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Nachrichten - Bischof Ägidius J. Zsifkovics

Nachrichten und Predigten

© Diözese Eisenstadt/Gerald Gossmann

Montag, 22. Oktober 2012

Seligsprechung von Hildegard Burjan - Santa Maria dell'Anima

Erlauben Sie mir die etwas eigenartige Frage: Was ist der Unterschied zwischen einem Menschen und einem Autoreifen? Antwort: Ein Autoreifen muss wenigstens 3 mm Profil haben. Hinter dieser scherzhaften Frage wahren Hintergrunds verbergen sich mehrere Dinge:
• das Bedauern, dass es so wenige Menschen mit Profil gibt;
• die Klage, dass viele ihren Weg nicht mutig und geradlinig gehen;
• die Enttäuschung, dass kaum jemand für seine Überzeugung einsteht, wenn er auf Widerstand stößt oder Nachteile befürchten muss.

Auch in der Kirche heißt es oft: "Ach, hätten wir doch mehr profilierte Christen, die ihrem Glauben ein Gesicht und klare Konturen geben!" Die Klage ist unnütz. Stattdessen braucht es die Überlegung, was denn zu einem Christsein mit Profil gehört, was es ist, wodurch sich profilierte Christen auszeichnen. Und dann braucht es die Selbstbetrachtung. Wer seinem Christsein ein Profil geben will, der muss folgendes Exerzitium an sich selbst durchführen und ehrlich fragen: Was ist denn meine persönliche Berufung? Was hat Gott mit meinem Leben vor?

Bis vor kurzem hat man das Wort Berufung nur im Zusammenhang mit Priestern und Ordensleuten gebraucht. Aber wie das Konzil betont, hat jeder Christ seine Berufung, seinen Lebensauftrag, sein Charisma. Es kommt darauf an, diese Berufung zu entdecken, genau hinzuhören, was Gott aus unserem Leben machen will. „Nehmt Gottes Melodie in euch auf!“ Mit diesen blumigen Worten möchte Ignatius von Antiochien sagen: Gott spielt jedem von uns eine persönliche Lebensmelodie zu. Lasst euch von dieser Melodie ergreifen und lasst sie in eurem Leben weiter klingen!

Wer seinem Christsein ein Profil geben will, der wird noch einen Schritt weitergehen. Der wird auch in der Öffentlichkeit zu dem stehen, was ihm wichtig ist, der wird mit Widerständen rechnen und trotzdem versuchen, einen geraden Weg zu gehen, der sein Bekenntnis und Zeugnis widerspiegelt. „Lebe, was du vom Evangelium begriffen hast, und wenn es auch noch so wenig ist, aber lebe es!“ Mit diesen Worten will der ermordete Prior von Taize Roger Schütz Mut machen: Zeig, woraus und wofür du lebst! Lass andere sehen, was deine Quellen sind! Bekenne dich und stehe zu deiner Überzeugung!

Wer seinem Christsein ein Profil geben will, der wird zuletzt offen zugeben: Ich weiß, dass die Kraft für meinen Weg nicht allein aus mir selbst kommt. Ich bin überzeugt, dass ich von Gott gestärkt, begleitet und geführt werde. Ich spüre, dass ich ohne Gottvertrauen nicht leben kann. Dieses Gottvertrauen hat nichts mit Passivität und „Die-Hände-in-den-Schoß-legen“ zu tun. Dieses Gottvertrauen sagt: Ich darf und soll mich mit meinen Kräften und Fähigkeiten für die Sache Jesu engagieren, aber ich darf und soll auch in Gelassenheit darauf vertrauen, dass Gott alles zu einem guten Ende führt. „Ich bin mit dir, um dich zu retten.“ - aus dieser Zuversicht lebten die Propheten, auch wenn sie oft zweifelten und sich von Gott allein gelassen fühlten. Aus dieser Zusage lebte auch Jesus. Seine Beziehung zu Gott gibt ihm innere Stärke und Halt. „Ich bin mit dir, um dich zu retten.“ Mit dieser Zusage Gottes zu leben, das könnte auch uns entlasten und befreien, das könnte uns helfen, unser Selbstwertgefühl nicht vom Wohlwollen anderer abhängig zu machen, das könnte eine klare Linie in unser Leben bringen.

Berufung – Bekenntnis – Gottvertrauen: drei Kennzeichen für ein profiliertes Christsein.

Im Oktober 1908 wird Hildegard Burjan, eine junge Frau aus einer konfessionell nicht gebunden jüdischen Familie, die mit ihrem Mann in Berlin lebt, mit einer schweren Nierenkolik ins Spital eingeliefert; sieben Monate verbringt sie dort, und wird, nach mehreren Operationen, von den Ärzten bereits aufgegeben. Am Ostermorgen des Jahres 1908 aber bessert sich ihr Gesundheitszustand aus unerklärlichen Gründen plötzlich radikal. Sie sieht dies als einen Fingerzeig Gottes an und findet nun zum Glauben. 1909 empfängt sie das Sakrament der Taufe. Sie will, obwohl sie ein Studium abgeschlossen hat, keine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen, sondern ihr neu geschenktes Leben "ganz Gott und ganz den Menschen widmen". Es ist der Moment der Berufung von Hildegard Burjan.

Als junge Mutter sucht sie Anschluss an katholische Kreise, die sich mit der brennenden sozialen Frage infolge der Industrialisierung auseinandersetzen: Hildegard Burjan beginnt sich vorrangig mit der bedrückenden Situation der Arbeiterinnen zu beschäftigen. Sie entwickelt ein Programm, das sie später bei ihrer politischen Tätigkeit im Parlament, ihrem caritativen Engagement und durch die Gründung der Schwesterngemeinschaft "Caritas Socialis" umzusetzen versucht, dabei stets dem Leitsatz folgend: "Die Liebe Gottes durch den sozialen Dienst verkünden".

Sie wird die erste christlichsoziale Abgeordnete im Parlament der Ersten Republik. Als bedeutende Sozialpionierin des 20. Jahrhunderts versucht sie mit bahnbrechenden Sozialprojekten die Prinzipien der katholischen Soziallehre in die Praxis umzusetzen. Der Wiener Kardinal-Erzbischof Friedrich Gustav Piffl nannte sie das "Gewissen des Parlaments".

Kann es ein deutlicheres nach außen getragenes Bekenntnis einer Katholikin geben?

Als 1920 Neuwahlen ausgeschrieben werden, überrascht Hildegard Burjan den Parteivorstand mit der Mitteilung, nicht mehr zu kandidieren. Sie gibt dafür drei Gründe an: ihren schlechten gesundheitlichen Zustand, zu wenig Zeit für ihre Familie und den Klubzwang, dem sie sich als Katholikin nur schwer beugen kann. Was sie verschweigt, ist, dass sie unter den zunehmenden antisemitischen Tendenzen innerhalb der Christlichsozialen Partei leidet. In den ihr noch verbleibenden 13 Lebensjahren aber stellt Hildegard Burjan ein Lebenswerk auf die Beine, das auf dem Gebiet der Altenbetreuung und Hospizbewegung Pionierarbeit leistet: die religiöse Schwesterngemeinschaft "Caritas socialis", deren Vorsteherin sie bis zu ihrem Tod bleibt.

In all dem zeigt sich letztlich das Gottvertrauen der Hildegard Burjan, ohne das solch ein Weg nicht möglich gewesen wäre.

Auf die Melodie hören, die Gott mir persönlich zuspricht; das leben, was ich vom Evangelium verstanden haben; engagiert und gelassen meinen Weg gehen, dort wo mich Gott hingestellt hat – drei Grundhaltungen, die ich lernen und einüben kann, die jeder und jede von uns lernen und einüben sollte!

Autoreifen mit Profil hinterlassen Eindrücke und Spuren. Ich bin überzeugt: Christen mit Profil tun es auch! Hildegard Burjan hat uns das eindrucksvoll vorgelebt. Jetzt sind wir dran, es ihr nachzumachen!

Selige Hildegard - bitte für Deine Schwestern der Caritas Socialis und für uns alle! Amen.