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Nachrichten - Bischof Ägidius J. Zsifkovics

Nachrichten und Predigten

© Diözese Eisenstadt/Gerald Gossmann

Montag, 10. September 2012

Impulsreferat Seelsorgertag


6. September 2012, Eisenstadt, Haus der Begegnung

Liebe Brüder im priesterlichen und diakonalen Dienst!
Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Seelsorge!

Ich darf Euch alle zum diesjährigen Seelsorgertag herzlich willkommen heißen. Danke für Euer Interesse und Eure Teilnahme an dieser Veranstaltung, die uns allen, die wir in den verschiedensten Bereichen der Seelsorge stehen, ein gewichtiges "Update" für unser Wirken geben kann. So gilt mein besonderer Dank Kanonikus MMag. Michael Wüger, dem Pastoralamtsleiter unserer Diözese: Seinem Engagement und seiner Planung ist es zu verdanken, dass dieses Update den geeigneten Rahmen erhielt, der allen Teilnehmern eine geistig und geistlich gewinnbringende Teilnahme ermöglichen kann.
In diesem Zusammenhang danke ich Herrn Univ. Prof. Bernhard Körner für die beeindruckende hochkarätige Behandlung des Ereignisses und der Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils, die wir heute Vormittag erleben durften.

Ich lade Euch daher ein, Euch auch noch ganz auf den restlichen Tag einzulassen und Euch in der verbleibenden Zeit in aller inneren Freiheit und Ehrlichkeit den hier gebotenen Raum der Reflexion und der eigenen Standortbestimmung  zu gönnen.

Mit den Begriffen "Update" und "Standortbestimmung" bin ich schon beim Thema. Seien wir ehrlich: Wer von uns verspürt in dieser unruhigen Zeit nicht die brennende innere Frage, wohin es mit der Kirche gehen soll, wohin es mit uns gehen soll, die wir in und mit unserer Kirche gehen?

Beim Niederschreiben einiger Gedanken für mein heutiges Statement gab mir mein Computer folgende Meldung: "Ein Update ist erforderlich! Drücken Sie auf O.K.! Damit das Update wirksam wird, muss der Computer neu gestartet werden." Ich darf hoffentlich davon ausgehen, dass der Computer mit seiner Meldung nicht unbedingt den Inhalt meiner Gedanken meinte, sondern bloß die rechnerische Verarbeitung der nackten Buchstaben. Aber eines wurde mir dabei doch klar: Das Fortschreiten des Menschen in der Zeit - gleichgültig, ob er sich den Funktionsweisen seines Computers beim Tippen stellt oder ob er sich den großen existentiellen Fragen des Lebens stellt - dieses Fortschreiten geschieht immer in Schritten. Dieses Fortschreiten geschieht, wenn es Bestand haben will, in sanfter Evolution, nicht durch Revolution.
Weder wirft der gesunde Mensch seinen Computer aus dem Fenster, wenn einmal eine Fehlermeldung kommt, noch wirft der gesunde Mensch seine Existenz aus dem Fenster, wenn etwas unrund läuft. Die "Tabula rasa", den Sprung aus der Geschichtlichkeit gibt es nicht. Statt dessen wird von uns Menschen die ständige Veränderung verlangt. Diese bedeutet mitunter das schmerzhafte Loslassen alter, oft lieb gewonnener Gewohnheiten und Praktiken. Oder biblisch gesprochen: Es bedarf der fortwährenden Umkehr und Bekehrung!
Doch wo ist es zu finden, dieses Update für uns und unsere Kirche? Manchmal liegt die Antwort so nah vor einem, dass man sie nicht sieht.

Vor bereits 50 Jahren, in einem spannenden, großen, nach Wahrheit ringenden, teils mühsamen Prozess, wurden die wesentlichen Inhalte einer 2000 Jahre alten Festplatte ausgelesen und auf der Höhe der Zeit neugelesen. Dieses Update war das Zweite Vatikanische Konzil. Professor Körner hat es uns am Vormittag wieder ins Bewusstsein gerufen.

Lasst mich die Hauptpunkte nochmals kurz ansprechen:

Erstens: Mit ihrer Magna Charta, der sogenannten Dogmatischen Konstitution "Lumen Gentium", hatten die Konzilsväter eine Kirche im Auge, die ganz vom Geist des Evangeliums durchdrungen ist, vom Geist des Dienens und der Demut, vom Geist der Offenheit und der katholischen Weite. Meditieren wir das Wort und halten wir es hoch als Programm: katholische Weite! Nicht sektiererische Enge und Rückzug in kleine Nischen der Frömmigkeit, sondern eine Kirche, die aus den biblischen und liturgischen Quellen sowie aus dem Erbe der Kirchenväter schöpft und in missionarischer Sendung zu den Menschen, und zwar zu allen Menschen geht - das und nicht weniger wollte das Konzil!

Zweitens: "Das Licht der Völker ist Christus!" - Mit diesem Satz ganz am Beginn von Lumen Gentium wird das ganze Programm vorweggenommen: Christus ist das Licht des Menschen. Die Kirche, die selbst nicht dieses Licht ist, soll in der Welt Gnadenzeichen des Heils sein für alle Menschen, gleich welcher Religion und Weltanschauung. Sie soll selbstlos der ganzen Menschheit und ihrem Heil dienen!

Drittens: Lumen Gentium stellt fest, dass es "Trübsale und Mühen" innerhalb der Kirche gibt. Es stellt fest - und das ist von einzigartiger Neuigkeit! -, dass die Kirche das Mysterium Christi zwar getreu, aber auch schattenhaft, unklar und dunkel verkündet. So sehr sie ihrem Wesen nach heilig ist, so sehr geht sie fortwährend einen Weg der Buße und Erneuerung. Diese große Einsicht bedingt den großen Impuls für die ökumenische Bewegung, die vom Konzil ausgeht.

Viertens: Das Zweite Vatikanum will über die Fixierung auf das Papsttum hinausgehen und spricht über die Verantwortung der Bischöfe. Der Bischof ist Hirte, nicht Oberbefehlshaber. Gegenüber dem Papst trägt er gemeinsam mit allen anderen Bischöfen kollegiale Verantwortung für die Einheit der Kirche. Auch wenn die Umsetzung dieses Prinzips noch in den Anfängen steht, ist das Synodalprinzip wesentlicher Ausdruck des neuen Geistes.
In diesem Zusammenhang will ich Euch nicht vorenthalten, dass mich die Österreichische Bischofskonferenz als Vertreter des heimischen Episkopats bei der im Oktober in Rom stattfindenden Bischofssynode nominiert hat. Diese XIII. ordentliche Generalversammlung wird sich mit dem Thema der Neuevangelisierung für die Weitergabe des christlichen Glaubens in der Welt befassen. Die Einberufung der Synode ist zweifellos im Zusammenhang mit dem Konzilsjubiläum zu sehen.

Fünftens: Das Konzil betont die Würde und Verantwortung des Laien in der Kirche neu. Diese Würde ist auch von den geweihten Hirten - darunter auch den Pfarrern! - anzuerkennen. Die Pastoralkonstitution "Gaudium et spes" verlangt dabei das ständige fruchtbare Gespräch zwischen allen, "die das eine Volk Gottes bilden, Geistliche und Laien", dabei herrsche - wortwörtlich - "im Notwendigen Einheit, im Zweifel Freiheit, in allem die Liebe". Ich darf diese Formel allen ins Stammbuch schreiben, die echt oder vermeintlich am Wohl der einen Kirche interessiert sind!

Liebe Mitbrüder! Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter! Wir haben es also schon längst, das Update, das wir so dringend benötigen. Aber: Wir haben den Neustart noch nicht gemacht! Wir haben das umfassende inhaltliche Update noch nicht in die Selbstverständlichkeit kirchlichen Denkens und Tuns hinein übertragen! Oder wollte irgendjemand von uns ernsthaft behaupten, die Vorstellungen des Konzils, diese eben aufgezählten Punkte wären auch nur annähernd erreicht worden?

Gewiss, dieser Neustart konnte und kann nicht - wie beim Computer - auf Knopfdruck geschehen. Dieser Neustart ist vielmehr ein Generationenprojekt. Der Heilige Vater ist davon überzeugt, dass das Zweite Vatikanum erst langsam aus den Dokumenten ins lebendige Bewusstsein der Kirche hinein sickern muss. Und der Blick auf die heutige kirchliche Praxis bestätigt, dass diese die vorausblickende Weite des Konzils noch lange nicht eingeholt hat. Wir feiern zwar ein Jubiläum, doch die Weichen, die das Zweite Vatikanum gestellt hat, reichen weit in die Zukunft!

Doch nun ist der Zeitpunkt gekommen, einen Sprung zu machen. Alles, was heute Thema der Kirche ist, findet Antworten im Zweiten Vatikanum, das aus heutiger Perspektive schon als prophetisch zu bezeichnen ist. Dabei werden wir nicht gefragt, ob wir bereit sind, diesen Sprung zu machen. Wir müssen ihn machen, weil die Zeit ihn von uns verlangt. Die Lebenswirklichkeit fragt uns gnadenlos an: Innerkirchliche Spaltungstendenzen, das Ärgernis der Missbrauchsfälle in kirchlichen Institutionen, die allgemeine Erosion des Wissens um grundlegende Wahrheiten unseres Glaubens - dies und vieles mehr stellt die Kirche wieder einmal in ihrer Geschichte auf den Prüfstand der Zeit - und erinnert sie im Moment gesellschaftlicher Bedrängnis an ihr großartiges Zweites Vatikanum.
Auch aus diesem Grund hat Papst Benedikt XVI. just in diesem Jahr ein Jahr des Glaubens ausgerufen. Es wird am 11. Oktober 2012, dem fünfzigsten Jahrestag der Eröffnung des Ökumenischen II. Vatikanischen Konzils, beginnen und bis zum 24. November 2013, dem Hochfest Christkönig, dauern. Unser Pastoralamtsleiter wird uns anschließend noch ausführlich vom Jahr des Glaubens berichten.

Eigentlich, so meine ich angesichts der heutigen Gesamtsituation, in der wir uns befinden, sollte es ein Jahrzehnt des Glaubens werden! Wir alle sollten  dafür beten und uns dafür einsetzen! Wir werden in unserer Diözese jedenfalls bestrebt sein, uns in diesem Jahr des Glaubens auf allen Ebenen mit dem Zweiten Vatikanum theoretisch und praktisch auseinander zu setzen. Gewiss, die ernsthafte Umsetzung hehrer Gedanken erfordert immer auch ein Hinabsteigen in die Niederungen des Faktischen. Sie erfordert ein ernsthaftes und verlässliches Arbeiten, um das ich Euch schon heute herzlich bitten möchte!

Lasst mich abschließend kurz einige konkrete seelsorgliche Schwerpunkte des neuen Arbeitsjahres erwähnen, die für uns als Diözese wichtig sind:

Seelsorgliche Schwerpunkte im Arbeitsjahr 2012/13

Jahr des Glaubens – Auftakt mit Angelus am 11.10.; zu Martini als Diözese mit Kardinal Meisner; Schwerpunkt in der pastoralen Arbeit

Konzilsjubiläum – Beschäftigung mit Konzilsdokumenten in allen Gremien

Monatliche Rekollektionen in den Dekanatskreisen Nord – Mitte – Süd
Programm: 10.00 Anbetung und Beichte; 11.30: Geistlicher Vortrag; 12.30 Austausch; 13.00 Mittagessen; anschl. Gespräch mit Bischof
Termine: Nord: 4.10., 17.1., 4.4.; Mitte: 15.11., 7.2., 2.5.; Süd: 13.12., 7.3., 6.6.
Geistliche Begleiter: Abt Maximilian Heim (Nord); Provinzial P. Lorenz Voith CSsR (Mitte); Weihbischof Dr. Franz Lackner (Süd)
Orte: Eisenstadt (Dom); Oberpullendorf (Haus St. Stephan); Güssing (Kloster)
Einladung an Priester, Diakone, Ordensleute, Pastoralassistenten, Religionslehrer

Einführung und Begleitung der neuen Pfarrgemeinderäte
Pastoralamt wird notwendige Hilfen geben; Bitte an die Seelsorger, um die Begleitung, umsichtige Führung sowie gute Zusammenarbeit!

Kanonische Visitation mit Firmung und Kontaktwochen 2013
Dekanat Eisenstadt (14 Pfarren; Fastenzeit bis nach Ostern)
Dekanat Rechnitz (14 Pfarren; nach Ostern)
Kontaktwochen in den Dekanaten Rust und Jennersdorf

Diözesane Jubiläen
100. Geburtstag von Bischof Stefan László
50 Jahre Domkapitel – Errichtung am 1.Mai 1963
20 Jahre Bischofsweihe Alt-Bischof Paul Iby
10 Jahre Seligsprechung Dr. Ladislaus Batthyány-Strattmann

Diözesane Wallfahrten
Mariazell – erstes Juliwochenende
Luxenburg-Deutschland – ab 16. August
Arbeiterwallfahrt nach Altötting – erstes Septemberwochenende
Dreiländerwallfahrt Frauenkirchen – 8. September
Ökumenische Studienreise ins Hl. Land – Semesterferien 2013
Wallfahrtsorte in der Diözese
Bedeutende Orte für die Neuevangelisierung mit besonderen Angeboten im Jahr des Glaubens! Liturgische Feiern, Vorträge zu Themen des Glaubens und des Konzils, geistliche Begleitung, Beichtdienst!

Einladung zur Feier des Weihetages  am 25. September in den Dom
19.00 Festgottesdienst im Dom mit Einkleidung des neuen Dompropstes
Anschl. Agape im Dompfarrzentrum

Gedenken an verstorbene Mitbrüder
Pfarrer Franz Kostenwein
Kardinal Carlo Martini

Dank und Gratulation
Allen für ihre Treue und ihren Einsatz in der Seelsorge unserer Diözese, besonders denen die einen neuen Dienst übernommen haben – Vergelt´s Gott für die Bereitschaft dorthin zu gehen, wohin mich die Kirche sendet und wo sie mich braucht! Gott wird es mit seinem Segen lohnen!
Dank für die Geldsprenden zum Silbernen Priesterjubiläum für die Partnerdiözese in Indien: € 10.977.-
Gratulation allen die einen runden Geburtstag oder ein Dienstjubiläum haben – stellvertretend Dechant Prof. Mag. Fritz Schobesberger zum goldenen Professjubiläum und Prälat Johann Bauer zum 80. Geburtstag! Herzlichen Glückwunsch – aufrichtigen Dank – und allen Segen Gottes!

Danken möchte ich Euch für Euren wertvollen Dienst an den Menschen in unserer Diözese und der ganzen Kirche. Er reicht von Eurer großartigen Kernkompetenz seelsorgerischen Wirkens in all seiner Bandbreite bis hin zu sehr konkreten Zeichen, etwa den großzügigen Spenden, die viele von Euch für unsere indischen Partnerdiözesen gegeben haben. Habt Dank dafür!
Ich danke aber auch für Euer verständnisvolles Mitgehen bei Versetzungen. Es erfüllt mich mit großer Freude, wenn ich erlebe, dass Priester zu ihrem bei der Weihe gegebenen Versprechen stehen, dort zur Verfügung zu stehen, wo ihr Bischof sie benötigt.

Alle diese Aktivitäten und unser seelsorgliches Tun werden nur erfolgreich sein, wenn sie auf 4 Säulen beruhen:
- Auf einer echten Spiritualität, die Gebet, Gottesdienst und die Bibel in sich vereint;
- auf einer menschlich hochstehenden, dem christlichen Menschenbild verpflichteten Kompetenz des Leitens und Führens, die ziel- und lösungsorientiert mit Konflikten umzugehen weiß;
- auf der Fähigkeit diakonischen Handelns, welches die Gemeinden in ihren jeweiligen Problemstellungen wahrnimmt und aus profunder Diagnose heraus sinnvolle Projekte mit christlich-karitativem Mehrwert initiiert;
- und zuletzt auf der Säule missionarischen Arbeitens, das die Welt durchdringt, indem es Menschen erreicht, ihnen etwas zutraut und sie zu Mitarbeitern in Gottes Weinberg macht.

In einer Kirche im englischen Sussex ist folgende Inschrift aus alter Zeit zu lesen:
"Eine Vision ohne Umsetzung bleibt nur ein Traum.
Eine Umsetzung ohne Vision ist eine Tragödie.
Eine Vision, die umgesetzt wird, ist die Hoffnung der Welt."

Tragen wir mit unserem Denken, Reden und Tun, vor allem aber auch mit unserem Gebet zu dieser Hoffnung dort bei, wohin uns Gott gestellt hat!
Der Segen Gottes, die Wegweisung Mariens und die Fürsprache des hl. Martin, unseres Landes- und Diözesanpatrons, begleiten uns dabei!

Ägidius J. Zsifkovics
+ Bischof von Eisenstadt