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Diözese Eisenstadt - Seitentitel
Nachrichten - Bischof Ägidius J. Zsifkovics

Nachrichten und Predigten

© Diözese Eisenstadt/Gerald Gossmann

Dienstag, 4. Dezember 2012

Akademikersonntag 2012

Das Thema, über das ich heute zu Ihnen sprechen darf, ist "Die Weltbischofssynode 2012 und die Neuevangelisierung in der Welt von heute".

Ich darf meine Betrachtungen zu diesem Thema von einem zunächst sehr privilegierten Sandpunkt aus darlegen - wie Sie wissen, war ich der entsandte Vertreter der Österreichischen Bischofskonferenz auf dieser Synode. Drei Wochen lang durfte ich in Rom teilnehmen an den intensiven Beratungen der Bischöfe aus aller Welt. Ich durfte in der Synodenaula über dem Petersplatz weltkirchliche Atmosphäre erleben, und ich konnte auch den Geist des Konzils wahrnehmen, der über allen Gesprächen und Begegnungen schwebte. So viel auch über die besondere Atmosphäre dieser Bischofssynode zu sagen wäre - die Begegnung mit den Amtsbrüdern aus aller Welt hat mir vor allem eines klar gemacht: Dieser Geist des Zweiten Vatikanums ist so groß, so lebendig und so strahlend, dass er - noch vielmehr, als ein bloßer geschichtlicher point-of-no-return zu sein - der Kirche auf ihrem Weg in die Zukunft noch für Jahrzehnte vorausleuchten wird.

Ich will Ihnen aber auch den zweiten, weniger lichtvollen Teil der Geschichte nicht verhehlen: die Rückkehr in den Alltag von Kirche und Welt, die einem Bischof nach seiner Rückkehr aus der Synode abverlangt wird; ich will Ihnen nicht den mühevollen Abstieg des Hirten in die Niederungen des Faktischen und des Administrativen vorenthalten, wo es gilt, das im Bischofskollegium Gehörte, Erlebte und Beratene mitzunehmen und umzusetzen ins Leben unserer Kirche vor Ort. Nicht, dass die dreiwöchige Bischofsynode keiner Mühen und Anstrengungen bedurft hätte. Nicht, dass dort immer alle einer Meinung gewesen wären. Aber in der römischen Synodenaula - dieser Nusschale, in der sich die Weltkirche im Oktober 2012 versammelte - zeigte sich bei aller sprachlicher und kultureller Vielfalt ein so großes und großartiges christliches Gemeinschaftsgefühl, dass die Rückkehr in den kulturellen Alltag Mitteleuropas mit seinen agnostischen und atheistischen Säurebädern unweigerlich eine Ernüchterung sein muss.

Denn das darf man nicht übersehen: Die Länder Europas und der westlichen Welt, und hier gewiss auch Österreich, gehören zu jenen im christlichen Glauben ermüdeten Gebieten, deretwegen unter anderem diese Synode überhaupt vom Papst einberufen wurde. Es ist jene Welt, in der die Kirche vielen nur mehr als theorienlastiges, weltfremdes Gebäude erscheint, als eine Art "Bewahrungsanstalt", wie es Henri de Lubac einmal bezeichnet hat, aus der sich das praktische Leben weitgehend zurückgezogen hat.

Ja, es stimmt - und es war auch Thema meiner eigenen Wortmeldung in der Synode -, dass die Kirche aufgehört hat, in ihrem Dienst, ihrem Tun und Sagen alle Themen des Menschen und alles Konkrete auf der Erde zu umarmen. Das erklärt, warum der christliche Glaube das Zupackende seiner Lebenskraft und den Zauber seiner Anziehungskraft für den modernen Menschen verloren hat. Weil die Kirche nicht mehr den ganzen Menschen umarmt, haben die Menschen aufgehört, die Kirche zu umarmen. Die echte Begegnung mit Christus ist die Begegnung mit Gott, der in allem (außer der Sünde) Mensch ist. Die Strukturen der Kirche müssen diese Begegnung weitestmöglich widerspiegeln. Ich werde darauf noch zurückkommen.

Was ich aber jetzt sagen will, ist: Die Praxis von Kirche und Glauben wird immer auch der Theorie bedürfen. Die Taten Jesu hatten den Charakter des Vorbilds, seine Worte aber immer den der Anweisung. Jesus hat uns eine Lehre hinterlassen. Er war ein Lehrer des Lebens. Und als solcher sprach er seine Gebote mitten in die bestehende Lebenspraxis und ins Herz der Menschen hinein, auf dass sie zu einer neuen, besseren Praxis fänden. Dies ist auch die Grundfunktion der Kirche: als die erfahrbare Gestalt der christlichen Religion dem Menschen mütterliche Lehrerin und Wegweiserin zu sein, damit er sein Leben ändert und die Welt christlich durchformt.

Es braucht also beides: die Theorie und die Praxis. Eine Theorie ohne Praxis ist grau, aber eine Praxis ohne Theorie ist gräulich! Ich sage das in Hinblick auf die vielen in der Menschheitsgeschichte unternommenen Projekte, die sich einem Tun ohne Regeln und Prinzipien verschrieben haben - mit erschreckenden Ausmaßen. Ich sage das aber auch in Richtung jener, die sich zur Vorstellung einer vermeintlich "freien", unverbindlichen, von jeglicher Autorität unabhängigen und von jeglicher Teilung nach Ämtern und Aufgaben entbundenen Kirche verstiegen haben. Nicht nur, dass der Aufruf zum Ungehorsam ein die Einheit der Kirche riskierender Aufruf zum Verfassungsbruch ist - er suggeriert auch vermeintliche Lösungen, die er angesichts der gesamtzivilisatorischen Erschlaffung des Glaubens in Wahrheit gar nicht zu geben imstande ist.

Anhand dieser Vorgaben möchte ich daher meinen weiteren Vortrag folgendermaßen gliedern:

1. Was ist eine Synode? - in der Theorie 

2. Was war die Weltbischofssynode 2012? - in der Praxis (mit ihren Eigenheiten, ihren Inhalten und ihrer Arbeitsweise)

3. Was ist die Conclusio aus der Synode 2012, worin liegt ihre Botschaft und Bedeutung für den weiteren Weg der Kirche?


1. Was ist eine Synode?
Ich erwähnte einleitend den Geist des Zweiten Vatikanums. Nicht nur ideell oder inhaltlich, sondern bereits strukturell hat sich das Ereignis des Konzils unumkehrbar in die Weltkirche eingeschrieben: Denn schon die Einrichtung der Bischofssynode geht auf das Zweite Vatikanische Konzil zurück. Dort wurde ja der Gedanke der Kollegialität der Bischöfe entscheidend vorangetrieben und schließlich von Papst Paul VI. mit der ständigen Einrichtung der Bischofssynode institutionalisiert. Das Gründungsdokument: Das Motu Proprio "Apostolica Sollicitudo" vom 15. September 1965. Das Ziel: die Beziehung zwischen Papst und Bischöfen aus aller Welt zu intensivieren und künftig über allgemeine kirchliche Angelegenheiten zu beraten.

Die Bischofssynode ist also ein Beratungsorgan des Papstes. Es tritt zusammen, um vom Hl. Vater vorgelegte Verhandlungsgegenstände zu beraten. Die Bischofssynode untersteht damit direkt der Autorität des Papstes (can. 344 CIC), dem kirchenrechtlich bestimmte Vorrechte zukommen - wie etwa das Einberufungsrecht, die Bestätigung der zur Synode Gewählten sowie die Ernennung der übrigen Teilnehmer, die Bestimmung der Verhandlungsgegenstände, die Bestimmung der Tagesordnung, der persönliche Vorsitz oder die Bestimmung eines Vertreters sowie die Beendigung, Verlegung, Unterbrechung oder Aufhebung der Synode.

Die herkömmliche Versammlungsform der Bischofssynode ist die der sogenannten Ordentlichen Generalversammlungen. Diese beraten - wie im Oktober 2012 in Rom geschehen - in Fragen, die die ganze Kirche betreffen (Spezialversammlungen beraten dagegen in Fragen, die eine Region oder mehrere bestimmte Regionen betreffen).

Wer darf daran teilnehmen? Die Ordentliche Generalversammlung (can. 346 § 1 CIC) besteht aus gewählten, entsandten und ernannten Synodalen. Gewählt werden die jeweiligen Vertreter der nationalen Bischofskonferenzen der Lateinischen Kirche und einige Vertreter der klerikalen Ordensverbände. Entsandt werden die Oberhäupter der autonomen orientalischen Patriarchats-, Großerzbischofs- und Metropolitankirchen sui iuris. Die Kardinalpräsides der römischen Dikasterien und alle übrigen Synodalen werden hingegen ernannt, ebenso die Berater und die Gäste aus der Ökumene. Die Mitgliedschaft aller endet mit dem Abschluss der Synode.

In der Regel folgt auf die Synode ein vom Papst erlassenes sogenanntes Nachsynodales Apostolisches Schreiben, das die Ergebnisse der Beratungstätigkeit zusammenfasst. Für die Weltbischofssynode 2012 wird dieses Schreiben im kommenden Jahr zu erwarten sein.

Zuletzt noch für die Statistik: Es hat bisher in der Geschichte 13 Ordentliche Generalversammlungen, 2 Außerordentliche Generalversammlungen und 10 Sonderversammlungen zu Themen bestimmter Weltgegenden gegeben.


2. Die Weltbischofssynode 2012 - ihre Eigenheiten, ihre Inhalte und ihre Arbeitsweise
Wir sind nun mitten im Thema. Die XIII. Ordentliche Generalversammlung im Oktober dieses Jahres war mit ca. 400 Synodalen die größte Versammlung der Bischofssynode, die je im Vatikan getagt hat. Neben ca. 260 Bischöfen aus allen Bischofskonferenzen dieser Welt nahmen zahlreiche Ordensleute, Laien, Berater, Gäste und Beobachter an ihr teil und haben drei Wochen lang unter Leitung des Papstes über Möglichkeiten und Wege beraten, die christliche Botschaft mit neuer Dynamik in die Welt zu bringen und tiefer zu verwurzeln. Getreu dem exakten Thema der Synode: "Die neue Evangelisierung zur Weitergabe des christlichen Glaubens in der Welt."

Mit Blick auf die traditionellen Seelsorgemethoden und zugleich in der Hoffnung auf neue pastorale Kreativität wollte der Heilige Vater durch die Einberufung dieser Synode in der Kirche eine Neuevangelisierung einleiten. Kirchenvertreter aus allen fünf Kontinenten trugen auf Grundlage eines die konkreten Themenbereiche beinhaltenden Arbeitspapiers - eines sogenannten "instrumentum laboris" - eine unüberblickbare Fülle von Überlegungen und Vorschlägen zu den verschiedensten Aspekten von Neuevangelisierung zusammen. Bei diesem Begriff der Neuevangelisierung, der gerne missverstanden wird, geht es aber keineswegs um neue Strategien oder Masterpläne, das möchte ich in aller Deutlichkeit betonen. Das Evangelium ist kein Produkt, das neu vermarktet werden müsste. Das haben die Synodalen auch am Ende in einer eigenen "Botschaft an die Welt" festgehalten.

Vielmehr geht es darum, unter den gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen unserer heutigen Welt neue Wege zu Glauben, zu Christus und zur Kirche aufzeigen. Es geht darum, in der heutigen Zeit die Einfachheit des Glaubens neu auszusagen und in der Christusbegegnung neu zu verwurzeln. Hilfe dabei sind die Liturgie, die Verkündigung, die Sakramente, die christliche Caritas. Dazu muss die Kirche jedoch wieder verstärkt in den Dialog mit den Kulturen, mit Wissenschaften, Technik, Kunst und Medien, aber auch mit den anderen Religionen eintreten.

Das Prozedere der Meinungsfindung in der Aula folgte einem bewährten Verfahren: am Beginn gab der Sekretär der Synode einen Anfangsbericht, danach gab der sogenannte Hauptrelator der Synode (in diesem Fall der Kardinal von Washington) eine Relatio, anhand derer er die Hauptlinie des Themas skizzierte. Jedes Synodenmitglied durfte im Laufe der folgenden Tage und Wochen zu einem oder zu mehreren Kapiteln des Instrumentum Laboris eine Wortmeldung in der Dauer von exakt 5 Minuten abgeben. In den Pausen gab es die Möglichkeit der persönlichen Begegnung mit den anderen Synodenteilnehmern, an den Abenden jeweils 1 1/2 Stunden der freien Diskussion und Debatte zwischen den Synodalen. Diese wurde gemeinsam mit den Inhalten der Redebeiträge in einer weiteren Relatio des Hauptrelators aufgegriffen und zur Grundlage der weiterführenden Arbeit in den 5 Sprachzirkeln gemacht. Hier schließlich, in den Sprachzirkeln, wurden die Grundlage für die Schlussbotschaft der Synode und die Vorschläge an den Papst für das Nachsynodale Apostolische Schreiben vorbereitet.


Ad 3. Conclusio - Oder: Was bleibt von einer Synode?
Es bleibt zunächst eine konkrete, nachzulesende Botschaft. Am Ende der intensiven Beratungen steht ein 20-seitiges Schlusspapier mit 58 thesenartigen "Empfehlungen" (sogenannten Propositiones), aus denen Papst Benedikt sein Postsynodales Schreiben verfassen wird.

Diese Vorschläge, aber vor allem meine persönlichen Erfahrungen in und mit der Synode erlauben mir folgendes Resümee: Die Synodenväter haben in kritischer, von großer Ehrlichkeit getragener Diskussion die Herausforderungen an die Kirche von heute analysiert und sich u.a. der Tatsache gestellt, dass die Länder der westlichen Welt im Glauben ermüdet sind.

Sie haben erkannt, dass die "neue Evangelisierung für die Weitergabe des christlichen Glaubens" in der Welt von heute das gesamte Leben der Kirche betrifft und es dafür keine Strategie, keine Zauberformel gibt. Sie wird vielmehr nur durch persönlichen Einsatz und die persönliche Lebensdimension möglich. Diese persönliche Dimension hat ihre Wurzel im Akt des Glaubens. Eine Wurzel, die gegenwärtig in unserer Gesellschaft beschädigt ist.

Der christliche Glaube ist eine Haltung. Es ist die dem Menschen mögliche Haltung, in der Welt nicht nur mit dem Sichtbaren, mit dem Überprüf- und Beweisbaren zu rechnen, sondern mit einem Fixpunkt außerhalb der erfahrbaren Wirklichkeit. Vom Wissen allein her können wir nicht zur Wahrheit gelangen. Zum Sinn des Lebens und der Welt findet der Mensch nur aus einer Haltung des Glaubens.

Der christliche Glaube ist daher nicht das Gegenteil von Wissen, er ist auch kein Ersatz für Nicht-Wissen, sondern er ist die bewusste Hinwendung und das Sich-Anvertrauen an eine Wahrheit hinter den Dingen. Das "Credo", das Apostolische Glaubensbekenntnis, der zentrale Text des Christentums, wurde nicht von einem Papst diktiert und auf keiner Bischofssynode beschlossen. Es entstand nicht am Schreibtisch eines Experten und ist auch kein Konsenspapier eines dazu berufenen Gremiums von Theologen. Das "Credo" erwuchs aus dem Leben der frühen christlichen Gemeinden, in denen nach Art eines Frage-Antwort-Spiels beim Taufgespräch die Frage "Glaubt du?" gestellt wurde. Und als Antwort kam das aus freiem menschlichen Entschluss kommende Wort: "Credo - ich glaube!". Laut und freudig, inmitten der versammelten Gemeinde, mitten im Leben wurde dieses Wort gerufen - als eine bewusste Lebensentscheidung!

Dies ist auch heute - nach 20 Jahrhunderten - unser Glaube: Keine Ansammlung von Lehrsätzen, sondern ein lebendiges persönliches Bekenntnis zu Gott als dem Grund, auf dem wir stehen, eine lebendige Beziehung zu Jesus Christus, dem Antlitz Gottes in der Welt.

Ich stelle die Frage in den Raum: Wie laut und wie freudig rufen wir, die wir im satten Österreich einer satten EU leben, dieses Credo überhaupt noch in den uns umgebenden Raum? Ist unser äußeres Bekenntnis deshalb so leise, weil da im Inneren vielleicht gar nicht mehr genug Entsprechung ist? Geben wir uns - jeder für sich - die Antwort selber.

Die speziellen Themen der Neuevangelisierung, wie die Synode sie behandelt hat, sind freilich vielfältig:

- Neuevangelisierung betrifft die kirchliche Seelsorge, sie betrifft ein Tun und Reden der Kirche, das die Menschen wieder in ihren konkreten Lebenswirklichkeiten persönlich und emotional erreichen muss, um ihre Herzen im Glauben zu entzünden - und nicht nur lau zu erwärmen.

- Neuevangelisierung betrifft unser aller Verhältnis zum Gebet, zum Gottesdienst und zu den Sakramenten. Sie stellt die Frage, wie regelmäßig sich Gläubige in ihrer Gemeinde zusammenfinden und sich am Sonntag versammeln, um das Evangelium zu hören und die Eucharistie zu feiern.

- Neuevangelisierung betrifft die Notwendigkeit, die Vorbereitung auf die Taufe, die Firmung und die Eucharistie mit einer geeigneten Katechese zu begleiten - als Reaktion auf ein in der westlichen Welt immer stärker bemerkbares Schwinden von Glaubenswissen und Glaubenspraxis. Die Synode hat in diesem Zusammenhang betont, wie sehr die Jugend mit ihren Sorgen, aber auch mit ihrer Sehnsucht und ihrem Enthusiasmus der Kirche am Herzen liegt. Junge Menschen bei ihrer Suche zu unterstützen und sie zu ermutigen, die kirchliche Gemeinschaft anzunehmen und mitzugestalten, muss daher für die Kirche eine Priorität sein.

- Neuevangelisierung betrifft die von den Synodenvätern bekräftigte Bedeutung der Beichte, des Sakraments der Barmherzigkeit Gottes. In der Tat droht die Beichte in unseren Breiten zum vergessenen Sakrament zu werden, weil der moderne Mensch ihre heiligende und heilende Wirkung vergessen hat. Die Beichte ist das Sakrament der Neuevangelisierung!

- Und Neuevangelisierung meint vor allem die Familien und die Pfarren - als deren eigentliche Zentren! Hier geschieht ja die erste Einführung im Glauben, hier wird der Same des Glaubens gelegt.

- Die Synode hat aber unter anderem auch daran erinnert, dass die heutige Säkularisierung von der Kirche verlangt, die eigene Präsenz in der Gesellschaft grundsätzlich neu zu überdenken und alte, angestammte Räume aufzugeben - dass aber die vielen und ständig neuen Formen der Armut der tätigen Nächstenliebe völlig neue, unbekannte Räume eröffnen! Die Authentizität der Neuvangelisierung trägt daher das Antlitz der Armen. Dies viel mehr als die besten pastoralen Programme und Strategien - und zwar überall, in unserer unmittelbaren Nachbarschaft wie in ganz Europa! Darin liegt heute für die Kirche die einzigartige Chance einer Entflechtung von alten gesellschaftlichen Mustern und Sicherheiten wieder hin zum Ureigensten des Christentums: zum Evangelium. Ein Schritt, der der Glaubwürdigkeit der Kirche nur gut tun kann.

- Die Kirche ist, wie die Synodenväter in Rom festgehalten haben, "der Raum, den Christus in der Geschichte anbietet, um ihm begegnen zu können." Ihr hat er sein Wort und seine Sakramente anvertraut. In diesen Raum hinein sind wir alle gerufen. In diesem Raum ist aber in besonderem Maße Platz auch für die, die noch ganz draußen stehen, an den "Zäunen", wie es im Evangelium heißt, die Fernen, die wir wieder vermehrt zum Mahl rufen müssen! Und das bedeutet den persönlichen inneren Aufbruch derer, die sich der Neuevangelisierung verpflichtet fühlen.

- In diesem einen Punkt waren sich die Bischöfe aus aller Welt in all ihrer gedanklichen Vielfalt völlig einig: Darin, dass die Neuevangelisierung bei den Bischöfen, Priestern, Diakonen, Ordensleuten und den in der Verkündigung stehenden Laienchristen selbst beginnen muss! Zurückverwiesen an die biblische Urforderung der inneren Umkehr und der Bekehrung zu Gott muss jeder Mensch - und erst recht der geistliche Mensch! - bei sich selbst ansetzen. Es geht in der heutigen Krise der Kirche um das Wiederfinden der Geistlichkeit und der Glaubwürdigkeit priesterlicher Existenz ebenso wie um die stärkere Wahrnehmung geformter Laien als ein großer Schatz der Kirche in der Weitergabe und Bezeugung des Glaubens. Nur das fortwährende Bekenntnis zu diesem kostbaren Schatz wird der Kirche helfen, alte Dünkel zu überwinden und die Würde und unverzichtbare Verantwortung der Laien in der Kirche zu erkennen und auch praktisch umzusetzen.

Ich komme zum Schluss.

Die persönliche Überzeugung, dass Christus das Wohl des ganzen Menschen in seiner ganzen Lebenwirklichkeit wollte, hat mich dazu bewogen, in meiner Wortmeldung vor der Synode das geistig-geistliche Vermächtnis des Priesters und Wissenschaftlers Pierre Teilhard de Chardin ausdrücklich in Erinnerung rufen. Ob wir es wollen oder nicht: Die von Teilhard vor mehr als 60 Jahren vorausgesagten globalen Phänomene haben uns heute eingeholt. Wir alle leben in einer Welt, in der nicht mehr nur das Dasein des Einzelmenschen, sondern das der ganzen Menschheit fragwürdig geworden ist.

Teilhard sah das Leben und den Kosmos in einer von Gott bewirkten kreativen Bewegung, die noch nicht an ihr Ziel gelangt ist. Ich bin überzeugt, dass diese Sicht der Kirche und der Welt in der Krise einen Weg zeigen kann - fern von Zweckoptimismus und verkrampften Glaubensanstrengungen! Was wir brauchen, ist eine Vertiefung unseres Bewusstseins und eine größere Sicht der Wirklichkeit unserer Welt. Eine Sicht, die weder den christlichen Glauben noch die Vernunft des Menschen beleidigt.

Diese Sicht verlangt von uns einen neuen, vertieften Blick auf Jesus Christus. Die Begegnung mit Christus ist „"nicht die Begegnung mit einem historischen Helden, sondern die echte Begegnung mit Gott, der ein Mensch ist“. Erst, wenn eine menschliche Kirche in der Nachfolge Christi die Menschen wieder im Kontext ihrer unmittelbaren Lebenswirklichkeiten persönlich und emotional erreicht, wird die heutige Unfruchtbarkeit der Evangelisierung ebenso beendet sein wie die damit verbundenen ekklesiologischen und spirituellen Probleme.

Aus dieser Sicht heraus wird auch das Phänomen der Säkularisierung und ihre Bedeutung für den christlichen Glauben völlig neue Vorzeichen erhalten. Sobald nämlich die Kirche wieder beginnt, alle Themen des Menschen und alles Konkrete auf der Erde zu umarmen, wird der christliche Glaube das Zupackende seiner Lebenskraft und den Zauber seiner Anziehungskraft wieder voll entfalten können. Diese heutige Zeit birgt daher die reelle Chance, das unermessliche Potential suchender, ringender und hoffender Menschen im christlichen Glauben zu aktivieren.

Wenn der Kirche diese Aktivierung gelingt, wird sie auf die in der modernen Gesellschaft vorhandene Trennung von Glauben und Leben ebenso heilsam wirken wie auf die Verständnisprobleme zwischen christlicher Vernunft und technologischer Forschung.

Teilhards visionäre Zusammenschau christlichen Glaubens mit dem heutigen wissenschaftlichen Weltbild ist noch lange nicht von uns erreicht. Die Kirche muss lernen, den Dialog mit der Wissenschaft wieder auf Augenhöhe zu führen - das ist mühsam, aber unerlässlich!

Liebe Anwesende! Das Logo zum Jahr des Glaubens 2012, das in engem inneren Verhältnis zum Thema der Neuevangelisierung steht, zeigt das Schiff der Kirche auf den Wogen der Zeit. Der Mastbaum: das Kreuz Christi. Das Segel: die Hostie als Zeichen der intimen Einheit Gottes mit uns Menschen, die in Christus, dem Heiland und Retter, ihren höchsten Ausdruck findet.

Der Hl. Bonifatius, der große Evangelisierer der Germanen in stürmischer Zeit, hat über das Amt des Hirten folgenden Satz gesagt: "Die Kirche fährt über das Meer dieser Welt wie ein großes Schiff und wird von den Wogen - das sind die Anfechtungen dieses Lebens - hin und her geworfen. Wir dürfen das Schiff nicht verlassen, wir müssen es lenken."

Uns allen - Getauften, Gefirmten und Geweihten, Hirten wie Christgläubigen - diesen Leitspruch mit auf den Weg gebend, danke ich für Ihr Zuhören und Ihr Interesse. Ich möchte mit einem Wort aus der Schlussbotschaft der Synode an die Kirche in Europa schließen: “Ein Wort der Ankerkennung und der Hoffnung richten die Bischöfe an die Kirchen des europäischen Kontinents, der heutzutage teils durch eine starke, manchmal auch aggressive Säkularisierung gekennzeichnet, teils noch durch lange Jahrzehnte der Macht gott- und menschenfeindlicher Ideologien verwundet ist. Die Anerkennung gilt der Vergangenheit, aber auch der Gegenwart, in denen das Evangelium in Europa ein Bewusstsein und eine Erfahrung des Glaubens ermöglicht hat, die einzigartig und entscheidend für die Evangelisierung der ganzen Welt und oft von Heiligkeit durchdrungen waren: Reichtum des theologischen Denkens, eine Vielfalt charismatischer Ausdrucksformen, verschiedenste Weisen tätiger Nächstenliebe an den Armen, tiefgründige kontemplative Erfahrungen, die Bildung einer humanistischen Kultur, die dazu beigetragen hat, der Würde der Person und dem Aufbau des Gemeinwohls ein Gesicht zu geben. Die Schwierigkeiten der Gegenwart sollen euch nicht entmutigen, liebe Christen Europas. Seht sie im Gegenteil als eine Herausforderung an, die es zu überwinden gilt, und als Gelegenheit, Christus und sein Evangelium des Lebens freudiger und lebendiger zu verkünden.“

Geschätztes Auditorium!

Stellen wir uns dieser Herausforderung gerade im Jahr des Glaubens und beginnen wir damit bereits in diesem Advent!

Montag, 19. November 2012

150 Jahre Kirche Rudersdorf

Das Wort des heutigen Evangeliums kann uns in Angst und Schrecken versetzen. Es ist die Rede vom Ende der Welt, und das in heftigen Bildern: Die Sonne wird sich verfinstern – der Mond wird nicht mehr scheinen – die Sterne werden vom Himmel fallen – und die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden. Krieg, Hunger, Verfolgung, Erdbeben, Tsunamis, Terroranschläge – all das erleben Menschen auch heute und viele meinen schon das ist der Vorgeschmack vom hereinbrechenden Ende. Wie zu allen Zeiten wird damit den Menschen auch heute Angst gemacht, versetzt sie in Abhängigkeiten, werden sie finanziell ausgesaugt und ruiniert, nur um sie zu manipulieren und gefügig zu machen.

Was ist die eigentliche Botschaft dieses Sonntagsevangeliums? Eine dreifache:

Die erste Botschaft lautet: Diese Welt hat ein Ende.
Diese unsere Erde hat ihr Gutes, aber sie ist kein Paradies und sie hat ein Ende! Weil wir alle das nicht gerne hören, muss es immer wieder gesagt werden. Die Grenzen der Schöpfung und das vom Menschen gemachte Chaos lauern an allen Ecken. Auch was noch so schön und gut ist und Freude macht, das Kostbarste – das Vertrauen und die Liebe zwischen Menschen – all das ist nichts Endgültiges, all das ist vergänglich, all das hat ein Ende.
Am Ende des Kirchenjahres werden wir daran erinnert, dass die Zeit eine Richtung, ein Ziel und ein Ende hat - die Zeit der Menschheit und die kostbare Zeit unseres eigenen Lebens. Das ist die erste Botschaft des heutigen Evangeliums.

Die zweite Botschaft lautet: Diese Welt geht und „vergeht“ nicht nur, sondern: Es kommt der Menschensohn. Das ist der, dem Gott die Verwaltung des Endes anvertraut hat, die Erlösung und das Zurecht-Richten allen Unrechts.
Das Wort „Kommen“ ist nicht nur ein angsterfülltes Wort, sondern es ist auch ein schönes Wort – Wann kommst Du? Komm doch bald wieder! Auch das Wo-rt „Richten“ ist im Grunde ein schönes Wort – Er wird´s richten, zurecht richten. Dann heißt das aber: Diese Welt fährt am Schluss nicht einfach an die Wand, sie geht auf ein großes offenes Tor zu, das einen Durchblick erlaubt und eine Perspektive schenkt: Wenn all das geschieht, dann steht nicht „das Ende“ vor der Tür, sondern der Menschensohn – das ist die zweite Botschaft des Evangeliums.

Die dritte Botschaft lautet: Es kommt kein Unbekannter!
Der, der da kommt, ist kein Unbekannter mehr. Er kommt mit Macht – gemeint ist die Auferstehungsmacht – und mit Herrlichkeit, auf Wolken – Ursymbol von Gottes Gegenwart – und begleitet von Gottes Boten, den Engeln. Er kommt als der Herr der Welt, der hier das letzte Wort hat! Wir brauchen uns nicht vor ihm zu fürchten. Seine Biographie ist nicht Spekulation, sie ist bekannt. Es ist Jesus von Nazaret, der uns zuruft: „Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!“ Von ihm sagen die Menschen in der Heiligen Schrift: Er hat alles gut gemacht – Hungrige gespeist, Kranke geheilt, Tote erweckt, Traurige getröstet! Das ist die dritte frohe Botschaft des heutigen Evangeliums.

Die gute Nachricht damals und für uns heute ist: Die Welt hat ein Ende. Sie ver-geht nicht nur, sondern sie geht auf den Herrn zu, der kommt. Dieser Herr ist kein Unbekannter, sondern er trägt die gütigen und heilenden Gesichtszüge Jesu von Nazaret. Den Zeitpunkt seines Kommens kennen wir nicht! Die Aufgabe, die sich für uns alle daraus ergibt, ist: Erwarten wir den Herrn mit einem wachen Auge und einem bereiten Herzen!

Die Kirche ist in der Welt berufen die Augen und Herzen der Menschen wach und bereit zu halten für den kommenden Herrn. Oder wie die Bischofssynode sagt: „Die Kirche ist der Raum, den Christus in der Geschichte anbietet, um ihm begegnen zu können. Denn er hat ihr sein Wort, die Taufe, die uns zu Kindern Gottes macht, seinen Leib und sein Blut, die Gnade der Vergebung der Sünden, vor allem im Sakrament der Versöhnung, die Erfahrung einer Gemeinschaft, die Spiegelbild des Geheimnisses der Dreifaltigkeit selbst ist, sowie die Kraft des Heiligen Geistes, der Liebe zu allen hervorbringt, anvertraut.“ Die Synode über die „neue Evangelisierung und die Weitergabe des christlichen Glaubens“ ermutigt die Kirche: „Wir müssen einladende Gemeinden bilden, in denen alle Ausgegrenzten ihr zu Hause finden … Die Schönheit des Glaubens muss besonders in der heiligen Liturgie und dort vor allem in der sonntäglichen Eucharistiefeier aufstrahlen … Heute liegt es an uns, Erfahrungen von Kirche konkret zugänglich zu machen und die Menschen zur Begegnung mit Jesus zu führen.“

Wenn wir heute in Dankbarkeit „150 Jahre dieses Eures Gotteshauses hier in Rudersdorf“ gedenken, dann ist Eure schöne Kirche wohl der Ort bei Euch, der die Menschen mit Gott-Christus in Berührung bringt, sie zu Gebet, Gottesdienst und zur Feier der Sakramente versammelt sowie der Brunnen im Dorf, an dem sich alle stärken können – besonders die Mühseligen und Beladenen! Weil aber die Kirche aus lebendigen Steinen erbaut wird, lade ich Euch alle ein in diesem Jahr des Glaubens, sich als Christen wieder mehr im Glauben zu vertiefen, das religiöse Leben in den Familien zu pflegen und im Alltag mit Taten der Liebe zu bezeugen! Allen, die sich bei Euch darum bemüht haben und heute mühen, die Sorge für diese Eure Kirche und Pfarrgemeinde tragen sowie zum guten ökumenischen Miteinander beitragen, sage ich als Bischof von Herzen: Vergelt´s Gott! Werdet nicht müde eine offene, engagierte und missionarische Pfarre zu sein! Gottes Segen und das Vorbild sowie die Fürsprache des heiligen Florian, Eures Kirchenpatrons, begleite Eure Pfarrgemeinde in eine gute Zukunft! Amen.

St. Martinsfest der Burgenländer in Wien, St. Michael - 18. November 2012

Die Bischofssynode über die „neue Evangelisierung und die Weitergabe des christlichen Glaubens“ vergangenen Oktober in Rom, an der ich teilnehmen durfte, hat mehrfach betont, dass die wahren Protagonisten der neuen Evangelisierung die Heiligen sind: Sie sprechen mit dem Beispiel ihres Lebens und den Werken der Nächstenliebe eine Sprache, die uns allen verständlich ist.

Der heilige Martin  – unser Landes- und Diözesanpatron – ist so ein Beispiel für uns alle: einfach, verständlich, konkret. Martinus gehört damals wie heute zu den Säulen des christlichen Europas.
So ist es für uns Burgenländer, Europäer und Christen gut, in diesen turbulenten Zeiten des Umbruchs, der Krisen und neuer Herausforderungen in Kirche und Gesellschaft auf Martinus zu schauen, um Orientierung zu finden für einen neuen Aufbruch. Ich möchte mir die Worte der Predigt von Kardinal Joachim Meisner aus Köln anlässlich der Feier des Martinsfestes am vergangenen Sonntag in Eisenstadt zu eigen machen und mit Euch gemeinsam in dieser Abendstunde auf die Attribute des heiligen Martin schauen und sie für uns deuten.

Der heilige Martin trägt als Bischof den Hirtenstab in der Hand.
Der Hirtenstab ist ein Zeichen, dass jeder Bischof durch seine Weihe mit dem apostolischen Ursprung, mit Jesus Christus verbunden ist. Der Hirtenstab ist kein Spazierstock, sondern ein Instrument, das dem Volk Got-tes anzeigt, in welche Richtung der Christ in der Nachfolge Jesu zu gehen hat. Der Hirtenstab ist ein Zeichen die zerstreute Herde zu sammeln und zu verteidi-gen, Mutlose und Hilflose zu stärken, Suchenden, Irrenden den Weg zu weisen. Martinus mit dem Hirtenstab in der Hand tat das damals in stürmischen Zeiten, am Übergang vom Altertum zum Mittelalter. Martinus mit dem Hirtenstab in der Hand erinnert uns alle daran, es ihm in den Herausforderungen unserer Tage nachzumachen und die Verbindung mit Jesus, dem Ursprung, zu suchen/pflegen – fangen wir damit im Jahr des Glaubens an!

Zum heiligen Martin gehört aber auch sein Mantel, den er mit dem frierenden Bettler teilte.
Martinus wurden die Augen dafür geöffnet, dass er nicht nur mit einem hilflosen Menschen, sondern mit Christus selbst, seinen wärmenden Mantel geteilt hat, gemäß seinem Wort: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Der Mantel des Martinus ist zum Symbol der Gegen-wart Christi in seiner Kirche durch den Dienst an den Mühseligen und Beladenen geworden. Christen sind aufgerufen, ja verpflichtet, aus dem Glauben heraus, sich liebevoll den Mitmenschen – den Armen, Kleinen und Schwachen – zuzuwenden, sich herabzubeugen, ihnen zu dienen und zu helfen. Denn Christus selber wird gegenwärtig im Liebesdienst der Christen! Der heilige Martin mit dem halbierten Mantel ist ein Tatzeuge des Evangeliums – jede Zeit und jede Gesellschaft muss Platz haben für Arme, Alte und Kranke. Martinus mit dem geteilten Mantel erinnert uns Christen das Evangelium in die Tat umzusetzen – fangen wir damit im Jahr des Glaubens an!

Der heilige Martin trägt darüber hinaus als Bischof die Mitra.
Die Mitra/Bischofsmütze ist nicht nur eine Zierde, sondern sie ist ein Signal für die anderen. Ein Bischof hat gerade in Zeiten der Verfolgung, des Widerspruchs und der Feindschaft nicht den Kopf einzuziehen, sondern ganz im Gegenteil: Er hat seinen Kopf hinzuhalten, um für die Wahrheit Zeugnis zu geben, gelegen oder ungelegen. Das ist heute ein wichtiger und auch schwieriger Dienst. Gerade in unserem modernen Europa möchte man Christus ausbürgern, die Kirche in die Sakristei verbannen, den christlichen Glauben rein privatisieren und die christlichen Werte als nicht zeitgemäß und nicht mehr lebbar erklären. Hat es das alles nicht schon einmal in den Zeiten des Nationalsozialismus und Kommunismus gegeben? Haben wir das alles so schnell vergessen? Martinus als Bischof mit der Mitra auf dem Haupt erinnert uns Bischöfe, aber auch jeden Christen: Zeugnis für Jesus und seine Kirche zu geben sowie an den Siegeskranz, der uns erwartet. Wir sollen uns nicht ducken, sondern unseren Kopf für Jesus Christus hinhalten – fangen wir damit im Jahr des Glaubens an!

Der heilige Martin mit dem Hirtenstab, mit dem geteilten Mantel in der Hand und mit der Mitra auf dem Haupt – Attribute, Zeichen, die uns an diesen großen Europäer, Mann des Glaubens und der konkreten Tat erinnern. Ja noch mehr daran, dass auch wir als Christen und Europäer die Verbindung mit Jesus suchen und pflegen sowie das Evangelium im Alltag in die Tat umsetzen. Martin hat es uns vorgemacht, jetzt sind wir dran es ihm nachzumachen! Fangen wir damit in diesem „Jahr des Glaubens“ an und bitten wir ihn um seine Fürsprache! Amen.

Dienstag, 6. November 2012

Herbstplenaria der ÖBK 2012 in Brüssel

Liebe Mitbrüder!

Die Situation, in der sich die Kirche, der christliche Glaube und wir alle, die wir den Hirtendienst leisten, uns befinden, könnte wohl kaum prägnanter auf den Punkt gebracht werden als das heutige Evangelium es tut. Da ist die Rede von jemandem, der zu einem großen Festmahl einlädt und seinen Diener ausschickt, um die Einladung persönlich zu überbringen. Doch keiner der Geladenen folgt der Einladung. Alle haben eine Entschuldigung. Alle bleiben zu Hause.

Wenn wir, liebe Mitbrüder, hier in Brüssel, nahe bei den Institutionen der EU und den politischen Schaltstellen des Vereinten Europa unsere Beratungen führen, bekommen wir ein kontinentales Gefühl für die Enttäuschung des erfolglosen Dieners im Evangelium. Die Kirche in Europa lädt ein - und immer mehr folgen der Einladung nicht! Ohne Pathos und Wehleidigkeit können wir es sagen: So sehr das Christentum eine der Wurzeln Europas ist, so sehr erleben wir täglich, wie es im europäischen Projekt zunehmend zum Fremdkörper zu werden scheint. Wir erleben eine Marginalisierung christlicher Identität, ja auch kirchliche Rückzugsgefechte in ethischen Fragen, sei es die verbrauchende Embryonenforschung oder die rechtliche Gleichstellung homosexueller Partnerschaften mit der Ehe. Ja es scheint so, als ob nicht nur anderweitige Verpflichtungen die Geladenen abhalten würden, sondern ein kategorisches Unverständnis für das Festmahl an sich. Mehr und mehr wird den Christen in der europäischen Gesellschaft signalisiert: "Eure Werte sind nicht unsere Werte!"

Liebe Mitbrüder, wir kennen aber die Antwort des Hausherrn im Evangelium, die auf die Absage der Geladenen folgt: "Geh hinaus und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein!"

Der Herr selbst lehrt uns hier die Methode der Neuevangelisierung: Jesus schickt uns immer wieder aus, um zu seinem himmlischen Gastmahl einzuladen. Egal, wie ernüchternd die Absagen auch sein mögen. Die eben erst zu Ende gegangene Bischofssynode in Rom hat daran erinnert, dass die Säkularisierung von der Kirche verlangt, die eigene Präsenz in der Gesellschaft neu zu überdenken - dass aber die vielen und ständig neuen Formen der Armut der tätigen Nächstenliebe unbekannte Räume eröffnen! Die Authentizität der Neuvangelisierung trägt das Antlitz der Armen - auch und gerade in Europa! Darin liegt die Chance einer Entflechtung von alten gesellschaftlichen Mustern hin zum Ureigensten des Christentums: zum Evangelium!

"Es ist aber noch Raum da!", sagt der Diener, nachdem er bereits die Armen und Kranken in den Festsaal geholt hat.

Dieser Raum, liebe Mitbrüder, ist die Kirche selbst. Die Kirche ist, wie die Synodenväter festgehalten haben, "der Raum, den Christus in der Geschichte anbietet, um ihm begegnen zu können." Ihr hat er sein Wort und seine Sakramente anvertraut. In diesem Raum ist in besonderem Maße Platz auch für die, die draußen stehen, an den "Zäunen", die Fernen, die wir wieder vermehrt zum Mahl rufen müssen - auch und gerade in Europa!

Wenn wir nun selbst eingeladen sind, in Vorausahnung des himmlischen Festmahls zum Tisch des Herrn zu treten, soll uns bewusst sein, dass sich unser Glaube ganz in der Beziehung entscheidet, die wir selbst mit der Person Christi aufbauen, der uns selbst als seinen Dienern als erster entgegengeht: Neuevangelisierung beginnt bei uns selber und bei der eigenen Bekehrung.

Montag, 22. Oktober 2012

Seligsprechung von Hildegard Burjan - Santa Maria dell'Anima

Erlauben Sie mir die etwas eigenartige Frage: Was ist der Unterschied zwischen einem Menschen und einem Autoreifen? Antwort: Ein Autoreifen muss wenigstens 3 mm Profil haben. Hinter dieser scherzhaften Frage wahren Hintergrunds verbergen sich mehrere Dinge:
• das Bedauern, dass es so wenige Menschen mit Profil gibt;
• die Klage, dass viele ihren Weg nicht mutig und geradlinig gehen;
• die Enttäuschung, dass kaum jemand für seine Überzeugung einsteht, wenn er auf Widerstand stößt oder Nachteile befürchten muss.

Auch in der Kirche heißt es oft: "Ach, hätten wir doch mehr profilierte Christen, die ihrem Glauben ein Gesicht und klare Konturen geben!" Die Klage ist unnütz. Stattdessen braucht es die Überlegung, was denn zu einem Christsein mit Profil gehört, was es ist, wodurch sich profilierte Christen auszeichnen. Und dann braucht es die Selbstbetrachtung. Wer seinem Christsein ein Profil geben will, der muss folgendes Exerzitium an sich selbst durchführen und ehrlich fragen: Was ist denn meine persönliche Berufung? Was hat Gott mit meinem Leben vor?

Bis vor kurzem hat man das Wort Berufung nur im Zusammenhang mit Priestern und Ordensleuten gebraucht. Aber wie das Konzil betont, hat jeder Christ seine Berufung, seinen Lebensauftrag, sein Charisma. Es kommt darauf an, diese Berufung zu entdecken, genau hinzuhören, was Gott aus unserem Leben machen will. „Nehmt Gottes Melodie in euch auf!“ Mit diesen blumigen Worten möchte Ignatius von Antiochien sagen: Gott spielt jedem von uns eine persönliche Lebensmelodie zu. Lasst euch von dieser Melodie ergreifen und lasst sie in eurem Leben weiter klingen!

Wer seinem Christsein ein Profil geben will, der wird noch einen Schritt weitergehen. Der wird auch in der Öffentlichkeit zu dem stehen, was ihm wichtig ist, der wird mit Widerständen rechnen und trotzdem versuchen, einen geraden Weg zu gehen, der sein Bekenntnis und Zeugnis widerspiegelt. „Lebe, was du vom Evangelium begriffen hast, und wenn es auch noch so wenig ist, aber lebe es!“ Mit diesen Worten will der ermordete Prior von Taize Roger Schütz Mut machen: Zeig, woraus und wofür du lebst! Lass andere sehen, was deine Quellen sind! Bekenne dich und stehe zu deiner Überzeugung!

Wer seinem Christsein ein Profil geben will, der wird zuletzt offen zugeben: Ich weiß, dass die Kraft für meinen Weg nicht allein aus mir selbst kommt. Ich bin überzeugt, dass ich von Gott gestärkt, begleitet und geführt werde. Ich spüre, dass ich ohne Gottvertrauen nicht leben kann. Dieses Gottvertrauen hat nichts mit Passivität und „Die-Hände-in-den-Schoß-legen“ zu tun. Dieses Gottvertrauen sagt: Ich darf und soll mich mit meinen Kräften und Fähigkeiten für die Sache Jesu engagieren, aber ich darf und soll auch in Gelassenheit darauf vertrauen, dass Gott alles zu einem guten Ende führt. „Ich bin mit dir, um dich zu retten.“ - aus dieser Zuversicht lebten die Propheten, auch wenn sie oft zweifelten und sich von Gott allein gelassen fühlten. Aus dieser Zusage lebte auch Jesus. Seine Beziehung zu Gott gibt ihm innere Stärke und Halt. „Ich bin mit dir, um dich zu retten.“ Mit dieser Zusage Gottes zu leben, das könnte auch uns entlasten und befreien, das könnte uns helfen, unser Selbstwertgefühl nicht vom Wohlwollen anderer abhängig zu machen, das könnte eine klare Linie in unser Leben bringen.

Berufung – Bekenntnis – Gottvertrauen: drei Kennzeichen für ein profiliertes Christsein.

Im Oktober 1908 wird Hildegard Burjan, eine junge Frau aus einer konfessionell nicht gebunden jüdischen Familie, die mit ihrem Mann in Berlin lebt, mit einer schweren Nierenkolik ins Spital eingeliefert; sieben Monate verbringt sie dort, und wird, nach mehreren Operationen, von den Ärzten bereits aufgegeben. Am Ostermorgen des Jahres 1908 aber bessert sich ihr Gesundheitszustand aus unerklärlichen Gründen plötzlich radikal. Sie sieht dies als einen Fingerzeig Gottes an und findet nun zum Glauben. 1909 empfängt sie das Sakrament der Taufe. Sie will, obwohl sie ein Studium abgeschlossen hat, keine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen, sondern ihr neu geschenktes Leben "ganz Gott und ganz den Menschen widmen". Es ist der Moment der Berufung von Hildegard Burjan.

Als junge Mutter sucht sie Anschluss an katholische Kreise, die sich mit der brennenden sozialen Frage infolge der Industrialisierung auseinandersetzen: Hildegard Burjan beginnt sich vorrangig mit der bedrückenden Situation der Arbeiterinnen zu beschäftigen. Sie entwickelt ein Programm, das sie später bei ihrer politischen Tätigkeit im Parlament, ihrem caritativen Engagement und durch die Gründung der Schwesterngemeinschaft "Caritas Socialis" umzusetzen versucht, dabei stets dem Leitsatz folgend: "Die Liebe Gottes durch den sozialen Dienst verkünden".

Sie wird die erste christlichsoziale Abgeordnete im Parlament der Ersten Republik. Als bedeutende Sozialpionierin des 20. Jahrhunderts versucht sie mit bahnbrechenden Sozialprojekten die Prinzipien der katholischen Soziallehre in die Praxis umzusetzen. Der Wiener Kardinal-Erzbischof Friedrich Gustav Piffl nannte sie das "Gewissen des Parlaments".

Kann es ein deutlicheres nach außen getragenes Bekenntnis einer Katholikin geben?

Als 1920 Neuwahlen ausgeschrieben werden, überrascht Hildegard Burjan den Parteivorstand mit der Mitteilung, nicht mehr zu kandidieren. Sie gibt dafür drei Gründe an: ihren schlechten gesundheitlichen Zustand, zu wenig Zeit für ihre Familie und den Klubzwang, dem sie sich als Katholikin nur schwer beugen kann. Was sie verschweigt, ist, dass sie unter den zunehmenden antisemitischen Tendenzen innerhalb der Christlichsozialen Partei leidet. In den ihr noch verbleibenden 13 Lebensjahren aber stellt Hildegard Burjan ein Lebenswerk auf die Beine, das auf dem Gebiet der Altenbetreuung und Hospizbewegung Pionierarbeit leistet: die religiöse Schwesterngemeinschaft "Caritas socialis", deren Vorsteherin sie bis zu ihrem Tod bleibt.

In all dem zeigt sich letztlich das Gottvertrauen der Hildegard Burjan, ohne das solch ein Weg nicht möglich gewesen wäre.

Auf die Melodie hören, die Gott mir persönlich zuspricht; das leben, was ich vom Evangelium verstanden haben; engagiert und gelassen meinen Weg gehen, dort wo mich Gott hingestellt hat – drei Grundhaltungen, die ich lernen und einüben kann, die jeder und jede von uns lernen und einüben sollte!

Autoreifen mit Profil hinterlassen Eindrücke und Spuren. Ich bin überzeugt: Christen mit Profil tun es auch! Hildegard Burjan hat uns das eindrucksvoll vorgelebt. Jetzt sind wir dran, es ihr nachzumachen!

Selige Hildegard - bitte für Deine Schwestern der Caritas Socialis und für uns alle! Amen.

Montag, 8. Oktober 2012

Bischof Zsifkovics bei Weltbischofssynode in Rom

Mehr als 250 Bischöfe aus aller Welt werden sich ab 7. Oktober zur Weltbischofssynode in Rom versammeln. Darunter Kardinal Christoph Schönborn und Bischof Ägidius J. Zsifkovics.

Mehr als 250 Bischöfe aus aller Welt bereiten dieser Tage ihre Abreise nach Rom vor. Ab 7. Oktober werden sie sich drei Wochen lang mit Papst Benedikt XVI. in der Synodenaula oberhalb der vatikanischen Audienzhalle versammeln, um über die Neuevangelisierung der vom katholischen Christentum „ermüdeten“ Gebiete zu beraten.

Zu den vom Papst ernannten 36 Synodenvätern gehören die Kardinäle Christoph Schönborn, Peter Erdö (Esztergom), Vinko Puljic (Sarajevo), Josip Bozanic (Zagreb) und Joachim Meisner (Köln). Hinzu kommen mehr als 200 Delegierte, die von den nationalen und regionalen Bischofskonferenzen entsandt wurden. Aus Österreich ist dies Diözesanbischof Ägidius J. Zsifkovics.


“Evangelium als Wegweisung“
In seiner Vorbereitung auf die Bischofssynode, deren genaues Thema „Die Neuevangelisierung für die Weitergabe des christlichen Glaubens“ lautet, hat sich Zsifkovics eingehend mit der Synoden-Arbeitsunterlage („Instrumentum laboris“) befasst. Darin seien, so der Bischof, die Gründe, „warum es zu einer Erstarrung im Glauben, zu Ermüdungserscheinungen kommt“ und die damit zusammenhängenden Fragenkomplexe sehr gut erfasst. In deren Auswirkungen, der fortschreitenden Säkularisierung und des damit verbundenes kulturellen Wandels, sieht Zsifkovics nicht nur eine große Herausforderung, sondern auch eine reelle Chance. „Der heutige Mensch ist ein Suchender, ein Mensch der ringt, der Hoffnung braucht. Er ist offen für Spiritualität, aber auch für Religiöses. Wenn es gelingt, diese emotionale Ebene anzusprechen, dann eröffnen sich Möglichkeiten.“

Zum Thema Neuevangelisierung ist für den Eisenstädter Diözesanbischof wichtig klar zu stellen, „dass es dabei nicht um ein neues Evangelium geht.“ Vielmehr gehe es darum, den Menschen die Botschaft Jesu Christi ungekürzt ins Heute zu bringen. „Das Evangelium ist und bleibt Wegweisung, es ist keine Sitzordnung.“ Viele kirchliche Probleme würden daraus resultieren, dass „wir aus dem Evangelium strukturelle Dinge ableiten, anstatt dass wir aufbrechen, um die frohe Botschaft zu den Menschen zu tragen.“

Die 13. Ordentliche Weltbischofssynode wird bis zum 28. Oktober im Vatikan tagen.

Dienstag, 2. Oktober 2012

Segnung der neuen Kapelle und Hauses der Gemeinschaft Cenacolo, 29. September 2012

Es ist ein besonderes Geschenk der Vorsehung Gottes, dass wir heute am Fest der Erzengel Michael, Gabriel und Rafael die Segnung dieser neuen Kapelle und des neuen Hauses der Gemeinschaft Cenacolo hier in Kleinfrauenhaid vornehmen können – in der Engel eine besondere Bedeutung für die Burschen dieser Gemeinschaft haben; das in Anwesenheit Eures-unseres Engels, Mutter Elvira!

Am Weihetag dieser neuen Kapelle und dieses Hauses ist es wohl angebracht darüber nachzudenken, was Kirche und christliche Gemeinde ausmacht. Es sind vor allem 3 Dinge hervorzuheben, die Kirche, christliche Gemeinde ausmachen.

1. Das Kreuz ist wesentlicher Bestandteil jeder Kirche-Kapelle und christlichen Gemeinde. So hängt auch in der Mitte dieser Kapelle das Kreuz Jesu Christi. Der Blick auf das Kreuz hilft uns, Jesus als Arzt, Heiland und Retter zu erkennen. Der Blick auf das Kreuz will uns an Jesu Tod und Auferstehung erinnern, damit wir diese Heilstat Gottes nie vergessen. Der Blick auf das Kreuz Christi will uns Menschen sagen, dass wir ein Ziel und eine Bestimmung von Gott her haben; dass unser Leben hier auf Erden trotz Krankheit, Leid, Versagen und Tod einen Sinn hat; dass uns ewiges Leben bei Gott geschenkt ist. Der Blick auf das Kreuz erinnert Euch Burschen von der Gemeinschaft Cenacolo an Euer persönliches Kreuz und dass es da einen gibt, der Euch gerade in Eurer Situation versteht, annimmt und helfen will; dass es Engel und Menschen gibt, die Euch liebevoll begleiten und Euch in allem auch beistehen. Aber meiden wir nicht oft das Kreuz und suchen ein Christentum ohne Kreuz? Fehlt uns nicht oft der Glaube an die Auferstehung? Gehen unsere Blicke nicht weg vom Kreuz hin zu Dingen des Lebens, die uns erstrebenswert scheinen?

2. Der Altar ist ein weiterer wichtiger Bestandteil der Kirche und christliche Gemeinde ausmacht. Der Altar ist nicht nur der Tisch auf dem das Messopfer gefeiert wird. Der Altar stellt Jesus Christus dar, die Mitte jedes Gotteshauses, die Mitte der Kirche, von der aus sich die Gemeinde aufbaut. Christl. Gemeinde bauen können wir nur, wenn wir auf Jesus schauen, wenn wir sein Wort hören, das uns vom Ambo – dem Tisch des Wortes – verlesen wird, wenn wir ihm glauben und ihn lieben, wenn wir uns täglich mühen ihm nachzufolgen, wenn wir sein Evangelium zur Richtschnur unseres Handelns machen. Der Altar ist für den Christen die Quelle aus der er Kraft für seinen Glauben und sein Leben schöpft. Der Altar ist ein Zeichen der Einheit für uns trotz unserer menschlichen Verschiedenheiten. Vom Altar aus wird Kirche aufgebaut und erneuert – nicht von irgendwelchen Initiativen, seien sie noch so gut gemeint! Auf dem Altar ereignet sich die Wandlung: Brot und Wein wird zu Jesu Leib und Blut. So ist der Altar für die Gemeinschaft Cenacolo auch Sinnbild für Wandlung – aus dem Tod der Droge hin zur Auferstehung zum wahren Leben! Ist Jesus wirklich der, auf den wir schauen, die Mitte, die uns verbindet? Nehmen heute nicht viele Menschen Anstoß an Jesus und seiner Kirche? Ist der Altar noch eine wichtige Lebensquelle für uns Christen, oder hat der moderne Mensch nicht schon längst bessere und für ihn wichtigere Quellen angezapft: Geld, Kariere, Versicherungen, Konsum, Wellness und Genusssucht?

3. Das dritte wesentliche Element, das Kirche und christliche Gemeinde ausmacht ist das Zeugnis für den Glauben durch Taten der Liebe und Solidarität. In unserer modernen Gesellschaft ist vielen der Glaube fremd geworden, für viele bedeutet Christsein oft nicht mehr als ein Mitschwimmen, ein Aufputz für besondere Feste, ein romantisches Brauchtum. Glaube ohne Zeugnis ist tot! Auch bei uns zerfällt die selbstverständliche Glaubenspraxis und Weitergabe des Glaubens an die jüngere Generation. Auch bei uns verlangt es schon Mut, christliche Überzeugungen wie Gebet und Gottesdienst in der eigenen Familie zu leben. Wir müssen es heute wieder neu lernen, unseren Glauben fröhlich, glaubwürdig und konsequent zu leben, auch gegen manchen Widerstand. Wir müssen die Kinder und Jugendlichen vorbereiten, dass unser Glaube nicht deckungsgleich ist mit der öffentlichen Meinung. Wir müssen es lernen, sich für christliche Werte einzusetzen. Wir müssen uns als Christen bewusst unterscheiden von dem, was man so tut! Jesus selber ist diesen Weg gegangen, der ihn über Golgotha zum Vater führte. Auch unser Weg zu Gott kostet viel Mut, Umkehr und Durchhaltevermögen. Cenacolo gibt Zeugnis dafür! Doch wir können diesen Weg zuversichtlich gehen, weil wir wissen, dass er uns ans Ziel führt. Maria, die Mutter der guten Hoffnung, hat Jesus auf seinem LebensLeidensweg begleitet. Sie, der dieses Haus geweiht ist, begleitet auch uns! Ihr und den Erzengeln Michael, Gabriel und Rafael vertrauen wir die Gemeinschaft Cenacolo an, damit dieses neue Haus offen ist für junge Menschen, die sich in Lebenskrisen befinden und wo sie im Blick auf Kreuz, Altar und gelebtem Zeugnis Hilfe erfahren.

Mittwoch, 26. September 2012

Pontifikalamt zum Jahrestag der Bischofsweihe - 25. September 2012

Eine Wallfahrt der Generalsekretäre der Bischofskonferenzen Europas zum Schweizer Nationalheiligtum des hl. Niklaus von der Flüe 2005 sowie die Tatsache, dass ich an seinem Gedenktag vor zwei Jahren hier im Martinsdom die Bischofsweihe empfangen habe, inspirierte mich heute auf diesen Familienvater, Ratsherrn, Richter, Einsiedler, Berater, Friedenstifter und Heiligen zu schauen. Wahrscheinlich sind viele von uns schon zum Bruder Klaus gepilgert, hinuntergestiegen in die Ranftschlucht, haben in der Kapelle Gottesdienst gefeiert und die angebaute Einsiedlerzelle besucht, in der Bruder Klaus fast 20 Jahre hauste. Diese Einsiedlerzelle hat drei winzige Fenster. Durch das eine Fenster blickt man auf den Weg, auf dem man heruntergekommen ist.

Das andere Fenster gibt den Blick frei auf die Strecke, die zum Talschluss führt. Durch das dritte blickt man auf den Altar in der Kapelle. Schauen wir in dieser Stunde aus der Enge unseres Ich durch diese drei Fenster auf unser Leben. Durch das erste Fenster schauen wir zurück, auf unseren bisherigen Lebensweg, den wir gegangen sind, seit Gott uns durch unsere Eltern das Leben geschenkt, uns durch Taufe, Firmung und Weihe in seine Nachfolge und Kirche gerufen hat. Heute tun wir dies als Diözesanfamilie - Bischöfe, Priester, Diakone, Ordensleute und Laien - voll großer Dankbarkeit.
Wir danken Gott für das Geschenk des Lebens und unseren lieben Eltern - den Lebenden wie Verstorbenen - dass sie dieses Geschenk von Gott oft in schweren Zeiten angenommen haben. Obwohl wir heute im Wohlstand leben, sagen immer weniger Eltern JA zu Familie und Kind! Ist damit nicht Ehe und Familie, als wichtigste Zelle unserer Kirche und Gesellschaft ernsthaft bedroht?
Es gibt noch einen zweiten Grund, dankbar zu sein: Seit 60 Jahren ist uns das Glück der Freiheit und des Friedens geschenkt. Wir dürfen in einem Land leben, das wirklich von Milch und Honig fließt. Ein Blick auf manche andere Länder, auf die Elendsviertel, auf Hunger und Seuchen, Krieg und Terror zeigt uns, dass auch unser Wohlstand nicht selbstverständlich ist. Wie oft sind wir unzufrieden und jammern wegen Kleinigkeiten. Christen sind Friedensboten, sie bezeugen mit ihrem einfachen Leben einen anderen Weg, der glücklich und zufrieden macht!
Schließlich findet jeder von uns in seinem Leben vieles, wofür es zu danken gilt. Wir denken dankbar an unsere Eltern und Geschwister, Lehrer, Seelsorger und Freunde, die uns durchs Leben begleiten. Wir denken an den Beruf, an Erfolge und Misserfolge sowie an die geschenkte Kraft, Schweres im Leben zu meistern. Das alles und noch viel mehr sehen wir durch dieses erste Fenster, das uns dankbar zurückblicken lässt auf unseren bisherigen Lebensweg.

Blicken wir nun durch das zweite Fenster, das den Weg in Richtung Talschluss zeigt. Er erscheint uns noch unbekannt, geheimnisvoll, voller Gebüsch/Gestein. Er zeigt uns vor allem, dass unser Leben begrenzt ist. Darum sollen wir jeden Tag, der uns geschenkt ist, nützen und mit Sinn erfüllen. Oder, um es mit den Worten des Apostels Paulus in der Lesung zu sagen: „Lasst uns also nach dem streben, was zum Frieden und zum Aufbau der Gemeinde beiträgt.“ Das können wir nicht besser, als wenn wir andere lieben, ihnen helfen und Freude bringen. Jeder Mensch braucht Menschen, mit denen er seine Freude teilen, zu denen er mit seiner Last kommen kann, bei denen er Trost und Erleichterung findet. Christen - Laien wie Geweihte - sollen solche Menschen sein! Sie haben ihr Leben Jesus verschrieben und bemühen sich diese Liebe des Herrn in Freude den Mitmenschen weiterzuschenken. Sie sind eine Tankstelle und eine Hoffnung für andere, weil sie ihre Freuden und Lasten mittragen. Das ist Neuevangelisierung konkret! Beginnen wir damit in diesem Jahr des Glaubens! Vergelt´s Gott allen in unserer Diözese, die sich um diesen Liebesdienst bemühen, die tun, was zum Frieden und zum Aufbau der Gemeinde beiträgt! Wer sich so Tag für Tag neu in den Dienst der anderen stellt, folgt Jesus nach, gibt seinem Leben Freude und Sinn, „wird dafür das Hundertfache erhalten und das ewige Leben gewinnen“ - sagt uns das Evangelium und der Blick durch das zweite Fenster des Bruders Klaus.

Schließlich machen wir noch durch das dritte Fenster der Ranftklause einen Blick. Es war für Bruder Klaus das wichtigste Fenster. Wir sehen durch dieses Fenster direkt auf den Altar der angebauten Kapelle, auf dem immer wieder die Eucharistie, Jesu Tod und Auferstehung, unsere Erlösung gefeiert wird. 20 Jahre hat Bruder Klaus nur von der Eucharistie und vom Blick auf das Kreuz gelebt.
Im Blick auf das Kreuz verlassen Priester und Ordensleute alles, sie nehmen in ihrem Leben immer wieder das Kreuz an und folgen dem Herrn dorthin, wo er sie haben will, wohin sie die Kirche sendet - auch wenn es nicht immer leicht ist. Das wird von Gott gesegnet, so wird man vielen Menschen zum Segen! Der gekreuzigte und auferstandene Herr in der Eucharistie gibt uns die Kraft und Freude für den Dienst. Der Blick auf das Kreuz Christi, das festes Vertrauen auf Maria unter dem Kreuz ist uns allen in der Nachfolge Wegweisung und Hilfe! Sollten wir in den gegenwärtigen Schwierigkeiten nicht mehr auf den Herrn am Kreuz und in der Eucharistie schauen, von da aus Kirche bauen und erneuern?

Ich wünsche unserem neuen Dompropst, dem Domkapitel und uns allen, dass wir diese 3 Fenster des Bruders Klaus zu Lichtblicken unseres Lebens machen! Als Bischof danke ich allen in unserer Diözese für ihren treuen Dienst in der Nachfolge des Herrn – in den Familien, Pfarrgemeinden, Dekanaten, Diözese! Wenn wir jetzt gemeinsam die Eucharistie feiern, dann danken wir Gott für das Geschenk der Berufung und Erlösung sowie für seine Gnade und Begleitung. Bitten und beten wir mit dem hl. Bruder Klaus um neue geistliche Berufungen: Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu Dir. Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu Dir. Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen Dir. Amen.

Montag, 10. September 2012

Impulsreferat Seelsorgertag


6. September 2012, Eisenstadt, Haus der Begegnung

Liebe Brüder im priesterlichen und diakonalen Dienst!
Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Seelsorge!

Ich darf Euch alle zum diesjährigen Seelsorgertag herzlich willkommen heißen. Danke für Euer Interesse und Eure Teilnahme an dieser Veranstaltung, die uns allen, die wir in den verschiedensten Bereichen der Seelsorge stehen, ein gewichtiges "Update" für unser Wirken geben kann. So gilt mein besonderer Dank Kanonikus MMag. Michael Wüger, dem Pastoralamtsleiter unserer Diözese: Seinem Engagement und seiner Planung ist es zu verdanken, dass dieses Update den geeigneten Rahmen erhielt, der allen Teilnehmern eine geistig und geistlich gewinnbringende Teilnahme ermöglichen kann.
In diesem Zusammenhang danke ich Herrn Univ. Prof. Bernhard Körner für die beeindruckende hochkarätige Behandlung des Ereignisses und der Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils, die wir heute Vormittag erleben durften.

Ich lade Euch daher ein, Euch auch noch ganz auf den restlichen Tag einzulassen und Euch in der verbleibenden Zeit in aller inneren Freiheit und Ehrlichkeit den hier gebotenen Raum der Reflexion und der eigenen Standortbestimmung  zu gönnen.

Mit den Begriffen "Update" und "Standortbestimmung" bin ich schon beim Thema. Seien wir ehrlich: Wer von uns verspürt in dieser unruhigen Zeit nicht die brennende innere Frage, wohin es mit der Kirche gehen soll, wohin es mit uns gehen soll, die wir in und mit unserer Kirche gehen?

Beim Niederschreiben einiger Gedanken für mein heutiges Statement gab mir mein Computer folgende Meldung: "Ein Update ist erforderlich! Drücken Sie auf O.K.! Damit das Update wirksam wird, muss der Computer neu gestartet werden." Ich darf hoffentlich davon ausgehen, dass der Computer mit seiner Meldung nicht unbedingt den Inhalt meiner Gedanken meinte, sondern bloß die rechnerische Verarbeitung der nackten Buchstaben. Aber eines wurde mir dabei doch klar: Das Fortschreiten des Menschen in der Zeit - gleichgültig, ob er sich den Funktionsweisen seines Computers beim Tippen stellt oder ob er sich den großen existentiellen Fragen des Lebens stellt - dieses Fortschreiten geschieht immer in Schritten. Dieses Fortschreiten geschieht, wenn es Bestand haben will, in sanfter Evolution, nicht durch Revolution.
Weder wirft der gesunde Mensch seinen Computer aus dem Fenster, wenn einmal eine Fehlermeldung kommt, noch wirft der gesunde Mensch seine Existenz aus dem Fenster, wenn etwas unrund läuft. Die "Tabula rasa", den Sprung aus der Geschichtlichkeit gibt es nicht. Statt dessen wird von uns Menschen die ständige Veränderung verlangt. Diese bedeutet mitunter das schmerzhafte Loslassen alter, oft lieb gewonnener Gewohnheiten und Praktiken. Oder biblisch gesprochen: Es bedarf der fortwährenden Umkehr und Bekehrung!
Doch wo ist es zu finden, dieses Update für uns und unsere Kirche? Manchmal liegt die Antwort so nah vor einem, dass man sie nicht sieht.

Vor bereits 50 Jahren, in einem spannenden, großen, nach Wahrheit ringenden, teils mühsamen Prozess, wurden die wesentlichen Inhalte einer 2000 Jahre alten Festplatte ausgelesen und auf der Höhe der Zeit neugelesen. Dieses Update war das Zweite Vatikanische Konzil. Professor Körner hat es uns am Vormittag wieder ins Bewusstsein gerufen.

Lasst mich die Hauptpunkte nochmals kurz ansprechen:

Erstens: Mit ihrer Magna Charta, der sogenannten Dogmatischen Konstitution "Lumen Gentium", hatten die Konzilsväter eine Kirche im Auge, die ganz vom Geist des Evangeliums durchdrungen ist, vom Geist des Dienens und der Demut, vom Geist der Offenheit und der katholischen Weite. Meditieren wir das Wort und halten wir es hoch als Programm: katholische Weite! Nicht sektiererische Enge und Rückzug in kleine Nischen der Frömmigkeit, sondern eine Kirche, die aus den biblischen und liturgischen Quellen sowie aus dem Erbe der Kirchenväter schöpft und in missionarischer Sendung zu den Menschen, und zwar zu allen Menschen geht - das und nicht weniger wollte das Konzil!

Zweitens: "Das Licht der Völker ist Christus!" - Mit diesem Satz ganz am Beginn von Lumen Gentium wird das ganze Programm vorweggenommen: Christus ist das Licht des Menschen. Die Kirche, die selbst nicht dieses Licht ist, soll in der Welt Gnadenzeichen des Heils sein für alle Menschen, gleich welcher Religion und Weltanschauung. Sie soll selbstlos der ganzen Menschheit und ihrem Heil dienen!

Drittens: Lumen Gentium stellt fest, dass es "Trübsale und Mühen" innerhalb der Kirche gibt. Es stellt fest - und das ist von einzigartiger Neuigkeit! -, dass die Kirche das Mysterium Christi zwar getreu, aber auch schattenhaft, unklar und dunkel verkündet. So sehr sie ihrem Wesen nach heilig ist, so sehr geht sie fortwährend einen Weg der Buße und Erneuerung. Diese große Einsicht bedingt den großen Impuls für die ökumenische Bewegung, die vom Konzil ausgeht.

Viertens: Das Zweite Vatikanum will über die Fixierung auf das Papsttum hinausgehen und spricht über die Verantwortung der Bischöfe. Der Bischof ist Hirte, nicht Oberbefehlshaber. Gegenüber dem Papst trägt er gemeinsam mit allen anderen Bischöfen kollegiale Verantwortung für die Einheit der Kirche. Auch wenn die Umsetzung dieses Prinzips noch in den Anfängen steht, ist das Synodalprinzip wesentlicher Ausdruck des neuen Geistes.
In diesem Zusammenhang will ich Euch nicht vorenthalten, dass mich die Österreichische Bischofskonferenz als Vertreter des heimischen Episkopats bei der im Oktober in Rom stattfindenden Bischofssynode nominiert hat. Diese XIII. ordentliche Generalversammlung wird sich mit dem Thema der Neuevangelisierung für die Weitergabe des christlichen Glaubens in der Welt befassen. Die Einberufung der Synode ist zweifellos im Zusammenhang mit dem Konzilsjubiläum zu sehen.

Fünftens: Das Konzil betont die Würde und Verantwortung des Laien in der Kirche neu. Diese Würde ist auch von den geweihten Hirten - darunter auch den Pfarrern! - anzuerkennen. Die Pastoralkonstitution "Gaudium et spes" verlangt dabei das ständige fruchtbare Gespräch zwischen allen, "die das eine Volk Gottes bilden, Geistliche und Laien", dabei herrsche - wortwörtlich - "im Notwendigen Einheit, im Zweifel Freiheit, in allem die Liebe". Ich darf diese Formel allen ins Stammbuch schreiben, die echt oder vermeintlich am Wohl der einen Kirche interessiert sind!

Liebe Mitbrüder! Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter! Wir haben es also schon längst, das Update, das wir so dringend benötigen. Aber: Wir haben den Neustart noch nicht gemacht! Wir haben das umfassende inhaltliche Update noch nicht in die Selbstverständlichkeit kirchlichen Denkens und Tuns hinein übertragen! Oder wollte irgendjemand von uns ernsthaft behaupten, die Vorstellungen des Konzils, diese eben aufgezählten Punkte wären auch nur annähernd erreicht worden?

Gewiss, dieser Neustart konnte und kann nicht - wie beim Computer - auf Knopfdruck geschehen. Dieser Neustart ist vielmehr ein Generationenprojekt. Der Heilige Vater ist davon überzeugt, dass das Zweite Vatikanum erst langsam aus den Dokumenten ins lebendige Bewusstsein der Kirche hinein sickern muss. Und der Blick auf die heutige kirchliche Praxis bestätigt, dass diese die vorausblickende Weite des Konzils noch lange nicht eingeholt hat. Wir feiern zwar ein Jubiläum, doch die Weichen, die das Zweite Vatikanum gestellt hat, reichen weit in die Zukunft!

Doch nun ist der Zeitpunkt gekommen, einen Sprung zu machen. Alles, was heute Thema der Kirche ist, findet Antworten im Zweiten Vatikanum, das aus heutiger Perspektive schon als prophetisch zu bezeichnen ist. Dabei werden wir nicht gefragt, ob wir bereit sind, diesen Sprung zu machen. Wir müssen ihn machen, weil die Zeit ihn von uns verlangt. Die Lebenswirklichkeit fragt uns gnadenlos an: Innerkirchliche Spaltungstendenzen, das Ärgernis der Missbrauchsfälle in kirchlichen Institutionen, die allgemeine Erosion des Wissens um grundlegende Wahrheiten unseres Glaubens - dies und vieles mehr stellt die Kirche wieder einmal in ihrer Geschichte auf den Prüfstand der Zeit - und erinnert sie im Moment gesellschaftlicher Bedrängnis an ihr großartiges Zweites Vatikanum.
Auch aus diesem Grund hat Papst Benedikt XVI. just in diesem Jahr ein Jahr des Glaubens ausgerufen. Es wird am 11. Oktober 2012, dem fünfzigsten Jahrestag der Eröffnung des Ökumenischen II. Vatikanischen Konzils, beginnen und bis zum 24. November 2013, dem Hochfest Christkönig, dauern. Unser Pastoralamtsleiter wird uns anschließend noch ausführlich vom Jahr des Glaubens berichten.

Eigentlich, so meine ich angesichts der heutigen Gesamtsituation, in der wir uns befinden, sollte es ein Jahrzehnt des Glaubens werden! Wir alle sollten  dafür beten und uns dafür einsetzen! Wir werden in unserer Diözese jedenfalls bestrebt sein, uns in diesem Jahr des Glaubens auf allen Ebenen mit dem Zweiten Vatikanum theoretisch und praktisch auseinander zu setzen. Gewiss, die ernsthafte Umsetzung hehrer Gedanken erfordert immer auch ein Hinabsteigen in die Niederungen des Faktischen. Sie erfordert ein ernsthaftes und verlässliches Arbeiten, um das ich Euch schon heute herzlich bitten möchte!

Lasst mich abschließend kurz einige konkrete seelsorgliche Schwerpunkte des neuen Arbeitsjahres erwähnen, die für uns als Diözese wichtig sind:

Seelsorgliche Schwerpunkte im Arbeitsjahr 2012/13

Jahr des Glaubens – Auftakt mit Angelus am 11.10.; zu Martini als Diözese mit Kardinal Meisner; Schwerpunkt in der pastoralen Arbeit

Konzilsjubiläum – Beschäftigung mit Konzilsdokumenten in allen Gremien

Monatliche Rekollektionen in den Dekanatskreisen Nord – Mitte – Süd
Programm: 10.00 Anbetung und Beichte; 11.30: Geistlicher Vortrag; 12.30 Austausch; 13.00 Mittagessen; anschl. Gespräch mit Bischof
Termine: Nord: 4.10., 17.1., 4.4.; Mitte: 15.11., 7.2., 2.5.; Süd: 13.12., 7.3., 6.6.
Geistliche Begleiter: Abt Maximilian Heim (Nord); Provinzial P. Lorenz Voith CSsR (Mitte); Weihbischof Dr. Franz Lackner (Süd)
Orte: Eisenstadt (Dom); Oberpullendorf (Haus St. Stephan); Güssing (Kloster)
Einladung an Priester, Diakone, Ordensleute, Pastoralassistenten, Religionslehrer

Einführung und Begleitung der neuen Pfarrgemeinderäte
Pastoralamt wird notwendige Hilfen geben; Bitte an die Seelsorger, um die Begleitung, umsichtige Führung sowie gute Zusammenarbeit!

Kanonische Visitation mit Firmung und Kontaktwochen 2013
Dekanat Eisenstadt (14 Pfarren; Fastenzeit bis nach Ostern)
Dekanat Rechnitz (14 Pfarren; nach Ostern)
Kontaktwochen in den Dekanaten Rust und Jennersdorf

Diözesane Jubiläen
100. Geburtstag von Bischof Stefan László
50 Jahre Domkapitel – Errichtung am 1.Mai 1963
20 Jahre Bischofsweihe Alt-Bischof Paul Iby
10 Jahre Seligsprechung Dr. Ladislaus Batthyány-Strattmann

Diözesane Wallfahrten
Mariazell – erstes Juliwochenende
Luxenburg-Deutschland – ab 16. August
Arbeiterwallfahrt nach Altötting – erstes Septemberwochenende
Dreiländerwallfahrt Frauenkirchen – 8. September
Ökumenische Studienreise ins Hl. Land – Semesterferien 2013
Wallfahrtsorte in der Diözese
Bedeutende Orte für die Neuevangelisierung mit besonderen Angeboten im Jahr des Glaubens! Liturgische Feiern, Vorträge zu Themen des Glaubens und des Konzils, geistliche Begleitung, Beichtdienst!

Einladung zur Feier des Weihetages  am 25. September in den Dom
19.00 Festgottesdienst im Dom mit Einkleidung des neuen Dompropstes
Anschl. Agape im Dompfarrzentrum

Gedenken an verstorbene Mitbrüder
Pfarrer Franz Kostenwein
Kardinal Carlo Martini

Dank und Gratulation
Allen für ihre Treue und ihren Einsatz in der Seelsorge unserer Diözese, besonders denen die einen neuen Dienst übernommen haben – Vergelt´s Gott für die Bereitschaft dorthin zu gehen, wohin mich die Kirche sendet und wo sie mich braucht! Gott wird es mit seinem Segen lohnen!
Dank für die Geldsprenden zum Silbernen Priesterjubiläum für die Partnerdiözese in Indien: € 10.977.-
Gratulation allen die einen runden Geburtstag oder ein Dienstjubiläum haben – stellvertretend Dechant Prof. Mag. Fritz Schobesberger zum goldenen Professjubiläum und Prälat Johann Bauer zum 80. Geburtstag! Herzlichen Glückwunsch – aufrichtigen Dank – und allen Segen Gottes!

Danken möchte ich Euch für Euren wertvollen Dienst an den Menschen in unserer Diözese und der ganzen Kirche. Er reicht von Eurer großartigen Kernkompetenz seelsorgerischen Wirkens in all seiner Bandbreite bis hin zu sehr konkreten Zeichen, etwa den großzügigen Spenden, die viele von Euch für unsere indischen Partnerdiözesen gegeben haben. Habt Dank dafür!
Ich danke aber auch für Euer verständnisvolles Mitgehen bei Versetzungen. Es erfüllt mich mit großer Freude, wenn ich erlebe, dass Priester zu ihrem bei der Weihe gegebenen Versprechen stehen, dort zur Verfügung zu stehen, wo ihr Bischof sie benötigt.

Alle diese Aktivitäten und unser seelsorgliches Tun werden nur erfolgreich sein, wenn sie auf 4 Säulen beruhen:
- Auf einer echten Spiritualität, die Gebet, Gottesdienst und die Bibel in sich vereint;
- auf einer menschlich hochstehenden, dem christlichen Menschenbild verpflichteten Kompetenz des Leitens und Führens, die ziel- und lösungsorientiert mit Konflikten umzugehen weiß;
- auf der Fähigkeit diakonischen Handelns, welches die Gemeinden in ihren jeweiligen Problemstellungen wahrnimmt und aus profunder Diagnose heraus sinnvolle Projekte mit christlich-karitativem Mehrwert initiiert;
- und zuletzt auf der Säule missionarischen Arbeitens, das die Welt durchdringt, indem es Menschen erreicht, ihnen etwas zutraut und sie zu Mitarbeitern in Gottes Weinberg macht.

In einer Kirche im englischen Sussex ist folgende Inschrift aus alter Zeit zu lesen:
"Eine Vision ohne Umsetzung bleibt nur ein Traum.
Eine Umsetzung ohne Vision ist eine Tragödie.
Eine Vision, die umgesetzt wird, ist die Hoffnung der Welt."

Tragen wir mit unserem Denken, Reden und Tun, vor allem aber auch mit unserem Gebet zu dieser Hoffnung dort bei, wohin uns Gott gestellt hat!
Der Segen Gottes, die Wegweisung Mariens und die Fürsprache des hl. Martin, unseres Landes- und Diözesanpatrons, begleiten uns dabei!

Ägidius J. Zsifkovics
+ Bischof von Eisenstadt

Dienstag, 4. September 2012

Arbeiterwallfahrt 2012 - Hl. Messe in der Stadtpfarrkirche St. Egid, Klagenfurt

„Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir.“ 
Dieses Wort des Propheten Jesaja, das Jesus im heutigen Evangelium über die Heuchler sagt, möchte ich zum Inhalt unseres gemeinsamen Nachdenkens in dieser Predigt anlässlich der 60. Burgenländischen Arbeiterwallfahrt nehmen.

„Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir.“
Ist dieses Wort des Propheten aus uralter Zeit nicht auch in unseren modernen Tagen genauso aktuell und von Bedeutung? Ein Blick in unsere sogenannte christliche Gesellschaft zeigt deutlich wie Reden und Tun oft auseinandergehen. Dabei brauchen wir nicht nur in die Politik und auf die Politiker zu schauen, sondern es genügt, wenn wir uns als Christen selber bei der Nase nehmen, in unser Leben schauen. Wir werden feststellen wie oft wir Gott mit den Lippen ehren, wie weit aber unser Herz von ihm weg ist. Unser Reden und Tun klaffen auseinander. So werden wir vor der Welt unglaubwürdig und unser Christentum wird schal, zeigt keine Wirkung mehr, ist abstoßend.

Wir sind getauft und gefirmt - welche Wirkung hat das in unserem Leben?
Eltern versprechen bei der Taufe ihre Kinder im christl. Glauben zu erziehen – die Realität zeigt oft, dass die Eltern selber ihren Glauben kaum kennen und praktizieren. Was sollen sie dann ihren Kindern vorleben und weitergeben? Für Christen sollte das tägl. Gebet, der Sonntagsgottesdienst, der Empfang der Sakramente, vor allem des Bußsakramentes, die Solidarität mit dem Nächsten selbstverständlich sein – ehrlich gesagt: wird das nicht oft als konservativ und nicht mehr zeitgemäß hingestellt? Aber das sind die Säulen unseres Glaubens! Christen sollten in der Welt erkennbar sein an dem, wie sie einander lieben, helfen, miteinander teilen, für den Schutz des Lebens, Wahrheit u. Gerechtigkeit eintreten, einander verzeihen und sich versöhnen – Lüge, Verleumdung, Neid, Gier, Hass und Streit bestimmen unseren Alltag oft mehr als die anderen Dinge!

„Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz ist aber weit weg von mir.“
Wessen Herz auf Gott ausgerichtet ist, der wird ihn jeden Tag im Gebet suchen; der kann am Sonntag nicht nur schlafen, gut essen und Ausflüge machen, dem ist der regelmäßige Kontakt mit Gott in der sonntäglichen Eucharistiefeier und mit der Pfarrgemeinde ein Bedürfnis, lebensnotwendig; der wird seinen Alltag in Familie und Beruf nach christlichen Werten gestalten; der wird bemüht sein, seinen Kindern ein glaubwürdiges Christentum vorzuleben, sie in den Glauben einführen, sich nicht damit begnügen, dass sie getauft sind, die Erstkommunion und Firmung empfangen haben und damit ist dann alles vorbei. Wohin eine sol-che Haltung führt, erleben wir in unseren Pfarren schmerzlich: Kinder, Jugendl. und Erwachsene haben mehr keinen Kontakt zur Kirche. Der Sinn des Lebens wird anderswo gesucht: in Alkohol, Drogen, Konsum, Wellness. Die Folgen sind verheerend: ein Leben ohne Werte, Verwahrlosung, Orientierungslosigkeit! 

„Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber sein Herz ist weit weg von mir.“
Jesus lädt uns im heutigen Evangelium ein, nicht einfach dem nachzulaufen, was alle Menschen tun, sondern bemüht zu sein, den je eigenen Weg zu finden. Jesus lädt uns ein, nicht die Überlieferungen der Menschen, sondern die Zunei-gung Gottes zur Grundlage unseres Lebens zu machen. Vielen kommt es nur auf die Fassade, auf das Äußere an. Das Leben ist aber mehr als Fassade, mehr als äußere Pflichterfüllung, mehr als die Befolgung überlieferter Traditionen. Jesus unterscheidet zwischen dem Bekenntnis mit den Lippen und mit dem Her-zen. Jesus kommt es auf das Herz an, weil hinter dem Herzen verbirgt sich die Sehnsucht nach Leben und Heil. Das Evangelium dieses Sonntages stellt uns allen die Frage: Ist mein Christ-sein nur ein leeres Lippenbekenntnis, Fassade, äußeres Tun oder bin ich im All-tag bemüht Christ mit dem Herzen und aus Überzeugung zu sein?

Papst Benedikt XVI. hat in Erinnerung an das Zweite Vatikanische Konzil vor 50 Jahren für die ganze Kirche ein „Jahr des Glaubens“ angekündigt, um die Türen unseres Herzens neu für Gott zu öffnen: dass wir als Christen unseren Glauben neu lernen, feiern und leben – was auch die Intention des Konzils war! Diese 60. Burgenländische Arbeiterwallfahrt ist ein wesentlicher Beitrag dazu! Ich danke Euch für die Treue im Glauben, Euer Mittragen und Mitgestalten in Kirche-Diözese-Dekanat-Pfarre sowie für Euer Engagement in der Gesellschaft, vor allem für Euer Zeugnis als Christen in der Berufs- und Arbeitswelt, den Ein-satz für den freien Sonntag und den Schutz des Lebens-Würde des Menschen! Ich danke allen Verantwortlichen in unserer Diözese für die Vorbereitung und Durchführung der Arbeiterwallfahrt, der Firma Blaguss für den Transport und Euch Pilgern – es waren in den vergangenen 60 Jahren 69.000 - für die jahr-zehntelange Treue und das Mittun, besonders auch für das Solidaritätsopfer, heuer für die Projekte von Franz Grandits in Burkina Faso – Vergelt´s Gott!
Ich bitte Euch als Bischof: lebt in Euren Familien den Glauben, erneuert ihn!

Den bekannten Dreischritt von Kardinal Josef Cardijn, dem Gründer der KAJ und KAB sehen-urteilen-handeln möchte ich den heutigen Lesungen folgend etwas abwandeln in hören-zu Herzen nehmen-handeln! Das ist unser Auftrag! Hören wir auf Gott, nehmen wir uns sein Wort zu Herzen, handeln wir danach und wir werden - wie die 1. Lesung sagt - in den Augen der Völker weise und gebildet sein! Das ist der Weg, „den Glauben zu erneuern.“ Diesen Weg sind uns Heilige wie Hemma von Gurk und Abt Ägidius vorausgegangen. Jetzt sind wir dran es ihnen heute im Alltag des Lebens nachzumachen! Amen.

+ Ägidius J. Zsifkovics 
Bischof von Eisenstadt 

Montag, 9. Juli 2012

Diözesanwallfahrt 2012 - (Pilgermesse in der Basilika von Mariazell, Samstag, 7. Juli, 18.00 Uhr)

Liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst! Lieber Superior P. Karl! Liebe Ordensleute!
Liebe Diözesanfamilie - Pilgerinnen und Pilger! Schwestern und Brüder im Glauben!

Wir sind angekommen am Ziel unserer Pilgerfahrt - und sind doch zu Hause! Blicken wir uns um! Hier in dieser Basilika ist ein Stück Pannonien-Burgenland. Blicken wir auf den ersten Gnadenaltar, oder auf das Bild über der Sakristei mit dem knienden Fürstenpaar Eszterhazy, oder auf die vielen anderen vom pannonischen Fürstenhaus zur Erbauung gestifteten Kunstwerke - dann werden wir erkennen, dass ein Hauch pannonisch-burgenländischer Heimat diese Basilika durchweht. Ich hoffe, P. Karl wird mir diese Feststellung nicht als Besitzaneignung auslegen.

Tatsache ist: Heuer sind es 320 Jahre seit Fürst Paul Esterházy als Dank nach den Türkenkriegen eine letzte große pannonische Wallfahrt nach Mariazell geführt hat. Und seit damals ist der Strom der Menschen aus unserer Heimat hierher nie abgerissen. Unzählige haben sich auf den Weg gemacht, um sich an diesem Ort der Gnade mit ihren Anliegen und Sorgen unter den mütterlichen Schutz Mariens zu stellen. Überlebende zweier Weltkriege pilgerten nach Mariazell, um für ihre Rückkehr aus den Schützengräben und Vernichtungslagern zu danken; ungarische Pilger beteten am Grab Kardinal Mindszentys für die Überwindung des Kommunismus; die Kroaten kommen seit Jahrhunderten nach Mariazell; und auch die Roma pilgern in den vergangenen Jahren vermehrt hierher - in Mariazell verdichten sich bis heute die Heilsgeschichten Einzelner mit der Heilsgeschichte ganzer Völker.

Es entspricht aber auch einer guten alten burgenländischen Tradition, besondere Abschnitte im Lebensweg mit einer Wallfahrt nach Mariazell zu beginnen. Auch ich stehe als Bischof gemeinsam mit der Diözese Eisenstadt am Beginn eines Weges - eines Weges, den ich mit Euch allen als Christ und Euer Bruder und den ich für Euch alle als Euer Hirte gehen möchte. So wie ich es bei meiner Bischofsweihe versprochen habe. Mein Bischofsstab ist auch ein Pilgerstab wie der Eure, mit dem Ihr heute hierher gekommen seid. Den Hirtenstab braucht der Bischof, um der Herde voranzugehen und sie zu leiten; um sie zu schützen und zu verteidigen; und manchmal braucht der Bischof seinen Stab auch, um sich darauf abzustützen, wenn der Weg ihm so manches abverlangt.

Und so bitte ich Euch als Mitchrist und als Euer Bruder und Hirte, neben all Euren persönlichen Anliegen auch dieses eine vor die Mutter Gottes hinzulegen: Dass es uns gelingen möge, die neue Wegstrecke, die vor uns liegt, in echter Gemeinsamkeit, mit Freude und im Blick auf Gott und den Nächsten zu gehen - in den Familien, in den Pfarren und Dekanaten, in unserer ganzen Diözese!

Wie kann uns dieses christliche Miteinander gelingen? Wie kann uns heute überhaupt das heile, das zur Heiligkeit berufene Leben gelingen? - denn das darf man entgegen allen menschlichen Zerrbildern, die uns die Medien im Dauerbeschuss als vermeintliche Vorbilder präsentieren, sagen, mit lauter und kräftiger Stimme muss man es sagen, dass es das wirklich gibt: Ein gelungenes Leben! Ein menschliches Leben, das im Glauben an Gott, den Schöpfer, verwurzelt ist und mit Jesus Christus den Weg der Liebe geht. Eine menschliche Existenz, die auf Gott, der die Menschen liebt, ihr Vertrauen setzt und den Weg zu einem glücklichen und erfüllten Leben findet.

Doch  wie  soll  es  aussehen,  das  Leben  des  getauften  und gefirmten Christen, in der konkreten, unendlich komplizierten und verwirrenden Welt von heute?

Ich erinnerte eingangs daran, dass dieser heilige Ort hier allen Burgenländern ein Stück Heimat ist. Aber in den ganz großen, in den letzten Sinnzusammenhang gestellt, ist er noch viel mehr, dieser Ort mit der hier verehrten Muttergottes: Sie ist uns und allen  Menschen  der  Wegweiser,  der  uns  zeigt,  was  in unserem Leben wesentlich ist, was in unserem Leben bleiben muss, damit wir zu unserem Heil finden. Und sie fasst es zusammen in dem einen einfachen Satz, den wir heute im Evangelium gehört haben und zu dem es keinen Doktortitel in Theologie braucht, um ihn zu verstehen: "Was Er euch sagt, das tut!"

"Was Er euch sagt, das tut!" - in diesem Satz zeigt sich uns die ganze Maria in ihrer großartigen Einfachheit als Glaubende und als Liebende:

- Wir erkennen ihre Größe an der Fürsorge, mit der sie in Kana die Not der Brautleute ganz still, ganz diskret wahrnimmt und zu Jesus trägt. Maria spricht immer für uns und nie gegen uns!
Sind unsere Worte und Aktionen immer zur Fürsprache geeignet, oder kritisieren und nörgeln wir lieber, weil es uns eigentlich oft nicht um andere, sondern nur um uns selbst geht? Nehmen wir die Not unserer Mitmenschen überhaupt noch wahr, oder sehen wir nur unsere eigenen Bedürfnisse?

- Wir erkennen Marias Größe aber auch an der Fülle, mit der Gott sich den Menschen zuwendet, wenn man ihm nur Raum lässt. Wenn Gott gibt, dann gibt er in überreicher Fülle, dann enttäuscht er nicht. Maria stellt sich Gottes Wirken ganz zur Verfügung, daher kann er Großes an ihr tun.
Was würde Gott wohl aus uns machen, wenn wir ihn nur ließen und uns nicht immer selbst zu wichtig nehmen würden, wir nicht so berechnend und knausrig wären? Wie soll der unendlich gütige Gott guten Wein in uns füllen, wenn unser eigenes Herz nur einem engen, kleinlichen Krug gleicht?

- Zuletzt erkennen wir Marias Größe an der Freude, mit der sie ihr Leben meistert. Auf einer Grußkarte las ich einmal den schönen Satz: "Die Freude ist der Doktorhut des Glaubens." Maria war so gläubig, dass Gott sie auserwählen konnte, die Mutter des Herrn zu werden. Ihr Glaube hat sie in all ihrem Tun beflügelt und sie sogar die Kreuzesstunde ertragen lassen.
Wie viel Freude und Kraft schenkt uns unser Glaube? Tragen auch wir diesen "Doktorhut" des Glaubens, oder sind wir doch eher "Taferklassler" geblieben? Strahlen wir im Alltag die Freude von Menschen aus, die sich von Gott getragen und geliebt wissen? Tragen wir Christus wirklich "im Herzen", wie es das Motto unserer Wallfahrt nahelegt? Oder geben wir für unsere Jugend eher das Bild von Nörglern und Miesmachern ab, so dass sie an unserem Glauben und Christsein nur wenig Freude erleben?

Liebe Schwestern und Brüder! Unser Glaube braucht immer wieder ein Update! Er muss geübt werden, um bestehen zu können! Er braucht immer wieder ein "Service", würde man bei einem Auto sagen. Nun ist der Glaube zwar kein Auto, aber er ist doch das, was uns ans Ziel unseres Daseins bringt. Er ist das Navigationssystem, ohne das wir uns, wie der Heilige Augustinus sagt, nur im Kreis drehen würden. Papst Benedikt XVI. hat uns daher ein Jahr des Glaubens geschenkt, um unser Leben wieder neu am Evangelium als lebensrelevanter Größe auszurichten.

Ich bitte Euch daher:
- Vergesst im Trubel und in den Ablenkungen des Alltags nicht das Gebet, den "vertraulichen Umgang mit Gott", wie der hl. Alfons es nannte. Wie oft erleben Euch Eure Kinder zu Hause noch beim Beten? Ich bitte Euch: Sorgt dafür, dass der Himmel Euch  und  Euren  Kindern wieder  offen  steht!  Lehrt  sie  zu beten und betet mit ihnen!

Ich bitte Euch:
- Bedenkt den heilbringenden Wert des Sonntags mit der Heiligen Messe und der Sakramente, durch die Christus mitten unter uns ist!

Und ich bitte Euch:
- Bedenkt vor allem, dass Christus uns immer im Nächsten begegnet! Euer Reden und Tun, Eure Haltung als Mensch, ja Euer ganzes Leben muss zeigen, das Euch das Evangelium etwas bedeutet! Gerade als Martinsdiözese haben wir den Auftrag und die Verpflichtung dazu! Daher bitte ich Euch - und zwar jeden Einzelnen unter euch -, von Mariazell nicht wegzugehen, ohne sich ein konkretes Werk der Nächstenliebe vorzunehmen! Seid Stifter wie die Eszterhazys! Dazu müsst ihr keine Altäre oder marmornen Statuen stiften, sondern es genügt, wenn ihr zu Hause bei Euch, in der Familie, in der Pfarre und in der Diözese Frieden und Freude stiftet! Wenn ihr dem Nachbarn, der Euch Böses getan hat, die Hand reicht! Wenn ihr Euch selbst für ein böses Wort entschuldigt! Wenn ihr Eure Kinder wieder öfter bei der Hand nehmt, sie segnet oder mit ihnen ein Gebet sprecht!

Wenn ihr das Geldtaschl aufmacht und dem etwas gebt, der nichts hat! Wenn ihr ein Opfer bringt!
Auch ich habe mir für mich eine solche "Stiftung" vorgenommen. Etwas, das mir als fehlerhaftem Menschen zwar schwerfallen wird, von dem ich aber weiß, dass es die christliche Nächstenliebe von mir verlangt. Macht auch Ihr es so!

Papst Benedikt XI. schließt seine Enzyklika "Gott ist Liebe" mit folgendem Gebet, das ich heute auch zu unserem Gebet als Pilger machen möchte:

Heilige Maria, Mutter Gottes
du hast der Welt
das wahre Licht geschenkt,
Jesus, deinen Sohn - Gottes Sohn. Zeige uns Jesus.
Führe uns zu ihm.
Lehre uns ihn kennen und ihn lieben, damit auch wir selbst
wahrhaft Liebende werden können inmitten einer dürstenden Welt.

Liebe Pilgerinnen und Pilger!
Möge diese Diözesanwallfahrt ein Impuls sein, unseren persönlichen Lebensweg, aber auch den Weg unserer ganzen Diözese wieder neu an Christus auszurichten! Machen wir uns mit Christus im Herzen wie Maria auf den Weg, vom steirischen Bergland zurück in unsere pannonische burgenländische Heimat! Die Mutter von Zell und der hl. Martin, unser Landes- und Diözesanpatron, sind uns dabei Wegweiser, Helfer und Fürsprecher.


+ Ägidius J. Zsifkovics
Bischof von Eisenstadt

Freitag, 29. Juni 2012

Predigt zum Silbernen Priesterjubiläum von Bischof Ägidius Zsifkovics, 28. Juni 2012

Exzellenz, hochwürdigster Herr Bischof, lieber Jubilar und liebe Jubilare, liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe geistliche Schwestern, liebe zukünftige Priester und zukünftige geistliche Schwestern, liebe Jugendliche, liebe Brüder und Schwestern! 

1. PRIESTERMANGEL 

Wir feiern heute das 25-jährige Priesterjubiläum des jüngsten Bischofs von Österreich, der am 29. Juni 1987 hier im Martinsdom durch Bischof Stefan Laszlo die Priesterweihe empfing. Wir ehren zugleich die anderen Priesterjubilare und Priester. Und legen zugleich mit unserer Freude dem Herrn und Gott unsere Sorgen hin, Sorgen, die den bischöflichen Jubilar bedrücken und uns alle bedrücken sollten: Es ist ein trauriger Moment, dass heuer in der Diözese Eisenstadt keine einzige Priesterweihe stattfindet.
Darum wolltest Du, lieber Herr Bischof, dass heute nicht nur gefeiert wird, sondern vor allem gebetet wird. Und vielleicht hast Du mich als Rektor der Hochschule Heiligenkreuz, wo von den 200

Studenten über 120 auf dem Weg zum Priestertum sind, deshalb eingeladen, damit ich euch Mut mache. Denn - Hand aufs Herz - auch viele sogenannte gute Katholiken haben heute ja kein wirkliches Verständnis mehr für das Wesen des katholischen Priestertums. Ja, bei Euch im Burgenland, da gilt der Pfarrer noch was. Bei Euch sitzt man nach einer Hochzeit neben Braut und Bräutigam beim Hochzeitsessen, bei uns im Wiener Raum wird man, falls man überhaupt eingeladen wird, meist zu den alten Omas gesetzt, weil man wohl denkt, dass die noch am ehesten mit einem Priester was anfangen können.

Und so wie es heute nicht mehr selbstverständlich ist, dass jedes Dorf eine eigene Post, ein eigenes Gasthaus, ein eigenes Geschäft mehr hat - deshalb setzt man sich ja dann auch gerne ins Auto und fährt ein paar Kilometer zum Hofer in der Nachbarstadt - so ist es auch nicht mehr selbstverständlich, dass jede Pfarre einen Pfarrer hat. - Der Priestermangel bedrückt die Gläubigen, - doch ebenso bedrückt uns Priester immer mehr der Gläubigenmangel. Ich erinnere mich noch, wie am Anfang der 8 Jahre, wo ich Landpfarrer in Sulz im Wienerwald war, gerade mal 30 Leute am Sonntag in der Kirche waren. Man jammert über den Priestermangel und sagt dann schnell: „Lasst‘s es doch heiraten!“ Jesus sagt etwas anderes, er sagt: „Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter: Bittet den Herrn der Ernte dass er Arbeiter für seine Ernte sende.“ (Mt 9,37f.)

Also was ist eigentlich ein katholischer Priester? Wo kommt das Priestertum eigentlich her?

2. DAS WUNDER DER BERUFUNG 

Heuer hatte ich ein Erlebnis, das mich sehr tief getroffen hat. Ich war das erste Mal in Israel, im Heiligen Land. Jahrzehnte unterrichte ich schon Theologie, predige über die Bibel und lege die Evangelien aus. Nach einem anstrengenden Flug kamen wir um 2 Uhr früh in tiefschwarzer Nacht in Tiberias, am See von Galiläa an. Todmüde fiel ich ins Bett. Um 6 Uhr weckte mich die Sonne, ich öffnete das Fenster und trat auf den Balkon. Und dann sind mir die Tränen der Rührung gekommen: Unter mir lag der See von Tiberias, das Galiläische Meer, über  dem  gerade  die  Sonne  aufging.  Mir  kam  nur  der  eine  Gedanke:  Hier  hat  alles angefangen, hier liegt der letzte Grund meines Lebens als Priester.

Lieber bischöflicher Jubilar, liebe Mitbrüder! Wir sind deshalb Priester, wir leben deshalb eine extreme Lebensform gegen jeglichen Zeitgeist und Trend, weil am Ufer des Sees von Galiläa vor 2000 Jahren ein Mann namens Jesus auf ein paar Fischer zugetreten ist und zu ihnen gesagt hat: „Folge mir nach!“

Wir feiern ab Oktober das Jahr des Glaubens, weil wir wieder wissen müssen, was wir eigentlich glauben. Glaube ist nicht frommes Gefühl oder blinder Aberglaube. Unser christlicher Glaube gründet in der Realität, in der Wirklichkeit. Vor 2000 Jahren hat hier auf Erden einer gelebt, - und keine Religion wagt es auch nur annähernd etwas so Unfassliches zu bekennen -, der Gottes Sohn war. In Jesus Christus ist Gott uns nahe gekommen: „Gott von Gott, Licht vom Licht, eines Wesens mit dem Vater“. Wenn man mit Karl Rahner eine Kurzformel des christlichen Glaubens finden wollte, dann bitte die, dass Gott uns Menschen nahegekommen ist. Anders gesagt: Ich bin als Mensch nicht in diesem unfasslich großen Weltall ausgesetzt wie eine Gelse in einem der vielen Gelsenschwärme von   den Seefestspielen in Mörbisch! Nein! Ich als kleiner sterblicher Mensch, der es auf diesem Planeten Erde gerade mal auf 70, 80, 90 Umkreisungen um die Sonne bringen wird, bevor ich sterben muss: Ich bin Gott etwas wert! Ich bin Gott etwas wert, er liebt mich. Ich bin es ihm wert, dass er einer von uns geworden ist, dass er mich zur Liebe anleitet, und dass er aus Liebe zu mir sogar am Kreuz für mich gestorben ist und mir eine Tür in sein ewiges Leben eröffnet.

Der See von Galiläa! Ja, dort hat es begonnen. Jesus stand einst am Seeufer, alle vier Evangelien berichten es, mehrfach, verschieden, absolut echt nachzuvollziehen. Ein Fischereiunternehmer namens Simon, dem Jesus dann einmal den Spitznamen Petrus geben wird, sein Bruder Andreas; dann einige der Angestellten, das Brüderpaar Johannes und Jakobus; und im Laufe seines Wirkens wird Jesus sich andere holen, er wird sie berufen! Und sie werden alles liegen und stehen lassen: „Hier bin ich. Ich bin bereit!“

3. GOTT RUFT VERSCHIEDENE AUF VERSCHIEDENE WEISE

Liebe Brüder und Schwestern! Priester gibt es, weil wir einen Gott haben, der uns mit menschlichen Worten ansprechen, mit menschlichen Gesten heilen, mit menschlichem Herzen lieben wollte - wie es das 2. Vatikanische Konzil sagt. Jeder Priester erlebt in seinem Leben so etwas wie einen Gottesbeweis.

Du, lieber Herr Bischof, wolltest auch nicht immer Priester werden, nein, zuerst wolltest Du Polizist werden. Aber zugleich hat es Dich auch von Kindesbeinen an, auch durch das Ministrieren und durch das Gebet Deiner Eltern und Großeltern und ihr christliches Vorbild, hingezogen zum Priestertum. Besonders die Oma in Stinaz hat das früh erkannt, aber auch die Mutter hat mitgemacht, als der kleine Ägidius plötzlich angefangen hast, Messe zu spielen: Die Mutter hat so was wie eine Kasel genäht, die Cousinen mußten Dir ministrieren …

Berufungen sind aber immer ganz verschieden. Über jeden unserer vielen Priesterstudenten und unserer jungen Mitbrüder in Heiligenkreuz könnte ich einen Roman schreiben: Ich habe Mitbrüder, die bei Ihrem ersten Besuch in Heiligenkreuz noch Protestanten waren; ich habe Mitbrüder, die bei ihrem ersten Besuch im Kloster mit ihrer Freundin gekommen waren; bei uns studiert ein ehemaliger protestantischer Pastor, der verwitwet ist; und es gibt aber auch wieder die ganz jungen Berufungen; - auch solche, wo einer schon im Kindergarten wußte, dass er mal Priester wird und das durch Pubertät und jugendliche Verliebtheiten durchgetragen hat.

Es ist ja kein Zufall, dass die Kirche den Petrus und den Paulus immer zusammen an einem Fest feiert. Der eine gehört zu den Erstberufenen, der andere ist zunächst Christenhasser; der eine ist Fischer, der andere ein gelehrter Rabbiner; der eine lässt gleich alles liegen und stehen und läuft Jesus nach, der andere muss erst vom hohen Ross stürzen und blind werden, damit ihm die Augen aufgehen…

Gott ruft auch heute auf verschiedene Weise Menschen, die dann auch wieder von ihrer Persönlichkeit her sehr verschieden sind, in seinen Dienst. Bei einer Priesterweihe ist es ja so, dass der Bischof die Weihe durch Handauflegung und Gebet spendet. Zugleich legen aber auch alle anderen Priester die Hände der Reihe nach auf. Im Stephansdom bei der Priesterweihe vor 2 Wochen hat es der Zufall so gefügt, dass ich so zu stehen kam, dass ich die lange Reihe der Priester beobachten konnte. Die Zeremonie dauerte endlos, über 30 Minuten: 240 Priester. Und da kamen sie, meine priesterlichen Mitbrüder. Bei uns gibt es alles, was es in der Gesellschaft auch gibt: jung und alt, verträumt und energiegeladen, schusselig und effizient, fromm und energisch, innig und oberflächlich, ein bisserl eitel und ein bisserl zu ängstlich… Und wie ich beim Beobachten so ins Sinnieren gekommen bin über unsere Buntheit und Verschiedenheit, neigte sich ein befreundeter Priester zu mir herüber und sagte ganz liebevoll - als hätte er meine Gedanken gelesen -: „Der Herrgott hat einen großen Tiergarten.“

Ja, der Herrgott hat einen großen Tiergarten. Und jetzt hat es der liebe Gott auch noch gefügt, dass Du lieber Ägidius jetzt Bischof bist. Bischof kommt vom griechischen „Episkopos“, also „Aufseher“. Exzellenz, lieber Herr Bischof, ich möchte Dich als kleiner Mönch um eines

Bitten: liebe vor allem Deine Priester. Du warst selber in den verschiedensten Funktionen, vom Seminaristen zum Bischofssekretär, vom Pfarrer zum Organisator von Megaereignissen, vom Generalsekretär der Bischofskonferenz, - Du weißt, wie man in alle diesen Funktionen einen Vater braucht. Der heilige Benedikt, nach dessen Regel wir Zisterzienser auch leben, gibt dem Abt vor 1.500 Jahren den klugen Ratschlag: Er soll immer bedenken, dass er vor Gott nicht die Herrschaft (Tyrannei steht sogar im lateinischen Text) über gesunde Seelen, sondern die „cura animarum infirmarum“, die heilende Sorge für wunde Seelen übernommen hat. Ich möchte es Dir nochmals mit anderen Worten sagen: Wir Priester brauchen Bischöfe, die uns zwar klar leiten, die aber auch zu uns stehen. Dann können auch wir leichter zu ihnen stehen.

4. WIR BRAUCHEN FREUDE

Und um noch etwas bitte ich Dich. Als ich noch Landpfarrer war, kam ein junges Paar in den Pfarrhof. „Herr Pfarrer, wir wollen heiraten!“ „Wunderbar, das ist aber schön, da freue ich mich aber!“ antwortete ich. Darauf hin schauten sich die beiden an und sind in Tränen ausgebrochen. „Was ist denn los?“, fragte ich erschrocken. „Herr Pfarrer, Sie sind der erste, der sich darüber freut. Alle unsere Freunde und sogar unsere Eltern haben nur gefragt, ob wir deppert sind, dass wir jetzt schon heiraten.“ - Und ist es nicht genauso beim Priesterwerden? Du als Bischof, wir als Priester, ja wir alle, müssen uns wieder wirklich und aufrichtig und von Herzen freuen, dass es das Priestertum gibt und wenn sich jemand entscheidet Priester zu werden. Vor kurzem hatte unsere Hochschule eine Evaluierung durch 3 Professoren. Einer unserer Studenten gab bei der Befragung, warum er denn hier studiere, zu Protokoll: Weil man sich hier freut, wenn einer Priester wird. Er erzählte, dass er schon anderswo vorstellig geworden war. Und das erste, was der Ausbildungsverantwortliche dort getan hat, als er vom Priesterwunsch hörte, war, dass er den jungen Mann zum Psychiater geschickt hat.

Natürlich! Wir müssen uns gut anschauen, ob jemand wirklich geeignet ist. Aber bitte nicht so. Und da möchte ich Euch, liebe Gläubige, auch gleich ein paar Tips geben, wie ihr was Konkretes für geistliche Berufungen tun könnt. Zum Beispiel: Hört auf, dauernd über Eure Pfarrer zu schimpfen! Es gibt keine perfekten Priester, genausowenig wie es perfekte Ehefrauen und Ehemänner gibt. Wenn Kinder und Jugendliche mitbekommen, wie immer nur über den Pfarrer genörgelt, getratscht und geraunzt wird, wie sollen die denn dann eine Freude am Priesterberuf bekommen? Klar haben Priester Fehler. Die beste sakramententheologische Lektion meines Lebens habe ich schon mit 9 Jahren gelernt. Als Ministrant war ich damals frech und goschert in der Sakristei, sodass meinem Pfarrer die Hand ausgekommen ist. Nach der Watschen war ich zu Tode beleidigt und lief nach Hause.
„Ich gehe nie wieder in die Kirche!“ Doch von meinen Eltern, von Mama und Papa, von der Oma, kam wie aus einem Munde nur immer der eine Satz: „Du gehst nicht wegen dem Pfarrer in die Kirche, sondern wegen dem lieben Gott!“

Ihr dürfte uns Priester ruhig kritisieren, bitte dann sagts uns das offen ins Angesicht. Ob wir immer fähig sind, uns zu ändern, kann ich nicht versprechen. Aber bitte bei aller berechtigter Kritik an unserer menschlichen Begrenztheit: schätzt in uns schwachen Menschen auch das, was der starke und allmächtige Gott durch unser Priestersein für euch wirken möchte. Unser priesterlicher Dienst ist mehr als unser schwaches und fehlerhaftes Menschsein. Wir sind ja hineingeweiht worden in die Gestalt des Hohenpriesters Jesus Christus.

5. BETEN WIR!

Liebe Leute! Wir brauchen Priester. Und darum müssen wir alles tun, damit junge Menschen diesen Ruf hören und Mut haben, ihn anzunehmen. Liebe jungen Leute! Ich finde: Jeder junge Mann sollte mal darüber nachgedacht haben, Priester zu werden. Freilich ist es heute beim Priesterwerden so wie auch beim Heiraten: man braucht viel länger, um eine Entscheidung zu treffen. Beim Heiraten hieß es früher: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet!“ Heute heißt es ja: „Drum prüfe ewig, wer sich bindet…“

Bitte beten wir, dass der Ruf Jesu gehört wird. Beten wir Novenen, halten wir eucharistische Anbetung, halten wir den Priesterdonnerstag, beten wir den Rosenkranz! Denn Maria ist die Mutter der Priester.
Exzellenz, lieber Ägidius! Du weißt ganz genau, dass Deine Berufung zum Priestertum geboren worden ist aus dem Gebet Deiner Mutter, Deines Vaters, aus den Opfern Deiner Großmütter, Deiner Tanten und Verwandten, aus dem Vorbild, das Pfarrer Stubitz gegeben hat, aus dem Wirken Deiner Lehrer im Kleinen Seminar in Mattersburg. Lassen wir von heute an einen Wind des Gebetes durch die Diözese unseres Jubilars fegen, einen Pfingststurm wie damals vor 2000 Jahren, als die Kirche aus Feuerzungen geboren wurde und die Apostel begeistert in die Welt hinauszogen! Freuen wir uns, dass es Priester gibt. Bitten wir die Gottesmutter, dass sie treu und heilig sind. Stehen wir ihnen zur Seite, wenn sie in Schwierigkeiten sind.

Herr wir danken Dir, dass Du selbst uns durch schwache Menschen heiligen, dienen und leiten willst, die in Dein ewiges Hohepriestertum hineingeweiht sind. Wir danken Dir für jeden einzelnen Priester unserer Diözese Eisenstadt, der die Gnade der Berufung angenommen hat und sich jetzt redlich in seinem Dienst bemüht. Wir danken Dir besonders für unseren Bischof und Priesterjubilar, für den wir heute auch besonders beten. Herr Jesus Christus, mit unserem Bischof zusammen wollen wir tun, was Du uns sagst und Dich intensiv um Arbeiter für die große Ernte bitten: Rufe auch heute junge Menschen in Deine Nachfolge und Deinen Dienst! Setze Deinen Wundern keine Grenzen, wie einst bei Petrus und Paulus. Und hilf uns, die wir schon Priester sind, dass wir trotz unserer menschlichen Armseligkeit täglich  das zu leben  versuchen, was  wir  bei unserer  Priesterweihe versprochen haben:  "Hier bin ich! Mit Gottes  Hilfe bin ich bereit." Amen.

P. Dr. Karl Wallner OCist

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