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Nachrichten - Bischof Ägidius J. Zsifkovics

Nachrichten und Predigten

© Diözese Eisenstadt/Gerald Gossmann

Dienstag, 10. April 2012

Homilie zum Osterfest

Ostersonntag, 8. April 2012, St. Martinsdom Eisenstadt

In einigen französischen Dörfern wird bis heute folgender Osterbrauch gepflegt: Wenn am Ostersonntag in der Früh zum ersten Mal die Kirchenglocken läuten, laufen Kinder und Erwachsene schnell zum Brunnen in der Mitte des Dorfes. Dort waschen sie sich mit dem kühlen und klaren Brunnenwasser die Augen aus. Sie wollen Oster-Augen bekommen:
• Oster-Augen, aus denen die misstrauischen, die verachtenden, die neidischen und die berechnenden Blicke verschwunden sind;
• Oster-Augen, aus denen der Schleier der Angst, der Resignation und der Hoffnungslosigkeit weggespült ist;
• Oster-Augen, aus denen der Schlaf, die Interesselosigkeit und die Gleichgültigkeit im Leben und im Glauben herausgewaschen sind.

Das Osterevangelium und dieser alte Brauch sagen uns: Auferstehung kann man nicht mit Worten erklären, man kann die Wahrheit, dass Jesus Christus nicht im Tod geblieben ist, nur durch österliche Menschen erfahren, denen man es an den Augen ansieht, dass sie aus dieser Wahrheit leben und dass sie mit Jesus zu einem neuen Leben auferstanden sind. Es sind also – von den ersten Jüngern bis in unsere Zeit  – immer konkrete Menschen, die ohne große Worte Auferstehung leben, denen die Osterfreude aus den Augen schaut, die im wahrsten Sinn des Wortes in ihrem Leben Jesus „im Blick“ haben: Menschen mit Oster-Augen.

Deshalb möchte ich in dieser Predigt nicht über die Auferstehung reden, und ich wünsche Ihnen nicht nur frohe Ostern, sondern ich wünsche uns allen vielmehr noch, nämlich frohe Oster-Augen und viele Oster-Augen-Blicke im täglichen Leben.

Oster-Augen können entdecken, dass im Menschen Jesus von Nazaret das Leben endgültig zum Durchbruch gekommen ist, ein – trotz Leid und Tod am Kreuz – erfülltes und gelungenes Leben, so wie Gott sich wahres Leben vorstellt.
Oster-Augen verschließen sich nicht vor der Not. Sie nehmen die vielen Todessignale in unserer Umgebung wahr, sie haben einen Blick dafür, wo das Leben zu kurz kommt oder auf der Strecke bleibt, wo einer mundtot gemacht wird, wo einer unter die Räder kommt. Sie erkennen, wo wir aufstehen müssen, einen Aufstand machen müssen gegen Ungerechtes, Eingefahrenes und Erstarrtes.
Oster-Augen lassen sich aber auch leichter zudrücken. Sie sehen die eigenen Fehler und können so über die Schwächen der Anderen gelassen und großzügig hinwegsehen.
Oster-Augen sehen weiter. Sie bleiben nicht auf das schwierige und Unsympathische fixiert, das uns an unseren Mitmenschen immer zuerst auffällt, sondern schauen hinter die Fassade und entdecken den Anderen, so wie Gott ihn sich gedacht hat. Sie sehen einen Weg, wo vorher keiner war, und sie sehen im Ende schon wieder einen neuen Anfang.
„Erlöster müssten die Christen aussehen, damit man an ihren Welterlöser glauben kann.“ Vielleicht hätte Friedrich Nietzsche diesen Vorwurf nicht formuliert, wenn er mehr Christen mit Oster-Augen begegnet wäre.
Vielleicht könnten wir als Kirche gelassener auf Ostern zugehen, wenn immer mehr Christen – Geweihte und Laien - den Auferstandenen wirklich „im Blick“ hätten. Das ist die heute so notwendige und Not wendende Neuevangelisierung! Die Mitte unseres Glaubens und unserer Kirche ist und bleibt der Auferstandene und unsere lebendige Beziehung zu ihm durch Gebet, Gottesdienst und Caritas. Nur der Blick auf IHN führt uns als Kirche aus der Sackgasse kirchenpolitischer Richtungskämpfe, endloser Struktur/Reformdebatten und trauriger Initiativen!
Nur der Blick auf IHN führt die Kirche zur echten Erneuerung und bewahrt sie vor einer Reform nach unseren menschlichen Wünschen und Vorstellungen!
Den Blick auf IHN brauchen auch alle Bereiche unserer krisengeschüttelten Gesellschaft - Bildung, Finanzwelt, Wirtschaft, Politik, Medien, Kunst, Kultur - um wieder das rechte Maß zu finden, stabil, menschlich und lebenswert zu sein. Nur eine Gesellschaft, die den Auferstandenen nicht aus den Augen verliert, wird auch ein Auge haben für alle Menschen – vor allem für die Armen, Kleinen und Schwachen! Unser Land braucht mehr denn je Menschen mit Oster-Augen!

Ich lade Sie ein, bevor Sie heute wieder die Kirche verlassen, nehmen Sie vom Taufbecken oder vom Weihwasserbecken – dem eigentlichen Brunnen jeder christlichen Gemeinde - geweihtes Wasser und berühren Sie damit Ihre Augen.
Möge der gekreuzigte und auferstandene Herr auch uns allen Oster-Augen und viele Oster-Augen-Blicke im Alltag des Lebens und Glaubens schenken!
Das ist mein Osterwunsch an Sie und mein Gebet für Sie an diesem Osterfest! Amen.

+ Ägidius J. Zsifkovics
Bischof von Eisenstadt