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Nachrichten - Bischof Ägidius J. Zsifkovics

Nachrichten und Predigten

© Diözese Eisenstadt/Gerald Gossmann

Freitag, 12. September 2014

Predigt des Bischofs von Eisenstadt Ägidius J. Zsifkovics anlässlich des Requiems für Melinda Fürstin Esterhazy

(Dom zu Eisenstadt, am 12. September 2014)


Liebe Trauergemeinde! 
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Gott ist groß. Und am größten, am souveränsten gegenüber seiner Schöpfung, am unverhandelbarsten gegenüber seinen Geschöpfen zeigt er sich wohl dann, wenn er die Kaiser, Könige und Fürsten dieser Erde vor seinen Thron ruft. Jene, deren Namen zu Lebzeiten ganze Länder mit ihrem Klang erfüllten und durch Jahrhunderte hindurch der zeitlichen Welt ihre Signatur verliehen.

Wir stehen heute am Sarg von Melinda, Fürstin Esterházy de Galantha, die im 95. Lebensjahr entschlafen ist. Melinda, in Budapest 1920 geboren, wurde durch die Ehe mit dem letzten regierenden Fürsten der Familie Esterházy, Paul V., Teil einer Familie, der es über Jahrhunderte bestimmt war, die Geschichte Pannoniens zu prägen wie keine zweite. Eine Familie, der es aber auch bestimmt sein sollte, Pannonien und mit ihm das österreichische Kaiserreich so zu schützen wie keine zweite.

Kann es bloßer Zufall sein, dass wir ausgerechnet am 12. September, dem kirchlichen Fest „Mariä Namen“ am Sarg der letzten Fürstin Esterházy stehen – jenem Tag, der in der Geschichte der christlichen Völker untrennbar mit der Verteidigung und Bewahrung unserer christlichen Kultur verbunden war? Dem Fest aber auch des Namens der Gottesmutter Maria, deren Haltung uns lehrt, dass es nicht nur auf unser menschliches Können, unser menschliches Vermögen, unseren menschlichen Aktivismus ankommt, sondern dass wir - wie Maria - heilige Erde werden sollen, in der das Wort Gottes im Beten und Glauben wachsen kann? Eine Haltung, die in der ausgeprägten Marienverehrung der Fürstendynastie Esterházy durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder spürbar gewesen ist.

Geboren in einer Zeit, in der die alten Bedrohungen durch fremde Völker und Kulturen durch neue, innere Bedrohungen eines mörderischen Nationalismus in Europa ersetzt waren, begann Melinda, geborene Ottrubay, ihren ganz persönlichen Lebensweg als Künstlerin. Ihr erster Kampfplatz war die Ballettschule und der Innenraum ihres selbstbewussten wie disziplinierten Wesens. Mit erst dreizehn Jahren tanzte sie bereits eine Solorolle. Und als Vierzehnjährige unterzeichnete sie einen Dienstvertrag mit dem Königlich-Ungarischen Opernhaus, wodurch sie ein eigenes, fixes Gehalt erhielt – man erkennt hier bereits die spätere Fürstin und souveräne Verwalterin großen Vermächtnisses und Vermögens.

Trotz ihrer Jugend konnte sich Melinda neben den älteren Solotänzerinnen des Opernhauses behaupten. Die katholische Kirche kennt in den Reihen ihrer Würdenträger „Titularerzbischöfe“, das sind meist ergraute Herren – Melinda Ottrubay dagegen wurde mit 16 Jahren, das war 1936, zur sogenannten »Titularsolotänzerin« befördert. Ihre Leidenschaft für Pirouetten – sie schaffte angeblich mit nur einem einzigen Schwung bis zu 15 Umdrehungen – trugen ihr den Spitznamen »Fräulein Ventilator« ein.

Was verrät uns diese Episode über das weitere Leben und Wirken dieser so bemerkenswerten Frau?

Melinda Ottrubay hat immer Wind gemacht – mit ihrem besonderen Wesen, ihrem Elan, ihrem Fleiß. So wurde sie 1945 zur „Primaballerina Assoluta“ ernannt, ein Ehrentitel, den sie als erstes Mitglied des Budapester Opernhauses erhielt. Kurz darauf heiratete sie ihre große Liebe: Paul V. Fürst Esterházy. Sie war ihm schon als Teenager aufgefallen, als sie ihn mit ihrem Fahrrad fast überfuhr und ihm dabei keck und selbstbewusst zurief: „Küss die Hand, Onkel Fürst!“ Ein frühes Treffen zweier stolzer Menschen, die sich in ihrer Angst, eine Zurückweisung zu erfahren, und in ihrem Wunsch, um nichts anderes als um ihrer selbst Willen angenommen zu werden, ebenbürtig waren.

Es wurde Jahre später ein Bund fürs Leben, der diese beiden füreinander geschaffenen Menschen all das bestehen ließ, was noch kommen sollte: den endgültigen Untergang der „Welt von gestern“, wie sie ein Stefan Zweig oder ein Joseph Roth literarisch für die Ewigkeit festgehalten hat; den ideologischen Wahnsinn in einem genau an der burgenländischen Grenze auseinanderbrechenden Europa; die Verstaatlichung des Esterházyschen Besitzes in Ungarn; die Unterstellung des österreichischen Besitzes unter die Verwaltung der sowjetischen Besatzungszone; den ungarischen Schauprozess gegen Kardinal Joszef Mindszenty, in dessen Rahmen Paul Esterházy unter dem Vorwand eines Devisenvergehens gemeinsam mit anderen angeklagt und zu 15 Jahren Haft verurteilt wurde; den Volksaufstand 1956 in Ungarn, der Melindas Gatten über die Grenze nach Österreich fliehen ließ; die heftigen politischen Debatten der 40er-, 50er- und 60er-Jahre um die Esterházy-Besitzungen im Burgenland; und vieles mehr, das nur Gott weiß und das wir mit Melinda nun in seine gütigen Hände legen.

Ihre eiserne Disziplin und ihr umsichtiges Wirken hat Melinda Fürstin Esterházy nach dem Tod ihres Gatten 1989 endgültig zu einer der bedeutensten Förderinnen der kulturellen Entwicklung des Burgenlandes und des gesamten pannonischen Raumes gemacht. Das hohe kulturelle und künstlerische Erbe der Esterházys wurde von Melinda, die sich mit eiserner Disziplin als Künstlerin in die Herzen der Menschen getanzt hatte, als Fürstin weitergetragen auf dem Parkett der burgenländischen Zeitgeschichte. Es gipfelt heute in mehreren Privatstiftungen, die das wertvolle Erbe der Esterházys für die Nachwelt und Öffentlichkeit erhalten.

Es gibt keine menschliche Geste, die unser aller Dankbarkeit dafür adäquat zum Ausdruck bringen könnte. Uns bleibt nur das schlichte Wort DANKE. Dieses Danke ist ganz besonders auch ein Danke der Kirche an Fürstin Melinda Esterházy. Sie selbst war allen Eisenstädter Diözesanbischöfen persönlich eng verbunden, die von ihr repräsentierte Dynastie hat über Jahrhunderte mit der Schaffung bedeutender geistlicher Zentren und als Patronatsherren dem Land die christliche Seele erhalten.

Gott ist groß, sagte ich zu Beginn. Es war der Seelenadel der Esterházys, die eigene Macht und Größe nicht zum Maß aller Dinge zu erheben, sondern in Gott allein den Höchsten zu sehen. Bereits Paul I., der Begründer der Fürstendynastie, der Mäzen und Menschenfreund, dessen selbstkomponierte „Harmonia Caelestis“ wir heute hören, war selbst ein zutiefst gläubiger und frommer Katholik. Seine direkten Nachkommen wohnen heute diesem Requiem bei. Es führt ein roter Faden direkt von ihm durch drei Jahrhunderte hindurch hierher zu uns, in diesen Dom, in dieser Stunde. Am Sarg der letzten Fürstin Esterházy sind wir alle heute historische Zeugen nicht nur des Endes des Menschenweges der „Primaballerina Assoluta“, sondern auch des Endes von 3 Jahrhunderten Fürstentum in dieser unserer geliebten pannonischen Heimat. Wenn wir heute die sterblichen Überreste von Melinda der Familiengruft der Esterházys im Eisenstädter Franziskanerkloster übergeben werden, dann ist dies auch das Ende einer Ära. Unser Danke an Melinda, die letzte Fürstin, ist gleichzeitig unser Danke an die ganze Fürstendynastie, die mit ihr zu Ende geht. Die Allersensibelsten unter uns, die in großen Zusammenhängen denken und fühlen, müssen die ganze Dramatik dieses Ereignisses wohl als tiefste seelische Erschütterung empfinden – neben den Angehörigen Fürstin Melindas gebührt auch ihnen, diesen Angehörigen einer versunkenen, einer großen, einer hohen Zeit unser ganzes Mitgefühl.

Wie ich hörte, pflegte Melinda in ihren späten Jahren, wenn sie sehnsuchtsvoll aus dem Fenster ihres Eisenstädter Stadthauses nach Ungarn blickte, zu sagen: „Das ist der Blick in die Heimat!“ Wenn wir nun ihre Seele Gott und der Fürsprache Mariens anvertrauen, dann tun wir dies in der christlichen Hoffnung auf die Auferstehung, darauf, dass unsere Verstorbene nun der wirklichen, der ewigen Heimat bei Gott ansichtig wird.

Wir wissen nicht, ob in der Ewigkeit getanzt wird. Doch wenn die Seligpreisungen des Evangeliums für jeden Menschen wahr sind – und daran glauben wir fest! -, dann muss es in der Ewigen Heimat für Fürstin Melinda Esterházy, die Primaballerina Assoluta, eine eigene Ballettbühne geben, mit Gott als Publikum.

AMEN.