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Nachrichten - Bischof Ägidius J. Zsifkovics

Nachrichten und Predigten

© Diözese Eisenstadt/Gerald Gossmann

Dienstag, 4. Dezember 2012

Akademikersonntag 2012

Das Thema, über das ich heute zu Ihnen sprechen darf, ist "Die Weltbischofssynode 2012 und die Neuevangelisierung in der Welt von heute".

Ich darf meine Betrachtungen zu diesem Thema von einem zunächst sehr privilegierten Sandpunkt aus darlegen - wie Sie wissen, war ich der entsandte Vertreter der Österreichischen Bischofskonferenz auf dieser Synode. Drei Wochen lang durfte ich in Rom teilnehmen an den intensiven Beratungen der Bischöfe aus aller Welt. Ich durfte in der Synodenaula über dem Petersplatz weltkirchliche Atmosphäre erleben, und ich konnte auch den Geist des Konzils wahrnehmen, der über allen Gesprächen und Begegnungen schwebte. So viel auch über die besondere Atmosphäre dieser Bischofssynode zu sagen wäre - die Begegnung mit den Amtsbrüdern aus aller Welt hat mir vor allem eines klar gemacht: Dieser Geist des Zweiten Vatikanums ist so groß, so lebendig und so strahlend, dass er - noch vielmehr, als ein bloßer geschichtlicher point-of-no-return zu sein - der Kirche auf ihrem Weg in die Zukunft noch für Jahrzehnte vorausleuchten wird.

Ich will Ihnen aber auch den zweiten, weniger lichtvollen Teil der Geschichte nicht verhehlen: die Rückkehr in den Alltag von Kirche und Welt, die einem Bischof nach seiner Rückkehr aus der Synode abverlangt wird; ich will Ihnen nicht den mühevollen Abstieg des Hirten in die Niederungen des Faktischen und des Administrativen vorenthalten, wo es gilt, das im Bischofskollegium Gehörte, Erlebte und Beratene mitzunehmen und umzusetzen ins Leben unserer Kirche vor Ort. Nicht, dass die dreiwöchige Bischofsynode keiner Mühen und Anstrengungen bedurft hätte. Nicht, dass dort immer alle einer Meinung gewesen wären. Aber in der römischen Synodenaula - dieser Nusschale, in der sich die Weltkirche im Oktober 2012 versammelte - zeigte sich bei aller sprachlicher und kultureller Vielfalt ein so großes und großartiges christliches Gemeinschaftsgefühl, dass die Rückkehr in den kulturellen Alltag Mitteleuropas mit seinen agnostischen und atheistischen Säurebädern unweigerlich eine Ernüchterung sein muss.

Denn das darf man nicht übersehen: Die Länder Europas und der westlichen Welt, und hier gewiss auch Österreich, gehören zu jenen im christlichen Glauben ermüdeten Gebieten, deretwegen unter anderem diese Synode überhaupt vom Papst einberufen wurde. Es ist jene Welt, in der die Kirche vielen nur mehr als theorienlastiges, weltfremdes Gebäude erscheint, als eine Art "Bewahrungsanstalt", wie es Henri de Lubac einmal bezeichnet hat, aus der sich das praktische Leben weitgehend zurückgezogen hat.

Ja, es stimmt - und es war auch Thema meiner eigenen Wortmeldung in der Synode -, dass die Kirche aufgehört hat, in ihrem Dienst, ihrem Tun und Sagen alle Themen des Menschen und alles Konkrete auf der Erde zu umarmen. Das erklärt, warum der christliche Glaube das Zupackende seiner Lebenskraft und den Zauber seiner Anziehungskraft für den modernen Menschen verloren hat. Weil die Kirche nicht mehr den ganzen Menschen umarmt, haben die Menschen aufgehört, die Kirche zu umarmen. Die echte Begegnung mit Christus ist die Begegnung mit Gott, der in allem (außer der Sünde) Mensch ist. Die Strukturen der Kirche müssen diese Begegnung weitestmöglich widerspiegeln. Ich werde darauf noch zurückkommen.

Was ich aber jetzt sagen will, ist: Die Praxis von Kirche und Glauben wird immer auch der Theorie bedürfen. Die Taten Jesu hatten den Charakter des Vorbilds, seine Worte aber immer den der Anweisung. Jesus hat uns eine Lehre hinterlassen. Er war ein Lehrer des Lebens. Und als solcher sprach er seine Gebote mitten in die bestehende Lebenspraxis und ins Herz der Menschen hinein, auf dass sie zu einer neuen, besseren Praxis fänden. Dies ist auch die Grundfunktion der Kirche: als die erfahrbare Gestalt der christlichen Religion dem Menschen mütterliche Lehrerin und Wegweiserin zu sein, damit er sein Leben ändert und die Welt christlich durchformt.

Es braucht also beides: die Theorie und die Praxis. Eine Theorie ohne Praxis ist grau, aber eine Praxis ohne Theorie ist gräulich! Ich sage das in Hinblick auf die vielen in der Menschheitsgeschichte unternommenen Projekte, die sich einem Tun ohne Regeln und Prinzipien verschrieben haben - mit erschreckenden Ausmaßen. Ich sage das aber auch in Richtung jener, die sich zur Vorstellung einer vermeintlich "freien", unverbindlichen, von jeglicher Autorität unabhängigen und von jeglicher Teilung nach Ämtern und Aufgaben entbundenen Kirche verstiegen haben. Nicht nur, dass der Aufruf zum Ungehorsam ein die Einheit der Kirche riskierender Aufruf zum Verfassungsbruch ist - er suggeriert auch vermeintliche Lösungen, die er angesichts der gesamtzivilisatorischen Erschlaffung des Glaubens in Wahrheit gar nicht zu geben imstande ist.

Anhand dieser Vorgaben möchte ich daher meinen weiteren Vortrag folgendermaßen gliedern:

1. Was ist eine Synode? - in der Theorie 

2. Was war die Weltbischofssynode 2012? - in der Praxis (mit ihren Eigenheiten, ihren Inhalten und ihrer Arbeitsweise)

3. Was ist die Conclusio aus der Synode 2012, worin liegt ihre Botschaft und Bedeutung für den weiteren Weg der Kirche?


1. Was ist eine Synode?
Ich erwähnte einleitend den Geist des Zweiten Vatikanums. Nicht nur ideell oder inhaltlich, sondern bereits strukturell hat sich das Ereignis des Konzils unumkehrbar in die Weltkirche eingeschrieben: Denn schon die Einrichtung der Bischofssynode geht auf das Zweite Vatikanische Konzil zurück. Dort wurde ja der Gedanke der Kollegialität der Bischöfe entscheidend vorangetrieben und schließlich von Papst Paul VI. mit der ständigen Einrichtung der Bischofssynode institutionalisiert. Das Gründungsdokument: Das Motu Proprio "Apostolica Sollicitudo" vom 15. September 1965. Das Ziel: die Beziehung zwischen Papst und Bischöfen aus aller Welt zu intensivieren und künftig über allgemeine kirchliche Angelegenheiten zu beraten.

Die Bischofssynode ist also ein Beratungsorgan des Papstes. Es tritt zusammen, um vom Hl. Vater vorgelegte Verhandlungsgegenstände zu beraten. Die Bischofssynode untersteht damit direkt der Autorität des Papstes (can. 344 CIC), dem kirchenrechtlich bestimmte Vorrechte zukommen - wie etwa das Einberufungsrecht, die Bestätigung der zur Synode Gewählten sowie die Ernennung der übrigen Teilnehmer, die Bestimmung der Verhandlungsgegenstände, die Bestimmung der Tagesordnung, der persönliche Vorsitz oder die Bestimmung eines Vertreters sowie die Beendigung, Verlegung, Unterbrechung oder Aufhebung der Synode.

Die herkömmliche Versammlungsform der Bischofssynode ist die der sogenannten Ordentlichen Generalversammlungen. Diese beraten - wie im Oktober 2012 in Rom geschehen - in Fragen, die die ganze Kirche betreffen (Spezialversammlungen beraten dagegen in Fragen, die eine Region oder mehrere bestimmte Regionen betreffen).

Wer darf daran teilnehmen? Die Ordentliche Generalversammlung (can. 346 § 1 CIC) besteht aus gewählten, entsandten und ernannten Synodalen. Gewählt werden die jeweiligen Vertreter der nationalen Bischofskonferenzen der Lateinischen Kirche und einige Vertreter der klerikalen Ordensverbände. Entsandt werden die Oberhäupter der autonomen orientalischen Patriarchats-, Großerzbischofs- und Metropolitankirchen sui iuris. Die Kardinalpräsides der römischen Dikasterien und alle übrigen Synodalen werden hingegen ernannt, ebenso die Berater und die Gäste aus der Ökumene. Die Mitgliedschaft aller endet mit dem Abschluss der Synode.

In der Regel folgt auf die Synode ein vom Papst erlassenes sogenanntes Nachsynodales Apostolisches Schreiben, das die Ergebnisse der Beratungstätigkeit zusammenfasst. Für die Weltbischofssynode 2012 wird dieses Schreiben im kommenden Jahr zu erwarten sein.

Zuletzt noch für die Statistik: Es hat bisher in der Geschichte 13 Ordentliche Generalversammlungen, 2 Außerordentliche Generalversammlungen und 10 Sonderversammlungen zu Themen bestimmter Weltgegenden gegeben.


2. Die Weltbischofssynode 2012 - ihre Eigenheiten, ihre Inhalte und ihre Arbeitsweise
Wir sind nun mitten im Thema. Die XIII. Ordentliche Generalversammlung im Oktober dieses Jahres war mit ca. 400 Synodalen die größte Versammlung der Bischofssynode, die je im Vatikan getagt hat. Neben ca. 260 Bischöfen aus allen Bischofskonferenzen dieser Welt nahmen zahlreiche Ordensleute, Laien, Berater, Gäste und Beobachter an ihr teil und haben drei Wochen lang unter Leitung des Papstes über Möglichkeiten und Wege beraten, die christliche Botschaft mit neuer Dynamik in die Welt zu bringen und tiefer zu verwurzeln. Getreu dem exakten Thema der Synode: "Die neue Evangelisierung zur Weitergabe des christlichen Glaubens in der Welt."

Mit Blick auf die traditionellen Seelsorgemethoden und zugleich in der Hoffnung auf neue pastorale Kreativität wollte der Heilige Vater durch die Einberufung dieser Synode in der Kirche eine Neuevangelisierung einleiten. Kirchenvertreter aus allen fünf Kontinenten trugen auf Grundlage eines die konkreten Themenbereiche beinhaltenden Arbeitspapiers - eines sogenannten "instrumentum laboris" - eine unüberblickbare Fülle von Überlegungen und Vorschlägen zu den verschiedensten Aspekten von Neuevangelisierung zusammen. Bei diesem Begriff der Neuevangelisierung, der gerne missverstanden wird, geht es aber keineswegs um neue Strategien oder Masterpläne, das möchte ich in aller Deutlichkeit betonen. Das Evangelium ist kein Produkt, das neu vermarktet werden müsste. Das haben die Synodalen auch am Ende in einer eigenen "Botschaft an die Welt" festgehalten.

Vielmehr geht es darum, unter den gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen unserer heutigen Welt neue Wege zu Glauben, zu Christus und zur Kirche aufzeigen. Es geht darum, in der heutigen Zeit die Einfachheit des Glaubens neu auszusagen und in der Christusbegegnung neu zu verwurzeln. Hilfe dabei sind die Liturgie, die Verkündigung, die Sakramente, die christliche Caritas. Dazu muss die Kirche jedoch wieder verstärkt in den Dialog mit den Kulturen, mit Wissenschaften, Technik, Kunst und Medien, aber auch mit den anderen Religionen eintreten.

Das Prozedere der Meinungsfindung in der Aula folgte einem bewährten Verfahren: am Beginn gab der Sekretär der Synode einen Anfangsbericht, danach gab der sogenannte Hauptrelator der Synode (in diesem Fall der Kardinal von Washington) eine Relatio, anhand derer er die Hauptlinie des Themas skizzierte. Jedes Synodenmitglied durfte im Laufe der folgenden Tage und Wochen zu einem oder zu mehreren Kapiteln des Instrumentum Laboris eine Wortmeldung in der Dauer von exakt 5 Minuten abgeben. In den Pausen gab es die Möglichkeit der persönlichen Begegnung mit den anderen Synodenteilnehmern, an den Abenden jeweils 1 1/2 Stunden der freien Diskussion und Debatte zwischen den Synodalen. Diese wurde gemeinsam mit den Inhalten der Redebeiträge in einer weiteren Relatio des Hauptrelators aufgegriffen und zur Grundlage der weiterführenden Arbeit in den 5 Sprachzirkeln gemacht. Hier schließlich, in den Sprachzirkeln, wurden die Grundlage für die Schlussbotschaft der Synode und die Vorschläge an den Papst für das Nachsynodale Apostolische Schreiben vorbereitet.


Ad 3. Conclusio - Oder: Was bleibt von einer Synode?
Es bleibt zunächst eine konkrete, nachzulesende Botschaft. Am Ende der intensiven Beratungen steht ein 20-seitiges Schlusspapier mit 58 thesenartigen "Empfehlungen" (sogenannten Propositiones), aus denen Papst Benedikt sein Postsynodales Schreiben verfassen wird.

Diese Vorschläge, aber vor allem meine persönlichen Erfahrungen in und mit der Synode erlauben mir folgendes Resümee: Die Synodenväter haben in kritischer, von großer Ehrlichkeit getragener Diskussion die Herausforderungen an die Kirche von heute analysiert und sich u.a. der Tatsache gestellt, dass die Länder der westlichen Welt im Glauben ermüdet sind.

Sie haben erkannt, dass die "neue Evangelisierung für die Weitergabe des christlichen Glaubens" in der Welt von heute das gesamte Leben der Kirche betrifft und es dafür keine Strategie, keine Zauberformel gibt. Sie wird vielmehr nur durch persönlichen Einsatz und die persönliche Lebensdimension möglich. Diese persönliche Dimension hat ihre Wurzel im Akt des Glaubens. Eine Wurzel, die gegenwärtig in unserer Gesellschaft beschädigt ist.

Der christliche Glaube ist eine Haltung. Es ist die dem Menschen mögliche Haltung, in der Welt nicht nur mit dem Sichtbaren, mit dem Überprüf- und Beweisbaren zu rechnen, sondern mit einem Fixpunkt außerhalb der erfahrbaren Wirklichkeit. Vom Wissen allein her können wir nicht zur Wahrheit gelangen. Zum Sinn des Lebens und der Welt findet der Mensch nur aus einer Haltung des Glaubens.

Der christliche Glaube ist daher nicht das Gegenteil von Wissen, er ist auch kein Ersatz für Nicht-Wissen, sondern er ist die bewusste Hinwendung und das Sich-Anvertrauen an eine Wahrheit hinter den Dingen. Das "Credo", das Apostolische Glaubensbekenntnis, der zentrale Text des Christentums, wurde nicht von einem Papst diktiert und auf keiner Bischofssynode beschlossen. Es entstand nicht am Schreibtisch eines Experten und ist auch kein Konsenspapier eines dazu berufenen Gremiums von Theologen. Das "Credo" erwuchs aus dem Leben der frühen christlichen Gemeinden, in denen nach Art eines Frage-Antwort-Spiels beim Taufgespräch die Frage "Glaubt du?" gestellt wurde. Und als Antwort kam das aus freiem menschlichen Entschluss kommende Wort: "Credo - ich glaube!". Laut und freudig, inmitten der versammelten Gemeinde, mitten im Leben wurde dieses Wort gerufen - als eine bewusste Lebensentscheidung!

Dies ist auch heute - nach 20 Jahrhunderten - unser Glaube: Keine Ansammlung von Lehrsätzen, sondern ein lebendiges persönliches Bekenntnis zu Gott als dem Grund, auf dem wir stehen, eine lebendige Beziehung zu Jesus Christus, dem Antlitz Gottes in der Welt.

Ich stelle die Frage in den Raum: Wie laut und wie freudig rufen wir, die wir im satten Österreich einer satten EU leben, dieses Credo überhaupt noch in den uns umgebenden Raum? Ist unser äußeres Bekenntnis deshalb so leise, weil da im Inneren vielleicht gar nicht mehr genug Entsprechung ist? Geben wir uns - jeder für sich - die Antwort selber.

Die speziellen Themen der Neuevangelisierung, wie die Synode sie behandelt hat, sind freilich vielfältig:

- Neuevangelisierung betrifft die kirchliche Seelsorge, sie betrifft ein Tun und Reden der Kirche, das die Menschen wieder in ihren konkreten Lebenswirklichkeiten persönlich und emotional erreichen muss, um ihre Herzen im Glauben zu entzünden - und nicht nur lau zu erwärmen.

- Neuevangelisierung betrifft unser aller Verhältnis zum Gebet, zum Gottesdienst und zu den Sakramenten. Sie stellt die Frage, wie regelmäßig sich Gläubige in ihrer Gemeinde zusammenfinden und sich am Sonntag versammeln, um das Evangelium zu hören und die Eucharistie zu feiern.

- Neuevangelisierung betrifft die Notwendigkeit, die Vorbereitung auf die Taufe, die Firmung und die Eucharistie mit einer geeigneten Katechese zu begleiten - als Reaktion auf ein in der westlichen Welt immer stärker bemerkbares Schwinden von Glaubenswissen und Glaubenspraxis. Die Synode hat in diesem Zusammenhang betont, wie sehr die Jugend mit ihren Sorgen, aber auch mit ihrer Sehnsucht und ihrem Enthusiasmus der Kirche am Herzen liegt. Junge Menschen bei ihrer Suche zu unterstützen und sie zu ermutigen, die kirchliche Gemeinschaft anzunehmen und mitzugestalten, muss daher für die Kirche eine Priorität sein.

- Neuevangelisierung betrifft die von den Synodenvätern bekräftigte Bedeutung der Beichte, des Sakraments der Barmherzigkeit Gottes. In der Tat droht die Beichte in unseren Breiten zum vergessenen Sakrament zu werden, weil der moderne Mensch ihre heiligende und heilende Wirkung vergessen hat. Die Beichte ist das Sakrament der Neuevangelisierung!

- Und Neuevangelisierung meint vor allem die Familien und die Pfarren - als deren eigentliche Zentren! Hier geschieht ja die erste Einführung im Glauben, hier wird der Same des Glaubens gelegt.

- Die Synode hat aber unter anderem auch daran erinnert, dass die heutige Säkularisierung von der Kirche verlangt, die eigene Präsenz in der Gesellschaft grundsätzlich neu zu überdenken und alte, angestammte Räume aufzugeben - dass aber die vielen und ständig neuen Formen der Armut der tätigen Nächstenliebe völlig neue, unbekannte Räume eröffnen! Die Authentizität der Neuvangelisierung trägt daher das Antlitz der Armen. Dies viel mehr als die besten pastoralen Programme und Strategien - und zwar überall, in unserer unmittelbaren Nachbarschaft wie in ganz Europa! Darin liegt heute für die Kirche die einzigartige Chance einer Entflechtung von alten gesellschaftlichen Mustern und Sicherheiten wieder hin zum Ureigensten des Christentums: zum Evangelium. Ein Schritt, der der Glaubwürdigkeit der Kirche nur gut tun kann.

- Die Kirche ist, wie die Synodenväter in Rom festgehalten haben, "der Raum, den Christus in der Geschichte anbietet, um ihm begegnen zu können." Ihr hat er sein Wort und seine Sakramente anvertraut. In diesen Raum hinein sind wir alle gerufen. In diesem Raum ist aber in besonderem Maße Platz auch für die, die noch ganz draußen stehen, an den "Zäunen", wie es im Evangelium heißt, die Fernen, die wir wieder vermehrt zum Mahl rufen müssen! Und das bedeutet den persönlichen inneren Aufbruch derer, die sich der Neuevangelisierung verpflichtet fühlen.

- In diesem einen Punkt waren sich die Bischöfe aus aller Welt in all ihrer gedanklichen Vielfalt völlig einig: Darin, dass die Neuevangelisierung bei den Bischöfen, Priestern, Diakonen, Ordensleuten und den in der Verkündigung stehenden Laienchristen selbst beginnen muss! Zurückverwiesen an die biblische Urforderung der inneren Umkehr und der Bekehrung zu Gott muss jeder Mensch - und erst recht der geistliche Mensch! - bei sich selbst ansetzen. Es geht in der heutigen Krise der Kirche um das Wiederfinden der Geistlichkeit und der Glaubwürdigkeit priesterlicher Existenz ebenso wie um die stärkere Wahrnehmung geformter Laien als ein großer Schatz der Kirche in der Weitergabe und Bezeugung des Glaubens. Nur das fortwährende Bekenntnis zu diesem kostbaren Schatz wird der Kirche helfen, alte Dünkel zu überwinden und die Würde und unverzichtbare Verantwortung der Laien in der Kirche zu erkennen und auch praktisch umzusetzen.

Ich komme zum Schluss.

Die persönliche Überzeugung, dass Christus das Wohl des ganzen Menschen in seiner ganzen Lebenwirklichkeit wollte, hat mich dazu bewogen, in meiner Wortmeldung vor der Synode das geistig-geistliche Vermächtnis des Priesters und Wissenschaftlers Pierre Teilhard de Chardin ausdrücklich in Erinnerung rufen. Ob wir es wollen oder nicht: Die von Teilhard vor mehr als 60 Jahren vorausgesagten globalen Phänomene haben uns heute eingeholt. Wir alle leben in einer Welt, in der nicht mehr nur das Dasein des Einzelmenschen, sondern das der ganzen Menschheit fragwürdig geworden ist.

Teilhard sah das Leben und den Kosmos in einer von Gott bewirkten kreativen Bewegung, die noch nicht an ihr Ziel gelangt ist. Ich bin überzeugt, dass diese Sicht der Kirche und der Welt in der Krise einen Weg zeigen kann - fern von Zweckoptimismus und verkrampften Glaubensanstrengungen! Was wir brauchen, ist eine Vertiefung unseres Bewusstseins und eine größere Sicht der Wirklichkeit unserer Welt. Eine Sicht, die weder den christlichen Glauben noch die Vernunft des Menschen beleidigt.

Diese Sicht verlangt von uns einen neuen, vertieften Blick auf Jesus Christus. Die Begegnung mit Christus ist „"nicht die Begegnung mit einem historischen Helden, sondern die echte Begegnung mit Gott, der ein Mensch ist“. Erst, wenn eine menschliche Kirche in der Nachfolge Christi die Menschen wieder im Kontext ihrer unmittelbaren Lebenswirklichkeiten persönlich und emotional erreicht, wird die heutige Unfruchtbarkeit der Evangelisierung ebenso beendet sein wie die damit verbundenen ekklesiologischen und spirituellen Probleme.

Aus dieser Sicht heraus wird auch das Phänomen der Säkularisierung und ihre Bedeutung für den christlichen Glauben völlig neue Vorzeichen erhalten. Sobald nämlich die Kirche wieder beginnt, alle Themen des Menschen und alles Konkrete auf der Erde zu umarmen, wird der christliche Glaube das Zupackende seiner Lebenskraft und den Zauber seiner Anziehungskraft wieder voll entfalten können. Diese heutige Zeit birgt daher die reelle Chance, das unermessliche Potential suchender, ringender und hoffender Menschen im christlichen Glauben zu aktivieren.

Wenn der Kirche diese Aktivierung gelingt, wird sie auf die in der modernen Gesellschaft vorhandene Trennung von Glauben und Leben ebenso heilsam wirken wie auf die Verständnisprobleme zwischen christlicher Vernunft und technologischer Forschung.

Teilhards visionäre Zusammenschau christlichen Glaubens mit dem heutigen wissenschaftlichen Weltbild ist noch lange nicht von uns erreicht. Die Kirche muss lernen, den Dialog mit der Wissenschaft wieder auf Augenhöhe zu führen - das ist mühsam, aber unerlässlich!

Liebe Anwesende! Das Logo zum Jahr des Glaubens 2012, das in engem inneren Verhältnis zum Thema der Neuevangelisierung steht, zeigt das Schiff der Kirche auf den Wogen der Zeit. Der Mastbaum: das Kreuz Christi. Das Segel: die Hostie als Zeichen der intimen Einheit Gottes mit uns Menschen, die in Christus, dem Heiland und Retter, ihren höchsten Ausdruck findet.

Der Hl. Bonifatius, der große Evangelisierer der Germanen in stürmischer Zeit, hat über das Amt des Hirten folgenden Satz gesagt: "Die Kirche fährt über das Meer dieser Welt wie ein großes Schiff und wird von den Wogen - das sind die Anfechtungen dieses Lebens - hin und her geworfen. Wir dürfen das Schiff nicht verlassen, wir müssen es lenken."

Uns allen - Getauften, Gefirmten und Geweihten, Hirten wie Christgläubigen - diesen Leitspruch mit auf den Weg gebend, danke ich für Ihr Zuhören und Ihr Interesse. Ich möchte mit einem Wort aus der Schlussbotschaft der Synode an die Kirche in Europa schließen: “Ein Wort der Ankerkennung und der Hoffnung richten die Bischöfe an die Kirchen des europäischen Kontinents, der heutzutage teils durch eine starke, manchmal auch aggressive Säkularisierung gekennzeichnet, teils noch durch lange Jahrzehnte der Macht gott- und menschenfeindlicher Ideologien verwundet ist. Die Anerkennung gilt der Vergangenheit, aber auch der Gegenwart, in denen das Evangelium in Europa ein Bewusstsein und eine Erfahrung des Glaubens ermöglicht hat, die einzigartig und entscheidend für die Evangelisierung der ganzen Welt und oft von Heiligkeit durchdrungen waren: Reichtum des theologischen Denkens, eine Vielfalt charismatischer Ausdrucksformen, verschiedenste Weisen tätiger Nächstenliebe an den Armen, tiefgründige kontemplative Erfahrungen, die Bildung einer humanistischen Kultur, die dazu beigetragen hat, der Würde der Person und dem Aufbau des Gemeinwohls ein Gesicht zu geben. Die Schwierigkeiten der Gegenwart sollen euch nicht entmutigen, liebe Christen Europas. Seht sie im Gegenteil als eine Herausforderung an, die es zu überwinden gilt, und als Gelegenheit, Christus und sein Evangelium des Lebens freudiger und lebendiger zu verkünden.“

Geschätztes Auditorium!

Stellen wir uns dieser Herausforderung gerade im Jahr des Glaubens und beginnen wir damit bereits in diesem Advent!