, das er in Dir begonnen hat!

Schwestern und Brüder, vergessen wir nicht Jesu Wort im heutigen Evangelium: "Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenige Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden." Beten wir um neue Priester- und Ordensberufungen, die, um es mit den Worten des Apostels Paulus in der Lesung aus dem Römerbrief zu sagen, mit ihren unterschiedlichen Gaben, wie am Leib die verschiedenen Glieder unsere Kirche und Gesellschaft bereichern! Amen.

Montag, 24. August 2015

300 Jahre Pfarre Neufeld an der Leitha - 23. August 2015

Neufeld ist ein Ort mit einer bewegten und interessanten Geschichte – sei es als politische Gemeinde, sei es als Pfarrgemeinde. Neufeld war immer eine Grenzfeste, hatte ein Schloss und ein Kloster mit einer Rochuskapelle. Später entwickelte es sich von einem kleinen unbedeutenden Ort zu einem bedeutenden wirtschaftlichen Zentrum mit einem großen Braunkohlenbergwerk und anderen Fabriken mit vielen Fabriksarbeitern. Neufeld war immer ein Ort unterschiedlicher politischer Weltanschauungen und religiöser Vielfalt – heute leben hier vorwiegend katholische und evangelische Christen, früher auch Menschen mit jüdischem Glauben, heute auch Menschen mit anderen Bekenntnissen oder von der Kirche Ausgetretene und Fernstehende. Neufeld kennt die Armut, den wirtschaftlichen Aufschwung und wachsenden Wohlstand, den Weg vom kleinen Bauerndorf über die große Arbeitergemeinde hin bis zur modernen Stadt und Tourismusdestination mit dem Neufelder See. Neufeld war kirchlich gesehen vor 1679 eine Filiale von Hornstein, dann ein Vikariat und seit dem 28. August 1715 eine selbständige Pfarre mit Ordensleuten (Minoriten und Salesianer) und Weltpriestern als Seelsorger. Auch am Weg von der Filialgemeinde zur Stadtpfarre ist die Entwicklung von Neufeld gut ablesbar.

Das 300 Jahr-Jubiläum der Pfarre Neufeld an der Leitha lässt uns nicht nur auf ihre bewegte und interessante Geschichte zurückblicken, sondern es fordert die Pfarrgemeinde heraus, heute als Christen zu leben und den Menschen den Glauben glaubwürdig zu bezeugen und so der jungen Generation weiterzugeben – die Familie und die Pfarrgemeinde sind wohl der erste und wichtigste Ort dafür! Aber was braucht es, dass Neufeld nicht nur in Vergangenheit und Gegenwart, sondern auch in Zukunft ein lebenswerter und liebenswerter Ort ist und bleibt? Neben Politik, Wirtschaft und Tourismus braucht der Mensch auch die Religion, die Kirche und die Pfarrgemeinde. Deshalb betont Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“: "Die Pfarrei ist keine hinfällige Struktur; gerade weil sie eine große Formbarkeit besitzt, kann sie ganz verschiedene Formen annehmen, die die innere Beweglichkeit und die missionarische Kreativität des Pfarrers und der Gemeinde erfordern … Sie ist eine Gemeinde der Gemeinschaft, ein Heiligtum, wo die Durstigen zum Trinken kommen, um ihren Weg fortzusetzen, und ein Zentrum ständig missionarischer Aussendung." Nur wenn die Pfarre sich ständig erneuert und anpasst, wird sie weiterhin nahe am Menschen sein, in Kontakt mit den Familien und dem Leben der Menschen stehen und nicht eine abgehobene Struktur oder eine Gruppe von Auserwählten sein, die sich selbst betrachten. Papst Franziskus erinnert jede Pfarrgemeinde an ihre Kennzeichen und Aufgaben: Hören/Verkündigung des Wortes Gottes – das Lob Gottes in der Liturgie und Feier der Sakramente – die großherzige Nächstenliebe in der Caritas, der Sorge um die Armen und Notleidenden. Im Dialog mit Gott und den Mitmenschen soll in der Pfarre christliches Leben wachsen.

Das heutige Jubiläum ist eine gute Gelegenheit zur Gewissenserforschung für die ganze Pfarrgemeinde, ob sie als christliche Gemeinde lebt und von den Mitmenschen als solche erfahren wird! Damit steht und fällt jede Pfarrgemeinde!

Wie das Volk Israel damals in der 1. Lesung aus dem Buch Josua müssen auch wir Christen heute uns immer wieder neu entscheiden, ob wir Gott dienen wollen oder den Götzen unserer modernen Zeit mit ihren leeren Versprechungen? Entscheiden auch wir uns wie das Volk Israel für Gott, der uns Menschen nicht enttäuscht, sondern der seine Verheißungen erfüllt, uns befreit und mit uns geht!

Wo Christen tatsächlich als Christen leben, wird etwas vom Geheimnis Gottes sichtbar in dieser Welt – sagt der Apostel Paulus in der 2. Lesung den Ephesern – das gilt besonders von der christlichen Familie. Sie war damals nichts Selbstverständliches und sie ist es auch heute nicht! Der geschwisterliche Umgang miteinander ist ein Kennzeichen der christlichen Familie und Pfarrgemeinde.

Jesus stellt im Evangelium dieses Sonntags seine Jünger vor eine Entscheidung und Glaubensprobe. Er sagt ihnen – und damit auch uns – dass Menschwerdung, Kreuzestod und Himmelfahrt zusammengehören und im "Brot des Lebens" der ganze Christus gegenwärtig ist. Auch unser Glaube wird im Alltag oft auf die Probe gestellt, wir müssen uns wie die Jünger entscheiden. Nehmen wir an Jesu Wort Anstoß und entfernen wir uns von ihm oder bekennen wir mit Petrus: "Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes".

Als Bischof gratuliere ich der katholischen Pfarrgemeinde von Neufeld an der Leitha von Herzen zu ihrem 300jährigen Pfarrjubiläum – ich bin heute gerne gekommen, um mit Euch dieses einmalige Fest zu feiern. Als Bischof danke ich allen – den Lebenden und Verstorbenen – die in diesen 3 Jahrhunderten bei Euch christliche Gemeinde gelebt und gestaltet haben, besonders denken wir an die Seelsorger, Pfarrgemeinderäte und Mitarbeiter, Gläubigen, Wohltäter, Beter und an alle, die Eure Pfarrgemeinde unterstützt und gefördert haben – Ich sage auch Dank der politischen Gemeinde und allen Vereinen! Als Bischof wünsche ich der Pfarre Neufeld, dass sie noch mehr eine für alle offene, bunte, einladende Gemeinschaft ist, zu der die "Suchenden, Hungernden und Durstigen" gerne kommen, wo alle Platz haben, wo vor allem Gescheiterte, Arme, Notleidende, Verfolgte und Flüchtlinge Hilfe und Aufnahme finden. Dem Pfarrer, seinen Mitarbeitern und allen Gläubigen von Neufeld wünsche ich mit Papst Franziskus Freude am Glauben, innere Beweglichkeit, missionarische Kreativität – schaut auf Jesus, pflegt die kirchliche/ökumenische Gemeinschaft! Auf diesem Boden werden in Eurer Pfarre neue geistliche Berufungen wachsen!

Gottes Segen begleite Eure Pfarrgemeinde in das 4 Jahrhundert ihres Bestehens und der hl. Michael – Euer Kirchenpatron – schütze die Menschen Eurer Stadtpfarre vor allem Bösen und leite sie an im Leben immer das Gute zu tun! Amen.

Sonntag, 12. Juli 2015

Altarweihe in der Pfarrkirche von Maria Bild (12.07.2015)

Wenn wir Menschen eine Reise antreten oder auf Urlaub gehen, was packen wir da nicht alles in den Koffer! Waschzeug, Ersatzkleidung für alle Fälle, Bücher u. Spiele gegen die Langeweile, Reiseproviant für unterwegs, eine Fotokamera, das Handy oder Smartphone, den Laptop oder das iPad, den Ausweis und genügend Geld. Wir machen hinterher meist die Erfahrung: Wir haben nur einen Bruchteil dessen gebraucht, was wir eingepackt haben. Wir haben viel zu viel Ballast mitgeschleppt. Wir haben uns die Reise unnötig beschwerlich gemacht.

Auch Jesus schickt seine Jünger im Evangelium auf eine Reise, er sendet sie. Jesus lässt sie für ihre Reise keinen Koffer packen. Nichts außer einem Wanderstab, das Hemd am Körper und Sandalen soll sie auf der Reise begleiten. Keine Vorräte, kein Geld, kein zweites Hemd, nicht einmal ein Stück Brot sollen sie mitnehmen. Stattdessen: großes Vertrauen, Durchhaltevermögen, Vollmacht. Was bedeutet das alles – was will Jesus damit den Menschen aller Zeiten sagen, besonders auch uns modernen Christen des 21. Jahrhunderts?

Jesus sendet die „Zwölf“ aus. Die Zahl zwölf erinnert an die 12 Stämme Israels. Ihre Sendung gilt also dem ganzen Volk, nach Jesu Auferstehung allen Völkern.
Jesus schickt sie zu zweit auf den Weg. Ein Wort hat Gewicht, wenn 2 Zeugen dafür geradestehen. Sie sollen auch Vorbild sein für andere. Denn wenn 2 schon nicht miteinander auskommen, wie sollte ihre Botschaft glaubwürdig sein?
Jesus sendet seine Jünger mittellos. Ihr Lebens/Heilmittel ist die Verkündigung der Frohen Botschaft. Sie sollen dabei ihr Vertrauen ganz auf Gott setzen. Mit dem Quartier sollen sie zufrieden sein und nicht nach einem besseren schielen. Sie müssen damit rechnen, dass sie nicht aufgenommen werden u. ihre Botschaft nicht gehört werden will, denn Gott respektiert die Freiheit jedes Menschen.
Schließlich fasst der Evangelist Markus das Tun der Jünger Jesu so zusammen: „Die Zwölf machten sich auf den Weg u. riefen die Menschen zur Umkehr auf. Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie.“

Einer, der uns heute im Namen Jesu zu diesem Tun unerschrocken/unermüdlich auffordert und es glaubwürdig, schlicht u. einfach vorlebt ist Papst Franziskus. Er ist in diesen Tagen in Lateinamerika – Ecuador, Bolivien, Paraquay – unter-wegs, um allen Menschen, besonders den Armen, das Evangelium zu bringen.
Er ruft uns alle auf, noch heute die persönliche Begegnung mit Jesus Christus zu erneuern, um anderen das Evangelium glaubwürdig bezeugen zu können.
Er ruft uns zur Umkehr aus unserer satten Wohlstands- u. Wegwerfgesellschaft und einen einfachen, verantwortbaren Lebensstil zu führen, dass Generationen nach uns auch noch die Güter der Erde gebrauchen können.
Er ruft uns zur Umkehr aus unserem überzogenen Individualismus, Beliebigkeit, Angst vor Bindungen, Fremden, selbstgemachten Religion ohne die Kirche.
Für Papst Franziskus ist es klar: Die Kirche muss sich wandeln, von einer bishe-rigen „Komm her Kirche“ zu einer „Geh hin Kirche“ der Zukunft. Es geht letzt-lich um eine arme, barmherzige und glaubwürdige Kirche, die vom Evangelium geprägt ist; eine Kirche, welche die Menschen mit ihren Bedürfnissen, Sorgen und Verwundungen ernst nimmt. Dafür steht Papst Franziskus, wenn er im Apo-stolischen Schreiben „Evangelii Gaudium“ sagt: „Mir ist eine verbeulte Kirche, die verletzt und verschmutzt ist, weil sie auf die Strassen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequem-lichkeit, sich an die eigene Sicherheit zu klammern, krank ist.“ (EG 49)

Das, was Jesus seinen Jüngern damals im Evangelium aufgetragen hat, das ha-ben viele Menschen im Laufe der Geschichte getan und sie tun es auch heute. Das ist auch Jesu Auftrag und Sendung an uns Christen von heute, auch hier in der Pfarre Maria Bild. Wir alle sind durch Taufe und Firmung – einige von uns auch durch die Weihe – gesendet die Sache Jesu heute, hier u. jetzt fortzusetzen, woran uns Papst Franziskus unermüdlich und unmissverständlich erinnert: sich auf den Weg machen – umkehren – Dämonen austreiben – Kranke salben und heilen. Damit wir das tun können, braucht es immer wieder den Gang zu Jesus, der uns wie die Zwölf zu sich ruft und in seiner Kirche um sich versammelt.
Hier in der Kirche versammelt er uns um den Tisch des Wortes/Ambo, um uns das Wort der Heiligen Schrift als Orientierung für unser Leben zu geben.
Hier in der Kirche versammelt er uns um den Tisch des Brotes/Altar, um uns das Brot des Lebens zu reichen, sich uns als wahre Nahrung zu schenken.
Hier in der Kirche beschenkt er uns mit seinen Sakramenten und lässt uns seine Nähe und Gegenwart in der Gemeinschaft der Gläubigen erfahren, schenkt er uns Versöhnung, inneren Frieden, Trost, Heil und Heilung.
Hier in der Kirche sind wir durch die Verkündigung, Liturgie und Caritas mit ihm und untereinander als Brüder und Schwestern verbunden.

Liebe Maria Bilder: Kommt daher oft und gerne in Eure wunderschöne Pfarr- und Wallfahrtskirche zum Gebet und Gottesdienst, legt Eure Freude und Euer Leid, Eure Bitte und Euren Dank auf den Altar, um im Blick auf Maria die Herausforderungen des Lebens bewältigen und Eure Sendung als Christen in Kirche und Gesellschaft erkennen und leben zu können! Danke allen, die es tun!

Als Bischof danke ich heute allen, die zur Neugestaltung des Altarraumes mit dem neuen Ambo und Altar beigetragen haben: Pfarrer und Pfarrgemeinderat – Künstler – Kunstrat und Bauamt der Diözese – allen Spendern, Betern, Wohl-tätern der Pfarre, Gemeinde, Vereinen, Land, Bundesdenkmalamt, besonders auch den Kirchenbeitragszahlern – allen: Gratulation und Vergelt´s Gott!

Lassen auch wir uns wie die Jünger von Jesus senden und schauen wir dabei auf Maria, die uns zeigt, wie wir heute als Christen uns auf den Weg machen, umke-hren, gegen den Zeitgeist ankämpfen und Krankheiten heilen können! Amen.

Montag, 6. Juli 2015

Predigt anlässlich der Diözesanwallfahrt nach Mariazell - 4- Juli 2015

Wir Christen heute leben in einer seltsamen Zeit – in der Zeit zwischen Jesu Himmelfahrt und seiner Wiederkunft am Ende der Zeiten. Es ist für uns die Zeit – Jesus ist schon weg, der Hl. Geist ist uns geschenkt, aber das Neue/Endgültige ist noch nicht da. Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Zeit auch die Situation von vielen Christen widerspiegelt: Der Jesus, der ihnen in ihrer Kindheit/Jugend vermittelt wurde, der ihnen einmal viel bedeutet hat – dieser Jesus ist verblasst und ihnen weithin verloren gegangen. Ihr Glaube ist kraftlos geworden – und eine neue Begeisterung für die Sache Jesu ist noch nicht da.
Ist diese Zeit nicht auch ein Bild für die momentane Situation in unserer Kirche: Was Jesus wollte, was er gepredigt und gelebt hat, scheint verschwunden hinter Strukturen/Formeln der Organisation "Kirche". Klage: Es fehlt an Gottes Geist!
Diese Zeit spiegelt aber auch eine Erfahrung wider, die niemand von uns erspart bleibt. Der Glaube gerät ins Wanken. Was bisher selbstverständlich war, wird fraglich. Nebensächliches wird zur Hauptsache. Krisen und Skandale sind interessanter als das Evangelium. Enttäuschung, Frustration, Rat/Orientierungslosigkeit machen sich breit. Die Suche nach neuen überzeugenden Antworten auf unsere Fragen beginnt.

Für solche "Zwischen-Zeiten" empfiehlt die Kirche seit alter Zeit im Blick auf Maria 3 Dinge, die sich auch bei einer Wallfahrt ereignen, die uns Freiraum für Gott und die Welt geben, die wir Christen im Alltag des Lebens pflegen sollen.


Die erste Empfehlung ist das Beten.
In der eben gehörten Lesung aus der Apostelgeschichte wird von den Jüngern direkt im Anschluss an Jesu Himmelfahrtserzählung berichtet: "Dann kehrten sie vom Ölberg ... nach Jerusalem zurück. Als sie in die Stadt kamen, gingen sie in das Obergemach hinauf ... Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern."
Aus diesen Sätzen hat sich die "Pfingstnovene" entwickelt – die alte neuntägige Gebetszeit der Kirche zwischen Christi Himmelfahrt und dem Pfingstfest.
Solche Gebetszeiten werden gehalten vor kirchl. Festen, einer wichtigen persönl. Entscheidung sowie in Umbruchsituationen oder Krisen. Auch Maria war dabei!
Den Rat, bei diesen Anlässen zu beten, deute ich so: Bleibt nicht stumm! Klagt Gott eure Not! Sagt was euch fehlt und bedrückt! Bittet um Erleuchtung für den Weg, um die Gaben des Geistes – Weisheit, Erkenntnis, Einsicht, Rat, Stärke, Frömmigkeit, Gottesfurcht, damit ihr solche Krisen/ Übergangszeiten besteht.
Kommen wir vielleicht deshalb nicht aus der Krise, weil wir das Gebet – das persönliche und das gemeinsame Gebet – weithin als nutzlos aufgegeben haben? Beten wir wieder in unseren Familien und Pfarrgemeinden! Wo gebetet wird, da gibt es eine Verbindung mit Gott, da ist Gemeinschaft, da genügt man sich nicht selbst, sondern lässt man sich von einem Anderen führen und beschenken!

Die zweite Empfehlung ist das gemeinsame Gehen und Reden.
Wir Menschen sind zeit unseres Lebens auf Wanderschaft/Pilgerschaft von dieser Welt hin zum himmlischen Jerusalem. Unser Leben ist also eine Wallfahrt. Christen wissen, dass sie auf dieser Wallfahrt nie allein unterwegs sind, sondern immer zusammen mit anderen, und in ihrer Mitte ist Immanuel – Gott mit uns! Christen gehen ihren Weg durch diese Welt gemeinsam im Blick auf Gott, der damals mit dem Volk des Alten Bundes unterwegs war und der auch heute mit uns, dem Volk des Neuen Bundes – den Getauften/Gefirmten – unterwegs ist, und das nicht nur bei Schönwetter, sondern auch in Wüsten- und Krisenzeiten! Gottes Wegbegleitung durch dick und dünn zeigt sich deutlich im Leben Mariens.
Den Rat sich immer wieder von neuem auf den Weg zu machen, verstehe ich so: Geht hinaus! Bleibt nicht ängstlich zuhause sitzen! Zeigt, dass ihr den Beistand des anderen braucht und euch die Hoffnung auf Hilfe Beine macht! Sucht die Gemeinschaft, ermutigt euch gegenseitig und feiert eure Zuversicht, dass eine neue Begeisterung für die Sache Jesu wachsen kann! Macht Gehversuche und erprobt im gemeinsamen Gespräch neue Wege, damit sich etwas ändern kann in eurem Leben! Was ist eine Wallfahrt anderes als gemeinsames Gehen und Reden!
Kommen wir vielleicht deshalb nicht aus der Krise, weil wir das gemeinsame Gehen und Reden verloren haben, uns in unseren Egoismen ergehen und genügen? Unser neuer pastoraler Weg in der Diözese ist ein gemeinsames Gehen-Reden.

Die dritte Empfehlung ist das fröhliche und konsequente Tun.
Zum Christsein und Kirchesein gehören die Verkündigung des Evangeliums, der Gottesdienst und die Feier der Sakramente, die Gemeinschaft und die Caritas. Gottesdienst ist dann echt, wenn er im Dienst am Mitmenschen bezeugt wird. Maria zeigt uns im Evangelium, was Dienen, fröhliches Tun konkret bedeutet. Den Rat zum Dienst und zum fröhlichen Tun interpretiere ich so: Erkenne auch Du in Gott Deinen Heiland und Retter und preise dankbar seine Größe! Schau auch Du wie Gott auf das Kleine und Niedrige in Deiner Umgebung! Hab ein Auge und Herz für die Hungernden, Notleidenden und Flüchtlinge und bau nicht auf Macht, Hochmut und Reichtum! Vergiss nie, dass Gott sich auch Deiner an-nimmt und seine Verheißungen an Abraham und seinen Nachkommen erfüllt!
Ist unser Christsein vielleicht deshalb nicht anziehend und fruchtlos, weil wir nicht mit Freude und Konsequenz das tun, was das Evangelium von uns verlangt – auch im Blick auf die Aufnahme von Flüchtlingen in unseren Gemeinden?

Wir sind heute zur Mutter von Zell gekommen und sie weist im Gnadenbild mit dem Finger auf Jesus hin, um uns als einzelne Pilger und auch als Diözese zu raten auf unserer Lebenswallfahrt gerade in diesen Umbruch- und Krisenzeiten zu beten, gemeinsam zu gehen und zu reden sowie fröhlich und konsequent Gutes zu tun. Maria hat es uns vorgemacht – jetzt sind wir dran vom steirischen Bergland wieder in die pannon. Tiefebene zu gehen und es ihr nachzumachen! Amen.

Montag, 29. Juni 2015

60 Jahre Zisterzienserinnen in Marienkron - 28. Juni 2015

Lieber Bischof Paul!
Liebe Äbte, Mitbrüder, Ordensleute, Fest- und Ehrengäste!
Lieber jubilierender Konvent der Zisterzienserinnen von Marienkron!
Zum Festgottesdienst versammelte Schwestern und Brüder im Herrn von nah und fern! Liebe Hörerinnen und Hörer von Radio Maria!

In unserem Heimatland zwischen dem Bodensee und dem Neusiedlersee gibt es 3 bekannte Zisterzienserinnenklöster: Mariastern in Gwiggen in Vorarlberg, Marienfeld im niederösterreichischen Weinviertel bei Maria Roggendorf und Marienkron bei uns im Burgenland, hier in Mönchhof.
Wie die Kirchen und Klöster einer Landschaft Profil und Gesicht geben, so tun es auch diese 3 Klöster, sind auch ihre Namen ein Programm für ihre Wirksamkeit. Wenn wir heute mit den Schwestern 60 Jahre Zisterzienserinnen in Marienkron feiern – und das im Jahr der Orden – dann ist dieses Jubiläum eine Gelegenheit über den Namen der Abtei "Marienkron" und seine Bedeutung sowie über ihre Ausrichtung nachzudenken. Tun wir das nun gemeinsam im Blick auf die altehrwürdige Marienstatue an der Säule hier nahe dem Altarraum.

Warum wird Maria oft mit einer Krone am Haupt, als Königin dargestellt?

Die Krone am Haupt Mariens hat eine dreifache Bedeutung.
Die Krone, die Maria trägt, ist meistens ein Zeichen von Macht und Herrschaft. Dabei bedeutet die Krone am Haupt Mariens eigentlich das Gegenteil: sie ist ein Geschenk von jemanden anderen. So will uns die gekrönte Maria sagen: Alles, was ich geworden bin, bin ich durch einen anderen, nicht durch mich selbst. "Meine Seele preist die Größe des Herrn … Denn er hat auf die Niedrigkeit seiner Magd geschaut" – so singt Maria im Magnifikat. Sie verweist damit auf den Geschenkcharakter unseres Lebens und Glaubens, unseres Christseins, unserer Berufung, auch in den Ordenstand. Die Theologie nennt das Gnade-Geschenk.
In einer Welt und Zeit, in der alles machbar, kaufbar und erreichbar scheint, versteht man kaum mehr das Leben und den Glauben als Gnade-Geschenk. Man verlässt sich nur auf greifbares, berechenbares, verstehbares, materielles, irdisches und verliert den Blick für das Himmlische, Transzendente, Gott. Gebet, Gottesdienst, Sakramente scheinen nicht mehr notwendig und werden daher von vielen Christen vernachlässigt und abgelehnt - aber gerade sie verbinden uns mit Gott!
So erinnert uns die gekrönte Maria heute, dass im Leben und Glauben letztlich alles Gnade-Geschenk ist und wir dafür nur dankbar sein können und dürfen!

Die Krone am Haupt Mariens hat aber noch eine zweite Bedeutung.
Die alten Maler aus der Zeit der Gotik, aus der dieses Bild stammt, kannten noch den feinen Unterschied zwischen König und Königin. Der vornehmste Auftrag einer Königin im Mittelalter war neben der Mutterrolle das fürbittende Dazwischenstehen zwischen Urteil und Verurteilten. Für die Menschen damals war die Königin die größte Hoffnung, Begnadigungen zu erwirken, Geschenke und Auszeichnungen zu erbitten. Sie war für´s Volk die schenkende Hand des Königs. Die gekrönte Maria will uns als sichtbares Zeichen der Mütterlichkeit Gottes sagen: Du darfst dich zu Gott hintrauen so wie du bist. Hab keine Angst vor ihm. Ich lege für dich Fürbitte ein. Ich weiß, wo dich der Schuh drückt.
In einer Welt und Zeit, in der das mütterliche Element verlorengeht, erinnert uns die gekrönte Maria an die Mütterlichkeit, das fürbittende Einstehen für andere!

Schließlich hat die Krone am Haupt Mariens noch eine dritte Bedeutung.
Die Krone Mariens wird von den alten Künstlern meistens übertrieben groß und unrealistisch dargestellt, weil sie mit den unerfüllten Sehnsüchten der Menschen zu tun hat. Warum setzen die alten Künstler Maria eine übergroße Krone auf? Sie tun es, weil sie in der gekrönten Maria darstellen möchten, dass in Maria schon all das erfüllt ist, wonach wir Menschen uns sehnen. So ist also nicht nur Maria selbst gekrönt, sondern mit ihr sind wir alle gekrönt, das heißt gerettet. Maria ist somit für uns Menschen die große Hoffnung, dass auch unsere Sehnsucht nach Leben und Glück in Erfüllung gehen wird.
In einer Welt und Zeit von Resignation, Frustration und Hoffnungslosigkeit in Kirche und Gesellschaft erinnert uns die gekrönte Maria an die große Hoffnung unseres Glaubens, zu der wir als Getaufte und Gefirmte berufen sind, zeigt sie uns das Ziel unseres Lebens, weist uns den Weg zum Ziel, das sie erreicht hat.

Marienkron hat seit seiner Gründung 1955 als Gebetsstätte am ehemaligen Eisernen Vorhang mit Gartenbau, Heimarbeit für die Schwestern, Haushaltungsschule und einer Hühnerfarm klein und bescheiden begonnen und später mit dem Ausbau des Kurhauses weitere Schritte gewagt, die auch Opfer verlangten.
Im Blick auf die Marienstatue und den Namen "Marienkron" zeigt sich ein neues Profil und Gesicht der Abtei, eine für heute aktualisierte Ausrichtung.
Marienkron heute ist ein Ort, wo nicht Macht, sondern Dienst angesagt ist – der Gottesdienst und der Dienst am Nächsten, vor allem jenem am Rand, wie es Papst Franziskus uns sagt, an die existentiellen Peripherien zu gehen.
Marienkron heute ist ein Ort des Gebetes, vor allem für die verfolgten Christen und für alle Menschen, die Opfer von Unterdrückung, Benachteiligung und Gewalt sind sowie für den Frieden in der Welt – ist das nicht heute nötiger denn je?
Marienkron heute ist ein Ort der Gemeinschaft, Hoffnung, Erholung an Leib und Seele, des bewussten und erneuerten Lebens, eine Oase und Tankstelle sowie ein Ort der Begegnung mit Gott und zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft – ein Ort der Ökumene, des interreligiösen Dialogs, der Kunst und Kultur.

Als Bischof bin ich froh/dankbar einen solchen Ort in der Diözese zu haben und gratuliere dem Konvent von Marienkron von Herzen zum diamanten Jubiläum! Ich wünsche Ihnen das, was im Wort "Gratulation" steckt "gratia" Gnade! Ich danke den Schwestern für ihr Glaubenszeugnis, allen Einsatz und geistlichen Beitrag, den sie unserer Diözese mit ihrem Beten und Arbeiten durch 6 Jahrzehnte geben. Danke sage ich allen Lebenden und Verstorbenen vom Konvent und von den Gästen, Freunden und Wohltätern – ich denke dabei besonders an die erste Äbtissin Mutter Rosaria, die Abtei Seligental in Bayern, das Stift Heiligenkreuz, die Vinzenzgruppe und an die Elisabethinnen in Graz! Allen: Vergelt´s Gott!

Der Zisterzienserorden und auch viele andere Ordensgemeinschaften haben unserem Land die Kultur gebracht. Alle Kultur lebt vom Kult, von der Gottesverehrung. Von Mariastern, Marienfeld und Marienkron geht seit Jahrzehnten viel Segen und Kultur in unserem Land vom Bodensee bis zum Neusiedlersee aus. Möge das durch das Geschenk von neuen geistlichen Berufungen weiterhin so sein! Gottes Segen und die Fürsprache Mariens, der diese Abtei geweiht ist, begleite die Zisterzienserinnen von Marienkron und alle, die zu ihnen gehören und kommen, mit ihnen arbeiten und sich um sie scharen in eine gute Zukunft!

Mit den Worten Jesu im Evangelium dieses Sonntags sage auch ich dem Konvent der Zisterzienserinnen von Marienkron für das neu anbrechende Jahrzehnt: "Mädchen/Schwestern steht auf, durch die Berührung mit Jesus und im Blick auf Maria dient Gott und den Menschen, seid frohe Zeuginnen der Auferstehung und des Lebens und bleibt ein Ort des Gebetes, des gemeinschaftlichen Lebens, der Erholung an Leib und Seele sowie der vielfältigen Begegnung!" Amen.

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