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Nachrichten - Bischof Ägidius J. Zsifkovics

Nachrichten und Predigten

© Diözese Eisenstadt/Gerald Gossmann

Freitag, 11. November 2011

Kanzelwort zum Martinsfest 2011

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Vor genau 90 Jahren ist unsere Heimat Burgenland zu Österreich gekommen. Und bereits damals hat der Burgenländische Landtag beschlossen, diesem jüngsten „Kind von Österreich“ den heiligen Martin von Tours als Landespatron zu geben.  So ist das Fest unseres Landes- und Diözesanpatrons eine Einladung, innezuhalten und erneut auf diesen großen Menschen, Christen und Hirten zu schauen.

Martinus, vor mehr als 1600 Jahren verstorben, bleibt auch im 21. Jahrhundert eine faszinierende, höchst aktuelle Persönlichkeit, deren Wesen den herausfordert, der sich ihr ernsthaft nähert. Dabei sind es zwei Aspekte, die  dieser Gestalt heute besondere Aktualität verleihen.

Zum einen: Martin war ein echter Europäer. Im heutigen Ungarn geboren, verbrachte er seine Jugend in Italien, diente als römischer Soldat in Frankreich, war später in Deutschland stationiert, bevor er nach Pannonien zurückkehrte und über Italien erneut nach Frankreich kam, wo er als Bischof von Tours starb. Ein Mann also, der Grenzen überwand und die Vielfalt an Sprachen und Kulturen, Sitten und Traditionen kennen- und auch schätzen lernte.

Der andere Aspekt: Martin lebte an einer Zeitenwende. Die Antike ging zu Ende, das Römische Weltreich zerbrach, unter dem wogenden Ansturm wandernder Völker begann eine neue Zeit. In dieser Welt des Umbruchs und der sich verschiebenden Grenzen, ja man darf sagen: in einer gänzlich aus den Fugen geratenen Welt versuchte Martin das Christentum zur Grundlage des Lebens und Handelns zu machen – für sich wie für Andere. Damit strahlt seine Leuchtkraft weit herüber bis in unsere Zeit und vermag den Ausgang aus dem dunklen Labyrinth gesellschaftlicher Orientierungslosigkeit und aktueller Sinnkrisen zu erhellen.

Ein Philosoph des 20. Jahrhunderts hat einmal gesagt, Europa wird auf vollen Lebensmittelreserven und Rohstoffspeichern verhungern, wenn ihm der Glaube an die Zukunft verloren geht. Mit Zukunft war nicht weniger als Gott gemeint. In der jetzigen Zeit des Umbruchs, der Verunsicherung und neuer Herausforderungen in Kirche und Gesellschaft ist der Blick auf unseren Landes- und Diözesanpatron weit mehr als ein Jubiläumsakt von Patrioten. Weil Gestalt und Tat des Martinus die seelische Erneuerung, den inneren Aufbruch des Einzelnen zeigen, haben sie das Format für eine zivilisatorische Erneuerung! Durch sein immerwährendes Bild teilt Martin noch immer mit uns, gibt er uns drei große, leuchtende Antworten auf die Fragen unserer Zeit und legt dabei seinen Mantel bergend über unseren eigenen Lebens- und Glaubensweg.

Die erste Antwort: Verweigerung gegenüber den Werten der Welt 

Martin war ein entschlossener, zutiefst geistlicher Mensch-Christ-Mönch-Hirte. Obwohl ihn eine große Karriere beim Militär erwartete, erkannte er, dass Gott es ist, der ihn zum Dienst ruft – und er ist diesem Ruf auch entschlossen gefolgt. Im heutigen Worms hat er den Wehrdienst verweigert und – zunächst erfolglos – gebeten, aus dem Heeresdienst ausscheiden zu dürfen. Martinus, Mann der Stille und des Gebetes, war „Verweigerer“ – ein Verweigerer dessen, was seinem Weg hin zu Gott und zur eigenen Mitte zuwiderlief. Wie steht es um unsere Entschlossenheit bei der Verweigerung gegenüber all dem, was uns an der Gottsuche behindert? Wie stark widerstehen wir dem Fegefeuer der Eitelkeiten im gesellschaftlichen, persönlichen, ja selbst religiösen Leben? Geben wir nicht meist äußerer Aktivität und Selbstdarstellung den Vorrang, in der irrigen Meinung, dass nur sie uns zu erfolgreichen Menschen macht? Vernachlässigen wir nicht allzu leicht die innere Einkehr und Stille, Gebet und Gottesdienst? Martin setzte in seinem Leben das Sein vor den Schein und vor das Haben. Das führt direkt zur zweiten Antwort, die sein Bildnis uns gibt:                                                

Sein statt haben!

Martin war ein sozialer Mensch-Christ-Mönch-Hirte. Mit seiner Tat des Mantelteilens mit dem Armen ist er in der ganzen Welt bekannt und unvergesslich geworden. Der Heilige hat nicht lange überlegt, auf Andere verwiesen oder Kommissionen zur Erforschung von Bedürftigkeit eingesetzt, sondern er selbst war solidarisch mit seinem Nächsten, der in Not war. Caritas statt Commissionitis, liebender Pragmatismus statt erstickenden Bürokratismus! Martin hat das Wort Jesu im Evangelium in seinem Leben erfüllt: „Was ihr für den geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Laufen wir in unserem trotz Finanzkrise immer noch gewaltigem Wohlstand und Anspruchsdenken nicht Gefahr, ständig den eigenen Profit und Vorteil zu suchen? Wie gerne teilen wir wirklich – unsere Zeit, unser Geld, Liebe und Verständnis, anstatt in eine Charity-Scheinwelt abzudriften? Dies führt zur dritten Antwort, die uns das Bild unseres Patrons gibt:

Baut echte Brücken!

Martin war ein Friedensstifter und Brückenbauer als Mensch-Christ-Mönch-Hirte. Sein  Biograph und Weggefährte Sulpicius Severus berichtet uns von einer Reise kurz vor Martins Tod in eine Pfarrei, um die dort streitenden Menschen zu versöhnen. Ein Mann dieses Kalibers konnte zum großen Bindeglied zwischen Rom und dem Reich der Franken werden. Dieses sein Bemühen um Einheit ist Verpflichtung auch für uns. Braucht es nicht gerade in der Kirche unserer Tage wieder mehr Brückenbauer und Friedensstifter als Aufrufer zu Spaltung und „Ungehorsam“? Wie wollen wir die Spaltungen der Welt überwinden, wenn es uns nicht einmal gelingt, im eigenen, kleinen Haus für Eintracht zu sorgen? Folgen wir mutig dem Aufruf des seligen Papstes Johannes Paul II. an uns, der bei seinem Pastoralbesuch in unserer Diözese 1988 ermutigt hat, im Blick auf den heiligen Martin „Brückenbauer“ zu sein – nach außen, hin zu unseren Nachbarn im Osten, aber auch nach innen, hin zum unmittelbaren Nachbarn und Nächsten!

Der Blick auf die Geschichte unseres gesegneten Burgenlandes gestattet alle Hoffnung auf ein Gelingen dieses Bauwerkes. In unserer Landeshymne heißt es: „Mein Heimatvolk, mein Heimatland mit Österreich verbunden. Auf dir ruht Gottes Vaterhand, du hast sie oft empfunden.“ Diese Worte waren einst ein klares Bekenntnis zum christlichen Gottes- und Menschenbild, auf dem unser alter Kontinent Europa und unser Heimatland gründen – in Zeiten des Umbruchs, der Unsicherheit und neuer Herausforderungen sollen wir das nicht vergessen, vor allem die junge Generation nicht!

Wie oft haben die Menschen unseres pannonischen Raumes im Laufe der Geschichte erfahren, dass Gottes Vaterhand auf ihnen ruht! Wie sonst hätten sie die Wirren zweier Weltkriege, vor allem die nationalsozialistische Diktatur mit ihrer menschenverachtenden Politik der Unterdrückung, Verfolgung, Vertreibung und Ausrottung vieler unserer Landsleute wegen ihrer Rasse, Sprache oder Religion bestehen können?  Wie sonst den Wiederaufbau und die Modernisierung unseres Landes, das durch den Fleiß seiner Menschen vom Armenhaus zur Vorzeigeregion Österreichs und Europas wurde, in der das harmonische Miteinander aller Volksgruppen, Konfessionen, Sprachen und Kulturen nach dem Motto „das Eigene lieben, das Andere schätzen“ gelebt wird und damit die große Welt im kleinen Burgenland ihre Probe hält?

Gehen wir diesen Weg weiter – es ist der Weg ganz im Sinne des heiligen Martin! Unser Landes- und Diözesanpatron ist uns dabei Wegweiser, Helfer und Fürsprecher! Möge Gottes Vaterhand die Menschen unseres „teuren Burgenlandes“ in eine gesegnete Zukunft geleiten!


+ Ägidius J. Zsifkovics
Bischof von Eisenstadt