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Nachrichten - Bischof Ägidius J. Zsifkovics

Nachrichten und Predigten

© Diözese Eisenstadt/Gerald Gossmann

Donnerstag, 21. August 2014

370 Jahre Gnadenbild Rattersdorf - 15. August 2014

Am heutigen Großfrauentag geht unser aller Blick auf Maria, die Mutter Jesu, die in den Himmel aufgenommen ist. Sie ist uns Menschen von Jesus am Kreuz zur Mutter und Wegweiserin gegeben. In ihr erkennen wir auch unseren Weg und können das Ziel unserer Lebensreise schauen – die Aufnahme mit Leib und Seele in den Himmel.

Heute aber sind wir alle zur Rattersdorfer Muttergottes gekommen, um diesen Marienfeiertag zu begehen – so wie es die Menschen dieses pannonischen Rau-mes über Jahrhunderte gemeinsam tun: Deutsche, Kroaten, Ungarn und Roma.

Heute schauen wir auf das altehrwürdige Gnadenbild von Rattersdorf, das heuer sein 370 Jahr-Jubiläum begeht und erinnern uns an seine Herkunft aus Köszeg-Güns, seine wunderbare Wirkung und seine Bedeutung. Es ist eine seltene und kostbare „Maria-Lactans-Darstellung“, die auf das alte Gnadenbild von Frauen-kirchen im Seewinkel zurückgeführt wird.


Was ist die Bedeutung dieses Rattersdorfer Gnadenbildes „Maria Lactans“?
Die Bedeutung dieses lateinischen Wortes lautet: „Maria, die Stillende“.

Das Bildmotiv war bereits in vorchristlicher Zeit in kultischem Zusammenhang gebräuchlich. In christlicher Deutung unterstreicht dieses Bild die menschliche Natur von Jesus Christus und damit die Erlösung durch die Menschwerdung Gottes im Kind von Betlehem. Das Bild widerspricht auch einer leibfeindlichen Deutung der christlichen Botschaft.
Beim genauen Blick auf das Gnadenbild fallen einem sofort zwei Dinge auf:

1. Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm, das an der Brust liegt und mit der Mutter auf die Hl. Schrift schaut, die Maria in der anderen Hand offen hält.
Dieses Bild der „stillenden Mutter“ möchte uns sagen, wo die wahre Nahrung für unser Leben zu suchen ist, und dass wir Gottes Wort in uns wie die Nahrung für den Leib als Nahrung für die Seele aufnehmen, mit der Muttermilch zu uns nehmen sollen. Maria gibt ihrem Kind eine gute, gesunde und Leben spendende Nahrung, in der alle Vitamine für Körper, Seele und Geist enthalten sind.
Maria will auch uns, ihren Kindern, diese gute Nahrung für das Leben geben und zeigt uns im Gnadenbild von Rattersdorf, wo sie zu finden ist.
In einer Welt und Zeit, in der Väter und Mütter ihren Kindern die beste Nahrung geben für den Leib und sie mit allen nur denkbaren Mitteln füttern, scheint die Nahrung für die Seele – Gebet, Gottes Wort der Heiligen Schrift, Gottesdienst, Sakramente – kaum mehr eine Rolle zu spielen. Leiden unsere Kinder nicht unter dem Vitaminmangel an Gott und seinem Wort? Sind wir moderne Menschen nicht in Gefahr nur einseitig erzogen und ernährt zu werden – alles für den Leib und kaum etwas oder nichts für die Seele? Wird da nicht eine einseitige, an Vitamin G mangelnde, kranke Generation herangezogen, die den Sinn des Lebens und die Orientierung verloren hat?
Das Gnadenbild der „stillenden Mutter“ zeigt uns, dass Gottes Wort zu einem gesunden Leben gehört, uns Menschen Nahrung ist, Kraft und Orientierung gibt.

2. Maria und das Jesuskind tragen eine große Krone am Haupt.
Warum wird Maria oft mit einer Krone am Haupt, als Königin dargestellt?
Die Krone ist ein Zeichen von Macht u. Herrschaft. Dabei bedeutet die Krone am Haupt Mariens eigentlich das Gegenteil: sie ist ein Geschenk von jemanden anderen. Die gekrönte Maria will uns sagen: Alles, was ich geworden bin, bin ich durch einen anderen, nicht durch mich selbst. „Meine Seele preist die Größe des Herrn … Denn er hat auf die Niedrigkeit seiner Magd geschaut“ – so singt Maria im heutigen Evangelium. Sie verweist damit auf den Geschenkcharakter des Lebens, Glaubens, Christseins. Die Theologie nennt das Gnade-Geschenk.
In einer Welt, in der alles machbar, kaufbar und erreichbar scheint, versteht man kaum mehr Leben und Glauben als Gnade-Geschenk. Man verlässt sich nur auf greifbares, berechenbares, verstehbares, irdisches und verliert den Blick für das Himmlische, Gott. Gebet, Gottesdienst, Sakramente scheinen nicht mehr nötig und werden von vielen Christen vernachlässigt und abgelehnt - aber gerade sie verbinden uns mit Gott! Die gekrönte Maria erinnert uns, dass im Leben und im Glauben letztlich alles Gnade-Geschenk ist und wir dafür nur danken können!

Der vornehmste Auftrag einer Königin im Mittelalter war neben der Mutterrolle das fürbittende Dazwischenstehen zwischen Urteil und Verurteilten. Für die Menschen damals war die Königin die größte Hoffnung, Begnadigungen zu er-wirken, Auszeichnungen zu erbitten. Sie war die schenkende Hand des Königs.
Die gekrönte Maria will uns als sichtbares Zeichen der Mütterlichkeit Gottes sagen: Du darfst dich zu Gott hintrauen. Du brauchst keine Angst vor ihm zu haben. Ich lege für dich Fürbitte ein. Ich weiß, wo dich der Schuh drückt.

Die Krone Mariens wird von den alten Künstlern übertrieben groß dargestellt, weil sie mit den unerfüllten Sehnsüchten der Menschen zu tun hat. Warum tun sie das? Sie tun es, weil sie in der gekrönten Maria darstellen möchten, dass in Maria schon all das erfüllt ist, wonach wir Menschen uns sehnen. So ist also nicht nur Maria selbst gekrönt, sondern mit ihr sind wir alle gekrönt, das heißt gerettet. Maria ist somit für uns Menschen die große Hoffnung, dass auch unsere Sehnsucht nach Leben und Glück in Erfüllung gehen wird.

Wenn wir heute am Großfrauentag nach Rattersdorf zur „stillenden Mutter“ mit unseren Freuden und Sorgen gekommen sind und hier vor ihrem Gnadenbild beten, singen, sie anschauen, danken, bitten oder weinen, dann erinnert sie uns: Alles im Leben kommt von Gott, der in Wort u. Sakrament unsere Nahrung ist.
Als Königin trete ich wie eine Mutter für dich ein, weil ich weiß, was du als Nahrung brauchst, wo dich der Schuh drückt. Aber sie bittet auch uns miteinander liebevoll umzugehen und im Alltag des Lebens einander helfend beizustehen! Maria ist unsere große Hoffnung, weil auch wir mit ihr gekrönt sind und unsere Sehnsüchte nach Leben und Glück in Erfüllung gehen.
Der Rattersdorfer Muttergottes vertraue ich heute unsere Diözese, diese ihr geweihte Pfarrgemeinde, alle Pilger sowie meinen Hirtendienst an! Amen.